Für Jean Paul, der in der Literaturwissenschaft oft als der erste Ästhetiker des Humors angesehen wird und unter dem der deutsche Humor eine Blütezeit erfährt, ist der Ernst die Bedingung des Scherzes.
Lachende sehen oftmals in den Belachten ein Spiegelbild ihrer selbst. Humor zielt nicht auf die Verurteilung eines Individuums, sondern auf allgemein Menschliches. Er kritisiert Hintergründe, für ihn existiert keine individuelle Torheit, sondern nur die allgemeine Torheit und eine verrückte Welt.
Inwieweit dies für Kellers bekanntes Werk "Kleider machen Leute" gilt, soll sich in den folgenden Ausführungen zeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Ansichten und Gedanken zum Begriff des Humors
2. Gottfried Kellers Humor vor dem Hintergrund seiner Biographie
3. Merkmale und Intention des Humors bei Keller in seinem Werk „Kleider machen Leute“
3.1 Das „arme Schneiderlein“ als Ausgangspunkt
3.2 Humoristische Gesellschaftskritik – „Kleider machen Leute“ als Satire?
3.3 Form und Technik des Humors bei Keller
3.3.1 Charakterkomik
3.3.2 Situationskomik
3.3.3 Stilmittel des Humors
4. Kleider machen Leute – Leute machen Kleider: Das Schein- und Sein-Thema der Novelle
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die spezifische Ausprägung und Funktion des Humors in Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“. Dabei wird analysiert, wie Keller Humor als ästhetisches Mittel einsetzt, um gesellschaftliche Missstände zu kritisieren, ohne dabei in verletzende Satire zu verfallen, und wie er damit die Komplexität menschlicher Existenz innerhalb des Spannungsfeldes von Schein und Sein beleuchtet.
- Theoretische Grundlagen und Begriffsbestimmung des Humors
- Biographische Einflüsse auf das humoristische Werk Kellers
- Charakterkomik und Situationskomik im Novellentext
- Stilistische Analyse der humoristischen Erzählweise
- Die Thematisierung des Schein-Sein-Dualismus
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Situationskomik
In „Kleider machen Leute“ hat die Situationskomik einen hohen Stellenwert, die jedoch nicht immer eindeutig von der Charakterkomik abgegrenzt werden kann. Komische Situationen ergeben sich dadurch, dass die Goldacher aufgrund ihres Geltungsdranges, ihrer Torheit und ihres Verlangens nach Abwechslung mit übertriebenem Handeln auf das Erscheinen des „Grafen“ reagieren. In seine erste komische Lage gerät Strapinski, als man ihn im Gasthaus ohne seine Einflussnahme für einen Grafen hält und mit lächerlicher Geschäftigkeit das ganze Haus auf den Kopf stellt. Als der ängstliche Schneider endlich den Mut fasst, den Ausweg aus dem Wirtshaus und somit auch den Ausweg aus seiner unangenehmen Situation zu finden (S. 7, Z. 26ff.), wird er vom Kellner abgefangen, der ihm sogleich den Weg zur Toilette weist. Der Schneider folgt ohne Widerspruch, „sanft wie ein Lämmlein“, lehnt sich bitterlich seufzend an die Wand und wünscht sich, „der goldenen Freiheit der Landstraße wieder teilhaftig zu sein“ (S. 8, Z. 6f.). Die Situation, in der sich Strapinski befindet, ist bei weitem nicht die einzige, die auf einem Missverständnis beruht. Der Schneider „hantiert“ in seiner „Blödigkeit“ schüchtern und zimperlich mit der Gabel an der Forelle herum, woraus die Köchin schließt, dass es sich um einen Herren aus großem Hause handeln muss, da er nicht „mit dem Messer in dem zarten Wesen herum[sägt], wie wenn er ein Kalb schlachten wollte“ (S. 9, Z. 11-16). Der Autor bringt das Problem der Missverständnisse auf den Punkt: Der Schneider „mochte tun oder lassen, was er wollte, alles wurde als ungewöhnlich und nobel ausgelegt und die Ungeschicklichkeit selbst als merkwürdige Unbefangenheit liebenswürdig befunden“ (S. 20, Z. 4-8).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ansichten und Gedanken zum Begriff des Humors: Dieses Kapitel erläutert die etymologischen Wurzeln sowie die philosophische und ästhetische Einordnung des Humorbegriffs von der Antike bis zum 19. Jahrhundert.
2. Gottfried Kellers Humor vor dem Hintergrund seiner Biographie: Hier wird dargelegt, wie Kellers Weltanschauung und biographische Erfahrungen, insbesondere seine Armut und seine Teilnahme an historischen Ereignissen, seinen lebensbejahenden und realistischen Humor formten.
3. Merkmale und Intention des Humors bei Keller in seinem Werk „Kleider machen Leute“: Dieses Kapitel untersucht die erzählerischen Techniken und die gesellschaftskritische Funktion des Humors in der Novelle, wobei insbesondere die Rollen von Schein und Sein, das Schneiderlein als Identifikationsfigur und die verschiedenen Formen der Komik analysiert werden.
4. Kleider machen Leute – Leute machen Kleider: Das Schein- und Sein-Thema der Novelle: Das abschließende Kapitel setzt die Novelle in den Kontext der zeitgenössischen Literatur und verdeutlicht Kellers optimistische Perspektive auf die menschliche Natur im Vergleich zu zeitgenössischen Satirikern wie Wilhelm Busch.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Kleider machen Leute, Realismus, Humor, Schein und Sein, Charakterkomik, Situationskomik, Wenzel Strapinski, Gesellschaftskritik, Satire, Literaturwissenschaft, Novelle, Ironie, Menschenbild, Poetischer Realismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die spezifische Art des Humors in Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ und untersucht, wie dieser zur Charakterisierung und Gesellschaftskritik eingesetzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Unterscheidung zwischen Schein und Sein, die psychologische Tiefe der Figuren sowie die erzählerische Gestaltung durch Humor und Ironie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Keller durch seinen „realistischen Humor“ die Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz darstellt, ohne dabei die Figuren abzuwerten oder moralisch zu verurteilen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textnahen literaturwissenschaftlichen Analyse, die den Novellentext systematisch auf humoristische Stilmittel, Motive und Vergleiche untersucht und diese mit literaturtheoretischen Positionen in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von biographischen Einflüssen, die differenzierte Analyse von Charakter- und Situationskomik sowie die Interpretation von Symbolik und Sprachstil im Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Realismus, Humor, Schein und Sein, Charakterkomik, Situationskomik sowie der Vergleich zwischen literarischen Strömungen des 19. Jahrhunderts.
Wie unterscheidet sich Kellers Humor laut Autor von dem eines Satirikers?
Der Autor betont, dass Kellers Humor verständnisvoll und versöhnlich ist, während Satire oft durch eine verletzende Schärfe und moralische Verurteilung geprägt sei.
Welche Bedeutung hat das „arme Schneiderlein“ für die humoristische Wirkung?
Die Figur des Strapinski wird als sympathischer „Märtyrer seines Mantels“ gezeichnet, dessen Fehler und Naivität durch den Humor des Autors in einen menschlichen Kontext gerückt werden, was beim Leser Verständnis statt Ablehnung erzeugt.
Welche Funktion hat der Zufall in der Struktur der Novelle?
Der Zufall fungiert als struktureller Baustein, durch den Keller die Schwächen der Akteure entlarvt und die Naivität der Goldacher Bevölkerung auf humoristische Weise bloßstellt.
- Arbeit zitieren
- Wolfgang Kulzer (Autor:in), 2001, Humor in Gottfried Kellers "Kleider machen Leute", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78633