Emilia Galotti. Engel oder Luder


Seminararbeit, 2001

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einführung

Das Paar Emilia und Appiani

Entwicklung des Charakters der Emilia

Ausblick, Gedanken, Offene Fragen

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Einführung

An der Frage "Warum stirbt Emilia Galotti" kommt kaum ein Abiturient und noch weniger ein literatur- bzw. theaterwissenschaftlicher Student vorbei. Ob im Deutsch L - Kurs, auf dem Spielplan des örtlichen Staatstheaters, oder eben im Grundkurs Neuere Deutsche Literatur - immer wieder begegnet man Emilia mitsamt ihrer vielinterpretierten Todesumstände.

Während der Arbeit an meinem Referat für dieses Seminar stand ich noch ganz unter dem Eindruck der gängigen Interpretationen, die mir sowohl in meiner schulischen Laufbahn als auch in der Sekundärliteratur mehr als einmal präsentiert wurden: Emilia Galotti, als das erste deutsche Bürgerliche Trauerspiel exemplarischer Vorläufer u.a. von Schillers „Kabale und Liebe“, in welchem Lessing „kühn... dem schamlosen Treiben absolutistischer Fürsten und ihrer Kreaturen den Spiegel vorgehalten“1) hat . Zunächst erschien es mir logisch, auch meine Hausarbeit im Sinne dieser klassischen Interpretationen zu schreiben, die ja literaturwissenschaftlich durchaus einleuchtend und logisch erscheinen. Beim immer wieder neuen Lesen des Stückes beschäftigten mich als begeisterten Theaterbesucher jedoch zunehmend weniger die Probleme des aufgeklärten Bürgertums und der schrankenlosen Tyrannenwillkür als vielmehr die Charakterisierung der Hauptperson Emilia. Die Tatsache, daß ein junges Mädchen ernsthaft glaubhaft zu machen versucht, sie fühle sich nicht durch die Komplimente eines Prinzen geschmeichelt, ist ausgesprochen schwer nachvollziehbar. Der freiwillige Tod angesichts des Eingeständnisses der eigenen Verführbarkeit blieb schon zu Lessings Lebzeit nicht ohne Widerspruch 2) , und muß heute, über zweihundert Jahre später, erst recht kritisch hinterfragt und neuinterpretiert werden. Während rein literatur- und gesellschaftswissenschaftliche Auseinandersetzungen durchaus Emilias Schicksal als Mittel zum Zweck, z.B. zu einer adelskritischen Aussage, betrachten können, kann sich eine Theaterinszenierung in der Regel einer genauen, glaubwürdigen Charakterisierung der Hauptperson nicht entziehen. Um Anregungen zu bekommen, wie diese Emilia v.a. in neuerer Zeit auf dem Theater verstanden wurde, nahm ich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin Einsicht in Theaterkritiken jüngster Zeit. Dabei sind mir v.a. die Besprechungen zweier Inszenierungen vom Anfang der neunziger Jahre als interessante Grundlage für meine Auseinandersetzung mit dem Charakter Emilias aufgefallen.

In der TAZ vom 27.2.91 wird die Premiere der Emilia Galotti im Deutschen Theater Göttingen in der Inszenierung von Peter Hathazy besprochen 3), einem Regisseur, von dessen Arbeit ich aufgrund seiner Klassikerinszenierungen in meiner Heimatstadt Braunschweig eine konkrete Vorstellung habe.

In Hathazys Inszenierung liebe Emilia selbstverständlich den Prinzen, eine Auslegung, die seit Fritz Kortners Emilia Inszenierung von 1970 praktisch unumgänglich sei. Demnach geht das Theater heute ganz selbstverständlich von einer Liebesbeziehung aus, die in Lessings Text,

zumindestens explizit, nicht ausgesprochen wird. Die folglich entstehende Frage, was denn Emilia nun eigentlich für ein Charakter sei, "ein Muster an Tugend" oder "etwa ein Luder" habe Hathazys Inszenierung im doppelten Sinne beantwortet: "Sie ist beides". Folgt man dieser Besprechung, will Emilia "verführt werden; und das heißt sie will sterben". Ihr Tod sei die Folge einer "doppelten Komplizenschaft", da sie sich einerseits dem anerzogenen Tugendideal ihres Vaters verpflichtet fühlt und andererseits den Prinzen auf einer erotisch, emotionalen Ebene begehrt. In Hathazys Inszenierung wird diese gegenseitige Begierde offenbar nicht nur verbal, sondern auch ganz körperlich ausgelebt, "er legt ihr die Hand aufs Geschlecht. Die flüchtigen Berührungen deuten auf eine tiefe Vertrautheit; nichts von der angeblichen Distanz, mit der Emilia den Prinzen behandelt haben soll".

In meiner Arbeit werde ich untersuchen ob die These eines erotisch, sexuellen Verhältnisses zwischen Emilia und dem Prinzen am Text nachgewiesen werden kann, oder lediglich eine Theaterinterpretation für das heutige Publikum ist, daß mit Unverständnis auf den Tod Emilia aus bloßer Furcht vor einer späteren Verführung reagieren würde. Davon ausgehend soll untersucht werden, wie Emilias Bitte an ihrem Vater seine Tochter umzubringen, zu verstehen ist. Abschließend werden diese Aspekte einmal mehr in bezug gesetzt werden zu der berühmt, berüchtigten Frage vieler Interpretationen dieses Dramas: "Warum stirbt Emilia Galotti ?".

Das Paar Emilia und Appiani

In bezug auf die Frage , ob und wie Emilia für den Prinzen empfindet, ist es aufschlußreich, zunächst zu untersuchen, von welcher Qualität ihr Verhältnis zu ihrem Gatten Appiani ist, jenem "kreuzbraven, langweiligen Schnösel - Grafen", wie es in einer Kritik zur Hamburger "Emilia Galotti" - Inszenierung von 1992 heißt 4). Innerhalb des Dramas deutet nichts auf eine tatsächliche Liebesbeziehung zwischen beiden hin. Eine Szene, in der Emilia und Appiani sich gegenseitig ihre Gefühle füreinander gestehen, gibt es nicht. Weder Emilia noch der Graf schwärmen an irgendeiner Stelle überschwänglich für den anderen.

Nur einmal begegnen sie sich innerhalb des Dramas 5), in Anwesenheit der Mutter Claudia. Appiani bekennt zwar durchaus , daß er "schwanger mit so viel Glückseligkeit" sei, seine Komplimente gelten jedoch in der Hauptsache nicht etwa seiner zukünftigen Gattin, sondern ihrem Vater, "jenem Muster aller männlichen Tugend". Seine einzige wirklich schwärmerische Rede gilt ganz Odoardo. Der Wunsch des Grafen, "immer gut, immer edel zu sein, lebendiger... wenn ich mir ihn denke", ist angelegt wie ein leidenschaftliches Liebesbekenntnis, und man kann tatsächlich mit leichter Ironie fragen, warum er dann nicht den Vater heiraten will. Tatsächlich scheint die Hochzeit Emilias das Ergebnis einer seltsamen Komplizenschaft zwischen Vater und Gemahl zu sein, die beide dadurch in ihren Bedürfnissen zufrieden gestellt werden. Odoardo weiß seine Tochter in Odoardos "väterlichen Tälern" sicher vor der "Zerstreuung der Welt" 6). Emilia wäre dort von jedem eigenbestimmten Leben entfernt und über seinen, ihn verehrenden Schwiegersohn hätte er weiterhin einen exklusiven Zugang zu ihr. Appiani kann seine Zuneigung zu Odoardo in der Heirat manifestieren und sich "mit der Erfüllung dieses Entschlusses... der Ehre würdig machen, sein Sohn zu heißen" 7). Vater und Schwiegersohn erscheinen so unnatürlich eng in ihren Motiven miteinander verbunden, daß die Braunschweiger Neuinszenierung der "Emilia Galotti"(Premiere am 16. März 2001) sogar den Weg wählt, beide von ein und derselben Person spielen zu lassen 8). Dadurch wird treffend suggeriert, daß sich Emilia in Appiani dem verlängerten Arm des Vaters hingibt, der die Verantwortung für seine Tochter am liebsten weiterhin selbst übernehmen würde. Auch über mögliche inszestuöse Motive des Vaters ist in der Literaturwissenschaft spekuliert wurden, so z.B. ausführlich in der Auseinandersetzung Pruttis 9).

In diese Männerkonstellation bleibt wenig Raum für die Bedürfnisse einer Braut, die potentiell geliebt werden will. Es erscheint folglich mehr als wahrscheinlich, daß hier eben nicht "die Liebe zusammenbringen [konnte], was füreinander geschaffen war" 10), sondern daß Emilia es als ihre Pflicht begreift, den Wünschen ihres Vaters zu folgen. Es überrascht daher nicht, daß der Tod Appianis fast schon peinlich zurückhaltend von seiner "Liebsten" betrauert wird. Emilia gibt zumindestens verbal ihrer Trauer nur wenig Ausdruck, sie nimmt "die ganze schreckliche Geschichte" viel mehr als eine neue Wendung zur Kenntnis ("so ist es war") , die ihre weiteren Handlungen in bezug auf den Prinzen beeinflussen wird ("wenn der Graf Tod ist... Lassen sie uns fliehen, mein Vater") 11) . Von der Option, dem Geliebten in den Tod zu folgen, die ja in der dramatischen Literatur nicht selten zu Lösung angewandt wird, ist sie weit entfernt - für Appiani würde sie sich nicht umbringen !

Es bleibt also festzustellen, daß Prinz Gonzaga und seine rechte Hand Martinelli, bei aller gerade im ersten Akt dargestellten Tyrannenwillkür, nicht etwa, wie z.B. in Schillers Kabale und Liebe, ein sich innig liebendes Paar gewissenlos auseinanderbringen.

Die vergleichsweise junge Emilia hat in ihrem Leben wahrscheinlich noch nicht die Erfahrung gemacht, von einem anderen Menschen begehrt und geliebt zu werden. Zärtliche Komplimente und erotische Momente wird sie durch Appiani, zumindestens wie er hier dargestellt wird, nicht erfahren. Emilia ist offen dafür, sich zu verlieben und Schmeicheleien zu erhören, weil sie dergleichen durch ihren Gatten nicht erfährt, und ihn allenfalls als Wunschkandidaten ihres Vaters akzeptiert.

Entwicklung des Charakters der Emilia

Ausgehend von der Interpretation ihrer Gefühle gegenüber ihrem Gatten soll im folgenden Emilias Verhältnis zu bzw. mit dem Prinzen analysiert werden. Dabei ist zunächst festzustellen, daß Emilia selbst, vergleichsweise selten auf der Bühne präsent ist. Nur in drei von fünf Akten tritt sie in jeweils zwei aufeinander folgenden Szenen auf. Ansonsten erfährt man nur von ihr in den Redebeiträgen der anderen Personen . In dieser Arbeit sollen primär die Szenen untersucht werden, in denen Emilia sich in Erscheinung tritt. Sie soll nicht als das (im ersten Akt sogar real existierende) Bild des Prinzen oder die Phantasie des Vaters betrachtet werden, sondern als lebendiger Mensch mit normalen menschlichen Eigenschaften und Gefühlen.

Zum ersten Mal tritt sie auf in der sechsten Szene des zweiten Aufzugs. Ihr Bericht gegenüber der Mutter offenbart folgende Vorgeschichte:

Sie habe am Tag ihrer Hochzeit alleine die Kirche besucht. Der Prinz haben "dicht hinter mir Platz" genommen und ihr, während des Gottesdienstes, Komplimente in das Ohr geflüstert. Er "sprach von Schönheit, von Liebe" und habe sein Unglück angesichts ihrer bevorstehenden Heirat beschworen. Nach dem Gottesdienst ergriff er sie "bei der Hand", worauf sie sich nicht sofort, sondern "erst auf der Straße" von ihm losgerissen habe. Der Prinz sei ihr daraufhin bis zum Hause ihrer Eltern gefolgt 12).

Um dieses morgendliche Treffen in der Kirche einordnen zu können muß berücksichtigt werden, daß der Prinz und Emilia sich bereits kennen, und er ihr offenbar schon seit einiger Zeit zugetan ist. Bereits bei einem Besuch im Hause des Kanzler Grimaldi "bezeigte [er] sich gegen sie so gnädig" und "schien von ihrer Munterkeit und ihrem Witze ... bezaubert", wie die Mutter beobachtete 13). Umso unverständlicher erscheint es, daß Emilia durch diese neuerliche Begegnung in eine so große Panik versetzt wird, obwohl der Prinz ja nur einmal mehr um sie "buhlt" und keineswegs droht, sie etwa zu vergewaltigen. Emilia hat nach dieser Begegnung nichts zu befürchten; sie muß lediglich damit umgehen, daß der Prinz ihr Komplimente macht und offensichtlich in sie verliebt ist.

Sie ist jedoch schon extrem unangenehm berührt durch die Nennung ihres Namens von Seiten des Prinzen und wünscht sich, "daß laute Donner mich verhindert hätten" 14) die schönen Komplimente, und seine Trauer über ihre Heirat zu hören. Angesichts dieser, offenbar aus tiefstem inneren empfundenen Verstörung, stellt sich die Frage, was die eher harmlosen Schmeicheleien des Prinzen denn tatsächlich in Emilia ausgelöst haben. Sie selbst spricht zunächst von "sündigen wollen" 15) und deutet damit überraschend unzweideutig an, daß die körperliche Nähe des Prinzen Gedanken in ihr rege werden läßt, die sie, aufgrund ihrer Erziehung, als Sünde verstehen muß. Sie lehnt offenbar durchaus den galanten und, nicht zu vergessen, sowohl mächtigen, als auch reichen Prinzen, als Mann nicht grundsätzlich ab.

Vor diesem Hintergrund ist auch ihre Verstörung zu verstehen: in dieser kurzen Begegnung in der Kirche hat sie einmal mehr erfahren, daß sie nicht dem idealisierten Tugendideals ihres Vaters entspricht, sondern ein fühlender Mensch ist. Der Tumult, der sich in ihrer Seele erhebt, dürfte ein ähnlicher sein wie derjenige, den sie wenige Zeit zuvor nach einem Besuch im Hause der Grimaldi erlebte und "den die strengsten Übungen der Religion kaum in Wochen besänftigen konnten!" 16). Entgegen aller anerzogenen Tugendideale besitzt Emilia erotische Sinne wie jeder Mensch, und es erscheint durchaus logisch, daß sie die leidenschaftlichen Komplimente des Prinzen mehr beeindrucken als der vergleichsweise wenige aufregende Wunschkandidat des Vaters.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Emilia Galotti. Engel oder Luder
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
Proseminar: Goethes Werk
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V79053
ISBN (eBook)
9783638852777
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emilia, Galotti, Engel, Luder, Proseminar, Goethes, Werk, Thema Emilia Galotti
Arbeit zitieren
Alexander Kohlmann (Autor), 2001, Emilia Galotti. Engel oder Luder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79053

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