In der Einleitung grenzt Breuer sich zunächst scharf gegenüber der Postmoderne ab, um dann seinen gesellschaftstheoretischen Standpunkt ausgehend von der Dialektik Hegels und Marx’ näher auszuführen.
Die durch J.F. Lyotards Buch «Das postmoderne Wissen» initiierte postmoderne Bewegung sieht die moderne Gesellschaft, ebenso wie Breuer, im Zeichen des Verschwindens (S.7), dies aber in einem ganz anderen Sinne. Am Verschwinden ist nach Lyotard die Glaubwürdigkeit der ‹großen Erzählungen›, durch die die neuzeitliche Philosophie, vor allem der deutsche Idealismus und die Aufklärung bis hin zu Marx bis ins 20. Jahrhundert das Welt- und Geistesgeschehen umfassend erklären und prägen wollte. Diese ‹Metaerzählungen› über die Dialektik des Geistes, die Hermeneutik des Sinns und die Emanzipation der Gattung bezeichnet Lyotard als Fabeln, denen heutzutage keine Funktion mehr zukommt. Die Ablehnung der postmodernen Intellektuellen gilt daher aller vereinheitlichenden, universalisierenden und totalisierenden Wissenschaft. Die Entwicklung der Relativitätstheorie und Quantenphysik ist für sie der Beweis, dass der Absolutheitsanspruch der cartesischen mathesis universalis zerbrochen ist, und, so W. Welsch, das Operieren ohne letztes Fundament zur Grundsituation heutiger Wissenschaft wird. Wissenschaft versteht sich demnach insofern als postmodern, als sie sich auf eine bunte Vielfalt von Horizonten, Lebenswelten und Wissensformen stützt und nicht mehr auf die ‹Metaphysik› bzw. auf eine ‹Monokultur›. Wo das Ganze verschwindet, beginnt für die Postmoderne die begrüßenswerte Freisetzung der Teile (S.8).
Hier setzt Breuers Kritik an: Offen bleibt für ihn, welche Art von Pluralität dem neuzeitlichen Absolutheitsanspruch entgegengesetzt werden soll: eine Pluralität, die noch auf Synthetisierung wartet; eine Vielheit, die wie bei Hegel einer Einheit entsprungen ist und daher auch außerhalb dieser bei sich selbst bleibt; oder etwa eine irreduzible Pluralität, die nicht zu homogenisieren ist.
Inhaltsverzeichnis
VORBEMERKUNG ZUR DIALEKTISCHEN DENKTRADITION
I. DIE EINLEITUNG: TOTALITÄT UND VERSCHWINDEN DER MODERNEN GESELLSCHAFT
II. IST DIE MODERNE GESELLSCHAFT ZIVILISIERT?
DIE AUSEINANDERSETZUNG MIT NORBERT ELIAS
1. ZUM INHALT DES BUCHES «ÜBER DEN PROZESS DER ZIVILISATION»
2. KRITISCHE ÜBERPRÜFUNG DER ZIVILISATIONSTHEORIE
a) Zur soziogenetischen Linie
b) Zur psychogenetischen Linie
c) Zur handlungstheoretischen Linie
3. RESÜMEE: DIE DIALEKTIK DER VERGESELLSCHAFTUNG
III. WIRD DIE MODERNE GESELLSCHAFT DISZIPLINIERT?
DIE AUSEINANDERSETZUNG MIT MICHEL FOUCAULT
1. DIE MACHT DER KERKER-NETZE: FOUCAULTS THEORIE
2. DIE METAPHYSIK DER MACHT: KRITIK AN FOUCAULT
3. VERNEINUNG UND BEJAHUNG: FESTZUHALTENDE UND ENTDISZIPLINIERENDE ASPEKTE
4. ENTDISZIPLINIERUNG
IV. ADORNO UND LUHMANN: SELBSTDESTRUKTION ODER OFFENE ZUKUNFT DER MODERNEN GESELLSCHAFT?
1. TOTALITÄT UND SYSTEM: ZWEI CHARAKTERISIERUNGEN DER MODERNEN GESELLSCHAFT
a) Die abstrakte Totalität des Tauschprinzips: Adornos Begriff der bürgerlichen Gesellschaft
b) Die Autopoiesis der Funktionssysteme: Luhmanns Begriff der modernen Gesellschaft
2. ENTWICKLUNGSTENDENZEN DER MODERNEN GESELLSCHAFT: SELBSTZERSTÖRUNG UND ENTDIFFERENZIERUNG
a) Adorno: Zerstörung durch totale Vermittlung
b) Luhmann: Folgeprobleme funktionaler Differenzierung
3. KONVERGENZEN UND LERNPROZESSE ZWISCHEN BEIDEN THEORIEN
a) Revisionen der kritischen Theorie
b) Nicht konservativ, aber auch nicht kritisch: Kritik an Luhmann
SCHLUßBEMERKUNG: LUHMANN UND DIE DIALEKTIK
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Stefan Breuers Diagnose einer "Gesellschaft des Verschwindens" im Kontext einer dialektischen Entropologie. Das Hauptziel besteht darin, die These vom entropischen Verfall der modernen Gesellschaft anhand einer kritischen Auseinandersetzung mit den Zivilisationstheorien von Norbert Elias, Michel Foucault sowie der Systemtheorie von Niklas Luhmann und der kritischen Theorie Theodor W. Adornos zu verifizieren.
- Kritische Analyse zivilisations- und disziplinierungstheoretischer Ansätze
- Vergleich der Gesellschaftskonzeptionen von Adorno und Luhmann
- Untersuchung der Totalität und Autopoiesis moderner Funktionssysteme
- Diskussion von Entwicklungstendenzen hin zur Selbstzerstörung und Entdifferenzierung
- Erörterung der Möglichkeiten für einen dialektischen Erkenntnisfortschritt
Auszug aus dem Buch
Die Metaphysik der Macht: Kritik an Foucault
Nicht nur, dass sich Foucault nicht positiv auf Vorbilder der Disziplinierungstheorie wie Max Weber, Marx, Elias, Oestreich, Lukács oder Adorno bezieht, er grenzt sich pauschal von jeder Form der Geschichtsphilosophie ab; das «Unterfangen, den Gesamtzusammenhang einer Epoche oder einer Gesellschaft aus einer zentralen Struktur abzuleiten» (S. 47) ist ihm allzu sehr mit Obsession verbunden. Die «Zurückführung von Elementen auf ein verborgenes Zentrum» ist für ihn Ideologie und Illusion, verbunden mit dem ‹transzendentalen Narzissmus› der abendländischen Philosophie.
Die durch den fehlenden Zusammenhang einer Geschichtsphilosophie entstandene Lücke schließt Foucault für Breuer mit seinem Machtbegriff: «Macht, im Nietzscheschen Sinne eines lebensphilosophisch-ontologisch verstandenen Willens zur Macht, avanciert für ihn zum Universalschlüssel für alle gesellschaftlichen und geistigen Phänomene» (S. 47). Soziale Beziehungen, das Individuum selbst, der wissenschaftliche Diskurs - alles ist Produkt der Macht, die in unterschiedlichen Formen auftritt, bewegt, zur Herrschaft verfestigt, als Strom von Kräften und Gegenkräften, als dauernde Schlacht. «Wie in der idealistischen Philosophie und ihren spätromantischen Wurmfortsätzen die ganze Welt als Geist oder Wille gedacht wird, so enthüllt sich auch bei Foucault das Sein als Manifestation eines einzigen Prinzips» (S. 48).
Mit dieser machtmetaphysischen Basis wird Foucaults Theorie der Disziplinargesellschaft für Breuer angreifbar, denn sie ist reduktionistisch. Sie verkennt unübersehbare Gewinne an Liberalität und Rechtssicherheit, sie reduziert komplexe Vorgänge der Sozialisation und Individuation behavioristisch auf Konditionierungen und übersieht Gewinne an Freiheit und Ausdrucksmöglichkeit. Sie hat keinen Raum für die Eigenart normativer und kognitiver Mechanismen und kann daher die Komplexität der modernen Gesellschaft nicht erfassen (S. 49).
Zusammenfassung der Kapitel
VORBEMERKUNG ZUR DIALEKTISCHEN DENKTRADITION: Die Einleitung verortet Stefan Breuers Werk in der Tradition der dialektischen Philosophie und führt in seine "dialektische Entropologie" ein, welche den Untergang moderner ökologischer und gesellschaftlicher Grundlagen postuliert.
I. DIE EINLEITUNG: TOTALITÄT UND VERSCHWINDEN DER MODERNEN GESELLSCHAFT: Dieses Kapitel grenzt Breuers Standpunkt gegen die Postmoderne ab und legitimiert die Rückbesinnung auf Hegels und Marx' Dialektik zur Analyse einer bestehenden, zerstörerischen Totalität.
II. IST DIE MODERNE GESELLSCHAFT ZIVILISIERT?: Breuer setzt sich mit Norbert Elias auseinander und verwirft dessen optimistische Zivilisationstheorie zugunsten einer Dialektik der Vergesellschaftung, die Entzivilisierungsprozesse betont.
III. WIRD DIE MODERNE GESELLSCHAFT DISZIPLINIERT?: Durch die Analyse Michel Foucaults wird die Disziplinierung als ein durch Machttechniken erzeugtes, aber reduktionistisches Modell kritisiert, das komplexe gesellschaftliche Abhängigkeiten nicht vollständig zu erfassen vermag.
IV. ADORNO UND LUHMANN: SELBSTDESTRUKTION ODER OFFENE ZUKUNFT DER MODERNEN GESELLSCHAFT?: In diesem Hauptteil erfolgt der Vergleich zwischen der kritischen Theorie Adornos und der Systemtheorie Luhmanns, wobei deren Ansätze hinsichtlich Selbstzerstörung und Entdifferenzierung gegenübergestellt und auf mögliche Konvergenzen geprüft werden.
SCHLUßBEMERKUNG: LUHMANN UND DIE DIALEKTIK: Das Resümee reflektiert Breuers methodisches Vorgehen und hinterfragt, inwiefern seine Interpretation der Systemtheorie vor dem Hintergrund der dialektischen Tradition und einer drohenden ökologischen Katastrophe standhält.
Schlüsselwörter
Dialektik, Entropologie, Moderne Gesellschaft, Stefan Breuer, Norbert Elias, Michel Foucault, Theodor W. Adorno, Niklas Luhmann, Zivilisation, Disziplinierung, Totalität, Systemtheorie, Entdifferenzierung, Autopoiesis, Selbstzerstörung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht Stefan Breuers soziologische Diagnose der modernen Gesellschaft als einer "Gesellschaft des Verschwindens" und analysiert deren destruktive Entwicklungstendenzen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind der Prozess der Zivilisation, die Mechanismen der Disziplinierung, die theoretischen Ansätze der Systemtheorie und der kritischen Theorie sowie die ökologische Krise.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Breuers "entropische" Analyse der Gesellschaft durch einen Vergleich der Theorien von Elias, Foucault, Adorno und Luhmann auf ihre Validität und Konsistenz zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wendet eine indirekte Methode an, indem er existierende Gesellschaftstheorien mittels Interpretation und Kritik gegeneinander stellt, um daraus eine dialektische Erkenntnis zu gewinnen.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Auseinandersetzung mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann und der kritischen Theorie Theodor W. Adornos im Hinblick auf deren Gesellschaftsbegriffe.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Dialektik, Entropie, totale Vermittlung, Autopoiesis und die systemkritische Perspektive auf die moderne Industriegesellschaft gekennzeichnet.
Inwiefern unterscheidet sich Foucaults Disziplinierung von Elias' Zivilisierung?
Während Elias einen (positiv aufsteigenden) Zivilisationsprozess beschreibt, entwirft Foucault ein düsteres Panorama von Disziplinarmachstrukturen, die als netzartiges Kontinuum die Gesellschaft durchdringen.
Warum sieht Breuer Adorno und Luhmann als konvergent an?
Trotz der Unterschiede in der Theoriearchitektur findet Breuer in beiden Theorien Ansätze, die die Selbstzerstörungstendenzen einer total vergesellschafteten Moderne und die Problematik einer systemimmanenten Entdifferenzierung thematisieren.
Welche Rolle spielt die Zeitökonomie bei Breuer?
Die Zeitökonomie wird als strukturelle Voraussetzung der modernen Gesellschaft gesehen, die jegliche Form von zivilisiertem Verhalten unmöglich macht und die Disziplinierung der Individuen verschärft.
- Quote paper
- Heike Obermanns (Author), 1997, Zu Stefan Breuer: Die Gesellschaft des Verschwindens - Von der Selbstzerstörung der technischen Zivilisation, Hamburg 1992, S. 7-102, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78711