„Sie bieten […] ausgeprägtes analytisches Denken, hohe eigenständige Problemlösungskompetenz und die Fähigkeit, Ideen zu strukturieren und durchzusetzen – überzeugendes Auftreten, Engagement und Flexibilität“, heißt es in einer Stellenanzeige der BSH-Group (siehe Anhang).
Dies sind die Anforderungen, die die heutige Arbeitswelt an den Arbeitnehmer und an die damit verbundene Berufsausbildung stellt. Die Betriebe fordern aufgrund der Schnelllebigkeit des Marktes qualifiziert ausgebildete Mitarbeiter, die die Bereitschaft mitbringen und in der Lage sind, unerwartete Probleme selbständig zu lösen.
Die fachlichen Kenntnisse rücken damit in den Hintergrund. Mertens schlägt im Konzept über die Schlüsselqualifikationen erstmals vor, einen Teil des betrieblichen Faktenwissens durch Schlüsselqualifikationen zu ergänzen. „Eine übliche Tendenz im Bildungswesen angesichts der Unsicherheit über die Entwicklung der speziellen Arbeitsanforderungen besteht in der Verbreiterung des Faktenwissens (Breitenbildung). Diese Tendenz bringt wegen der zunehmenden Überschaubarkeit von Fakten keinen Gewinn für eine Existenz in der Zukunft. Die Lösung liegt vielmehr eher bei der Suche nach „gemeinsamen Dritten“ von Arbeits- und sonstigen Umweltanforderungen.“ (Mertens, 1974, S. 36)
Es stellt sich also die Frage, ob Schlüsselqualifikationen betriebliches Wissen verdrängen. „Oder sollen gar Fachwissen und Arbeitsplatzkönnen durch Schlüsselqualifikationen ersetzt werden, so dass schließlich auf fachspezifisches Wissen weniger Wert zu legen wäre, da ja angesichts der Veränderungen durch neue Technologien ohnehin seine baldige Entwertung droht?“ (Reetz, 1990, S.18)
Inhaltsverzeichnis
1 Aktuelle Problemstellung
2 Transfer
2.1 Definition
2.2 Das Problem des Lerntransfers
2.3 Lösungsansätze für das Transferproblem
3 Das Modell der Schlüsselqualifikationen
3.1 Modell nach Mertens
3.2 Kritik und Fortführung nach Zabeck
3.3 Kritik und Fortführung nach Reetz
4 Abschließendes Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik der "Lernübertragung" (Lerntransfer) in der beruflichen Bildung und bewertet den theoretischen Nutzen des Konzepts der "Schlüsselqualifikationen" vor dem Hintergrund aktueller transferwissenschaftlicher Erkenntnisse.
- Grundlegende Herausforderungen beim Transfer von theoretischem Wissen in die berufliche Praxis.
- Analyse klassischer Transfertheorien (Thorndike, Judd, Zimmermann).
- Das Konzept der Schlüsselqualifikationen nach Dieter Mertens.
- Kritische Auseinandersetzung mit der didaktischen Umsetzbarkeit von Schlüsselqualifikationen.
- Die Bedeutung von Fachwissen im Verhältnis zu übergeordneten Kompetenzen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Definition
Eine eindeutige Definition des Begriffes Lerntransfer ist nur schwer zu geben. Man findet in der Literatur verschiedene Auslegungen des Transferbegriffs. Abgeleitet vom lateinischen Wort „transferre“ bedeutet Transfer „übertragen“. „In einem allgemeinen Sinn spricht die ältere wie neuere Transferforschung übereinstimmend dann von Transfer, wenn etwas, das in einem Zusammenhang gelernt wurde, auf einen anderen Zusammenhang übertragen wird.“ (Mandl et al., 1992, S. 127)
Nach Gage ist Lerntransfer ein „Prozess, der die Übertragung früher gelernter Reaktionen auf eine veränderte oder neue Situation ermöglicht“ (Gage et al., 1996, S. 316). „Ein Beispiel für Transfer ist das Fahren eines neuen Autos. Obwohl die nötigen Reaktionen denen ähnlich sind, die man früher beim Fahren gelernt hat, sind sie doch nicht genau die gleichen. Oft ist es notwendig, alte Gewohnheiten anzupassen oder einige neue zu lernen.“ (Bourne et al., 1992, S. 190)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Aktuelle Problemstellung: Die Arbeit führt in die Anforderungen der modernen Arbeitswelt ein, die verstärkt Schlüsselqualifikationen statt reinem Fachwissen fordert, und wirft die Frage nach der Verdrängung fachspezifischer Kompetenzen auf.
2 Transfer: Dieses Kapitel erläutert den Begriff des Lerntransfers, differenziert verschiedene Transferformen und analysiert psychologische Hindernisse wie das Phänomen des "trägen Wissens".
3 Das Modell der Schlüsselqualifikationen: Hier wird das Konzept von Mertens detailliert vorgestellt und anschließend durch die kritischen Perspektiven von Zabeck (Dilemma-Problematik) und Reetz (Persönlichkeitstheorie) theoretisch eingeordnet.
4 Abschließendes Fazit: Das Fazit stellt fest, dass Schlüsselqualifikationen zwar eine wichtige Ergänzung zur formalen Bildung sind, jedoch den Erwerb von spezifischem beruflichem Fachwissen nicht ersetzen können.
Schlüsselwörter
Lerntransfer, Schlüsselqualifikationen, Berufsbildung, Fachwissen, Wissenspsychologie, Transferproblematik, Handlungsfähigkeit, Persönlichkeitsentwicklung, Didaktik, Kompetenz, Arbeitnehmer, Qualifikation, Lernfeld, Funktionsfeld, Wissensmanagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie in der beruflichen Ausbildung erworbenes Wissen erfolgreich auf praktische Arbeitssituationen übertragen werden kann und welchen Beitrag Schlüsselqualifikationen dazu leisten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Transferforschung, die didaktische Gestaltung beruflicher Lernprozesse sowie die theoretische Fundierung des Konzepts der Schlüsselqualifikationen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das Verhältnis von fachspezifischem Wissen und allgemeinen Schlüsselqualifikationen zu klären und zu bewerten, inwieweit Letztere den "Pädagogentraum" einer universellen Problemlösungskompetenz erfüllen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie verschiedene wissenschaftliche Strömungen der Transferforschung sowie bildungstheoretische Konzepte vergleichend gegenüberstellt und kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Transferproblematik und Ansätze wie die "Theorie der identischen Elemente" (Thorndike) oder der "Expertenkulturansatz" (Zimmermann) besprochen, bevor das Modell der Schlüsselqualifikationen nach Mertens samt seiner Kritiker analysiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Lerntransfer, Schlüsselqualifikationen, Fachwissen, Handlungsfähigkeit und die Balance zwischen theoretischem Lernen und beruflicher Anwendung.
Was besagt das "Schlüsselqualifikationen-Dilemma" nach Zabeck?
Es beschreibt das Problem, dass Qualifikationen entweder zu allgemein definiert werden, um effizient zu sein, oder zu spezifisch, um noch einen breit angelegten Transfer zu ermöglichen.
Wie bewerten die Autoren die Rolle des Fachwissens?
Die Autoren gelangen zu der Erkenntnis, dass fachspezifisches Wissen unersetzlich bleibt, da Problemlösestrategien stets kontextgebunden sind und durch "Üben" in konkreten Inhaltsfeldern erlernt werden müssen.
- Quote paper
- Thomas Melzl (Author), 2006, Zum Problem der "Lernübertragung" - Erkenntnisse der Transferforschung unseres Jahrhunderts und ihr theoretischer Nutzen, aufgezeigt am Beispiel der sog. "Schlüsselqualifikationen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79139