Das Buch „Kanak Sprak- 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft“ von Feridun Zaimoglu scheint ein „klassisches“ Beispiel neuester deutscher Migrationsliteratur zu sein, das sich Interpretationsverfahren, denen Texte dieses Genres unterzogen werden, problemlos anbietet. Bei näherer Betrachtung wird klar, dass dieser Eindruck mit Absicht erweckt wird, und so eine Reflexion der Kategorie „Migrationsliteratur“, sowie der Konsequenzen, die sich aus der Kategorisierung ergeben können, fordert. Die vorliegende Arbeit hat es sich zum Anliegen gemacht, diesem Hinweis nachzugehen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Migration als Erzählung
Genese und Gestalt der deutschen Migrationserzählung
Kollektive Kultur - nationale Kultur
Globalisierung und Nation
Nationale Identität wird zu kultureller Identität
Volkssouveränität und Volkskultur
Nationalliteratur
>Kanake< - eine Strategie des Begriffs
Authentizität
Die Stimme als Garant für Authentizität
Unheimliche Wahrheit
Homogenität - Heterogenität
Identitäten in Bewegung
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Buch „Kanak Sprak“ von Feridun Zaimoglu als konstruiertes Beispiel der deutschen Migrationsliteratur und reflektiert die damit verbundenen Identitätskonzepte sowie die diskursive Einordnung von Migranten in den deutschen Nationalstaat.
- Konstruktion von Identität durch Sprache und kulturelle Zuschreibung.
- Die Rolle der „Migrationsliteratur“ als diskursive Formation des modernen Nationalstaates.
- Authentizität als strategisches Mittel und paradoxe Kategorie innerhalb der Literaturwissenschaft.
- Widerstand gegen egalisierende Vereinnahmungstendenzen durch den Begriff „Kanake“.
- Überschreitung statischer Identitätskonzepte hin zu hybriden, mobilen Lebensentwürfen.
Auszug aus dem Buch
Die Stimme als Garant für Authentizität
Das Buch hält, was der Titel verspricht. Es (miß-)tönt tatsächlich. Jeder Abschnitt beginnt unmittelbar, ist der direkte Einsatz der Stimme, die mit Name, Alter und Beruf versehen, aus dem Text tönt. Die Sprache ist, abgesehen von ihrer Spezifik als >Kanaksta<, gesprochene Sprache. Der Abstand zur Schriftsprache wird bereits an oberflächlichen Merkmalen deutlich. So wird alles, außer dem Satzanfang, klein geschrieben. Abkürzungen und Vereinfachungen, die der gesprochenen Sprache entstammen, werden in die Schrift transkribiert.
"Sowas riechen die völker, also schreib das man wie ne wichtige eintragung da in dein kalender man auf: der zustand is, wie‘s dem zustand gefällt, und wer nich die wölfe aus`m schneewald anlocken will, wo die man echt scharf sind, dir‘s blut vonnem kopp abzuzocken, und deshalb ohren spitzen und augen richten, wenn du‘s hinkriegen magst, diesen wölfischen zingel-zangel abzutun, halt das maß ein: weder über’m maß noch unter der forderung." (KS, S. 19)
Die Sätze sind lang und gewinnen durch Aneinanderreihungen Dynamik, Punkte und Kommata werden zu notwendigen Atempausen im Redeschwall. Das Direkte und Unmittelbare, somit auch das Authentische der einzelnen Redebeiträge wird durch die latente Dialogizität, die allen Texten unterliegt, betont. Sie manifestiert sich vor allem in den direkten Ansprachen, mit denen die Texte durchsetzt sind, und die den Leser an die Stelle des Gesprächspartners setzen.
"Tja, bruder, 's Rätsel liegt unter sieben Knoten [...]" (KS, S. 116)
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einführung in die Thematik der Migrationsliteratur am Beispiel von Zaimoglus „Kanak Sprak“ und die Fragestellung zur Kategorisierung von Texten.
Migration als Erzählung: Untersuchung des Begriffs Migration als moderne diskursive Formation, die eng mit der Konstruktion des modernen Nationalstaates verknüpft ist.
Genese und Gestalt der deutschen Migrationserzählung: Historische Einordnung der deutschen Migrationserzählung seit den 50er Jahren und die damit verbundene Konstruktion eines literarischen Forschungsfeldes.
Kollektive Kultur - nationale Kultur: Analyse der nationalstaatlichen Erfindung einer homogenen, ethnisch definierten Kultur und deren Ausschlussmechanismen gegenüber Fremden.
Globalisierung und Nation: Erörterung der Auswirkungen von Globalisierungsprozessen auf die Wahrnehmung von Migration als Bedrohung der nationalen Homogenität.
Nationale Identität wird zu kultureller Identität: Analyse der Kulturalisierung des Identitätsbegriffs und der damit verbundenen Objektivierungsstrategien innerhalb der modernen Lebenswelt.
Volkssouveränität und Volkskultur: Untersuchung des Zusammenhangs zwischen demokratischer Souveränität und der statischen Konstruktion nationaler Identität durch Kultur.
Nationalliteratur: Reflexion der Abgeschlossenheit nationaler Literaturmodelle und deren Unfähigkeit, Migrationsphänomene adäquat abzubilden.
>Kanake< - eine Strategie des Begriffs: Analyse der Selbstbezeichnung als politische Strategie gegen Vereinnahmungstendenzen der Leitkultur und Ausdruck einer hybriden Identität.
Authentizität: Untersuchung der Ambivalenz der Authentizitätskategorie im literaturwissenschaftlichen Zugang zu Minderheitenliteratur.
Die Stimme als Garant für Authentizität: Analyse der sprachlichen Gestaltung der Protokolle und deren Funktion als direkter Stimmeneinsatz zur Suggestion von Unmittelbarkeit.
Unheimliche Wahrheit: Erörterung der Entstehungsgeschichte des Buches und der Rolle des Autors als „Löwendompteur“ bei der Gewinnung von Bekenntnissen aus dem Milieu.
Homogenität - Heterogenität: Reflexion über das Spannungsfeld zwischen der stereotypen Darstellung im Buch und der realen Heterogenität individueller Identitätsentwürfe.
Identitäten in Bewegung: Zusammenfassung der Notwendigkeit einer beweglichen Identitätsbildung, die sich den rigiden Festschreibungen des nationalen Diskurses entzieht.
Schluss: Zusammenführende Reflexion über das Potential der Literatur, durch die Offenlegung von Konstruktionsmechanismen als Appell für ein heterogenes Identitätskonzept zu wirken.
Schlüsselwörter
Migrationsliteratur, Identität, Nationalstaat, Kultur, Kanake, Authentizität, Diskurs, Zaimoglu, Hybridität, Migration, Subjektivierung, Differenz, Stereotyp, Politik, Fremdheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Werk „Kanak Sprak“ von Feridun Zaimoglu im Kontext der deutschen Migrationsliteratur und untersucht, wie Identität und kulturelle Zugehörigkeit in der Bundesrepublik konstruiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle der nationalen Identität, die Problematisierung von Migration, die Konstruktion kultureller Grenzziehungen sowie die Analyse literarischer Strategien zur Identitätsstiftung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Kategorisierung von „Migrationsliteratur“ zu hinterfragen und aufzuzeigen, wie das Werk „Kanak Sprak“ als Kunstobjekt dazu dient, statische Identitätskonzepte zu reflektieren und zu unterlaufen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt diskursanalytische Ansätze, wobei sie sich auf Methoden und Erkenntnisse aus Soziologie, Ethnologie und Politikwissenschaft stützt, um literarische Texte als aktive Kampfmittel der Identitätsverhandlung zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Genese der Migrationserzählung, der Kritik am statischen deutschen Kulturbegriff, der Bedeutung der Authentizitätskategorie sowie der spezifischen Analyse des Begriffs „Kanake“ als Ausdruck hybrider Identität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Migrationsliteratur, nationale Identität, Kulturalisierung, Authentizität, hybride Identität und Diskurstheorie.
Inwiefern spielt der Begriff „Kanake“ eine Rolle im Text?
Der Begriff fungiert als strategische Selbstbezeichnung, die der Stigmatisierung durch die Mehrheitsgesellschaft entgegengesetzt wird, um eine eigene, bewegliche Identität zu behaupten, die sich der Assimilation entzieht.
Was bedeutet der „Doppelfokus“ bei der Authentizität?
Es beschreibt die ambivalente Rolle der Authentizität im Buch: Einerseits wird sie zur Suggestion von Unmittelbarkeit durch die Stimme der Subjekte eingesetzt, andererseits durch die künstliche Konstruktion dieser Stimmen im Text permanent unterlaufen.
Warum wird Zaimoglus Buch als „Kunstobjekt“ bezeichnet?
Es wird als Kunstobjekt verstanden, weil es bewusst mit Klischees und Vereinfachungen spielt, um die Mechanismen gesellschaftlicher Identitätszuschreibungen sowie den nationalistischen Diskurs sichtbar zu machen und dadurch zu parodieren.
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- Kerstin Weich (Author), 2001, Kankaken und Identitäten - ein kurzer Überblick über Feridun Zaimoglus "Kanak Sprak - 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78688