Norbert Elias untersuchte in den 1930er Jahren Etikette- bzw. Anstandsbücher aus dem 15. bis zum 19. Jahrhundert und entwickelte daraus sein zum Klassiker avanciertes Werk „Über den Prozess der Zivilisation“. Auf seiner Theorie und Methode aufbauend tat Cas Wouters ab den 70er Jahren dasselbe: Etikettebücher seien vielleicht eine Mischung aus wirklichem und idealem Verhalten, aber auch diese Ideale seien real, so Wouters, und nicht von Sozialwissenschaftlern konstruiert. Dieses Quellenmaterial sollte beweisen, wie sich die psychische Struktur des Menschen im Laufe der Zeit veränderte – an Hand von Verhaltensänderungen in der Gesellschaft. Nach Elias sind Verhaltensregeln Ausdruck sozialer Kontrolle, also der von anderen ausgehenden Zwang zur Selbstkontrolle. In „Über den Prozess der Zivilisation“ versucht Elias, den gesellschaftlichen Übergangsprozess vom mittelalterlichen feudalen System in Westeuropa zum System des französischen absolutistischen Nationalstaats darzustellen. Sein erklärtes Ziel ist dabei, die langfristigen Wandlungsprozesse nicht nur im sozialen Habitus, sondern auch im Denken und Fühlen von Menschengruppen zu erforschen.
Der Ansatz von Elias, Psychogenese und Soziogenese miteinander zu verbinden, den Zusammenhang zwischen der menschlichen Psyche und den Strukturen der menschlichen Gesellschaft zu erforschen, machte sein Werk zu „einer Pionierstudie der Soziologie der Emotionen ohne diesen Namen zu tragen. Die Soziogenese von Scham und Peinlichkeit ist wohl ihr Kernstück. Viel deutlicher als bei den Klassikern Durkheim und Weber wird bei Elias die soziale Grundlegung von Gefühlen behandelt.
Cas Wouters hat diesen Ansatz ebenso verfolgt und steht damit in der Entwicklung eines wachsenden Interesses der Soziologie, Psychologie und Geschichte an Emotionen seit Mitte der 70er Jahre. Er hat sich dabei zunehmend auf das geschlechtsspezifische Verhalten konzentriert. Während Elias jedoch in „Über den Prozess der Zivilisation“ eine fortschreitende Verschärfung der Codes für Verhalten und Gefühle feststellt und damit eine zunehmende „Formalisierung“, widmet sich Wouters der These, im 20. Jahrhundert kam es zur „Informalisierung“, einem Prozess, in dem immer mehr Gefühls- und Verhaltensformen akzeptabel wurden Der Autor diskutiert folglich auch die Frage, ob der Zivilisationsprozess seine Richtung geändert hat.
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Inhaltsübersicht
1 Einleitung
2 Einblick in die Zivilisationstheorie von Norbert Elias
2.1 Monopolmechanismus und Differenzierung
2.2 Angst und Schamgefühle
2.3 „Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten“
3 Kritik an der Zivilisationstheorie
3.1 Die Frage der „Triebkontrolle“ und „Affektmodellierung“
3.2 Die Frage nach den gestiegenen Selbstzwängen
3.3 Andere Kritikpunkte an der Zivilisationstheorie
4 Weiterentwicklung durch Cas Wouters
4.1 Die Informalisierungsthese
4.2 Weibliche Emanzipation und der westliche Wohlfahrtsstaat
4.3 Formalisierung und Informalisierung: ein Richtungswechsel?
5 Schlussfragen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Zivilisationstheorie von Norbert Elias im Kontext der Soziologie der Emotionen und analysiert kritische Perspektiven sowie die Weiterentwicklung durch Cas Wouters, um zu klären, ob sich Zivilisationsprozesse durch eine zunehmende Formalisierung oder Informalisierung auszeichnen.
- Grundlagen der Zivilisationstheorie nach Norbert Elias
- Kritische Auseinandersetzung mit der Theorie (insb. Hans Peter Duerr)
- Die Informalisierungsthese von Cas Wouters
- Zusammenhang zwischen weiblicher Emanzipation und Emotionsregulierung
- Verhältnis von Fremd- und Selbstzwängen in modernen Gesellschaften
Auszug aus dem Buch
2.1 Monopolmechanismus und Differenzierung
Den festgestellten Veränderungen begegnet Elias mit seinem „Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“. Eine zentrale Rolle spielt dabei der „Monopolmechanismus“:
„Wie in einer bestimmten Phase zunächst mehrere Gutsherrschaften, so finden sich in der folgenden Phase eine Reihe von Herrschaftseinheiten der nächsthöheren Größendimension, von Herzogtümern oder Grafschaften, in eine Konkurrenzsituation gestellt, in die Notwendigkeit, zu expandieren, wenn sie nicht früher oder später von expandierenden Nachbarn besiegt oder abhängig werden wollen.“
Nach Elias ist es relativ zufällig, welches Territorium den Ausscheidungskampf gewinnt, dass jedoch der gesellschaftliche Prozess „bei starkem Konkurrenzdruck zur Vergrößerung einiger Weniger und schließlich zu einer Monopolbildung tendiert, ist von solchen Zufällen weitgehend unabhängig.“ Die Verbindung von Steuer- und Gewaltmonopol hat die abendländische Gesellschaft in besonderem Maße geprägt: Das Monopol wurde zunehmend umfassender (größer) und arbeitsteiliger. Der hohe Grad der Funktionsteilung hat zu einer beständigen, spezialisierten Verwaltungsapparatur geführt, bei dem der oder die „Monopolherren zu Zentralfunktionären eines funktionsteiligen Apparats werden, mächtiger vielleicht als andere Funktionäre, aber kaum weniger abhängig und gebunden als sie.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in Norbert Elias’ Klassiker „Über den Prozess der Zivilisation“ ein und stellt den Übergang zu Cas Wouters’ Forschung über Formalisierungs- und Informalisierungsprozesse dar.
2 Einblick in die Zivilisationstheorie von Norbert Elias: Dieses Kapitel erläutert den Zivilisationsprozess als Transformation von Fremd- in Selbstzwänge, beeinflusst durch Monopolmechanismen und Interdependenzen.
3 Kritik an der Zivilisationstheorie: Hier werden die Gegenpositionen von Hans Peter Duerr diskutiert, der die Annahmen über Triebkontrolle und gestiegene Selbstzwänge in modernen Gesellschaften infrage stellt.
4 Weiterentwicklung durch Cas Wouters: Das Kapitel befasst sich mit der Informalisierungsthese und der Wechselwirkung zwischen Emanzipation, Wohlfahrtsstaat und der Steuerung von Emotionen im 20. Jahrhundert.
5 Schlussfragen: Abschließend wird kritisch reflektiert, ob man heute noch von einer simplen Umwandlung von Fremd- in Selbstzwänge sprechen kann oder ob unsichtbare Fremdzwänge eine größere Rolle spielen.
Schlüsselwörter
Zivilisationstheorie, Norbert Elias, Cas Wouters, Emotionen, Soziogenese, Psychogenese, Formalisierung, Informalisierung, Triebkontrolle, Selbstzwang, Fremdzwang, Interdependenz, Schamgefühl, Machtdifferenz, Emanzipation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologische Theorie des Zivilisationsprozesses nach Norbert Elias, deren Kritik durch Hans Peter Duerr und die moderne Weiterentwicklung durch Cas Wouters.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten zählen die Soziogenese von Emotionen, die Wandlung von Verhaltensstandards, Geschlechterrollen im Wohlfahrtsstaat sowie das Spannungsfeld zwischen Freiheit und gesellschaftlicher Kontrolle.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Gültigkeit der Zivilisationstheorie im 20. und 21. Jahrhundert zu hinterfragen und zu prüfen, ob ein Richtungswandel hin zur Informalisierung stattgefunden hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die auf den zentralen Werken von Elias, Wouters und deren Kritikern basiert, um die theoretischen Modelle komparativ gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Zivilisationsmechanismen, die kritische Diskussion über universelle Triebkontrolle und die Analyse der Informalisierungsprozesse unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Demokratisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zivilisationstheorie, Informalisierung, Formalisierung, Triebkontrolle, Soziogenese, Fremd- und Selbstzwänge, Emotionen.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Elias zu der von Duerr?
Elias betont das Einzigartige des abendländischen Zivilisationsprozesses als eine langfristige, spezifische Entwicklung, während Duerr in verschiedenen Kulturen universelle Grundmuster der Triebunterdrückung und Scham vermutet.
Welche Rolle spielt der westliche Wohlfahrtsstaat bei Wouters?
Wouters sieht den Wohlfahrtsstaat als einen Faktor, der Frauen durch finanzielle Sicherheit unabhängiger von Männern machte, was die Machtdynamik veränderte und die Erwartung an gegenseitige Selbstkontrolle verstärkte.
Was versteht Wouters unter der „Spiralbewegung“?
Wouters beschreibt damit den Wechsel von Emanzipations- und Anpassungsphasen, bei dem Verhaltensalternativen, die in einer Informalisierungsphase gewonnen wurden, in späteren Phasen in einen formalisierten Standard übergehen.
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- M.A. Mareike Bibow (Autor), 2005, Emotionen zwischen Selbst- und Fremdzwängen. Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, Kritik und Weiterentwicklung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78883