Heideggers Glaube an die rettende Gefahr des Selben


Essay, 2003
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Nah ist/ Und schwer zu fassen der Gott./ Wo aber die Gefahr ist, wächst/ Das Rettende auch.

Hölderlin, Patmos.

Seine Vorlesung zum Wintersemester 1951/52 eröffnet Heidegger mit der Not­wendigkeit in das zu gelangen, Was Denken heißt? Unser diesbezügliches Ein­lassen auf ein Lernen zu denken gesteht dann, „daß wir das Denken noch nicht vermögen.“[1] Nicht nur für Studenten der Kulturwissenschaft bedeutet dieses Geständnis, sich auf das Lesen einzulassen als dem abendländischen Denken gemäß. Das anschließende und auf ein unbenennbares Ziel hin sam­melnde Lesen identifiziert Heidegger 1954 in Was heißt Lesen? als das Tragen­de und Leitende des Willens zum Wissen. Dieses Lesen auf ein Futur 2 hin „ist die Sammlung auf das, was ohne unser Wissen einst schon unser Wesen in den Anspruch genommen hat.“[2] Irgendwann entläßt schließlich die Samm­lung jeden Denker in das Denken eines einzigen und stets selben Gedankens:

Und die Schwierigkeit für den Denker ist, diesen einzigen, diesen einen Gedanken als das einzig für ihn zu-Denkende festzuhalten, dieses Eine als das Selbe zu den­ken und von diesem Selben in der gemäßen Weise zu sagen. Vom Selben sprechen wir jedoch nur dann in der ihm gemäßen Weise, wenn wir vom Selben immer das Selbe sagen und zwar so, daß wir dabei selbst vom Selben in den Anspruch genom­men werden. Für das Denken ist daher das Grenzenlose des Selben die schärfste Grenze.[3]

Heideggers Gedanken kreisen allesamt um die je epochale Vergessenheit des menschlichen Daseins um sein Sein als Gehaltensein in den grundlosen Grund des Nichts der ontologischen Differenz von Sein und Seiendem. Hierin vertritt er die Hegelianische Anschauung, daß das reine Sein und das reine Nichts dasselbe seien.[4] Das Sein verbirgt sich gerade im entbergenden Da der Lichtung des Seins als vom Sein nicht positiv Unterschiedenes, „denn alles Unentschiedene lebt immer nur von dem, zwischen dem es sich nicht ent­scheidet.“[5] Das Bedenken dieser Unentschiedenheit vermag immer nur das­selbe zu Sagen oder, was dasselbe ist, in unterschiedlichsten Diskursen zur Sprache zu bringen. Heideggers Bedenken dieser Unentschiedenheit wagt 1926 in Sein und Zeit einen buchstäblichen Sprung in den verbalen Abgrund der Wörter werdenden Wortkonstellationen. Wie Hegel vor ihm und Derrida nach ihm, obliegt Heidegger der Gestus einer kritischen Abrechnung mit der auf ihn selbst fokussierten abendländischen Metaphysik. In diesem Sinne stand sein abgebrochenes Werk Sein und Zeit im Zeichen der verbalinspirier­ten Frage nach dem Sinn von Sein und der Kritik der Seinsvergessenheit der abendländischen Philosophie nach Aristoteles.

Heideggers schwer verständliches aber einflußreiches Werk Sein und Zeit aus dem Jahre 1926 stand im Zeichen der Frage nach dem Sinn von Sein. Zur Beantwortung der Seinsfrage analysierte Heidegger die Grundstrukturen des menschlichen Daseins. Dieses Sein des Menschen zu befragen, zu unter­suchen, sollte der Weg sein, denn der Mensch ist unter allem Seienden dasje­nige, das das Sein immer schon, wenn auch undeutlich, versteht. Heidegger nennt diese Untersuchung Fundamentalanalyse des Daseins und bildet als Fundamentalontologie den Hauptinhalt von Sein und Zeit, wobei er sich von der bisherigen Philosophie als Ganzes distanzieren möchte, indem er seine Grundbestimmungen der Seinsstrukturen nicht Kategorien nennt wie Aristo­teles und Kant, sondern Existenzialien. Als ersten Teil des Buches schreibt Heidegger eine vorbereitende Fundamentalanalyse des Daseins, um nach dem zweiten Teil, in dem Dasein als Zeitlichkeit in der Zeit verstanden werden soll, im dritten und letzten Teil Zeit und Sein das Dasein endgültig mit der Zeit zu­sammenfallen zu lassen.[6] Erschienen als Sein und Zeit ist jedoch nur der erste und zweite Teil. Rückblickend erachtete Heidegger das Denken am Ende des zweiten Teils schlechterdings für unzureichend, da sich im dritten Teil das Ganze umkehrt. Im Jahre 1946, also genau zwanzig Jahre nach Sein und Zeit, als Brief verfaßten Werk Über den Humanismus schreibt er dazu:

Der fragliche [dritte] Abschnitt wurde zurückgehalten, weil das Denken im zurei­chenden Sagen dieser Kehre versagte und mit Hilfe der Sprache der Metaphysik nicht durchkam. […] Diese Kehre ist nicht eine Änderung des Standpunktes von Sein und Zeit, sondern in ihr gelangt das versuchte erst in die Ortschaft der Dimen­sion, aus der Sein und Zeit erfahren ist, und zwar erfahren aus der Grunderfahrung der Seinsvergessenheit.[7]

Am Ende des ersten Abschnitts von Sein und Zeit stellt Heidegger die Frage, was die bisherige Fundamentalanalyse des Daseins für die Beantwortung der Frage nach dem Sinn von Sein bereitgestellt hat, d. h. ob mit der Sorge als ur­sprünglicher Seinsverfassung der Sinn von Sein umgrenzt ist:

Gibt die im Phänomen der Sorge liegende Strukturmannigfaltigkeit die ursprüng­lichste Ganzheit des Seins des faktischen Daseins? Hat die bisherige Untersuchung überhaupt das Dasein als Ganzes in den Blick bekommen? (SuZ, 230.)

[...]


[1] Heidegger 1992, 3.

[2] Heidegger 1983, 111.

[3] Heidegger 1992, 31f. Hervorhebungen von mir.

[4] Vgl. Hegel 1979, Bd. 5, 83.

[5] Heidegger 1992, 20.

[6] Vgl. Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1984, S. 39.

[7] Heidegger, Über den Humanismus, Frankfurt/Main 1981 (1949), S. 19.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Heideggers Glaube an die rettende Gefahr des Selben
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
9
Katalognummer
V79014
ISBN (eBook)
9783638856362
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heideggers, Glaube, Gefahr, Selben
Arbeit zitieren
Dr. des. Robert Dennhardt (Autor), 2003, Heideggers Glaube an die rettende Gefahr des Selben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79014

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