In den Jahren der Reichsgründung vollzieht sich in Deutschland eine große Veränderung innerhalb der Länder. Seit 1871 ist das deutsche Reich ein Bundesstaat. Eine dominante Stellung wird von Preußen eingenommen. Der König Preußens wird automatisch deutscher Kaiser. Die Position des Reichskanzlers wird von 1870 bis 1890 von Fürst Otto von Bismarck eingenommen. Er ist für die Innenpolitik zuständig, wird allein vom Kaiser ernannt bzw. nur dieser kann ihn entlassen. Von Bismarck hat den Vorsitz im Bundesrat. Hierin hat jeder Bundesstaat einen weisungsgebundenen Vertreter. Bayern führt den Vorsitz. Jeder Bundesstaat darf nur eine Stimme abgeben. Bundesrat und Bundestag erlassen gemeinsam die Gesetze. Die Wandlung Deutschlands zum Industriestaat ist die Grundlage für die Veränderung der betrieblichen Organisationsformen. In den ersten Jahren nach der Reichsgründung wachsen die Großunternehmen ständig, die Leistungsfähigkeit der Handwerksbetriebe wird immer weiter in den Schatten gestellt. Es findet ein umfassender Strukturwandel statt. Die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich nimmt immer gegensätzlichere Formen an. Die Massenverelendung, der Pauperismus steht in den Ballungszentren dem neuen industriellen Wohlstand der besitzenden Klasse gegenüber. Die Reichsgründung aus vielen kleinen Ländern ist ohne innere Einheit vollzogen worden. Es gibt keine traditionelle Bindung an den Staat. Die Angst vor Revolutionen führt zum Verbot von Versammlungen oder der Bildung von Organisationen, die vielleicht in der Lage gewesen sind bei einigen soziale Probleme sinnvolle Vorschläge zu machen. Stattdessen verschärft sich die soziale Lage der Arbeiterschaft durch zunehmende Verarmung. Veränderte Lebenssituationen führen zur sozialen Frage der Arbeiter. Die Sozialpolitik Deutschlands lässt sich an der Problematik der Lebensumstände von Arbeitern im 19. und 20.Jahrhundert beschreiben. Immer geht es um die Menschen deren Besitz einzig und allein in ihrer Arbeitskraft bestanden hat. Somit werden sie also nicht mit Grundbesitz oder dem Besitz von Produktionsmitten abgesichert.
Inhaltsverzeichnis
1. Die allgemeine Politische Lage in Deutschland des 19. Jahrhunderts
2. Ursachen und Einflüsse der sozialen Frage im 19. Jahrhundert:
3. Gründe für die Entstehung neuer sozialpolitischer Aufgaben
4. Triebkräfte deutscher Sozialpolitik
4.1 Kirchliche Ansätze
4.2 Ansätze von Unternehmerseite
4.3 Sozialreformer an den Hochschulen
4.4 Sozialer Einsatz von Beamten und Parlamentariern
4.5 Neue Wege gehen die Sozialrevolutionäre
5. Die Arbeiterbewegungen
5.1 Übersicht über die soziale Bewegung der Parteien und Vereinigungen
5.2 Strömungen der Arbeiterbewegung
5.3 Gewerkschaftliche Organisationen
6. Die Sozialgesetzgebung
7. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die wesentlichen Triebkräfte der deutschen Sozialpolitik im 19. Jahrhundert und analysiert, wie sich die prekäre Lebenssituation der Arbeiterschaft während der Industrialisierung zur "sozialen Frage" entwickelte und staatliche sowie gesellschaftliche Reformmaßnahmen provozierte.
- Strukturelle Auswirkungen der Industrialisierung auf die Lebenswelt der Arbeiter
- Einfluss kirchlicher und unternehmerischer Ansätze auf die soziale Absicherung
- Rolle von Sozialreformern, Beamten und revolutionären Strömungen
- Entwicklung und politische Strategie der Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften
- Einführung und Intention der Bismarkschen Sozialgesetzgebung
Auszug aus dem Buch
4.2 Ansätze von Unternehmerseite
Es gibt zudem Unternehmer, die sich für die sozialen Probleme der Arbeiter einsetzen. Die meisten haben zumeist das konservative Weltbild vom Besitzer, dem Überlegenen und den Abhängigen, dem Arbeiter, dessen Leben er bis in alle Einzelheiten mitbestimmen darf. Diese Art der Bevormundung herrschte schließlich seit Jahrhunderten zwischen Herr und Knecht. König und Untertan waren als selbstverständlich empfunden worden. An der Spitze dieser Bestrebungen steht Alfred Krupp (1812 – 1887), der das Gussstahlwerk seines Vaters zu einem der größten europäischen Unternehmen entwickelt, mit den modernsten Einrichtungen ausstattet und die Rohstoffgrundlage dadurch sichert, dass er Kohlen- und Erzgruben ankauft. Für seine Werksangehörigen lässt er Familienwohnungen, Küchen und Konsumanstalten bauen, um ihnen das Leben zu erleichtern. Er lehnt es aber konsequent ab, seine Arbeiter an dem Aufbau dieser Institutionen mitwirken zu lassen, um keinerlei selbständige, persönliche oder berufliche Bestrebungen bei ihnen zu wecken.
Soziale Einstellungen wie die von Ernst Abbé (1840-1905), dem Direktor der Carl Zeiß Stiftung in Jena, sind eines der bestehenden Ausnahmen. Er entwickelt Maßnahmen, um die Lage seiner Arbeiter zu verbessern: Er verkürzt die Arbeitszeit auf täglich acht Stunden und gewährt seinen Arbeitern eine Bezahlung der Feiertage und baut Arbeiterwohnungen im Rahmen der betrieblichen Fürsorge. Er setzt sich für Arbeitervertretungen ein, gibt ihnen Anteile am Gewinn. Mit seinen Maßnahmen will er eine freie, selbstbewusste und leistungsfähige Arbeiterschaft in seiner Fabrik haben. Ernst Abbé finanziert als Firmeninhaber alle Leistungen der Betriebskrankenkasse. Robert Bosch (1861-1942) gewährt seinen Arbeitern zum Acht- Stunden- Tag den freien Samstagnachmittag in seiner Fabrik.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die allgemeine Politische Lage in Deutschland des 19. Jahrhunderts: Beschreibt die Reichsgründung und den Wandel Deutschlands zum Industriestaat sowie die damit einhergehende soziale Spaltung.
2. Ursachen und Einflüsse der sozialen Frage im 19. Jahrhundert:: Analysiert die Armut der Landbevölkerung und die Auswirkungen der Gewerbefreiheit auf die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft.
3. Gründe für die Entstehung neuer sozialpolitischer Aufgaben: Erläutert die sozialen Belastungen und Nöte der Industriearbeiter, die den Ruf nach staatlichem Handeln laut werden ließen.
4. Triebkräfte deutscher Sozialpolitik: Detailliert die verschiedenen Akteure von Kirche, Unternehmen, Hochschulen und Politik, die unterschiedliche Lösungsansätze für die soziale Not verfolgten.
5. Die Arbeiterbewegungen: Untersucht die Entstehung von Parteien, die Entwicklung der Arbeiterbewegung und die Bildung gewerkschaftlicher Organisationen.
6. Die Sozialgesetzgebung: Behandelt die Einführung der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung als Reaktion der Regierung auf den gesellschaftlichen Druck.
7. Fazit: Reflektiert die Bismarcks Sozialgesetzgebung als zweckorientierte Strategie zur Erhaltung der Monarchie und zur Bekämpfung sozialdemokratischer Tendenzen.
Schlüsselwörter
Sozialpolitik, 19. Jahrhundert, Industrialisierung, soziale Frage, Arbeiterbewegung, Sozialgesetzgebung, Bismarck, Gewerkschaften, Pauperismus, Kathedersozialisten, Klassenkampf, Unternehmertum, Sozialversicherung, Preußen, Arbeiterklasse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und Entwicklung der deutschen Sozialpolitik im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die durch die Industrialisierung verursachten sozialen Missstände.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind der Strukturwandel durch die Industrialisierung, die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, die vielfältigen Lösungsansätze verschiedener gesellschaftlicher Akteure sowie die Anfänge der Sozialgesetzgebung.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt nach den entscheidenden Triebkräften und Motiven, die dazu führten, dass im 19. Jahrhundert sozialpolitische Aufgaben definiert und durch staatliche sowie private Akteure umgesetzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Autorin nutzt eine historisch-analytische Literaturanalyse, um die verschiedenen sozialen und politischen Entwicklungen anhand zeitgenössischer Quellen und Fachliteratur nachzuzeichnen.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Ursachen der sozialen Frage, die Analyse der unterschiedlichen Triebkräfte der Sozialpolitik (Kirche, Unternehmer, Reformer) sowie die Untersuchung der Arbeiterbewegungen und der schließlich implementierten Sozialgesetze.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren den Text?
Kernbegriffe wie "Soziale Frage", "Industrialisierung", "Bismarck", "Sozialversicherung" und "Arbeiterbewegung" bilden das inhaltliche Rückgrat der Untersuchung.
Welchen Einfluss hatten die sogenannten "Kathedersozialisten" auf die Sozialpolitik?
Die Kathedersozialisten versuchten durch wissenschaftliche Fundierung und maßvolle Reformvorschläge, die Arbeiter in die bürgerliche Gesellschaft zu integrieren und eine revolutionäre Umgestaltung zu verhindern.
Wie bewertet die Autorin Bismarcks Sozialgesetzgebung?
Sie wird als eine pragmatische "Doppelstrategie" interpretiert: Einerseits eine notwendige Reaktion auf soziale Unruhen, andererseits ein politisches Instrument zur Stärkung der Monarchie und zur Schwächung der sozialdemokratischen Bestrebungen.
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- Dipl. Soz.Arb. Sabine Daniels (Author), 2002, Triebkräfte deutscher Sozialpolitik des 19. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78470