Lyrik des Vormärz: Die Gebrüder Follen - Teil I: Karl Follens Biographie bis zu seiner Flucht nach Frankreich


Seminararbeit, 1996

22 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Karl Follen in Gießen
1.1 Kindheit und Jugend
1.2 Studentenbruderschaft - Ehrenspielgel
1.3 Skizze: der Charakter, die Ideologie und die Denkmodelle Karl Follens

2. Die Hauptwerke Follens
2.1 Der Entwurf einer "Reichsverfassung" (1819)
2.2 Freie Stimmen teutscher / frischer Jugend (1818/1819)
2.3 "Das Große Lied" (1818)

3. Karl Follen in Jena (1818 - 1820)
3.1 Follens Einfluß auf den Attentäter Sand
3.2 Konsequenzen

4. Literatur

5. Übersicht

1. Karl Follen in Gießen

1.1 Kindheit und Jugend

Karl Theodor Christian Follen wird am 4. September 1795 in Romrod (Oberhessen) geboren. Er hat einen älteren (August Adolf Ludwig, * 1794) und einen jüngeren Bruder (Paul, * 1799). Nach dem Tode seiner Mutter (1799) übernimmt Karls Vater dessen Erziehung. Diese wird durch den Privatunterricht der Stiefmutter und den
Schulbesuch ergänzt. Obwohl Karl fast alle seine Altersgenossen in der Schule überholt, fehlt ihm doch durch die Umstände die kindliche Munterkeit; an den Spielen seiner Klassenkameraden findet er kein Interesse. So kommt es, daß er bereits in Kinderjahren über die Geheimnisse des Lebens nachdenkt und an den in der Schule gelehrten Religionsbegriffen zweifelt: man sagt ihm sehr früh ein "feierliches, ernstes, religiös bestimmtes Gemüth" nach.[1] - Bis zum Jahr 1813 besucht Karl das Gymnasium in Gießen, wo sich in ihm eine feste Lebenanschauung herausbildet. Hier gerät er unter den maßgeblichen Einfluß seines Lehrers Friedrich Gottlieb Welcker, der einen großen Einfluß auf seine Schüler durch die Erziehung zur deutsch - vaterländischen Gesinnung übt. Daß Welcker für Karl Follens "Laufbahn" mitverantwortlich sein könnte, zeigt ein Aufsatz Follens, den er auf Anregung Welckers geschrieben haben soll. Im Alter von knapp fünfzehn Jahren schreibt der Schüler Follen: "Der Weg zu Gott führt über das Vaterland, über die Gemeinschaft"(Das bedeutet: wenn jeder Mensch sich freiwillig zum Ebenbild Christi macht, dann wäre das die Grundlage für eine neue Gesellschaft. Dieser Ideologieansatz wird auch später in Follens Werken deutlich!).[2]

Ab 1813 ist Follen Student der Rechtswissenschaft in Gießen, wo er sich zudem fundierte Sprachkenntnisse aneignet. Noch im selben Jahr nimmt er mit seinem älteren Bruder August Adolf Ludwig als freiwilliger Jäger am Befreiungskrieg gegen Napoleon teil. Vorbild Follens wird Theodor Körner. Nachdem Karl das Studium 1814 wieder aufgenommen hat, wird er im selben Jahr - vermutlich unter dem Einfluß Welckers - Mitbegründer der "Gießener teutschen Gesellschaft", an deren Spitze er sich stellt.[3]

1.2 Studentenbruderschaft - Ehrenspielgel

1815 kommt es aufgrund prinzipieller Gegensätze[4] zur Teilung dieser Gesellschaft:

Die Anhänger des Einheits - und Freiheitsideals in Gießen gründen unter Karl Christian Sartorius den "Germanenbund". Aufgrund der schwarzen Tracht werden sie die "Gießener Schwarzen" genannt. Karl Follen wird Mitbegründer und schließlich Führer der Burschenschaft bzw. der Studenten - Bruderschaft, die aus diesem Germanenbund hervorgeht: allgemeine Grundlage dieser Verbindung wird das Schlagwort "Freiheit", das zur Zeit der Befreiungskriege entstanden war.[5]

Das Ideal der "Gießener Schwarzen" ist die Bildung einer Elite, einer Führerschicht innerhalb der Studentenschaft, die das ethnische Niveau heben soll. Die Pflege eines Freundschaftskultes, die Freundschaft als Mittel zur Erreichung des höchsten Zieles (nämlich des politischen Umschwungs) steht im Vordergrund der Vorstellungen und soll den Zusammenhalt maßgeblich fördern.[6] Dazu gehört auch das Turnen, das Karl Follen (begeistert durch Jahns' "Volksthum"[7] ) in Gießen funktionalisiert: durch das Turnen soll die Überwindung sozialer Schranken gefördert werden. Follen schwebt die Turnergesellschaft als demokratischer Staat vor Augen.[8]

Ab 1816 arbeitet Follen Statuten für eine festere Organisation, d.h. für die gegründete Studentenbruderschaft, im "Ehrenspiegel der jungen teutschen Studenten Bruderschaft" aus.[9] Es kommt zu einer Neuformulierung des studentischen Ehrbegriffs: verband man zuvor das Ehrgefühl mit der Rauflust der Studenten, so entsteht nun ein ritterlich - romantischer Ehrbegriff mit christlich - germanischer Prägung und dem Gedanken der Zusammenfassung der Studentenschaft. Die Ehre wird zum Prädikat der Sittlichkeit, zum selbständigen Wert des Menschen. Der Studentenstaat soll als Vorbildsstaat etabliert werden, indem die Burschenschaft auf den Universitäten dem neuen Geist der Religiosität, Sittlichkeit und Vaterlandsliebe zum Sieg verhilft.[10] Insgesamt bezeichnet Rattermann den "Ehrenspiegel" als ein Werk, das von einem "republikanisch - kommunistisch - religiösem Zug" durchweht sei und ein "Gemisch christlich - mystischer Volksfreiheit" beinhalte.[11] Bezogen auf die damalige Situation ist dem nicht gänzlich zu widersprechen. Eine eingehende Diskussion dieser Thesen würde jedoch vermutlich den Rahmen dieser Referatsverschriftlichung sprengen.

Das Hauptproblem des "Ehrenspiegels" war, daß das Werk für die reale Studentenschaft nicht geeignet zu sein schien, sondern sich vielmehr zu einem Leitfaden für eine klösterlich abgeschlossene Gesellschaft entwickelte. Dies zeigt unter anderem auch die Situationsbeschreibung von Ernst Münch, die die Vorstellung des Ehrenspiegels an der Gießener Universität durch Karl Follen dokumentiert.[12]

Durch die Vorstellung des "Ehrenspiegels" kommt es zur Spaltung der Studenten in Gießen: die Anhänger Follens erkennen das bisherige Studentengesetz nicht mehr an. Dadurch wird der Verruf über sie ausgesprochen und es kommt zu Auseinandersetzungen, die sogar in Schlägereien enden. Auf diese Weise kommt es zur Festigung des Bundes der "Schwarzen" mit dem inneren Kern der "Unbedingten", die sich die bedingungslose Kampfansage gegen die politischen und sozialen Verhältnisse zum Ziel machen.[13] - Die Anhänger sehen in Karl Follen ihren geistigen Mentor. Er selbst glaubt sich berufen, die Rolle des Reformers zu übernehmen!

1.3 Skizze: der Charakter, die Ideologie und die Denkmodelle Karl Follens

Follen wird im allgemeinen als sehr sittlicher und religiöser Mensch bezeichnet, der jedoch auch sehr subjektiv bezüglich seiner überzeugten Ideologie gewesen sein soll. Das politisch Falsche war für ihn das sittlich Schlechte und mußte daher bekämpft werden. Aus diesem Grund setzte er sich auch für die sittliche und religiöse Erziehung der Studenten ein.[14]

Charakteristisch für Follen war sein starres Festhalten an einer Idee und seine Unbestechlichkeit, die an Robespierre erinnern. Demzufolge war für ihn Mord ein Mittel, mit dem man Schrecken verbreiten mußte, um zum Ziel zu gelangen. Er sah im nationalen und sozialen Befreiungskampf der Franzosen ein Vorbild für die notwendige Befreiung des eigenen Volkes, weshalb Follen die Errungenschaften der Jakobiner würdigte.

[...]


[1] Friedrich Münch: "Erinnerungen aus Deutschlands trübster Zeit. Dargestellt in den Lebensbildern von Karl Follen, Paul Follen und Friedrich Münch." St. Louis: Conrad Witter's Buchhandlung 1873, S.3 - 56. Hier S.6! Vgl dazu auch H. A. Rattermann: "Dr. Karl Follen. Ein Lebensbild aus aufgeregten Zeiten in zwei Welttheilen." In: Americana Germanica, Bd. 4, Philadelphia 1901/02, S. 220ff. Die obenstehenden sowie die folgenden Ausführungen zu Karl Follens Biographie basieren im wesentlichen auf den Aussagen Friedrich Münchs ("Erinnerungen", S. 5ff), dessen Werk die Quellengrundlage für die Lebensbeschreibung des gießener Studentenführers bildet. Rattermann dagegen lehnt sich sehr stark an die Aussagen Münchs an und kopiert regelrecht dessen Beobachtungen.

[2] Vgl. Julia Wüst: "Karl Follen". In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins, Bd. 35. Gießen 1936, S.10ff. Vgl dazu auch Hermann Haupt: "Karl Follen und die Gießener Schwarzen. Beiträge zur Geschichte der politischen Geheimbünde und der Verfassungsentwicklung der alten Burschenschaften in den Jahren 1815 / 1819". In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins NF, Bd. 15. Gießen 1907, S.6.

[3] Vgl. Julia Wüst: "Karl Follen", S.14. Genauere Angaben zu den Tätigkeiten der "Teutschen Gesellschaften" wurden bereits in anderen Referaten eingehend besprochen und bedürfen daher an dieser Stelle des Referats keiner weiteren Erläuterung.

[4] Einerseits das landsmannschaftliche Prinzip (partikularstaatliche, apolitische Sicht), andererseits die politische Lebenshaltung und die Einheits - und Freiheitsideal - Vorstellung. Vgl. dazu auch Haupt´:" K. Follen", S.8ff.

[5] Eine Definition dieser "Freiheit" gibt Rattermann (S.222): "Dieser [Gedanke] formulirte sich auf natürliche Weise in eine Volksfreiheit, nicht in eine Unabhängigkeit der Monarchen vom Franzosenkaiser." Da die erwartete politische und soziale Änderung nach dem Sieg über Napoleon ausgeblieben war, fragte man sich nach dem Lohn der Freiheit und nach dem Sinn des Opfertodes in den Befreiungskriegen. Man hatte sein Leben geopfert, damit anstelle Napoleons die deutschen Fürsten die Zersplitterung des Reiches vorantrieben und das Volk unterdrückten. Aus diesem Grund entwickelte sich die immer radikaler werdende Haltung gegenüber den deutschen Fürsten.

[6] Vgl. dazu G. Fittbogen: "Briefe aus dem Lager der Unbedingten". In: Euphorion 27 (1926), S.368.

[7] Vgl. Friedrich Münch: "Erinnerungen". S.7.

[8] Zur weiteren Funktion des Turnens siehe unten S.8ff : Hauptwerke, "Freie Stimmen teutscher Jugend"! Bezüglich der geistigen Funktion des Turnens zu dieser Zeit erklärt Julia Wüst (jedoch möglicherweise in Anlehnung an nationalsozialistische Vorstellungen!): "Es [das Turnen] ist Erziehung zur vaterländischen Gemeinschaft, indem es das deutsche Lebensideal fördert, Kraft und Mut stählt und persönlichen Einsatz vom einzelnen verlangt." Schlagworte sind hier: Freiheit, Gleichheit, Volksverbundenheit. Vgl. Julia Wüst: "Karl Follen", S. 26.

[9] Da dieses Werk schon in vorangegangenen Seminarsitzungen besprochen wurde, werde ich an dieser Stelle nur eine grobe Skizzierung vornehmen!

[10] Hierbei ging es vor allem um die mystische Auffassung in der Duellfrage, bei der der Zweikampf die Waffe des sittlichen Subjekts sein sollte, um sich als solches zu behaupten. Wenn Überzeugung gegen Überzeugung stehe, müsse es zum Kampf um die Ehre kommen. Vgl. dazu insbesondere Julia Wüst: "Karl Follen", S.30ff.

[11] Rattermann: "Karl Follen" , S. 222.

[12] Friedrich Münch berichtet: "Bald nach dem Beginne des Wintersemesters wurde eine allgemeine Versammlung der Studierenden berufen, um die beabsichtigte bessere Ordnung der Dinge zu berathen. Ich selbst war eben erst Student geworden, wußte nichts von allem Vorausgegangenen, ging aber zu der Versammlung und sah dort K. Follen zum ersten Mal. Er trat auf und fragte, ob die Anwesenden zu einer Verständigung geneigt seien. Sogleich nahm ein gewisser Görz [...] das Wort und rief mit lauter Stimme:'Hier stehen die Landsmannschaften, - mit dem Ehrenspiegel wollen wir Nichts zu thun haben, - wer für den bisherigen Komment ist, ziehe ab!' Darauf verließen zwei Drittel der Anwesenden den Saal und etwa 60 blieben zurück. Auch ich blieb, indem ein mir damals noch dunkles Gefühl mir sagte, daß das Recht auf Seite Derer sein müsse, die eine Verständigung suchten [...]." Friedrich Münch: "Erinnerungen",S.8 . Vgl. dazu auch Rattermann, S.223!

[13] Die Erklärung des Begriffes der "Unbedingten" bedarf hier keiner näheren Erläuterung, da dies schon in vorangegangenen Seminarsitzungen erfolgt ist!

[14] Die Ausführungen zu diesem Punkt sind aus verschiedenen Darstellungen zusammengetragen und erheblich gekürzt worden!

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Lyrik des Vormärz: Die Gebrüder Follen - Teil I: Karl Follens Biographie bis zu seiner Flucht nach Frankreich
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Hauptseminar "Politik und Ästhetik im deutschen Vormärz am Beispiel der 'Gießener Schwarzen'"
Note
1
Autor
Jahr
1996
Seiten
22
Katalognummer
V79206
ISBN (eBook)
9783638857147
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lyrik, Vormärz, Gebrüder, Follen, Teil, Karl, Follens, Biographie, Flucht, Frankreich, Hauptseminar, Politik, Beispiel, Gießener, Schwarzen
Arbeit zitieren
Stephan Becht (Autor), 1996, Lyrik des Vormärz: Die Gebrüder Follen - Teil I: Karl Follens Biographie bis zu seiner Flucht nach Frankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79206

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