Die Bedeutung der Intuition im pädagogischen Handeln


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Problemstellung

2. Hauptteil
2.1 Der Intuitionsbegriff
2.2 Eggenbergers pragmatisches Konzept
2.3 Intuition in der Praxis Konkrete Beispiele
Diskussion anhand des Konzepts von Eggenberger
2.4 Theoretische Ergänzungen
Das Theorie-Praxis-Problem
Verstehen als Grundlage pädagogischen Handelns
2.5 Intuition als Methode

3. Ausblick

4. Literatur

1. Problemstellung

Malcolm Gladwells Blink beherrschte monatelang die Bestsellerlisten und Feuilletons, ein Buch von der Idee „to know without knowing why“ (Gladwell, S. 52). Die Leser waren fasziniert, das jemand fernab vom Esoterischen das die Einschätzungen, die ein Mensch während der ersten 2 Sekunden, während dem ersten ‚Blink’ trifft, existent und für Entscheidungen ausschlaggebend sein können. Gladwell führte dafür alle möglichen Beispiele an, schließlich gibt es doch in jeder Profession anerkannte Ausrücke, wie „court sense“ bei Basketball oder „coup d´oeil“ im Militärjargon.

Von Wissenschaftlern, die mit Theorien, Analysen und Empirie arbeiten, werden solcherlei Thesen gerne belächelt. Gerade die Pädagogik, immer wieder um ihre Legitimation in der Öffentlichkeit und Abgrenzung zu sämtlichen Hobbypädagogen bemüht, hat sich zu einer Wissenschaft entwickelt, die nach handfesten Beweisen sucht, um die komplexen Bildungsprozesse messbar und kontrollierbar zu machen. Was dabei aber oft außen vor gelassen wird, ist der Fakt, dass pädagogisch handelnde Personen keineswegs nur nach rational bewussten und theoretisch erlernten Wegen handeln. Gerade im pädagogischen Bezug spielt die Intuition eine maßgebliche Rolle im Handeln und entscheidet nicht selten den Erfolg einer Maßnahme. ‚Lehrer sein hat man im Blut’ oder das ‚pädagogische Gespür’ sind keine seltenen Redewendungen. Und bekannt ist auch, was mit ‚Geistesblitz’, ‚Eingebung’ oder dem ‚Lösen des Knotens’ im Kopf gemeint ist, es ist die Intuition die plötzlich, oft unerwartet und unmittelbar aufleuchtet. Ihre Implikationen für das pädagogische Handeln und die Ambivalenz der nichtbeschreibbaren, aber oft handlungsleitenden Intuition des Pädagogen soll nun Gegenstand dieser Arbeit sein.

Intuition wird oft mit einer Art ‚geistigem Schauen’ übersetzt, im Pädagogik-Lexikon findet sich dazu folgende Erklärung: „Intuition ist eine unmittelbare, plötzliche Erkenntnis, die nicht durch gezieltes Nachdenken über einen Sachverhalt eintritt. Aus phänomenologischer Sicht gilt Intuition auch als die ganzheitliche Erfassung eines Phänomens, das gedanklich oder emotional durchdrungen wird, um dessen Wesen zu erkennen“ (Reinhold/Pollak/Heim, S. 277). „Von der Art her ist Intuition somit eine unmittelbare Erkenntnis- und Verstehensform“ (Eggenberger, S. 197).

Im Ansinnen dieser Arbeit scheint es sinnvoll, auch den Begriff des Handelns vorher noch in Erinnerung zu rufen, der da lautet: : „Unter ‚Handlung’ versteht man eine zielgerichtete Tätigkeit: Ein Aktor hat die Absicht, einen bestimmten Zielzustand herzustellen, und wählt dafür ein entsprechendes Mittel aus seinem Repertoire aus und wendet es an (unter Einschluß der Möglichkeit, nichts zu tun)“ (Reinhold/Pollak/Heim, S. 252).

Im Bezug auf die Bedeutung der Intuition für das pädagogische Handeln, eröffnet sich ein sehr großes Feld von Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen lassen und großteils von der Pädagogik noch unbeantwortet sind. Denn „gerade da, wo es um den Menschen geht – und nichts anderes als um den Menschen – vermisst man demnach die Hinwendung auf das Phänomen der Intuition“ (Eggenberger, S. 3).

Zuerst stellt sich natürlich die Frage nach der Brauchbarkeit und Wichtigkeit der Intuition in pädagogischen Zusammenhängen. Welche Chancen werden dadurch im Lehren und Lernen eröffnet? Ist denn vielleicht gerade in einer immer komplexer werdenden Bildung Intuition von Belang? Kann man den Menschen als komplexes Wesen denn überhaupt oder vielleicht sogar besser intuitiv verstehen und erziehen? Und wenn ja ist damit Intuition eine pädagogische Schlüsselqualifikation? Kann diese ‚geweckt’ werden oder durch Übung erlangt werden?

Bei der Untersuchung dieser Fragen liegt der Schwerpunkt auf einer pragmatischen Perspektive, die praktische Relevanz und Nutzbarkeit der Intuition für das pädagogische Handeln im Blick behält.

Nach der Begriffsklärung der Intuition wird im Folgenden ein pragmatisches Konzept vorgestellt, welches versucht die Intuition im pädagogischen Zusammenhang der Anwendung zur Verfügung zu stellen. Dieses Konzept wird anhand von Praxisbeispielen untersucht und konkretisiert.

Dann wird sich der Thematik noch einmal punktuell theoretisch genähert und abschließend ein Einblick auf die gegenwärtige Forschung im Kontext von Organisationsberatung gewährt. Hierbei besteht nicht das Ziel einer vollständige Aufzählung und Klärung sämtlicher thematischer Zusammenhänge, sondern besteht vielmehr die Absicht durch Herausgreifen einzelner wichtiger Punkten ein besseres Verständnis des Phänomens Intuition zu schaffen, Möglichkeiten intuitiven Handelns auf zu decken, sowie vorhandener Widersprüche und Ambivalenzen zu problematisieren.

2. Hauptteil

2.1 Der Intuitionsbegriff

Die Problematik um die Intuition beginnt schon bei der Begrifflichkeit, kann dieser doch für so vieles verwendet werden und ist oft nicht eindeutig definiert. Etymologisch stammt er vom lateinischen intueri – schauen, beziehungsweise intuitus – die Anschauung, ab. Eggenberger hat in seinem Buch Grundlagen und Aspekte einer pädagogischen Intuitionstheorie den Intuitionsbegriff in drei Bereiche aufgeteilt, den der philosophischen, psychologischen und pädagogischen Theorien.

Nach Eggenberger umfasst der philosophischer Intuitionsbegriff ganz kurz gesagt die unmittelbare Erfassung, das unmittelbares Wissen und den schöpferischer Moment. Psychologisch gesehen bezeichnet die Intuition die Handlungsweise der Intelligenz und deren Produkt, sowie Eingebungen und Erfahrungsdenken. Pädagogisch definiert nennt er die Intuition den Sinneseindruck und plötzlich erkannte Sinnzusammenhänge, sowie einen guter Einfall. Außerdem die unmittelbare Schau in einen Sachverhalt und dessen umfassendes Erkennen.

Hier lässt sich die große Spannbreite des Intuitionsbegriffs erkennen, welche allein schon den Umgang damit erschwert. Obwohl die Intuition in ihrem pädagogischen Zusammenhang untersucht wird, begründet Eggenberger auch die Nennung philosophischer Komponenten damit, dass hier die lange abendländische Tradition um die „Möglichkeiten der menschlichen Erkenntniskapazität“ (Eggenberger, S. 217) ihren Platz hat. Auch psychologische Ansätze zur Intuition haben in dem hier erörterten Themenbereich eine wichtige Stellung, da sie Funktionsweisen im Denken, Erkennen/Erleben und Verhalten des Menschen ergründen.

Im pädagogischen Zusammenhang nennt Eggenberger vier theoretische Richtungen, die die Intuition berücksichtigen: Professionstheorien (Koring, Langeveld), die Theorie-Praxis-Theorie (Herbart, Patry), Lerntheorien (Bruner, Copei) und die philosophische Pädagogik (Mueller-Wieland, Steiner). Handeln die einen vom intuitiven Sachverstehen des Lernenden, gehen die anderen auf das Menschenverstehen des intuitiv handelnden Pädagogen ein. Ausgewählte Aspekte einiger dieser Theorien werden später beleuchtet.

Doch zuerst ist es sinnvoll durch eine lexikalische Bestimmung das Verständnis für den Intuitionsbegriff zu erhöhen und ihn definitorisch zu konkretisieren. Eggenberger führt eine ausgiebige lexikalische Untersuchung durch und die daraus entstandene Definition der Intuition wird in dieser Arbeit verwendet:

„Intuition ist ein nicht mit dem Gefühl zu verwechselndes Vermögen zur unmittelbaren, umfassenden und ganzheitlichen Erfassung, Erkenntnis und Wahrnehmung von geistigen Gehalten, Sinnzusammenhängen, Wesensgehalten, aber auch Sinnesdaten und irgendwelchen Sachverhalten und Gegebenheiten. Dabei erfährt man sie als schöpferische, das heißt Einsichten und Ideen bewirkende Eingebung, die mit Evidenzerlebnissen einhergeht und oft auf nicht-diskursiven Vorgängen beruht. Dadurch bleibt sie für das methodische Denken zum Teil unnachvollziehbar. Sie wird sowohl geistigen als auch sinnlichen Prozessen des menschlichen Organismus zugeordnet.“

(Eggenberger, S. 65)

Obwohl die Intuition durch Probleme in der sprachlichen Konkretisierung oft auch in Zusammenhang mit Gefühlen beschrieben wird, grenzt Eggenberger hier die Intuition an sich von bloßen Gefühlen ab, die er als „andere sich äussernde seelische und geistige Regungen“ (Eggenberger, S. 2) begreift, ähnlich wie Instinkte, Phantasien und Stimmungen.

Die Intuition dagegen ist also eine Erkenntnisform, die die große Chance der Ganzheitlichkeit bietet. Dabei gilt sie als nicht-intentional oder machbar, was bedeutet, dass die Person passiv bleibt und die Intuition nicht rational bestimmen kann. Die Person bekommt eine Eingebung, die Erkenntnis passiert einfach. Hier zeigt sich der Aspekt der Unverfügbarkeit der Intuition. Ob es nun Schicksal oder „eine Art Gnadenerlebnis“ (Eggenberger, S. 202) genannt wird, bleibt es eine Erkenntnis die nicht willkürlich und methodisch herbeigeführt werden kann. Allerdings gibt es doch mehrfach Phasenmodelle, die das Auftreten der Intuition greifbarer machen sollen und auf die später noch näher eingegangen wird. Hierbei wird auch immer wieder der Aspekt der Richtigkeit angeführt: nicht nur weil die Intuition auftritt, muss sie auch richtig sein. Somit ist eine Überprüfung der Intuition stets notwendig. Nicht nur der Reflexion, auch der Vermittlung und sonstiger Kommunikation sind allerdings durch die Sagbarkeit Grenzen gesetzt, ist doch nach Eggenberger nur die „Sprache der Transparenz“ (Eggenberger, S. 203), womit er die „Sprache der Philosophie und Dichtung“ (Eggenberger, S. 203) meint, der Intuition einigermaßen angemessen. Die rationale Sprache aber „berührt die Wirklichkeit nicht“ (Eggenberger, S. 204).

Hier wird nun also der Bereich der Kunst in die obigen Definition eingeschlossen, betrifft er doch den schöpferischen Charakter der Intuition. Künstler selber betonen diesen Aspekt ihrer Arbeit immer wieder, der hier aber nur M Rande erwähnt sein soll.

Wie einleitend schon erwähnt, ist die Definition des intuitiven Prozesses oft gegensätzlich zum diskusiven Denkprozess. Diese werden definiert als „Vorgänge, die auf dem methodischen, systematischen und folgerichtigen Fortschreiten des Denkens beruhen und aufgrund dieser Merkmale in einer intersubjektiv nachvollziehbaren Erkenntnis münden“ (Eggenberger, S. 67). Dadurch können diskursive Erkenntnisprozesse wiederholt und formalisiert, sowie auch vermittelt werden. Was dem diskursiven Denken entspringt wird so nachprüfbar und vermeintlich wissenschaftlicher als intuitive Denkprozesse, die dagegen schlecht nachvollziehbar, wiederholbar oder methodisch zu prüfen sind und deswegen ein formal nicht zu fassendes Phänomen.

Bruner grenzt im lerntheoretischen Zusammenhang das intuitive Denken vom analytischen Denken ab, welches er wie folgt beschreibt: „Solches Denken geht bei verhältnismäßig voller Bewußtheit des Informationsgehalts und der angewandten Operationen vor sich. Es kann sich dabei um eingehende und deduktive Überlegungen handeln, oft unter Verwendung von Mathematik und Logik und eines klaren Ansatzes. Oder es kann sich um einen schrittweisen Induktions- und Experimentierprozeß handeln (...)“ (Bruner, S. 66). Ein interessanter Punkt, wie ich meine, da hier explizit der ja auch schöpferische aber rein analytische Lernprozess durch Experimentieren aufgezeigt wird, der in klaren Schritten voranschreitet, im Gegensatz zum intuitiven Denkprozess, den keine klaren und festgelegten Schritte leiten. Dies ist verknüpft mit dem ersten Satz der Definition von Intuition, der auf die umfassende Erkenntnis hinweist. Diese Gesamterkenntnis führt zu ganz anderen möglichen Denkmanövern als die Analyse, benötigt allerdings die spätere analytische Überprüfung.

Vermutet wird, dass nicht nur geistige, sondern auch sinnliche Vorgänge an der Intuition beteiligt sind. Hiermit verweist die Definition auf den Zusammenhang mit dem sprachgeschichtlichen Aspekt der Anschauung, der intuitives Lernen in einer sinnlich-anschaulichen Didaktik thematisiert.

Aus dieser Definition heraus stellt sich die Frage der pädagogischen Förderung der Intuition und deren Methodik. Auch problematisiert Eggenberger, inwieweit eine Methodik der Intuition, sowie ihr Aspekt der Phasigkeit, ihrer Eigenschaft als ‚Schicksal’ und gewissem Vermögenswert widersprechen.

2.2 Eggenbergers pragmatisches Konzept

Nach eingehender Untersuchung psychologischer Ansätze ergeben sich für Eggenberger fünf Thesen. Zum einen stellt er nun fest, dass Intuition eben kein irrationales Prinzip ist. Die Wissenschaft ist darauf angewiesen und die Psychologie legt die rationalen Zugänge dazu. Die Intuition nimmt eine zentrale Stellung ein, wenn es um Kreativitäts-, Lern- und Problemlöse-Theorie geht und erfasst außerdem „psychologische Schlüsseldaten, Motive des Verhaltens von Menschen sowie psychische und zwischenmenschliche Zusammenhänge. Dadurch wirkt sie in einem hohen Maße handlungsleitend“ (Eggenberger, S. 500). Aus diesem Grunde fordert er in seiner fünften These eine wissenschaftliche Beachtung der Intuition und ihre Integration in das pädagogische Handeln. Somit wird ein pragmatisches Konzept notwendig. Pragmatischen Charakters deswegen, da es auf Alltagsrealität beruhen soll und nicht auf spekulativen Ideen. Dementsprechend funktionalisiert er den Charakter der Intuition als Erkenntnismoment und nicht als vermögensartiger Faktor.

Voran stellt er sein „Kontrastmodell“ (Eggenberger, S. 522), um gegen das Absolutheitsproblem der Intuition vorzugehen, welches entsteht, wenn die Intuition durch Sektorierung als höchste Form und Basis allen Erkennens definiert und das diskursive Denken dadurch diskreditiert wird. Um dies zu vermeiden schlägt Eggenberger vor intuitives Erkennen auf die gesamte Wirklichkeit auszudehnen und somit Seins- wie Sacherkenntnis darin ein zu schließen. Für ein rein pragmatisches Konzept wird das diskursive Denken dem intuitiven prinzipiell gleich gestellt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Intuition im pädagogischen Handeln
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Gemütsbildung. Vergessene Zusammenhänge über den Sinn und die Möglichkeiten moralischer Erziehung
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V79144
ISBN (eBook)
9783638856850
ISBN (Buch)
9783638853620
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Intuition, Handeln, Gemütsbildung, Vergessene, Zusammenhänge, Sinn, Möglichkeiten, Erziehung
Arbeit zitieren
Lea Sedlmayr (Autor), 2006, Die Bedeutung der Intuition im pädagogischen Handeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79144

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