Nur ein grotesker Karneval der Körper? Eine Analyse zur Konstruktion und Funktion des Elementes des Partnertausches


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. „Was diese Liebenden erzählen, mein Gemahl, / Ist wundervoll.“1

II. „[W]ir hatten uns übers Kreuz wirklich gern, []“2
1. Georg Lukács und die „schreiende Willkür des beglückenden und vernichtenden, aber immer grundlos darniederfahrenden Zufalls“
2. Michail Bachtin: „Karneval“
3. Analyse und Interpretation der Texte unter Fokussierung des Elementes des Partnertausches
3.1 William Shakespeare „Ein Sommernachtstraum“
3.2 Heinrich von Kleist: „Amphitryon“
3.3 Kurzer struktureller Exkurs: Magie und die Figur des Vermittlers
3.4 Wolfgang Amadeus Mozart/Da Ponte „Cosi fan tutte“
3.5 Kurzer struktureller Exkurs: Die Figur der Verwechslung
3.6 Johann Wolfgang von Goethe: „Die Wahlverwandtschaften“
3.7 Tucholsky „Schloß Gripsholm“
3.8 John Irving „Eine Mittelgewichtsehe“
4. Strukturelle Zusammenfassung

III. Schluss

Literaturverzeichnis:

Fußnoten:

I. „Was diese Liebenden erzählen, mein Gemahl, / Ist wundervoll.“1

Diese Arbeit setzt sich mit der Analyse der Konstruktion und Funktion des Elementes des Partnertausches in verschiedenen Texten auseinander. Damit steht sie von Beginn an vor dem Problem der Selektion der Vergleichsmomente. Jeder Text bringt den Partnertausch aus einer spezifischen Figurenkonstellation hervor, setzt eigene Schwerpunkte der Erzählinhalte und artikuliert diese in einer je spezifischen Erzählweise.

Die Texte „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare und „Amphitryon“ von Kleist sind in der Form des Dramas verfasst. Mozart nähert sich dem Stoff des Partnertausches in seiner Oper „Cosi fan tutte“. Wie Goethe in den „Wahlverwandtschaften“, hat auch John Irving mit der „Mittelgewichtsehe“ die Form des Romans gewählt, um sich dem Phänomen Partnertausch und allen seinen Begleitphänomenen erschöpfend widmen zu können. Kurt Tucholsky schließlich greift den Stoff in „Schloß Gripsholm“, einem gebrauchslyrischen Anspruch folgend, in einer Geschichte auf.

Diese Arbeit betrachtet die unterschiedlichen Textsorten als ein Ringen um unterschiedliche Zugänge zu dem Phänomen Partnertausch. Ich bemühe mich anhand der vorliegenden Texte, eine spezifische Struktur der Darstellungsweise des Phänomens Partnertausch nachzuweisen. Auf dieser rekonstruierenden Ebene betrachte ich die herausgearbeiteten Strukturkonstanten als Teilkomponenten des Elementes Partnertausch. Es handelt sich auf Textebene also um eine doppelte Rekonstruktion: die Rekonstruktion der Rekonstruktionen der Autoren. In dieser Arbeit soll nicht die Frage nach dem ontologischen Status von Phänomenen gestellt werden, vielmehr widmet sie sich den verschiedenen literarischen Darstellungen dieses Phänomens.

In einem ersten Schritt bemühe ich mich deshalb darum, das Phänomen des Partnertausches auf mehreren Interpretationsebenen als Element rekonstruierbar zu machen. Die literaturtheoretischen Texte von Lukács und Bachtin werden daraufhin überprüft, ob ihre angebotenen Ansätze Interpretationsfiguren bergen, die neuen Sinn in den analysierten Texten generieren können. Diese Interpretationsfiguren werden daran anschließend in den literarischen Texten genauer herausgearbeitet und formieren sich auf dieser zweiten Ebene der Rekonstruktion. Die strukturellen Exkurse dienen dazu, diese Verdichtung der Strukturkonstanten vor Augen zu führen und zu systematisieren. Die Texte sind chronologisch angeordnet, dieses hat einerseits den Vorteil, verschiedene Strukturverschiebungen evolutionär betrachten zu können, andererseits stellt sich aber auch der Nachteil ein, dass die Texte nicht unverbunden nebeneinander stehen und diachronisch miteinander konkurrieren. Diesen Nachteil soll die Strukturelle Zusammenfassung kompensieren, die noch einmal die herausgearbeiteten Strukturen des Elementes des Partnertausches zusammenfasst. Anschließend folge ich hier im Wesentlichen den Anregungen von Michel Foucault und Antonio Gramsci. An ihre Entwürfe zu Diskurstheorie und Hegemonie anknüpfend, denke ich über die Funktion des Elementes des Partnertausches innerhalb der Gesellschaftsformation nach. Der Schluss setzt sich mit der angewandten Analysemethode auseinander und weist über die Arbeit hinaus.

II. „[W]ir hatten uns übers Kreuz wirklich gern, […]“2

1. Georg Lukács und die „schreiende Willkür des beglückenden und vernichtenden, aber immer grundlos darniederfahrenden Zufalls“

Georg Lukács schreibt 1914/15 in „Die Theorie des Romans“:

„In der Form der isolierten Merkwürdigkeit und Fragwürdigkeit des Lebens, in der Novelle, muß sich diese Lyrik noch ganz hinter den harten Linien der vereinzelt herausgemeißelten Begebenheit verstecken: die Lyrik ist hier noch eine reine Auswahl: die schreiende Willkür des beglückenden und vernichtenden, aber immer grundlos darniederfahrenden Zufalls kann nur durch sein klares, kommentarloses, rein gegenständliches Erfassen ausbalanciert werden. Die Novelle ist die am reinsten artistische Form: der letzte Sinn alles künstlerischen Formens wird von ihr als Stimmung, als inhaltlicher Sinn des Gestaltens, wenn auch eben deshalb abstrakt, ausgesprochen. In dem die Sinnlosigkeit in unverschleierter, nicht beschönigender Nacktheit erblickt wird, gibt ihr die bannende Macht dieses furchtlosen und hoffnungslosen Blickes die Weihe der Form: die Sinnlosigkeit wird als Sinnlosigkeit, zur Gestalt: sie ist ewig geworden, von der Form bejaht, aufgehoben und erlöst. [Hervorhebung S.D.]“3

Die Sinnlosigkeit zu thematisieren, ist eine Möglichkeit, sich auf eine moderne Welt einzulassen, die ihre homogene Bedeutung verloren hat, eine Welt der „inadäquaten, der heterogenen Intensitäten“.4 Lukács schreibt in diesem Zusammenhang über die Kunst: „Die visionäre Wirklichkeit der uns angemessenen Welt, die Kunst, ist damit selbständig geworden: sie ist kein Abbild mehr, denn alle Vorbilder sind versunken, sie ist eine erschaffene Totalität, denn die naturhafte Einheit der metaphysischen Sphären ist für immer zerrissen.“5 In dieser neuen Welt, in der „Mensch-sein: einsam sein“ heißt, erschafft der Autor mit seinem Helden ein System seiner subjektiven Weltdeutung.6 Der Autor unternimmt einen Versuch, sein Unverstanden-Sein zu überwinden, Subjekt und Objekt miteinander zu versöhnen und kommt dennoch nicht über den Versuch hinaus. Das Wissen um den Versuch und sein Scheitern ist die alles Schreiben begleitende Reflexion des Autors, welche sich im Roman eine Form gibt. Der einsame Held wird in diesem Genre monologisch entworfen, hier wird er problematisiert und hier muss er wirklich leben.7 In der Enthüllung der Nichtigkeit der Wirklichkeit überbrückt das problematische Individuum` die Kluft zwischen ihm und der kontingenten Welt.

Formal betrachtet, spiegelt sich die Problematik des Auseinanderfallens von Welt und Individuum in der Konstruktion des Romans wider. Während die Epopöe in ihren Teilen immer bereits auf ein organisches, ganzes Wirklichkeitsgefüge verweist, wird im Roman, statt auf eine daseiende Totalität, auf deren Brüchigkeit rekurriert. Die einzelnen Abschnitte machen die Unmöglichkeit einer Darstellung der Ganzheit deutlich. Die Epopöe folgt einem homogenen Bedeutungssystem, welches implizit in den Text eingeschrieben ist – der Roman macht die Heterogenität und Zufälligkeit der Wirklichkeit deutlich, „[e]s ist auf einer qualitativ völlig neuen Grundlage wieder ein Standpunkt des Lebens erreicht, der der unauflösbaren Verschlungenheit von der relativen Selbständigkeit der Teile und ihrer Gebundenheit an das Ganze.“8 Diese Selbständigkeit der Teile zu verbinden, bedarf es der biographischen Komponente. Denn die zentrale Gestalt „der Biographie ist nur durch ihre Beziehung auf eine sich über sie erhebende Welt der Ideale bedeutsam, aber diese wird zugleich einzig durch ihr Leben in diesem Individuum und durch das Auswirken ihres Erlebens realisiert.“9 Das gestaltende Subjekt verarbeitet in der Reflexion die Unmöglichkeit der Rückkehr in das organische Ganze und erschafft sich mit der Erfahrung einer fremden Welt gleichzeitig die Möglichkeit einer Innerlichkeit. In der biographischen Form kann über die Ebene des inneren Erlebens zwischen kontingenter Welt und problematischem Individuum vermittelt werden. Auf diese Weise wird die Generierung von subjektivem Sinn möglich, es entsteht ein „vollendetes und immanent sinnvolles Leben: das Leben des problematischen Individuums.“10

Die Sinnlosigkeit der modernen Welt, die paradoxe Einsamkeit des unverstandenen Menschen und sein tragisches Problem des Vertrauens und die Zerstörung der naturhaften Einheit der metaphysischen Sphären scheinen mir von besonderem Interesse für die Betrachtung des Elementes des Partnertausches. Trägt nicht der moderne, einsame, unverstandene Mensch immer in sich die Sehnsucht nach Aufhebung der Einsamkeit, Unverstandenheit, Sinnlosigkeit? Und wo soll er diese vermuten, wenn nicht in der Geborgenheit einer intimen Zweiheit?

Verspricht nicht der hegemoniale Traum, der mit dem romantischen Liebesideal schwanger geht und mit christlichen Imperativen normativ abgesichert ist, genau das? Auch auf einer zweiten Ebene sind die Überlegungen bemerkenswert: ist der Roman aus der Stimmung der Brüchigkeit des organischen Ganzen geboren, was könnte das für die Funktion des hier zu analysierenden Elementes des Partnertausches bedeuten?

Doch bevor ich mich der Beantwortung dieser Fragen widme, möchte ich mich eingehender mit dem Wesen des Partnertausches beschäftigen und mich darum bemühen, adäquate Analysekategorien herauszuarbeiten. Bachtin hat sich in seinem Text „Literatur und Karneval“ mit der Karnevalisierung der Literatur auseinandergesetzt. Ich möchte im folgenden darüber nachdenken, inwiefern Gemeinsamkeiten zwischen den Phänomenen Karneval und Partnertausch zu verzeichnen sind.

2. Michail Bachtin: „Karneval“

Der Karneval, so Michail M. Bachtin in seiner 1969 erstmals in Deutschland erschienenen Untersuchung „Literatur und Karneval“, stellt eine Praxis dar, außerhalb der Privatheit, in einer entgrenzten – jedoch zeitlich und räumlich begrenzten – Kollektivität, die tragische Situation des Einsam-seins kurzfristig aufzuheben. Bachtin schreibt: „Der Karneval bildet in einer konkret-sinnlichen, in einem Mischbereich von Realität und Spiel erlebten Form einen neuen Modus der Beziehung von Mensch zu Mensch aus, der sich den allmächtigen sozialhierarchischen Beziehungen des gewöhnlichen Lebens entgegengesetzt.“11 Bachtin ergänzt die existenzialistische Dimension um die Komponente der empirischen Sozialstruktur. Seine Arbeit fokussiert, beginnend beim Mittelalter, die Unterscheidung zwischen einer ernsten Kultur des Staates, der Kirche und des Feudalstaates und einer Lachkultur des Volkes, die sich der eher repressiven ernsten Kultur entgegengesetzt und oft auch utopische und befreiende Züge trug.

Von Interesse sind im Zusammenhang mit dieser Arbeit vor allem seine Analysen zur Karnevalisierung der Literatur im Zuge des Umbaus der Gesellschaft in eine „Richter-Gesellschaft“, die mittels normativer Regulierung Menschen hervorbringt, die einer Rationalität der Produktivität und Effektivität unterworfen sind, die sie gleichsam reproduzieren.12 Wenngleich die Romantiker gerade diese Aspekte einer normalisierten – mittlerweile hegemonialen – Rationalität zur Diskussion stellten, so weist das, mit Bachtin argumentierend, darauf hin, dass die Literatur in der Moderne zu einem Auffangbereich des Inakzeptablen wird.

Inakzeptabel wird, was den hegemonialen Normativen einer christlich-abendländischen Gesellschaft widerstrebt, was sich dem rationalistischen Weltbild widersetzt und vor dem Hintergrund der hegemonialen Deutungsmuster keinen Sinn ergibt - das Groteske, der Wahnsinn, die Perversität – das unmarkierte Andere. Bachtin arbeitet heraus, dass das Groteske in „Wirklichkeit […] von all jenen Formen der unmenschlichen Notwendigkeit, die die herrschenden Vorstellungen von der Welt durchdringen“, befreit.13 Auch wenn ich mich ihm an dieser Stelle, an welcher er meiner Ansicht nach, ein a priori vorhandenes menschlich Notwendiges setzt, nicht anschließen möchte, so birgt die/das Groteske m.E. trotzdem die Möglichkeit einer Kritik, eines Unterlaufens der Hegemonie in sich: „Das Moment des Lachens, das karnevalistische Weltempfinden, die der Groteske zugrunde liegen, zerstören die beschränkte Ernsthaftigkeit sowie jeglichen Anspruch auf eine zeitlose Bedeutung und Unabänderlichkeit der Vorstellungen von der Notwendigkeit. Sie befreien das menschliche Bewußtsein, den Gedanken und die Einbildungskraft des Menschen für neue Möglichkeiten.“14

[...]

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Details

Titel
Nur ein grotesker Karneval der Körper? Eine Analyse zur Konstruktion und Funktion des Elementes des Partnertausches
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Partnertausch? – Goethe, Die Wahlverwandtschaften/Mozart, Cosi fan tutte
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
35
Katalognummer
V78781
ISBN (eBook)
9783638852449
ISBN (Buch)
9783638852111
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karneval, Körper, Eine, Analyse, Konstruktion, Funktion, Elementes, Partnertausches, Partnertausch, Goethe, Wahlverwandtschaften/Mozart, Cosi
Arbeit zitieren
Sahra Dornick (Autor), 2005, Nur ein grotesker Karneval der Körper? Eine Analyse zur Konstruktion und Funktion des Elementes des Partnertausches, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78781

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