Japaner sind hinterhältig, brutal, von Natur aus kriegshungrig und teilen mehr Wesensmerkmale mit Affen als mit Menschen. Dieses Bild vermitteln amerikanische Kriegsfilme, die bis 1945 entstanden – manche mehr, manche weniger deutlich. Der Propagandanutzen ist zumeist unübersehbar. Ein einseitiges und stereotypes Feindbild erfüllt in Kriegszeiten elementare Funktionen, von denen die wohl wichtigste darin besteht, die Tötungshemmung der Soldaten überwinden zu helfen.
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie sich die Darstellung des japanischen Feindes im amerikanischen Kriegsfilm seit den 40er Jahren verändert hat. Um diese Entwicklung aufzuzeigen, werden exemplarisch zehn Filme herangezogen, die in der Darstellung des japanischen Feindes entweder typisch für ihre Zeit sind oder sich in bestimmten Aspekten von ihren Vorgängern respektive Nachfolgern abheben. Mit den 40er und 60er Jahren sowie mit Pazifikkriegsfilmen der Gegenwart sollen drei Zeitebenen betrachtet und kontrastiert werden. Die Filmauswahl erhebt dabei keinen Anspruch auf Repräsentativität, vielmehr sollen Tendenzen in der Charakterisierung der Japaner herausgearbeitet werden. Obwohl die Filme gleichberechtigt nebeneinander stehen, liegt der Schwerpunkt auf den Werken der 40er Jahre, da sie den Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung des Subgenres bilden und auch gegenwärtig Pazifikkriegsfilme im Vergleich mit und in Abgrenzung von ihnen rezipiert werden.
Um die Filme thematisch zuordnen zu können, wird einleitend zunächst auf die japanisch-amerikanischen Beziehungen vor dem Angriff auf Pearl Harbor und die Auswirkungen der Bombardierung eingegangen. Der Abschnitt ist im Gesamtkontext sehr wichtig, da mit diesem Hintergrundwissen der sich vor allem in Filmen der 40er Jahre manifestierende Hass gegen Japan besser eingeordnet werden kann. Auch eine Vorstellung von dem groben Verlauf des Pazifikkrieges hilft, die Filme im historischen Kontext zu verstehen.
Nach dem einleitenden Part gliedert sich die Arbeit entsprechend der zu untersuchenden Zeitebenen in drei Teile, die jeweils drei respektive vier Filme näher betrachten. Dabei soll die jeweilige Darstellung des japanischen Feindes auch im Kontrast zu der Inszenierung amerikanischer Soldaten analysiert werden. Neben dem Aufzeigen von Veränderungen in der Darstellung soll zudem auf zeitgeschichtliche Gründe eingegangen werden, die eine modifizierte Wahrnehmung des japanischen Feindes mit sich brachten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das japanisch-amerikanische Verhältnis
2.1 Japanisch-amerikanischen Beziehungen vor Pearl Harbor
2.2 Auswirkungen des Angriffs auf Pearl Harbor
2.3 Der Verlauf des Pazifikkrieges
3 Darstellung des japanischen Feindes bis 1945
3.1 Air Force (1943)
3.2 Gung Ho! (1943)
3.3 The Purple Heart (1944)
3.4 Objective, Burma! (1945)
4 Darstellung des japanischen Feindes in den 60ern
4.1 Beach Red (1967)
4.2 Hell in the Pacific (1968)
4.3 Tora! Tora! Tora! (1969)
5 Der japanische Feind im amerikanischen Kriegsfilm der Gegenwart
5.1 The Thin Red Line (1998)
5.2 Pearl Harbor (2001)
5.3 Letters from Iwo Jima (2006)
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Transformation der Darstellung japanischer Akteure in US-amerikanischen Kriegsfilmen, um zu analysieren, wie sich das Feindbild seit den 1940er Jahren durch wechselnde politische und gesellschaftliche Kontexte gewandelt hat.
- Historische Analyse des japanisch-amerikanischen Verhältnisses vor und während des Zweiten Weltkriegs.
- Dehumanisierung und Propagandafunktion des Feindbildes in US-Kriegsfilmen der 1940er Jahre.
- Wandel der Filmästhetik und Perspektivwahl in Pazifikkriegsfilmen der 1960er Jahre unter dem Einfluss des Vietnamkriegs.
- Gegenüberstellung von stereotypen Darstellungen und differenzierten, multiperspektivischen Ansätzen im zeitgenössischen Kino.
- Einfluss von Clint Eastwoods "Letters from Iwo Jima" als Korrektiv historischer Feindbilder.
Auszug aus dem Buch
3.1 Air Force (1943)
Während des Zweiten Weltkrieges entstanden zahlreiche Hollywood-Produktionen über den Pazifikkrieg und die Konfrontation amerikanischer Soldaten mit dem japanischen Feind. Präsident Roosevelt traf sich bereits wenige Tage nach dem Angriff auf Pearl Harbor mit den führenden Studiomogulen der Zeit, die ihm zusicherten, die USA in dem bevorstehenden Kampf zu unterstützen. Zwar wurde die Filmindustrie in den folgenden Jahren nicht verstaatlicht, jedoch war das „Office of War Information“ (OWI) zu konsultieren, sobald ein Kriegsthema verfilmt werden sollte. Ein Großteil der bis 1945 produzierten Kriegsfilme überschreitet daher klar die Grenze zur Propaganda. „[…] These were commercial productions made to conform with the required attitude of the moment.“ So schwört der 1943 entstandene Air Force – „der wohl perfekteste Propagandafilm der Kriegsjahre“ – die Soldaten aufs Weiterkämpfen ein und zeichnet ein eindimensionales Bild des japanischen Gegners.
Der Film thematisiert den Angriff auf Pearl Harbor und den darauf folgenden Kriegseintritt der USA. Die Soldaten der Air Force werden von dem Ereignis völlig überrascht: Kurz vor dem Angriff hören sie noch im Radio, dass sich die Lage im Pazifik entschärft habe, da Japan friedliche Absichten hege. Hier wird bereits die Hinterhältigkeit der Japaner betont, die trotz laufender Friedensverhandlungen angreifen. Vom Flugzeug aus sehen die Soldaten, dass die Japaner in Pearl Harbor nur Verwüstung, zerstörte Flugzeuge und Brände zurückgelassen haben. Dieser Anblick hat die Funktion, die amerikanischen Rachegefühle zu erklären und den nachfolgenden Feldzug zu legitimieren. Vergeltung ist das dominierende Motiv der zeitgenössischen Filme über den Pazifikkrieg. „Das Kriegsgeschehen schrieb eine Dramaturgie des Danach vor, in dem die Amerikaner zur Rolle des Reagierenden verdammt waren.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Definition der Forschungsfrage zur zeitlichen Entwicklung der filmischen Darstellung japanischer Feindbilder im amerikanischen Kriegsfilm sowie die Vorstellung der untersuchten Filme.
2 Das japanisch-amerikanische Verhältnis: Historische Einordnung der Spannungen zwischen den USA und Japan von den 1930er Jahren bis zum Angriff auf Pearl Harbor.
3 Darstellung des japanischen Feindes bis 1945: Analyse der Propagandafilme der 40er Jahre, die durch ein entmenschlichtes und rassistisches Feindbild geprägt waren.
4 Darstellung des japanischen Feindes in den 60ern: Untersuchung der cineastischen Verschiebung hin zu einer differenzierteren Darstellung unter dem Einfluss der politischen Lage des Kalten Krieges und des Vietnamkrieges.
5 Der japanische Feind im amerikanischen Kriegsfilm der Gegenwart: Analyse moderner Produktionen, die zwischen Rückfällen in Stereotype und einer bewussten, perspektivischen Korrektur wie bei Clint Eastwood schwanken.
6 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Entwicklung vom Propagandawerk der 40er Jahre hin zu einer komplexeren, multiperspektivischen Aufarbeitung der Geschichte.
Schlüsselwörter
Pazifikkrieg, Kriegsfilm, Feindbild, US-Propaganda, Pearl Harbor, Rassismus, Dehumanisierung, Vietnamkrieg, Multiperspektivität, Hollywood, historisches Narrativ, Filmgeschichte, Identität, Kriegskultur, ideologische Auseinandersetzung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich die filmische Charakterisierung japanischer Soldaten in US-amerikanischen Kriegsfilmen von den 1940er Jahren bis heute verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen historische Hintergründe, die Funktion von Propaganda in Kriegszeiten, den Einfluss geopolitischer Ereignisse wie des Vietnamkriegs und die Entwicklung der filmischen Erzählperspektiven.
Was ist das primäre Ziel der Analyse?
Ziel ist es, die Entwicklung von eindimensionalen, rassistisch geprägten Feindbildern hin zu einer differenzierteren Darstellung zu zeigen, die auch die menschlichen Aspekte der gegnerischen Seite berücksichtigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine filmwissenschaftliche Analyse anhand einer Auswahl von zehn exemplarischen Filmen durchgeführt, die die Entwicklung des Genres über drei Jahrzehnte hinweg kontrastieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Filme aus den 1940er Jahren (Propaganda), den 1960er Jahren (Kritik und Ambivalenz) und der Gegenwart (Perspektivwechsel).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Pazifikkrieg, Filmgeschichte, Feindbildkonstruktion, Propaganda und Multiperspektivität.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in den 40er Jahren von den 60er Jahren?
Während in den 1940er Jahren eine klare Dehumanisierung und rassistische Stigmatisierung des Feindes vorherrschte, begannen Filme der 1960er Jahre, die Sinnlosigkeit des Krieges für beide Seiten zu thematisieren.
Warum spielt "Letters from Iwo Jima" eine Sonderrolle?
Der Film wird als Meilenstein gewertet, da er die Geschichte konsequent aus japanischer Perspektive erzählt und somit eine bewusste Korrektur historischer, einseitiger Hollywood-Erzählungen vornimmt.
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- Christine Cornelius (Author), 2007, Der japanische Feind im amerikanischen Kriegsfilm, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78649