Sigmund Freud - Die Zukunft einer Illusion


Seminararbeit, 2005
11 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Sigmund Freud, der das Verfahren der Psychoanalyse entwickelte, wirft in seinem Essay „Die Zukunft einer Illusion“, welches 1927 veröffentlicht wurde, einige bis in unsere gegenwärtige Zeit hinreichende und viel diskutierte Fragen auf: Welchen Stellenwert nimmt die Religion in der Kultur ein, warum besitzt sie eben diesen Wert und woraus nimmt sie ihren Ursprung?

Freud wendet in seinem Lösungsversuch die in der Psychoanalyse erworbenen Verfahren auf die Frage der Religion an und stellt die gewagte These auf, die Religion sei eine Form von Illusion, die er psychologisch zu begründen sucht. Im Folgenden soll Freuds Argumentationsstruktur beleuchtet werden, die ihn zu dieser Annahme führte.

Freud setzt sich bereits am Ende des zweiten Kapitels religionskritisch mit der Sache auseinander, dass das religiöse Gut „vielleicht [das] bedeutsamste Stück des psychischen Inventars einer Kultur“[1] sei, wobei Freud hier die Betonung auf die Form der Möglichkeit legt, um den kritischen Blick des Lesers genau bezüglich dieses Aspektes zu schärfen.

Das darauf folgendene Kapitel drei leitet er mit der Frage des besonderen Wertes der Religion innerhalb der Kultur ein, dabei zeichnet er, um der Antwort dieser Frage näher zu kommen, eine Art fiktives Menschheitsmodell. Der Mensch, so Freud, könne nun innerhalb seines erdachten Modells frei von kulturellen Zwängen seinen Trieben nachkommen und diese somit befriedigen. Gleichzeitig verweist Freud auf die Problematik, dass in dieser Form von Gesellschaft auch das Tötungsverbot zu gelten habe, das aus dem eigenen Interesse der Selbsterhaltung und den Schuldgefühlen, die aus dem Urvatermord[2] resultieren. Der Trieb der Selbsterhaltung bringt den Menschen also zum Zusammenschluss, so dass bereits auch hier eine Form von Kultur zu erstreben sein müsse. Denn der Naturzustand ist nach Freuds Auffassung so schwer zu ertragen, so gefährlich, dass dem Menschen gar nicht die Wahl des Kulturverzichts bliebe, er müsse sich zusammenschließen um den Tücken der Grausamkeit der Natur zu entrinnen.

So lässt sich leicht ableiten, dass die Kultur die Aufgabe hat, das Zusammenleben der Menschen untereinander zu ermöglichen beziehungsweise sie gegen die Natur zu verteidigen, was sie nicht immer vermögen kann.

Der Preis einer solchen Kultur ist Entbehrung und Zwang, wodurch die Unzufriedenheit eines jeden Menschen gegeben ist, die ohnehin von den grausamen Mächten der Natur verstärkt wird. So setzt sich der Mensch zu Wehr, indem er die Natur personifiziert, um sie sich ihm ähnlich zu machen und ihr somit den Schrecken zu nehmen. Durch diese Vermenschlichung macht er die Natur zu einem höherwertigen Wesen, den Göttern. Natur kann so psychologisch bezwingbar gemacht und kontrolliert werden.

An dieser Stelle verweist Freud auf einen ähnlichen Zusammenhang zwischen Kind und Vater; das Kind fühlt sich ebenso der Strenge des Vaters ausgesetzt wie der Mensch der Natur hilflos gegenübersteht und Bedarf gleichzeitig seines beziehungsweise ihres Schutzes. So bilden Schutz/Liebe und Furcht die ambivalente Rolle dieser Vater- und Gottessehnsucht. Freud stellt folglich den Ödipus-Komplex[3] als Ursache der menschlichen Religionsbildung dar.

Auch wenn die Naturwissenschaften den Zauber der Natur im erheblichen Maße rational erklärt haben, sucht der Mensch aus seiner Hilflosigkeit heraus dennoch nach einer Art Vaterfigur, so dass der Grundstein für die Religionsbildung und deren Fortbestand gelegt sein dürfte. Bereits hier zeigt sich die Parallelität zwischen der Vaterfigur und dem monotheistischen[4] Gott, bei dem sich, so Freud, alle Götter zu einem „verdichtet“ haben und der Mensch so ein kindliches Verhältnis zum (allmächtigen) Vater eingeht[5]. Dieser Gott ist stärker denn je, da er alle göttlichen Eigenschaften in sich selbst bindet und dem väterlichen Vorbild entspricht.

Gott übernimmt die Funktion der Versöhnung „mit der Grausamkeit des Schicksals“, für „Leiden und Entbehrungen [durch Arbeitszwang und Triebverzicht in Folge des Kulturzwangs] zu entschädigen“ und letztlich die Natur als Gefahrenquelle abzuwehren[6].

[...]


[1] Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich-Analyse – Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt am Main 1981, S. 94.

[2] Freud erklärt diesen Zusammenhang detailliert im siebenten Kapitel, worauf in dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden soll.

[3] Die unbewusste, verdrängte Neigung des Sohnes, den gleichgeschlechtlichen Elternteil zu beseitigen in Folge der geschlechtlichen Zuneigung zur Mutter.

[4] Der monotheistische Gott als Folge des polytheistischen Götterglaubens, der wiederum auf dem Animismus beruht, auch hierauf soll nicht näher eingegangen werden.

[5] Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich-Analyse – Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt am Main 1981, S. 100.

[6] Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich-Analyse – Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt am Main 1981, S. 98-100.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Sigmund Freud - Die Zukunft einer Illusion
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Freuds Schriften zur Religion und Kultur
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
11
Katalognummer
V78508
ISBN (eBook)
9783638840637
ISBN (Buch)
9783638910170
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschäftigt sich mit Freuds Publikation "Die Zukunft einer Illusion". Sie richtet sich auf die wichtigen Kapitel 3-6 seiner Ausführungen.
Schlagworte
Sigmund, Freud, Zukunft, Illusion, Freuds, Schriften, Religion, Kultur
Arbeit zitieren
Susanne Becker (Autor), 2005, Sigmund Freud - Die Zukunft einer Illusion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78508

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