Der Beitrag der Familie zur gesellschaftlichen Wohlfahrtsproduktion


Vordiplomarbeit, 2006
66 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Familie
2.1 Familie – Begriffsbestimmung und Familienverständnis
2.2 Die moderne Familie im Kontext gesellschaftlicher Modernisierungstendenzen
2.2.1 Modernisierung im Kontext sozialen Wandels
2.2.2 Optionserweiterung als Bedingungsfaktor des aktuellen Wandels der Familie
2.2.3 Die moderne Familie zwischen notwendigen und krisenhaften Veränderungen
2.3 Familie zwischen Chance und Herausforderung

3. Der Beitrag der Familie zur gesellschaftlichen Wohlfahrtsproduktion
3.1 Wohlfahrt und Wohlfahrtsproduktion
3.2 Familiale und gesellschaftliche Wohlfahrtsproduktion
3.3 Aufgaben und Leistungen von Familie
3.3.1 Zusammenhalt der Familie und emotionale Stabilisierung ihrer
Mitglieder
3.3.2 Fortpflanzung und Familiengründung
3.3.3 Elterliche Pflege und Zuwendung
3.3.4 Gemeinsame Haushaltsführung und Regeneration
3.3.5 Solidarität zwischen den Generationen
3.4 Was bedeuten familiale Leistungen für die Gesellschaft?
3.4.1 Sicherung von Nachwuchs
3.4.2 Bildung und Erhalt von Humanvermögen
3.3.3 Stabilisierung der Solidarität zwischen den Generationen

4. Für die Gesellschaft wichtig – aber anerkennswert?
4.1 Die strukturelle Rücksichtslosigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber der Familie von heute
4.2 Der wirtschaftliche „Wert“ der familialen Leistungen
4.3 Retrospektive zur Begründung der Aufwertung von Erziehungsarbeit

5. Familienpädagogische Folgerungen

6. Ausblick und Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Wer kennt diese Karikatur nicht: Ein Gespräch zwischen einer Frau und einem Beamten auf einem Amt: Die Frau: „Erst habe ich meine Kinder großgezogen, dann die drei Enkel, dann hab ich mich um Obdachlose und Arme gekümmert und schließlich meinen alten Vater bis zuletzt gepflegt. Die Antwort des Beamten: „Sie haben also nicht gearbeitet.“ (vgl. Liminski 2006)

Diese Karikatur, mit der ich meine Ausführungen einleiten möchte, umreißt mit den sehr hämischen Worten des Beamten das Thema, um welches es im Folgenden gehen wird. Es handelt von den Leistungen, die die Familie für die Gesellschaft erbringt (in o.g. Sinnbild die Mutter), welche seitens der Öffentlichkeit jedoch nicht als Leistungen honoriert werden – weder materiell noch immateriell. Die Familie ist es aber, die über ihre Leistungen die Voraussetzungen schafft, ohne welche die Gesellschaft und der Staat nicht leben könnten. In ihr wird das so bedeutungsvolle Humanvermögen herangebildet. Denn, was vor allem die Wirtschaft nicht vergessen sollte, ist, dass aller Erwerbsarbeit die Sozialisation in der Familie vorausgeht. „Nur mit dem Sozialisationserfolg von Familie und Schule wird effiziente Wirtschaft möglich.“ (Deutscher Bundestag 1994, S. 27) Die Einstellungen, die Motivation und die Qualifikationen, die nicht nur auf die Entfaltung der Persönlichkeit, sondern auch unmittelbar auf das Wirtschaftsgeschehen einwirken, erlangt der Mensch überwiegend über die Familie. Ob in positiver oder negativer Weise, hängt in erster Linie von der Qualität der Erziehung und der Sozialisation in der Familie und der Förderung der Familie durch Politik, Wirtschaft und weitere Gesellschaftsbereiche ab. Schon allein deshalb sollten letztere ihre Pflicht wahrnehmen und die Familie in ihren Aufgaben unterstützen. Dies kann auf verschiedenen Wegen geschehen, worauf im Verlauf dieser Arbeit noch einzugehen sein wird.

Man schreibt der Familie gewisse Aufgaben zu, die sie schon seit Jahrtausenden meist zufrieden stellend erfüllt. Daher hat die Bedeutung der Familie auch weder für den Einzelnen, noch für die Gesamtgesellschaft abgenommen. In dieser langen Zeit konnte die Familie natürlich nicht in der gleichen Form bestehen bleiben. Sie hat sich immer den gesellschaftlichen Herausforderungen entsprechend angepasst und ihre Struktur verändert. Daran hat sich nichts geändert. Der gerade stattfindende soziale Wandel macht auch vor der Familie nicht Halt. Sie befindet sich im Umbruch und damit steht sie, wie alle anderen Gesellschaftsbereiche auch, vor neuen Herausforderungen und Aufgaben. So überrascht es auch nicht, wenn heute häufig von einer „Krise der Familie“ gesprochen wird.

Mein Anliegen ist es nun, die Leistungen, die die Familie in den gesellschaftlichen Prozess der Wohlfahrtsproduktion einbringt, herauszustellen. Dafür sind meine Vorüberlegungen wichtig. Denn, nachdem ich mich mit dem Familienbegriff im Allgemeinen – und im Speziellen für meine Arbeit – auseinandergesetzt habe, werde ich auf die Herausforderungen, die die moderne Familie im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierungstendenzen bewältigen muss, eingehen. Dies ist wichtig, um die Probleme der modernen Familie und die der Gesellschaft zu charakterisieren. Nur so kann ich zuerst die gesellschaftlich erwarteten Aufgaben definieren und dann auf die Leistungen, die die Familie tatsächlich für die Gesellschaft erbringt, eingehen. Anschließend mache ich einen kurzen Exkurs in die Wirklichkeit zur Anerkennung der familialen Leistungen. Wie wir der eingangs beschriebenen Karikatur entnehmen konnten, scheinen die Tätigkeiten, die die Frau für die Gesellschaft erbracht hat, keine Arbeiten zu sein, die eine Anerkennung wert wären. Mit den Familienleistungen verhält es sich ähnlich. Die Familie ist wie ein Spielball der Gesellschaft, der rücksichtslos von einer Ecke in die andere geworfen wird. Allerdings gibt es auch Ansätze der Familienforschung zu einer Aufwertung der Erziehungsarbeit. Warum diese notwendig ist, möchte ich in einem nächsten Punkt kurz begründen, ohne auf konkrete Maßnahmen einzugehen. Den Abschluss meiner Ausführungen bilden familienpädagogische Ansätze, die zur heutigen Familienerziehung unverzichtbar sind. Zum Schluss folgen noch einige Anmerkungen zur Zukunft der Familie und meine eigenen abschließenden Worte zu diesem komplexen Thema.

2. Familie

2.1 Familie – Begriffsbestimmung und Familienverständnis

Um mich mit den Leistungen der Familie angemessen auseinandersetzen zu können, ist zunächst eine grundlegende Bestimmung des Begriffs „Familie“ vonnöten. Der Sozialwissenschaftler Max Wingen beschreibt Familien als dynamische soziale Gebilde, da sie fortwährenden Wandlungen unterworfen sind. Familien sind demnach „in ihrer äußeren Gestalt auch vom übergreifenden Wirtschaftssystem mitbestimmt und umgekehrt für dieses weitgehend „funktional“, weil den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfordernissen entsprechend“ (Wingen 1997, S. 3) Ähnlich beschreibt auch die Sachver­ständigen­kommission des Fünften Familienberichts der Bundesregierung: Familie ist eine „dynamische Form menschlichen Zusammenlebens, die Veränderungen unterliegt und von den kulturellen Vorstellungen und Werthaltungen ebenso geprägt ist wie von den sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten einer Gesellschaft“ (Deutscher Bundestag 1994, S. IV). Da Familie diesen Ansätzen zufolge in den unterschiedlichsten Formen in der Gesellschaft hervortritt, ist es auch umso einsichtiger, heute nicht mehr von d e r Familie reden zu können.

So verwundert es auch nicht, dass das Verständnis von Familie sehr unterschiedlich ist. Die zentral wichtigste Familienform – besonders für die Familienpolitik – ist die „Gemeinschaft von Kindern mit ihren Eltern mit unterschiedlichen Entwicklungsphasen von der Familiengründung über die Konsolidierungsphase bis zum Erreichen der Phase des leeren Nestes“ (Wingen 1997, S. 3) Weiterhin kann aber auch die Lebensgemeinschaft von Eltern und den Familienangehörigen der älteren Generation als Familie gelten. Auch Familienangehörige in verschiedenen Haushalten können zur Familie gehören: Dieses Verständnis geht von Netzwerkbeziehungen im familialen Solidarverbund über mehrere, räumlich getrennte Generationen hinweg, aus und wurde von Hans Bertram als „Multilokale-Mehr-Generationen-Familie“ (ebd., S. 4) betitelt.

Ferner kann auch das „gesamte soziale Netzwerk zu anderen Lebensformen“ (ebd., S.4), das nicht auf einer Kernfamilie oder einem Netz von Verwandtschaft basiert, als „erweiterte Familie“ gelten (vgl. ebd., S. 4).

Welche normativen Vorstellungen über Familie und ihre möglichst beste Ausgestaltung in unserem Kulturraum vorherrschen, zeigen uns Familienleitbilder. In den westlichen Industrienationen ist dieses geprägt vom Typ der „Normalfamilie“, welche durch eine „Ehe begründete und auf Dauer angelegte Gemeinschaft von Mann, Frau und Kind(ern), die in der Regel zusammen einen Haushalt bilden“ (Hamann 2000, S. 29), gekennzeichnet ist. Die generellen Einstellungen zur Familie jedoch hängen stark mit den eigenen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie und den darin vermittelten Wertvorstellungen zusammen. Ebenso spielen das von der Öffentlichkeit oder von Institutionen übermittelte Bild von Familie, gesellschaftliche Stereotypen oder auch die bewusstseinsverändernde Intention von Sozialforschung eine Rolle (vgl. ebd, S. 30). Die familiale Wirklichkeit konstruiert sich somit jeder selbst. Eben diese Tatsache macht es unmöglich von einem gesellschaftlich „richtigen“ oder „tragenden“ Familienleitbild zu sprechen. Dafür divergieren die Bedürfnisse, Vorstellungen und Interessen der Gesellschaftsmitglieder einfach zu sehr. Aber man erkennt Grundorientierungen über eine erstrebenswerte Lebensform von Familie. Erkenntnisse dazu hat das Jugendwerk der Deutschen Shell geliefert, welches die Einstellungen von jungen Menschen gegenüber Familie und ihre perspektivischen Vorstellungen vom Leben untersucht hat. Demnach spielt die Familie in ihrer Zukunft eine bedeutende Rolle. Ein eheähnliches Zusammenleben als eine Art „Erprobungsphase“ vor der Heirat und der Familiengründung wird von ihnen akzeptiert und überwiegend wünschen sie sich selbst, einmal eine Familie zu gründen. Trotz der Mehrbelastungen wollen sie Erziehungsverantwortung wahrnehmen und legen auf eine Abstimmung zwischen Familie und Beruf zunehmend Wert. Die Jugendlichen halten aber auch freiere Formen des Zusammenlebens als Gegenüber von Kleinfamilie für angemessen. Jedoch muss hier positiv angemerkt werden, dass eine eigene Kleinfamilie allgemein einen sehr hohen Stellenwert bei den Jugendlichen einnimmt (vgl. ebd., S. 31).

„Bevorzugt wird jene Familie, die auf gleichberechtigter Partnerschaft und Liebe gründet, auf verantwortliche Elternschaft angelegt ist, eine kleine Intimgemeinschaft darstellt, eine Verbindung von Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit ermöglicht sowie den Mitgliedern für Identitätsbildung und Selbstverwirklichung Raum gewährt und dafür auch Impulse liefert.“ (ebd., S. 31)

Diese jugendliche „Idealvorstellung“ von Familie lege ich auch meiner Arbeit zugrunde, da sie in den meisten Familien den Nährboden für eine gesunde Sozialisation und eine effiziente Leistungserbringung für die Familienmitglieder und die Gesellschaft bietet. Das Verständnis von Familie, auf welches dieses Leitbild basiert, soll auch bei mir der „Normaltyp“ sein und von den konstitutiven Elementen der Familie, also der „biologisch-sozialen und rechtlich bestimmten Kernfamilienstruktur“ (Deutscher Bundestag 1994, S.24), dem klassischen Vater-Mutter-Kind-Verhältnis, als auch von dem für den Haushaltsbegriff konstitutive Zusammenwohnen und –wirtschaften in der Kleingruppe gekennzeichnet sein. Mit diesem Familienbild werde ich sicher nur einen Teil der Wirklichkeit abbilden können. Denn natürlich können auch in anderen Familienformen ebenso gut familiale Aufgaben und gesellschaftlich bedeutungsvolle Leistungen mit Erfolg erfüllt werden. Nur in Familien, in denen ein Elter oder auch Geschwister wegfällt und nicht durch andere Bezugspersonen wie Großeltern, weitere Verwandte, Lehrer oder Gleichaltrige ersetzt wird, oder in Familien, die von Problemen wie z.B. Scheidung, Armut, Gewalt oder Unterdrückung belastet sind, ist die Gefahr größer, dass Kinder in ihrer Erziehung und Sozialisation benachteiligt sein können, essentielle Erfahrungen fehlen und in diesem Zusammenhang auch gesellschaftliche Leistungen nicht erbracht werden können (muss aber nicht der Fall sein!). Das soll aber auch nicht heißen, dass Kinder und Jugendliche in der „Normalfamilie“ nicht auch in einer krisenbehafteten Ausgangslage aufwachsen können. (vgl. Hamann 2000, S. 18f; Wingen 1997, S. 5)

2.2 Die moderne Familie im Kontext gesellschaftlicher Modernisierungstendenzen

2.2.1 Modernisierung im Kontext sozialen Wandels

Die Gesellschaft unterliegt relativ stabilen Strukturen, welche den Menschen auf der einen Seite Halt geben. In ihr finden aber auch beständig Prozesse statt, deren Wandel den Menschen auf der anderen Seite auch Probleme bereitet. Gesellschaftliche Strukturen können sich also trotz ihrer relativen Stabilität wandeln. Strukturveränderungen einer Gesellschaft bzw. eines sozialen Systems, wie z.B. die Erhöhung der Scheidungsrate, werden als sozialer Wandel bezeichnet. (vgl. Hradil 2004, S. 460)

Ein Ansatz, um die Ursachen gesellschaftlichen Wandels zu analysieren sind Modernisierungstheorien. Sie schauen auf den sozialen Wandel vornehmlich optimistisch und betrachten als dessen zentralen Bezugspunkt „die Entwicklung von einfachen und armen Agrargesellschaften hin zu komplexen, differenzierten und reichen Industriegesellschaften“ (ebd., S. 235) Modernisierung wird hier laut Spencer als „Entwicklung von unverbundener Gleichartigkeit zu verbundener Verschiedenheit verstanden.“ (ebd., S. 461) Ähnliches sagen auch weitere Theoretiker wie Marx oder Comte, wenn sie aus evolutionstheoretischer Perspektive von einem „gerichteten Wandel von niederen Qualitäten zu höheren, von Einfachheit zu Komplexheit, von zusammenhangloser Homogenität zu zusammenhängender Heterogenität“ (Büchner 2004, S.235) sprechen. Durch Konkurrenzverhalten innerhalb einer Gesellschaft, aber auch zwischen Gesellschaften, setzt sich jeweils die leistungsfähigere Gesellschaft mit einem „höheren Maß an funktionaler Differenzierung bzw. Spezialisierung einerseits, an gesellschaftlicher Integration bzw. arbeitsteiliger Kooperation andererseits“ (Hradil, In: Grunert, S. 461) durch. Dabei entwickeln sie sich auf wirtschaftlicher, sozio-kultureller und politischer Ebene weiter. Es verändern sich also alle Bereiche der Gesellschaft. Modernisierung stellt sich in diesem Zusammenhang als „revolutionärer Prozess dar, der Gesellschaften […] radikal verändert“ (Hradil 2004, S. 461). Dies muss nicht zwangsläufig zeitgleich ablaufen. So gibt es vorauseilende als auch nachholende Modernisierungsschübe in Teilbereichen der Gesellschaft. (vgl. Büchner 2004, S. 235) So wird z.B. der soziale Umbruch in Ostdeutschland als „nachholende Modernisierung“ bezeichnet. (vgl. Geißler 2004, S. 62)

Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse sind zusammenfassend also Auslöser für die Strukturveränderungen einer Gesellschaft – den sozialen Wandel. Mit den Prozessen sozialen Wandels und den sich verändernden gesellschaftlichen Entwicklungsmustern sind auch eng die Strukturen sozialer Ungleichheit verknüpft. Mit sozialer Ungleichheit ist die „unterschiedliche Teilhabemöglichkeit von Personen und Personengruppen an wichtigen und knappen gesellschaftlichen Ressourcen (Bildung, Vermögen, Ansehen; d.V.)“ (Büchner 2004, S. 237) gemeint. „Damit begründet soziale Ungleichheit eine relative Besser- oder Schlechterstellung von Menschen im gesellschaftlichen Lebenszusammenhang“ (ebd., S. 237), was verhältnismäßig dauerhaft mit vorteil- oder nachteilhaften Lebensbedingungen im sozialen Beziehungsgefüge verbunden ist. Für soziale Ungleichheit ist weiterhin die sichere oder umgekehrt die unsichere Beschäftigung, die Arbeits-, Wohn- und Gesundheitsbedingungen oder auch die Situation der Familie charakteristisch.

Viele Strukturveränderungen treffen oft nur einen Teil der menschlichen Gesellschaft. Ich möchte hier auf die Konsequenzen und Tendenzen der Modernisierung eingehen, die sich auf die Familie beziehen. Dabei beschäftige ich mich zunächst mit dem wohl wichtigsten Bedingungsfaktor für den Wandel der Familie, nämlich der immensen Erweiterung an Möglichkeiten für jeden einzelnen Menschen, der sich zweifellos auf familiale Lebensformen ausgewirkt hat und weiterhin auswirken wird. Danach komme ich auf das Verhältnis zwischen Familie und Gesellschaft zu sprechen, welches René König mit dem Begriff der Desintegration von Familie bezeichnet. Mit dem ebenfalls von ihm geschaffenen Begriff der Desorganisation von Familie, welche sich mit den Veränderungen in der Binnenstruktur der Familie befasst, schließe ich an.

Beide Begriffe lassen sich überwiegend direkt oder indirekt mit gesellschaftlichen Veränderungen erklären. Zum Schluss dieses Kapitels fasse ich kurz zusammen, wo die Familie aus den vorangegangenen Aussagen heute steht.

2.2.2 Optionserweiterung als Bedingungsfaktor des aktuellen Wandels
der Familie

Von besonderer Bedeutung für den familialen Wandel heute sind die vielfältigen Möglichkeiten, die sich jungen Menschen bieten. Diese offerieren ihnen in hohem Maße Freiraum zur Wahl des eigenen Lebensstils und der Lebensform. Der gesellschaftliche Wandel wird oftmals in Zusammenhang mit dieser „Optionserweiterung menschlicher Lebensgestaltung“ (Hamann 2000, S. 10) beschrieben. Kaufmann meint dazu: „Was wir gemeinhin als das Fortschrittliche der neuzeitlichen Gesellschaftsentwicklung ansehen, hat vor allem mit dem Zuwachs an institutionalisierten Möglichkeiten für die verschiedenen Zwecke und Wechselfälle des Lebens zu tun. […] Die zunehmende gesellschaftliche Arbeitsteilung, die Vervielfältigung erwerbswirtschaftlicher, staatlicher, verbandlicher, religiöser, gemeinnütziger und vereinsmäßiger Einrichtungen führt zu einem Gewinn an Freiheit, aber auch zu einem immer unübersehbareren Angebot an Möglichkeiten.“ (ebd., S. 10) Weitere Gründe, die sich auch auf die persönliche Lebensgestaltung auswirken sind z.B. der erhöhte Lebensstandard, die verbesserte Wohnqualität, verlängerte Urlaubszeiten, die erhöhte Mobilität oder die verkürzte Wochenarbeitszeit (vgl. ebd., S. 10). Gesamtgesellschaftliche Veränderungen wirken sich also bis auf die einzelnen Lebensbereiche aus, sogar bis auf die individuelle Ebene. Die „Individualisierung“ ist Folge dieser Optionserweiterung, die zu neuen Einstellungen vom Leben, neuen Lebensweisen, neuem Wertebewusstsein und Perspektiven führen. Dass dies auch Einfluss auf die Familienformen hat, ist ganz natürlich. Denn diese bilden sich nicht regellos in den einzelnen Gesellschaftstypen, sondern versuchen sich in ihrer Form und Lebensweise den jeweilig vorherrschenden Herausforderungen entsprechend anzupassen (vgl. Kaufmann 1989, S. 29). Welche Vielfalt aktuell an Organisations- und Strukturformen des privaten Lebens herrscht, hat Rüdiger Peuckert zusammengefasst: Es gibt „Singles, nichteheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder, kinderlose Ehen, getrenntes Zusammenleben (living-apart-together), Alleinerziehende, Binukleare Familien, heterologe Inseminationsfamilie, Fortsetzungs- und Patchworkfamilien, nicht-exklusive Beziehungsformen, Wohngemeinschaften und schließlich gleichgeschlechtliche Partnerschaften“ (Gerlach 2004, S. 72). Diese Formen stehen der „Normalfamilie“ (die auf lebenslange Ehe basierende, exklusive, heterosexuelle Beziehung mit Kindern in einem Haushalt) gegenüber. Familiale Strukturen brechen demnach auf, neue Familienleitbilder entstehen und eine Vielzahl von Biographiemustern steht sich gegenüber, was zu neuen Herausforderungen in den Beziehungsgefügen führt. Die moderne Familie sieht sich einer historisch „einmaligen Chance an Freiheit, an Lebensmöglichkeiten und Leistungspotentialen“ (Kaufmann 1989, S. 29) gegenübergestellt. Es verwundert nicht, dass Elternschaft und Ehe unter den Optionen der gesellschaftlich geschaffenen biographischen Möglichkeiten immer mehr an Reiz verliert. Dass die Voraussetzungen für eine Elternschaft heute nicht so gut sind, zeigen meine folgenden Ausführungen.

2.2.3 Die moderne Familie zwischen notwendigen und krisenhaften Veränderungen

Im Gegensatz zu den traditionellen Gesellschaften, in denen die Familie durch ihre gesellschaftliche Integration statischer und somit dauerhafter als die heutige erschien, lebt die moderne Familie in einer strukturell prekären Situation. Strukturell deshalb, weil sich die Gesellschaft im Zuge des sozialen Wandels soweit ausdifferenziert hat, dass sie familiale Funktionen nicht mehr selbst neben anderen gesellschaftlichen und sozialen Funktionen ausführen kann. Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann stellt in diesem Zusammenhang fest: „Aber ein ‚eingebundenes’ Familiensystem ist nur unter gesellschaftlichen Bedingungen möglich, die auf eine weitgehende Funktionsteilung und die damit verbundenen Gewinne an Leistungsfähigkeit durch Spezialisierung verzichten.“ (Kaufmann 1989, S. 29) Im Folgenden werden wir sehen, dass die aus dieser strukturellen Differenzierung resultierende Verselbständigung, ein Spezifikum der Familie von heute ist.

Familienformen entwickeln sich – auch heute noch, da sie historischen und gesellschaftlichen Veränderungen unterliegen. Um hierbei zwischen notwendigen und krisenhaften Tendenzen der Veränderungen in der Familienentwicklung zu unterscheiden, hat René König die Begriffe „Desintegration“ und „Desorganisation“ für die Familiensoziologie eingeführt (vgl. ebd., S. 29). Der Begriff der Desintegration bezieht sich dabei auf das schon oben angesprochene Verhältnis zwischen Familie und Gesellschaft. Desorganisation verweist dagegen auf die Binnenstruktur innerhalb der Familie. In Zusammenhang mit dem derzeit stattfindenden gesellschaftlichen Wandel, möchte ich mich beiden Begriffen nähern.

Mit Desintegration meint König die strukturelle Entkopplung und Verselbständigung der Familie heraus aus der Gesamtgesellschaft. Ausgehend von den Hauptfamilienfunktionen Reproduktion und Sozialisation, die, folgt man der Argumentation Schützes, „nicht in gleichem Maße rationalisierbar sind wie Arbeitsvorgänge“ (Schütze 2004, S. 172), ist ein klarer Abstand zu den übrigen Gesellschaftsbereichen mit wesentlich rascher voranschreitenden Modernisierungsprozessen erkennbar. Die Familie ist gegenüber diesen in eine schwächere Position gerückt und wird daher auch unter den besonderen Schutz des Grundgesetzes gestellt. Der Staat verpflichtet sich in Art. 6 GG, die Familie mit unterstützenden Maßnahmen zu fördern. Nun ist es so, dass, resultierend aus den gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen der Historie, die Familie bestimmte Funktionen, z.B. die Bildung und Ausbildung der Kinder an Institutionen wie die Schule oder die Wirtschaft abgegeben hat. „Damit ist die Familie auf die ihr ureigensten Funktionen Reproduktion und Sozialisation reduziert.“ (ebd., S. 173) Bleibt zu fragen, wie beständig dieser desintegrierte Familientypus heute noch ist. Neben dem scheinbar anfälligen Charakter, besitzt die Familie laut Kaufmann eine gewisse Eigengesetzlichkeit. Sie kann sich gegenüber wirtschaftlichen Verhältnissen oder staatlichen Interventionen behaupten. Der familiale Binnenraum trägt hier besonders zum öffentlichen Schutz der Familie bei. Dieser wird vor allem durch die traditionale Rollenstruktur und Arbeitsteilung ermöglicht. Schauen wir nur zwölf Jahre zurück, als der Fünfte Familienbericht konstatierte, dass sich 1994 immer noch die Mehrheit der männlichen Bevölkerung in „normalen“ Vollzeit-Arbeitsverhältnissen befand, die sozialverträglich abgesichert waren. Damit war meist auch das Leben in einer „Normalfamilie“ verbunden: (vgl. Deutscher Bundestag 1994, S. 18) Der Mann übernahm die „instrumentellen Funktionen“, sorgte also für den Lebensunterhalt. Die Frau übte „expressive Funktionen“ aus und sorgte damit für „jenes Klima emotionaler Verbundenheit […], welches die Basis für die Besonderheit familialer Interaktion liefert.“ (Schütze 2004, S. 173) (Abb. 1) Nur heute verliert eben diese traditionelle Arbeitsteilung mehr und mehr an Relevanz. Es ist selbstredend, dass auch die Frau eine Berufsausbildung macht. Natürlicherweise erklärt sich dadurch auch ihr Wunsch, neben dem Familienleben am Erwerbsleben teilzunehmen. (Abb. 2) Diese These wird durch eine Kohorten vergleichende Analyse unterstrichen, die belegt, dass junge Frauen nach der Geburt ihres Kindes immer weniger zur Unterbrechung ihrer Berufstätigkeit neigen. Junge Männer auf der anderen Seite mahnen an, dass ihnen ihre Erwerbsarbeit zu wenig Zeit für ihre Kinder lässt. (vgl. ebd., S. 174) Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung wird mit steigender Tendenz – von beiden Seiten – abgelehnt. Aber nicht nur die Geschlechterverhältnisse verändern sich. Auch die Ausbildungszeiten sind länger geworden, sodass schon allein der Zeitpunkt der Familiengründung im Lebenslauf immer weiter ins Abseits gerät. Laut einer Studie von Rosemarie Nave-Herz wird der Kinderwunsch dann aber häufig nicht mehr realisiert, weil es die biologische Uhr nicht mehr zulässt oder man sich schon an ein Leben ohne Kinder gewöhnt hat (vgl. ebd., S. 176). Mit dieser Tatsache reiße ich eine weitere Problematik an, die auf das Missverhältnis zwischen Gesellschaft und Familie aufmerksam macht: der Geburtenrückgang. Die Anzahl der Kinder in einer Familie ist auf eins bis zwei gesunken (Abb. 3 und 3a). Die Ursachen dafür sind vielfältig. Früher stellten Kinder vor allem einen ökonomischen Nutzen dar, da sie relativ jung eigenes Geld verdienten und die Familie damit unterstützen konnten. Heute jedoch hat sich die Wirtschaft insofern gewandelt, als dass die Eltern ökonomisch sichergestellt sind und nicht mehr auf das Einkommen der Kinder zurückgreifen müssen. Kinder bedeuten für ihre Eltern heute mehr einen psychologischen Gewinn, welchen man schon allein durch e i n Kind realisieren kann. Weiterhin fühlt man sich durch eine stärkere emotionalisierte Eltern-Kind-Beziehung in höherem Maße für sein Kind verantwortlich, als es früher der Fall war. Um wenige Kinder kann man sich auch besser emotional und vor allem finanziell kümmern, als mit mehreren Kindern. Letzteres wir von Untersuchungen über das Armutsrisiko gestützt. Schauen wir uns dazu Statistiken für Deutschland an (Abb. 4). Vor allem durch die seit den 70er Jahren steigende Arbeitsmarktkrise nimmt die Gefahr, in Armut abzugleiten, immer mehr zu. Damit verschärft sich auch das Risiko der Einkommensarmut. Seither sind davon besonders Alleinerziehende und ihre Kinder und kinderreiche Familien (mindestens drei Kinder) betroffen. Einelternfamilien sind dabei mit einer Armutsrate von 31 Prozent[1] die größte Risikogruppe. Zweitgrößte Risikogruppe sind mit 28 Prozent Familien mit mindestens drei Kindern (vgl. Geißler 2004, S. 28, Stand 2000). In diesem Zusammenhang stehen auch die immer instabiler werdenden Beschäftigungsverhältnisse. Sofern man einer Erwerbsarbeit nachgeht, wird es immer schwieriger, diese mit der Familienarbeit zu vereinbaren. Hierbei stößt man aber auch auf die Tatsache, dass die Wirtschaft immer noch verstärkt Männern den vollen Arbeitseinsatz zutraut, und der Einstellung einer Frau aufgrund ihrer familialen Verpflichtungen eher skeptisch gegenübersteht. (vgl. Schütze 2004, S. 174f; Deutscher Bundestag 1994, S. 18) Damit kommen wir auf das zuerst genannte Problem zurück. Die Arbeitswelt schlägt sich auch auf die innerfamiliale Rollenverteilung durch, was damit das gerade neu entstehende und zunehmend geschätzte Leitbild einer gemeinsamen Verantwortungsübernahme von Familienaufgaben in der Partnerschaft in Frage stellt.

[...]


[1] Die Armutsraten werden in Prozent nach der 50%-Grenze errechnet. Als 50%-Grenze bezeichnet man die „relative Armut“, die sich ergibt, wenn Einzelpersonen oder Familien über weniger als 50 % des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens – gewichtet nach Anzahl und Alter der dem Haushalt zugehörigen Personen – verfügen.

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Der Beitrag der Familie zur gesellschaftlichen Wohlfahrtsproduktion
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Philosophische Fakultät III, Fachbereich Erziehungswissenschaften)
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
66
Katalognummer
V79103
ISBN (eBook)
9783638856645
Dateigröße
1882 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beitrag, Familie, Wohlfahrtsproduktion
Arbeit zitieren
Bernadette Proske (Autor), 2006, Der Beitrag der Familie zur gesellschaftlichen Wohlfahrtsproduktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79103

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