Seit jeher ist Lernen ein existenzieller Aspekt im Alltagsleben der Menschen. Es soll ihnen helfen, sich die Kenntnisse und Kompetenzen anzueignen, die es ihnen ermöglichen, sich in ihrer Lebens-, Arbeits- und Medienumwelt besser zu orientieren,
selbständiger zu behaupten und verantwortungsbewusster zu positionieren. Im Laufe
der Zeit hat dieser Aspekt mehr und mehr an Priorität gewonnen, da sich die Lernanforderungen zunehmend beschleunigen. Laufende Umstrukturierungen am Arbeitsplatz, immer schneller werdende Veränderungen der Arbeitsrhythmen und -orte sowie fortschreitende Globalisierung und Digitalisierung und ein weltweit
verschärfter Wettbewerb fordern ständig wieder zum Lernen, Umlernen und Weiterlernen auf. Daher wird der Ruf der humanen Bildungspolitik nach einem
Lebenslangem Lernen Aller immer lauter. Zentraler Ansatz dazu ist das Informelle Lernen (IL), welches im Alltagsleben jedes einzelnen individuell stattfindet und alle menschlichen Lernformen einzubeziehen sucht.
Vom Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wird zunehmend Kritik gegenüber dem traditionellen Schulsystem geäußert, welches die Kinder „überfüttert mit Antworten“ (Dohmen 2001) und somit ihrer natürlichen Wissbegierde beraubt ins Alltagsleben entlässt. Das IL soll hier auch dazu dienen, diese junge Neugier in einem natürlichen und privaten Lebens- und Lernumfeld jedes Einzelnen wieder aufleben zu lassen.
Doch so wichtig diese meist unbewusst erworbene Form der Kompetenzentwicklung im Leben der Lernenden auch ist, so schwierig ist auch die Messbarkeit und Bewertbarkeit des IL. Letztendlich stellt sich die Frage, wie man beispielsweise bei beruflichen Bewerbungen oder Qualifikationsanforderungen seine Qualitäten nach außen aufzeigen und vergleichbar machen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DER BEGRIFF DES INFORMELLEN LERNENS
2.1. VERSUCH EINER CHARAKTERISIERUNG – SPEZIELLE MERKMALE DES IL
2.2. ABGRENZUNGEN VERSCHIEDENER BEREICHE DES IL
IL als Erfahrungslernen
IL als implizites Lernen
IL als Alltagslernen
IL als selbstgesteuertes Lernen
IL als kompetenzentwickelndes Lernen
3. DIE VERÄNDERTEN UMWELTANFORDERUNGEN – WARUM WIRD IL IMMER WICHTIGER?
4. KOMPETENZEN ALS EIN ZUSAMMENSPIEL VON INDIVIDUELLER BIOGRAPHIE UND (SELBST-) GESTEUERTEM LERNEN
5. DIE ROLLE VON KOMPETENZEN IN BETRIEB UND AUS- UND WEITERBILDUNG
6. BETRACHTUNG DER SCHULLEISTUNGSMESSUNG UND IHRER ÜBERTRAGBARKEIT AUF DIE BEWERTUNG VON IL
6.1. STANDARDISIERTE SCHULLEISTUNGSMESSUNGEN
6.2. AUFGABENFORMEN FÜR KOGNITIVE LEHRZIELE
6.3. KANN EINE (VERGLEICHENDE) MESSUNG VON SCHULLEISTUNGEN OBJEKTIV, REPRÄSENTATIV UND FAIR SEIN?
6.4. DAS JAPANISCHE MODELL EINER LERNGESELLSCHAFT
Entwicklungsprinzip 1
Entwickungsprinzip 2
Entwicklungsprinzip 3
Entwicklungsprinzip 4
Entwicklungsprinzip 5
Entwicklungsprinzip 6
6.5. FAZIT
7. PERSPEKTIVEN – ANSÄTZE ZUR FÖRDERUNG DER INTEGRATION IL´S
7.1. DIE ROLLE DER MEDIEN
7.2. UMSTRUKTURIERUNGEN IN BESTEHENDEN INSTITUTIONEN
7.3. BEWERTUNGSANSÄTZE DES IL
7.4. SONSTIGE FÖRDERUNGSMAßNAHMEN
7.5. DIE UMSETZUNG VON IDEEN AM BEISPIEL DER BIBLIOTHEK 21 IN STUTTGART
8. SCHLUSSWORT - AKTUELLE BEKANNTGABEN DES BMBF
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Herausforderungen des informellen Lernens als grundlegende Form des Kompetenzerwerbs sowie deren Bewertbarkeit für den beruflichen Bereich. Dabei wird analysiert, wie informelle Lernprozesse erfasst und in bestehende Qualifikationsstrukturen integriert werden können, unter besonderer Berücksichtigung internationaler Ansätze wie dem japanischen Modell der Lerngesellschaft.
- Charakterisierung und Abgrenzung des informellen Lernens
- Veränderte Umweltanforderungen als Treiber für lebenslanges Lernen
- Zusammenspiel von individueller Biographie und selbstgesteuertem Lernen
- Kritische Analyse traditioneller Schulleistungsmessung
- Ansätze zur Förderung und Integration informeller Kompetenzen
Auszug aus dem Buch
2.1. Versuch einer Charakterisierung – spezielle Merkmale des IL
In der englischsprachigen Literatur gibt es allgemein die Unterscheidung zwischen „formal learning“, „non-formal learning“ und „informal learning“.
Formal learning wird dabei als das Lernen angesehen, das im Rahmen eines öffentlichen Bildungssystems stattfindet. Die Lehr-Institutionen planen und organisieren den Inhalt und Ablauf des Lernprozesses und vergeben am Ende Zertifikate für nachweislich erbrachte Leistungen. Das Formale Lernen ist somit zwar gesellschaftlich anerkannt, aber vom alltäglichen Lebenszusammenhang abgeschnitten. Im Bereich des Non-formal learning liegen dagegen alle Formen des Lernens, die sich außerhalb der formalisierten Bildungswelt abspielen und somit auch nicht bewertet werden.
Über den Begriff des informal learning ist man sich dagegen nicht wirklich einig. Die Charakterisierung reicht von „ungeplantem, beiläufigem, impliziten und oft unbewussten Lernen“ bis zur Gleichsetzung mit dem non-formal learning. Das Problem liegt in der Nicht-Abgrenzbarkeit des Begriffes von anderen Lernvorgängen und deren fließenden Übergängen. Wo fängt IL an und wo hört es auf? Das IL beinhaltet eine spezifische Kombination an Ansprüchen aus beiden Bereichen des Lernens (formal und nicht-formal), deren einzelne Komponenten jedoch bei jedem Lerner verschieden gewichtet auftreten, je nach seiner eigenen Biographie und Lebensumwelt. Ein wichtiger Wesenszug des IL ist das „incidental learning“ – beiläufiges Lernen, das sich meist unbewusst und unbeabsichtigt als Nebenprodukt anderer Aktivitäten ergibt. In diesem Zusammenhang sind das Machen von Erfahrungen und Veränderungen von Verhaltensweisen wichtige Äußerungen des IL. Das heißt: IL ist ein Mittel zum Zweck, um sich in den immer schneller wandelnden Strukturen und Anforderungen der Umwelt zurechtzufinden. Im Zuge der Bewusstmachung des IL als Lernprozess wurde der Begriff jedoch offener und facettenreicher und zu einer nie endgültigen, sich ständig entwickelnden Theorie erweitert. So versteht die postmoderne Theorie IL als alles Selbstlernen, das sich in unmittelbaren Lebens- und Erfahrungszusammenhängen außerhalb des institutionellen Bildungswesens bildet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung des lebenslangen Lernens vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Umwelt und stellt das informelle Lernen als wesentlichen Ansatz für eine moderne Bildungspolitik vor.
2. DER BEGRIFF DES INFORMELLEN LERNENS: Dieses Kapitel definiert und charakterisiert informelles Lernen, grenzt es von anderen Lernformen ab und erläutert Facetten wie Erfahrungslernen, implizites Lernen und selbstgesteuertes Lernen.
3. DIE VERÄNDERTEN UMWELTANFORDERUNGEN – WARUM WIRD IL IMMER WICHTIGER?: Hier wird erörtert, warum traditionelle, formale Bildung angesichts fortschreitender Globalisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt zunehmend an Grenzen stößt und informelles Lernen an Bedeutung gewinnt.
4. KOMPETENZEN ALS EIN ZUSAMMENSPIEL VON INDIVIDUELLER BIOGRAPHIE UND (SELBST-) GESTEUERTEM LERNEN: Dieses Kapitel untersucht, wie sich Kompetenzen aus dem Zusammenspiel von persönlichen Erfahrungen, Werten und selbstorganisiertem Lernen entwickeln.
5. DIE ROLLE VON KOMPETENZEN IN BETRIEB UND AUS- UND WEITERBILDUNG: Es wird analysiert, wie wichtig Mitarbeiterqualifikationen als Standortfaktor sind und welche neuen Anforderungen an die betriebliche Aus- und Weiterbildung gestellt werden.
6. BETRACHTUNG DER SCHULLEISTUNGSMESSUNG UND IHRER ÜBERTRAGBARKEIT AUF DIE BEWERTUNG VON IL: Dieses Kapitel hinterfragt kritisch die Gültigkeit traditioneller Messmethoden und präsentiert das japanische Modell einer Lerngesellschaft als konträren Ansatz.
7. PERSPEKTIVEN – ANSÄTZE ZUR FÖRDERUNG DER INTEGRATION IL´S: Hier werden konkrete Maßnahmen zur Förderung des informellen Lernens diskutiert, wie die Nutzung von Medien, Umstrukturierungen in Institutionen und neue Bewertungsmodelle.
8. SCHLUSSWORT - AKTUELLE BEKANNTGABEN DES BMBF: Das Schlusswort resümiert die aktuelle Entwicklung der beruflichen Bildung in Deutschland anhand jüngster Projekte und Ankündigungen des Bundesministeriums.
Schlüsselwörter
Informelles Lernen, Lebenslanges Lernen, Kompetenzentwicklung, Selbstgesteuertes Lernen, Kompetenzbiographie, Schulleistungsmessung, Lerngesellschaft, Weiterbildung, Qualifikation, Berufliche Bildung, Schlüsselkompetenzen, Bildungsstrategie, Wissensgesellschaft, Erfahrungslernen, Implizites Lernen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Bedeutung des informellen Lernens als unverzichtbarer Teil des lebenslangen Lernens und der Frage, wie diese informell erworbenen Kompetenzen erfasst und bewertet werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Charakterisierung informeller Lernprozesse, die kritische Auseinandersetzung mit formalen Bildungssystemen, die Entwicklung von Kompetenzen sowie internationale Ansätze zur Förderung einer Lerngesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beleuchtung von Ansätzen und Methoden zur Bewertbarkeit informellen Lernens, um Wege aufzuzeigen, wie diese Form des Kompetenzerwerbs bei beruflichen Qualifikationsanforderungen sichtbar und vergleichbar gemacht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die Fachliteratur, bildungspolitische Dokumente und internationale Beispiele analysiert und bewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition informellen Lernens, die Analyse veränderter Umweltanforderungen, die Rolle von Kompetenzen im Berufsleben sowie eine kritische Betrachtung der Schulleistungsmessung im Vergleich zu integrativen Ansätzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind informelles Lernen, lebenslanges Lernen, Kompetenzentwicklung, selbstgesteuertes Lernen und die Transformation der beruflichen Bildung.
Welche Rolle spielt das japanische Modell in der Untersuchung?
Das japanische Modell dient als Beispiel für eine Lerngesellschaft, in der informelles Lernen und die Förderung von Neugier tiefer in der kulturellen Auffassung und den Bildungsprinzipien verwurzelt sind als in vielen westlichen Ländern.
Was schlägt der Autor zur Verbesserung der Bewertung von informellem Lernen vor?
Der Autor fordert eine Änderung der Bewertungsmaßstäbe, mehr Spielraum in Bildungsinstitutionen sowie die Entwicklung neuer, anerkannter Forschungsmethoden, die auch Kompetenzen jenseits zertifizierter Bildungswege erfassen können.
- Citation du texte
- Anita Weißflog (Auteur), 2003, Die Unterstützung des Informellen Lernens als eine Grundform des Kompetenzerwerbs und dessen Bewertbarkeit für die Qualifikation im beruflichen Bereich , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78580