Obwohl Sport ein kultureller Bestandteil fast einer jeden Gesellschaft ist, unterscheiden sich die Auffassungen über seine Bedeutung und Funktion erheblich. Ein gutes Beispiel ist das Kanada des späten 19. Jahrhunderts, das sich als junge Nation gegenüber sich selbst und anderen Ländern zu definieren suchte. Als kultureller Teilaspekt fungierte die indigene, indianische Sportart Baggataway, die anfangs von der Kanadischen Mittelklasse adaptiert und später auch modifiziert wurde. Dieser Prozess wurde Seitens der Kanadier als „Zivilisierung“ und Modernisierung eines primitiven Sports angesehen, was dem Verständnis der Indianer über die rituelle Bedeutung von Lacrosse diametral entgegensteht. Für Kanadier wurde es Nationalsport und somit kultureller Identitätsträger. Für Indianer war es Ritus, Spiel und vieles Mehr. Schließlich führte diese Unterschiedliche Perzeption und Konzeption zum sportlichen und gesellschaftlichen Ausschluss der Indianer. Um diese These zu belegen, werde ich im folgenden Text Allen Guttmanns evolutionäres Modell von Sport auf das Beispiel von Lacrosse in Kanada anwenden. Die vergleichende Analyse beider Lacrosse-Varianten, sowie deren Bedeutung, Funktion und Perzeption soll belegen, das die unterschiedlichen Konzepte von Sport Kanadas Sportgeschichte bis heute geprägt und vielerorts gespalten hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
a. Sport, eine Definitionsfrage
b. Canadian oder Canadien
c. Indianer
2. Baggataway
a. Säkularität im Baggataway
b. Ausgeglichene Ungleichheit
c. Spezialisierung
d. Fehlende Rationalität
e. Bürokratisierung
f. Quantifizierung und Rekorde
3. Lacrosse
a. Der erste Nationalsport Kanadas
b. Institutionalisierung des Lacrosse
c. Gesellschaftliche Veränderungen
d. Lacrosse nach Guttmann
e. Säkularität im Lacrosse
f. Gleichheit im Lacrosse
g. Spezialisierung im Lacrosse
h. Rationalität im Lacrosse
i. Bürokratisierung des Lacrosse
j. Quantifizierung und Rekorde im Lacrosse
4. Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Transformation des indianischen Spiels Baggataway zum modernen kanadischen Nationalsport Lacrosse unter Anwendung von Allen Guttmanns evolutionärem Sportmodell. Dabei wird analysiert, wie unterschiedliche kulturelle Konzepte von Sport zur Ausgrenzung indianischer Spieler durch die weiße kanadische Mittelklasse beitrugen.
- Evolutionäre Transformation von traditionellen Riten zu modernem Sport
- Kulturelle Hegemonie und exklusive Definitionen von Amateursport
- Rolle des Sports bei der Identitätsbildung des kanadischen Nationalstaats
- Einfluss von Industrialisierung, Urbanisierung und neuen Kommunikationstechnologien
- Ausgrenzungsmechanismen gegenüber indigenen Völkern und der Arbeiterklasse
Auszug aus dem Buch
a. Säkularität im Baggataway
Baggataway hat in seinem Ablauf, Funktion und Ziel einen tief rituellen und religiösen Charakter. Nicht nur im Spiel selber sind Rituale verankert sondern auch in den Spielvor– und Nachbereitungen. Thomas Vennum beschreibt in seinem Werk American Indian Lacrosse das weite Spektrum an Ritualen sowie die religiösen Elemente im Baggataway. Eines der wichtigsten Rituale im Sport und im Alltag ist das „zum Wasser gehen“. Wasser, ob in Seen, oder Flüssen, wird als ein essentieller Bestandteil des Lebens angesehen. Die Flüsse eines Stroms stehen symbolisch für die Kraft, die Spieler vor dem Spiel suchen. Deshalb gehen sie sieben Tage vor dem Spiel zum Wasser und treffen dort den Heiler, der sie wäscht, mit ihnen betet und ihnen Medizin verabreicht. Dieses Reinigungsritual ist nicht nur oberflächlich, sondern soll das Innere gleichsam rein waschen. Dasselbe Ritual hilft auch im Alltag, wenn ein Familienangehöriger, der einem „nahe stand“ gestorben ist, oder wenn man glaubt von einem Fluch belegt worden zu sein.
Das scratching – ein weiteres Ritual, was Krieger und Spieler teilen – geht dem zum Wasser gehen voraus. Bei diesem Ritual, was meistens am Ufer eines Sees oder Flusses durchgeführt wird, ritzt und kratzt der Heiler den Spielern die Haut mit speziellen kammähnlichen Werkzeugen auf. Das austretende „böse Blut“ soll dem Körper entweichen und ihn somit stark für Schlacht und Spiel machen. Dieses Blut wird danach bei dem zu Wasser gehen abgewaschen. Neben diesem mentalen Reinigungsprozess sollte ähnlich wie beim Aderlass, der Blutdruck gesenkt, der Kreislauf unterstützt und die körperliche Ausdauer verlängert werden. Schließlich dienten die offenen Wunden für die bessere Aufnahme der Medizin, die auf die Haut des Kämpfers aufgetragen wurde. Darüber hinaus wurde im Vorfeld eines Spiels trainiert, gefastet und sexuelle Keuschheit geübt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert die Grundlagen der Studie, führt in die Thematik der vergleichenden Sportgeschichte ein und stellt die zentrale These zur sozialen und kulturellen Ausgrenzung auf.
2. Baggataway: Dieses Kapitel beschreibt den rituellen Charakter des ursprünglichen indianischen Ballspiels und erläutert dessen Funktionen als Kriegsersatz und religiöse Praxis.
3. Lacrosse: Das Kapitel analysiert die Institutionalisierung des modernen Lacrosse, die maßgeblich durch William George Beers geprägt wurde und das Spiel rationalisierte, bürokratisierte und exklusiv gestaltete.
4. Konklusion: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und belegt, wie die kulturelle Hegemonie der europäischen Siedler durch Sport als Identitätsträger die Ausgrenzung der Ureinwohner manifestierte.
Schlüsselwörter
Baggataway, Lacrosse, Sportgeschichte, Kanada, Allen Guttmann, Modernisierung, Institutionen, Amateursport, Ausgrenzung, Kolonialisierung, Indigene Bevölkerung, Identitätsbildung, Rationalisierung, Bürokratisierung, Ritual.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Übergang vom indianischen Baggataway zum modernen, institutionalisierten Lacrosse in Kanada des späten 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Sportgeschichte, soziale Ausgrenzung durch den Amateurstatus, der Aufbau nationaler Identitäten und der Vergleich zwischen ritueller und säkularer Sportkultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu belegen, dass die unterschiedliche Perzeption und Konzeption von Sport zur aktiven Ausgrenzung indigener Spieler aus dem organisierten Lacrosse führte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit wendet das evolutionäre Sportmodell von Allen Guttmann an, um die Merkmale von Baggataway und Lacrosse zu analysieren und zu kontrastieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die sieben Kriterien Guttmanns – wie Säkularität, Rationalisierung und Bürokratisierung – in Bezug auf beide Spielarten und betrachtet die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Kanada.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Baggataway, Lacrosse, kulturelle Hegemonie, Amateurideologie, Nationalstaatsbildung und koloniale Ausgrenzung charakterisiert.
Welche Rolle spielt William George Beers in dieser Entwicklung?
Beers war eine Schlüsselfigur, die Lacrosse als modernen Nationalsport etablierte, wobei sein Regelwerk sowohl eine Rationalisierung des Sports als auch ethnozentrische Vorurteile gegenüber den Indianern festigte.
Warum kam es zur Ausgrenzung der Indianer aus dem Sport?
Die Indianer passten nicht in das bürgerliche Ideal des Amateursports, das von der weißen Elite durch exklusive Satzungen und Diskriminierung als Schutzmechanismus gegen die spielerische Überlegenheit der Indigenen definiert wurde.
- Citation du texte
- Paul Vierkant (Auteur), 2006, Der kleine Bruder des Kriegs passt nicht ins Konzept - Eine komparative Studie zwischen Baggataway und Lacrosse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78843