Goldonis Fächerkomödie "Il Ventaglio" - Darstellung anhand einer Analyse der (vielfältigen) Funktionen eines Gegenstandes


Seminararbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Eine Kulturgeschichte des Fächers
2.2 Der Fächer in der Komödie – zwischen Requisite und Protagonist
2.3 Funktionen des Fächers
2.3.1 -handlungsanzeigend und handlungsauslösend-
2.3.2 -dynamisierend-
2.3.3-theatermetaphorisch-

3 Fazit

Bibliographie

1 Einleitung

“Un ventaglio da donna principia la commedia, la termina, e ne forma tutto l’intrigo.”[1] schreibt Goldoni aus Paris an seinen Freund Francesco Albergati 1763. Was er beschreibt ist die Struktur seiner neuesten Komödie, Il Ventaglio. Diese Komödie aus der letzten Schaffensphase Goldonis entstand zunächst als Szenarium für die Comédie Italienne in Paris. Das Pariser Publikum fand keinen Gefallen daran. So kam L’Éventail über die Uraufführung nicht hinaus.[2] Goldoni verschriftlichte daraufhin die bisherige Handlungsskizze und sendete sie nach Venedig an das Teatro di San Luca.[3] Hier wurde sie an 10 aufeinanderfolgenden Abenden erfolgreich gezeigt.[4]

Il Ventaglio unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von allen anderen Komödien Goldonis. Das zunächst auffallendste Merkmal ist der Titel: Er gibt weder einen Schauplatz, eine zentrale Charakterfigur noch eine Situation wieder, sondern einen Gegenstand. Dies geschieht nicht zufällig, denn der Fächer ist in dieser Komödie das zentrale Motiv, er bestimmt die gesamte Handlung und den Aufbau der Komödie: „Il ventaglio di Candida è l’oggetto motore dell’intreccio; il protagonista insensibile e beffardo che sembra ridersi di tutti quelli che se lo disputano“[5].

Um die Entstehung von Il Ventaglio zu verstehen, müssen mehrere Aspekte Beachtung finden. So sah sich Goldoni in Paris angekommen in Bezug auf sein Komödienschaffen mit veränderten Umständen konfrontiert. In Italien hatte er bereits erfolgreich seine Theaterreform durchgeführt und war von den Strukturen der Commedia dell’arte zu der reformierten Charakterkomödie übergegangen. In Frankreich allerdings bediente die Comédie Italienne aus ihrem Nischendasein zwischen Comédie francaise und Opéra noch immer die aus Goldonis Sicht überkommene Form der commedia dell’arte, man spielte in Masken und improvisierte größtenteils nach Handlungsskizzen.[6]

So waren die Schauspieler nicht bereit bzw. in der Lage, ausformulierte Texte zu lernen, was Goldoni in einem Brief wie folgt bedauert:

Finora non ho fissato alcun metodo al mio teatro in Parigi: questi commedianti italiani erano avvezzi a rappresentare le più sconcie farse del mondo, e tutte a soggetto, non per abilità di saper parlare, ma per difetto di non sapere imparare a memoria.[7]

Auch gegenüber seinem Freund Albergati äußerte er die schlechte Verfassung der Schauspieler: „Essi non imparano le scene studiate; non eseguiscono le scene lunghe, ben disegnate [...]”[8]. Neben den Fähigkeiten der Schauspieler beeinflusste das Verhalten des Pariser Publikums Goldonis Überlegungen. Die Damen im Publikum verstanden die italienische Sprache nicht ausreichend und blieben daher der Comédie Italienne fern:

Le donne franzesi non intendono l’italiano, e quando al teatro mancano le donne, scarseggiano ancora gli uomini. Bisogna ch’ io procuri di obbligare questo sesso difficile; per farlo, bisogna interessarlo, e come? Con delle novità, con dei spettacoli, e con molto franzese.[9]

Goldoni fühlte sich von diesen Beobachtungen herausgefordert, eine neue Form der Komödie zu entwickeln und setzte dabei auf den Fundus seiner in den Jahren der Theater- und Schreibtätigkeit gemachten Erfahrungen. Er war – wie er schon oft bewiesen hatte – in der Lage, sich seinem Publikum anzupassen, ohne sich sklavisch dem Zeitgeschmack unterzuordnen. Vielmehr setzte er sich daran, eine Synthese zu schaffen – Biancamaria Mazzoleni nennt es eine „forma intermedia di spettacolo senza i difetti dei vecchi canovacci“[10] – die das Publikum zurückerobern und zugleich seinen eigenen Maßstäben gerecht werden sollte:

[…] ed io ho fatto una commedia di molte scene, brevi, frizzanti, animate da una perpetua azione, da un movimento continuo, onde i comici non abbiano a far altro che eseguire più coll’azione che colle parole. Vi vorrà una quantità grande di prove sul luogo dell’azione, vi vorrà pazienza e fatica, ma vuò veder si me riesce di far colpo con questo metodo nuovo. Il titolo della Commedia è l’ Éventail […][11]

So formuliert Goldoni hier bereits den Grundgedanken seiner neuen Komödie. Auch wenn zu dem Zeitpunkt dieses Briefes die fertig ausformulierte Komödie für Venedig noch nicht existierte, kann man diese Aussagen doch auch für die verschriftlichte Form heranziehen.[12] Denn die Struktur der Komödie mit ihrem Aktionsreichtum und ihren vielen kurzen und pointierten Szenen blieb auch nach der Adaption die gleiche.

Im Folgenden soll nun eine genauere Betrachtung des Fächermotivs Goldonis Idee Rechnung tragen. Zunächst wird eine kurze Kulturgeschichte des Fächers zeigen, welche Bedeutung er hatte, und welche kulturellen Besonderheiten mit ihm zusammenhängen. Ein weiterer Abschnitt erörtert sein Zwitterdasein in dieser Komödie zwischen Requisite und Protagonist. Denn der Fächer nimmt hier ungleich mehr Bedeutung in sich auf als ein einfacher Ausstattungsgegenstand.

Da der Fächer dieses bereits besprochene zentrale Motiv der Komödie ist, nimmt er im Verlauf der Handlung verschiedene Funktionen ein. Zunächst erfüllt er die Funktion einer Requisite und charakterisiert seine Trägerin näher. Daraufhin wird er zum handlungstreibenden Element und darin zum Symbol der Liebesgunst. Und darüber hinaus wandelt er sich zum Symbol des Liebesglücks, und so der fortuna. Zuletzt nimmt der Fächer die Funktion der Theatermetapher ein, er steht diesbezüglich für die Komödie selbst. Diese einzelnen Funktionen des Fächers sollen in einer Textanalyse genauer betrachtet werden. Auf eine Zusammenfassung der Handlung wurde in diesem Rahmen verzichtet, sie ergibt sich größtenteils aus den einzelnen Passagen der Analyse.

Berücksichtigt man den Funktionsreichtum des Fächers, drängt sich eine monographische Bearbeitung dieses Motivs in Goldonis Il Ventaglio förmlich auf. Denn wie Goldoni schon schrieb, bestimmt der Fächer die ganze Handlung und so die ganze Komödie. Er ist in diesem Sinn ein werkkonstituierendes Element, das in seiner Gänze analysiert werden sollte.

2 Hauptteil

2.1 Eine Kulturgeschichte des Fächers

Ein Fächer ist zunächst ein Handgerät zum erzeugen eines Luftstroms und fand über den zweckdienlichen Gebrauch hinaus weitere Bedeutung. Fächer waren schon im Altertum bekannt, so sind sie für Ägypten, Babylonien, Persien, Indien und China belegt. Zum Zeichen der Herrscherwürde wurde ein Wedel aus Palmblättern, Straußen- oder Pfauenfedern an einem langen Stiel von einem Bediensteten bewegt. Auch die Griechen und Römer benutzten den Wedel in Blattform.

In Asien wurden Fächer oft kunstvoll bemalt oder mit Kalligraphie versehen und zu Sammelobjekten. In Europa sind Fächer als modisches Gerät seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Der aus Japan stammende Faltfächer wie wir ihn heute kennen gelangte im 16. Jahrhundert über Portugal nach Spanien und Italien und verbreitete sich in ganz Europa. Die Nachfrage konnte schon bald nicht mehr durch den Import gedeckt werden und es entstand der Kunsthandwerksberuf des Fächermachers. Frankreich war Mitte des 18. Jahrhunderts mit allein 150 Fächermachern ein Hauptzentrum der Fächerproduktion.

Das 18. Jahrhundert und insbesondere die Stilepoche des Rokoko war die Hauptblütezeit des Fächers. Fächer wurden aus kostbarsten Materialien wie Elfenbein, Schwanenhaut Perlmutt und Edelsteinen gefertigt und mit mythologischen oder bukolischen Szenen oder heiteren Genre-Szenen bemalt. So erreichten Fächer einen hohen Stellenwert als Accessoire und Statussymbol.

Neben der praktischen Funktion erhielt der Fächer in dieser verfeinerten Zeit eine kommunikative Bedeutung. In einer Fächersprache wurden bestimmte Haltungen des Fächers zu Botschaften der Trägerin an ihren Verehrer semantisiert. Zudem waren Fächer zuweilen mit kleinen Spiegeln oder Spielereien versehen oder zeigten unterschiedliche, zum Teil erotische Szenen, je nachdem wie man sie hielt.[13]

Der Fächer ist also einerseits ein Nutzinstrument, das vor allem in warmen Ländern benötigt wurde, aber andererseits ein Ausdruck von Macht, Stand und Eleganz. Er ist ein Symbol der Tabuisierung des Lachens oder des offenen Gesichtsausdruckes und zugleich ein Mittel der Kontaktaufnahme mit einem Fremden. In seiner Zugehörigkeit zur modischen Ausstattung einer Frau ist er intim an sie gebunden und ist ein Mittel ihres Stilbewusstseins, ihres Ausdrucksvermögens und ihrer Verhaltensweise. Nicht zuletzt ist der Fächer ein Symbol der verfeinerten Lebensart, der Konventionalisierung von Kommunikation und der Versinnlichung und Koketterie.

[...]


[1] Goldoni, Carlo: (Epistolario) XCVII - Al Marchese Francesco Albergati (Parigi, 18 Aprile 1763), a cura di Giuseppe Ortolani; Milano: Mondadori, Tomo XIV, 1956, S. 280.

[2] S. Hösle, Johannes: Carlo Goldoni – Sein Leben, sein Werk, seine Zeit; München: Piper, 1993, S. 330.

[3] Diese „doppelte Verwertung“ war keine Ausnahme. So reduzierte Goldoni mehrere seiner bereits geschriebenen Komödien für das französische Theater auf Handlungsskizzen und formte im Gegenzug mehrere seiner in Paris entstandenen canovacci für den venezianischen Markt zu ausformulierten Komödien um. S. Joly, Jacques: L’altro Goldoni; Pisa: ETS, 1989, S. 99.

[4] S. Weichmann, Birgit: Eccomi finalmente a Parigi! Untersuchungen zu Goldonis Pariser Jahren (1762-1793); Bonn: Romanistischer Verlag, 1993, S. 268.

[5] Rodriguez, Mayrah: „Osservazioni sulla struttura del Ventaglio”; In: Lingua e stile, XVIII, settembre 1983, numero 3, S. 419.

[6] S. Hösle, Johannes: Carlo Goldoni – Sein Leben, sein Werk, seine Zeit; München: Piper, 1993, S. 311-313. Und Mazzoleni, Biancamaria: L’Éventail – Il Ventaglio di Carlo Goldoni, Roma:Bulzoni, 1990, S. 11.

[7] Goldoni, Carlo: (Epistolario) XCVI - Al Conte Agostino Paradisi (Parigi, 28 Marzo 1763), a cura di Giuseppe Ortolani; Milano: Mondadori, Tomo XIV, 1956, S. 278.

[8] Goldoni, Carlo: (Epistolario) XCVII - Al Marchese Francesco Albergati (Parigi, 18 Aprile 1763), a cura di Giuseppe Ortolani; Milano: Mondadori, Tomo XIV, 1956, S. 280.

[9] Ebd., S. 281.

[10] Mazzoleni, Biancamaria: L’Éventail – Il Ventaglio di Carlo Goldoni, Roma:Bulzoni, 1990, S. 15.

[11] Goldoni, Carlo: (Epistolario) XCVII - Al Marchese Francesco Albergati (Parigi, 18 Aprile 1763), a cura di Giuseppe Ortolani; Milano: Mondadori; Tomo XIV, 1956, S. 280.

[12] Vor allem weil Goldoni in seinen Mémoires diese Komödie nicht erwähnt, müssen wir auf die Aussagen in den Briefen zurückgreifen. Dies kann sogar als Vorteil gelten, spricht doch Goldoni hier zeitnah zu dem Entstehen der Komödie und nicht aus der ungleich reflexiveren und dadurch möglicherweise verfälschenden Perspektive des Lebensrückblicks. Goldoni konnte in seinen Briefen an Albergati noch nicht wissen, ob seine Bestrebungen von Erfolg gekrönt sein würden. Das macht den Reiz dieser Quelle aus.

[13] Vgl. http://www.faechersammlung.de/geschichteD.htm und Barisch, Marie-Luise und Günter: Fächer – Spiegelbilder ihrer Zeit; München: Hirmer, 2003.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Goldonis Fächerkomödie "Il Ventaglio" - Darstellung anhand einer Analyse der (vielfältigen) Funktionen eines Gegenstandes
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Komik und Komödie - von der Renaissancekomödie zum Theater des 18. Jahrhunderts
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V78983
ISBN (eBook)
9783638894449
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Ausführungen der Verfasserin sind in jeder Hinsicht überzeugend. Bemerkenswet ist nicht unr der kulturgeschitliche Ansatz, sondern auch die konzentrierte und logische Abhandlung des Themas. Die Verfasserin versteht es, die Funktionen des titelgebenden Objekts in den entscheidenden Szenen der Komödie zu verfolgen und aufzuweisen. Darüber hinaus ist die Arbeit akribisch dokumentiert und arbeitet souverän mit einer gut gewählten Bibliographie.
Schlagworte
Goldonis, Fächerkomödie, Ventaglio, Darstellung, Analyse, Funktionen, Gegenstandes, Komik, Komödie, Renaissancekomödie, Theater, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Caroline Wullenweber (Autor), 2007, Goldonis Fächerkomödie "Il Ventaglio" - Darstellung anhand einer Analyse der (vielfältigen) Funktionen eines Gegenstandes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78983

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Goldonis Fächerkomödie "Il Ventaglio" - Darstellung anhand einer Analyse der (vielfältigen) Funktionen eines Gegenstandes



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden