Deleuze’ denkende Mannigfaltigkeit des Rhizoms


Essay, 2003
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Humpty-Dumpty saß […] auf einer hohen Mauer […]. Wenn ich ein Wort gebrauche, dann heißt es genau, was ich für richtig halte.

Carroll, Alice hinter den Spiegeln.

Deleuze’ Werk stellt sowohl die Alleinherrschaft des Signifikanten in Frage, als auch seinen sinnvollen Gebrauch im und als Buch. Die zwanglos komponie­rende Schreibweise seines Buches [Der] Tausend Plateaus wird nur geregelt im und durch den Diskurs der Topologie. Dessen Aussageformationen beginnen hier in jenen Gedankenexperimenten, welche nicht nur von Derrida und Fou­cault postuliert wurden, um einen zugleich erkenntniserweiternden und anti-wissenschaftlichen Zenit zu markieren. Erreicht wird dieser in seinem später veröffentlichten und dem Titel nach philosophisch anmutenden Buch Logik des Sinns. Inspiriert vom labyrinthischen Kaninchenbau des Mathema­tikers Lewis Carroll, läßt Deleuze die Gebietsansprüche der Philosophie von rebelli­schen Armeen mannigfaltiger Metaphernkonstellationen unterwandern. Die Irreführung des Lesers zwischen tausend Plateaus, d. h. Mannigfaltigkei­ten des Sinns als Funktion des Unsinns, bleibt Deleuze’ einziger Zweck seines li­terarischen Stils, der keine neue Schule sein will, sondern eine kreative Werk­zeugkiste für die Relektüre des bastelnden Lesers.[1] Innerhalb des Bu­ches soll das nomadisierende Denken selbst Teil der Kriegsmaschinerie des Rhizoms werden gegen den genealogischen Baum des Staatsapparates der Philosophie.

Das Buch ist kein Bild der Welt und noch viel weniger Signifikant. Es ist nicht schöne organische Totalität, auch nicht mehr Einheit des Sinns. [… sondern] eine Werkzeugkiste. […] Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt. Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Schreibweise. Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art zu lesen. In einem Buch gibt es nichts zu verstehen, aber viel, dessen man sich bedienen kann. […] Ein Buch muß mit etwas anderem Maschine machen, es muß ein kleines Werkzeug für ein Außen sein. […] Das Buch ist kein Wurzelbaum, sondern Teil eines Rhizoms, Plateau eines Rhizoms für den Leser, zu dem es paßt. […] Ja, nehmt was ihr wollt.[2]

Deleuze’ Theorie der Mannigfaltigkeiten beschreibt die Welt als eine Realität, in denen Subjektivierungen, Totalisierungen und vereinheitlichende Identitä­ten oder ontologische Differenzen als aktual flüchtige Muster der Überdeter­minierung einer Bedeutung im Rhizom produziert werden. „Die Welt hat ihre Hauptwurzel verloren, das Subjekt kann nicht einmal mehr Dichotomien kon­struieren, sondern gelangt zu einer […] Einheit der Ambivalenz oder Überde­terminierung.“[3] Das aktuale Verwirklichungsmodell der Mannigfaltigkeiten in Raum und Zeit nennt Deleuze das Rhizom, in dem die Bereiche kontinuier­lich-diskursiver Intensität die sogenannte Kompositionsebene der Plateaus bilden. Zu überlegen ist dann, ob der Begriff Diskurs für Deleuze überflüssig wird, wenn er innerhalb des Rhizoms ein Supplement des Begriffs Mannigfal­tigkeit ist? Genauso fragen läßt sich, ob der Begriff Mannigfaltigkeit und Fou­caults Begriff der diskursiven Formation dasselbe sind?

Den wichtigsten Hinweis für den Supplementcharakter des Diskursbegrif­fes liefert Deleuze mit einer zentralen Eigenschaften des Rhizoms, nämlich die unbedingte Möglichkeit, jede topologische Ortschaft, d. h. jeden Punkt des Rhizoms miteinander verbinden zu können, wobei ein Punkt ein Buch, Wis­sensfeld oder gerade ein Diskurs sein kann. Indem das Rhizom unaufhörlich aktual diskursivierbare Ereignisse aus Kunst und Wissenschaften unterein­ander zu verbinden vermag, werden alle interdiskursiven Transformationspro­zesse, die niemals eindeutige Transformationen sondern nur Ähnlichkeiten textualisieren können, zu einer Quasisemiologie oder Transsemiotik ohne jede archivierbare ontologische Genealogie wie sie zuvorderst durch jedwede Baum-Diagrammatik suggeriert wird: „Das Rhizom ist eine Antigenealogie.“[4] Die wichtigste Eigenschaft des Rhizoms erläutert Deleuze anhand der medial antinomischen Metaphern der Karte des Selben und der Kopie des Gleichen. Jede Kopie als Abbild eines Wissensfeldes von der Welt kann immer nur aus­schnittweise das Gleiche reproduzieren, weil sie dem Begehren nachgibt, die Karte in ein Bild zu übersetzten, bestehend aus Netzen wohlbekannter und marginaler Pfade, d. h. Wurzeln signifikanter Aussagen, d. h. Rhizomaus­schnitt.

Die Karte ist das Gegenteil einer Kopie, weil sie ganz und gar auf ein Experimentie­ren als Eingriff in die Wirklichkeit orientiert ist. […] Sie unterstützt die Verbindung von [Wissens-] Feldern [oder Diskurse]. Sie ist selber Teil des Rhizoms. Die Karte ist offen, sie kann […] ständig neue Veränderungen aufnehmen. […] Eine Karte hat viele Zugangsmöglichkeiten, im Gegensatz zur Kopie, die immer nur auf das Gleiche hinausläuft.[5]

[...]


[1] Vgl. Miller 1995, 287.

[2] Deleuze 1977, 40.

[3] Deleuze 1997, 15.

[4] Deleuze 1997, 21, vgl. 16f. Den Begriff Transsemiotik entwickelt Deleuze in der Analyse eta­blierter Zeichenregime des christlich-abrahamitischen Abendlandes, z. B. des Sünd- oder Sühneopfers. (Deleuze 1997, 188ff).

[5] Deleuze 1997, 23f. Bermerkungen von mir.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Deleuze’ denkende Mannigfaltigkeit des Rhizoms
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
9
Katalognummer
V79017
ISBN (eBook)
9783638856393
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mannigfaltigkeit, Rhizoms, Deleuze
Arbeit zitieren
Dr. des. Robert Dennhardt (Autor), 2003, Deleuze’ denkende Mannigfaltigkeit des Rhizoms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79017

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