Bachelards poetischer Raum der Episteme


Essay, 2003
7 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Sogleich erklang die Stimme des Mu­schelhorns. […] Die Stimme schwieg. […] Das hört man bestimmt meilenweit.

Golding, Herr der Fliegen.

Der Epistemologe Gaston Bachelard (1884 – 1962) arbeitete unter Berücksich­tigung der analytischen Psychologie Jungs und Psychoanalyse Freuds, wo­nach dem Denken eine Struktur eignet, über Fragen der Wissenschaftstheorie sowie der Theorie des künstlerischen, insbesondere dichterischen Schaffens. Im Gegensatz zu Serres’ Anfängen der Wissenschaftsphilosophie kritisiert Ba­chelard den gesunden Menschenverstand als eigentliche Quelle der Irrtümer in den Wissenschaften. In dialektischer Manier unterscheidet er noch strikt zwischen rational-naturwissenschaftlichem und intuitiv-poetischem Denken. Letzteres sah er durch Traumerinnerung, Metaphern und Symbole geprägt. Als ehemaliger Postangestellter und Autodidakt war er ein echter Außenseiter der französischen akademischen Szene. Foucault zufolge wurde die wunderli­che Macht der dynamischen Einbildungskraft in den exakten Wissenschaften niemals besser beschrieben als in Bachelards Analyse der Wassertraumbilder. Bachelards Geistesgeschichte der Episteme rekonstruiert peinlich genau die sich verändernden Glaubensbekenntnisse und diskursiven Praktiken der po­sitiven Wissenschaften.1

Zwar lehnte Bachelard die alleinige Gültigkeit der zeitgenössischen Sprach­philosophie Wittgensteins und synchronisch-strukturalen Linguistik Saussu­res ab, formulierte aber in methodischer Zusammenschau von Mathematik, Physik und strukturaler Poetik Aussagen über das Denken in den entstehen­den epistemologischen Brüchen (ruptures) und Hindernissen (obstacles) zwi­schen diesen Wissensproduktionen, d. h. Diskursfeldern.2 Er faßte das Proble­matische seines Denkens im Begriff des Epistemologischen Bruchs (epistemolo­gical break) zusammen , wonach objektive Erkenntnis in den Naturwissenschaf­ten nur zunehmen kann, wenn deren Diskurse oder Wis­sensformationen (knowledge formations) sich nicht in die natürliche Sprache des gesunden Men­schenverstandes transformieren lassen.3 Neben den übli­chen Paradoxien des Denkens von potentiell Möglichem als Aufschub eines Gedankens im Futur 2, macht Bachelard in seiner ideengeschichtlichen Epis­temologie deutlich, daß die entstehende Verwirrung des empirischen Denkens und

das Problem der wissenschaftlichen Erkenntnis in Begriffen des Hindernisses ge­stellt werden muß. Und es handelt sich nicht darum, äußere Hindernisse in Be­tracht zu ziehen. […] Im Akt des Erkennens selbst, innerlich, treten, durch eine Art [je diskursiv] funktionaler Notwendigkeit, die Verlangsamungen und Verwirrungen in Erscheinung. […] Nie ist das Reale das, was man sich denken könnte, sondern es ist immer das, was man hätte denken müssen. Das empirische Denken ist nach­träglich klar, wenn das Instrumentarium der Gründe richtig eingestellt ist. […] Die Naturwissenschaft setzt sich […] absolut der Meinung entgegen. […] Die [natürlich-sprachliche und poetisch-metaphorische] Meinung denkt falsch; sie denkt nicht: sie übersetzt Bedürfnisse in Erkenntnisse.4

[...]


1 Vgl. Miller 1995, 86f, 133.

2 Vgl. Tiles 1984, 185, 44 bis 48.

3 Vgl. Norris 1998, 87, 91.

4 Bachelard 1974, 170f. Bemerkungen von mir.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Bachelards poetischer Raum der Episteme
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
7
Katalognummer
V79020
ISBN (eBook)
9783638856409
ISBN (Buch)
9783656697855
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Raum, Episteme, Bachelard, Poetologie
Arbeit zitieren
Dr. des. Robert Dennhardt (Autor), 2003, Bachelards poetischer Raum der Episteme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79020

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