Anspruch und Wirklichkeit – Ist Osteuropa auf dem Weg zur Demokratie oder zurück zum autoritären Staat? Auf den ersten Blick schien uns schon bei der Bearbeitung des Referatsthemas die Antwort auf der Zunge zu liegen. Natürlich entwickelt sich Russland zurück zu einem autoritären Staat. Doch bei genauerer Betrachtung mussten wir unsere Meinung differenzieren. Immerhin hatte sich in Russland in den 15 Jahren seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion einiges verändert. Mit dem Amtsantritt Putins endeten die wirren Jahre unter Jelzin, in denen das Land unberechenbar schien. Die Wirtschaft scheint im Aufschwung, wichtige Reformprojekte, wie die Steuerreform, wurden in Angriff genommen. Die Unruhen in der Bevölkerung um die im Zusammenhang mit den Sozialreformen eingeführte Monetarisierung der Sozialleistungen zeigen, dass auch imageschädliche Projekte verwirklicht werden. Putin verfolgt stringent seinen wirtschaftlichen Reformkurs um das Land zu transformieren, was in russischen Wirtschaftskreisen und bei Auslandsinvestoren positiv bewertet wird. Dass er dafür allerdings innenpolitisch die Zügel anzog und eine bedenkliche Entwicklung in Richtung „gelenkte Demokratie“ einleitete, stößt im Ausland auf Kritik. Die autoritären Tendenzen, die sich im Putinschen Russland zeigen, beunruhigen das westliche Ausland. In Wissenschaft und Politik stellt man sich die Frage, ob die Schäden für das demokratische System nicht irreparabel sind und ob Putin die Zügel wieder lockern wird, wenn er seine Reformprojekte verwirklicht hat.
Eine weitere Frage die sich uns im Zusammenhang mit dem Titel Anspruch und Wirklichkeit stellte, war die Frage danach, was denn eigentlich Anspruch, und was Wirklichkeit sei und wer diese definiere. Als Anspruch konnten wir sowohl den Anspruch Russlands an seinen Transformationsfortschritt, an sein zukünftiges System sehen, als auch den Anspruch, den die westliche Forschung und internationale Politik an die Entwicklung Russlands stellt. Das sich hier schon Divergenzen ergeben, liegt auf der Hand. Auch der Begriff von „Wirklichkeit“ stellte uns schnell vor Definitionsprobleme. Denn Wirklichkeit schafft man, sie existiert nicht bzw. ist für uns nur schwer fassbar.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Das politische System unter Putin
Demokratischer Werte in der Bevölkerung
Pressefreiheit
Zivilgesellschaftliche Entwicklung in Russland
Menschenrechte – ein Recht des Einzelnen?
Rechtsstaatlichkeit – oder Recht dem Staat?
Die Wirtschaftselite in Russland
Der Fall Chodorkowskij
Die Strafsache 18/41
Fazit
Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung Russlands unter Präsident Putin vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen demokratischem Anspruch und autoritärer Wirklichkeit. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob Russland einen Transformationspfad hin zur Demokratie verfolgt oder sich in Richtung eines autoritären Staates zurückbewegt.
- Analyse des politischen Systems und der Machtkonzentration unter Putin
- Einstellung der russischen Bevölkerung zu demokratischen Grundwerten
- Einschränkungen der Pressefreiheit und zivilgesellschaftlicher Spielräume
- Stellung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit im Kontext tschetschenischer Konflikte und politischer Justiz
- Rolle der russischen Wirtschaftselite und Fallstudie zur Zerschlagung des Jukos-Konzerns
Auszug aus dem Buch
Das politische System unter Putin
Auch Putin ventilierte in seiner Jahresbotschaft an das Parlament im Mai 2003 eine Regierungsbildung nach dem Parteienprinzip und schwärmte von der notwendigen „täglichen Verbindung des Staates und der Gesellschaft“.
Die Verfassung vom Dezember 1993 hält alle Richtwerte der Demokratie und des Rechtsstaates parat und listet weitgehend alle dazugehörigen institutionellen Vorkehrungen und Verfahrensweisen auf. Allerdings scheint es am politischen Willen zur Umsetzung der Verfassung zu fehlen und dem Willen sich von den vielen Scheinlösungen, Provisorien und sowjetischen Überbleibseln aller Art zu lösen. Dazu gehört die Bildung von Regierungen als reine Präsidialkabinette ohne jegliche Rückbindung an parlamentarische Kräfte.
Auch fehlt es in Russland an einer funktionsfähigen föderativen Struktur und Aufgabenverteilung zwischen Zentrum und den Regionen. Hier sei als Beispiel die Entmachtung des Föderationsrates als wichtige Vetomacht zu nennen. Während unter Jelzin die Gouverneure noch direkt von der regionalen Bevölkerung gewählt wurden und dadurch eine starke Machtposition gegenüber dem Zentrum hatten, sollen sie nun vom Präsidenten direkt vorgeschlagen werden. Nachdem schon im Föderationsrat nur Vertreter der Gouverneure und nicht mehr sie selbst saßen, bedeutet dies eine weitere Marginalisierung der Regionen. Auch die Einsetzung der sieben Präsidentenbevollmächtigten im Mai 2000 und die Aufteilung des Landes in Föderale Distrikte stärken die Kontrollmöglichkeit des Zentrums gegenüber den Regionen. Dies birgt zum einen sicher die Gefahr autokratischer Herrschaft, ist allerdings zum anderen auch eine Eindämmung superpräsidentieller Erscheinungen auf subnationaler Ebene. Denn unter der Herrschaft Jelzins hatten die Gouverneure einen unheimlichen Machtzuwachs erfahren und sich zum Teil wie Provinzfürsten aufgespielt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Fragestellung bezüglich der politischen Entwicklung Russlands zwischen Transformation und autoritären Tendenzen unter Präsident Putin.
Das politische System unter Putin: Untersuchung der Machtzentralisierung und der Schwächung föderaler Strukturen sowie der parlamentarischen Kontrolle.
Demokratischer Werte in der Bevölkerung: Analyse der Umfragedaten, die eine eher geringe Identifikation der russischen Gesellschaft mit westlichen demokratischen Werten aufzeigen.
Pressefreiheit: Darstellung der staatlichen Einflussnahme auf die Medienlandschaft und der zunehmenden Repressionen gegen kritische Journalisten.
Zivilgesellschaftliche Entwicklung in Russland: Erörterung der erschwerten Arbeitsbedingungen für NGOs und der staatlichen Versuche, zivilgesellschaftliche Organisationen zu kontrollieren.
Menschenrechte – ein Recht des Einzelnen?: Problematisierung der Menschenrechtssituation vor dem Hintergrund des Tschetschenienkrieges und der westlichen Russlandkritik.
Rechtsstaatlichkeit – oder Recht dem Staat?: Kritische Analyse der Justizunabhängigkeit am Beispiel politisch motivierter Spionageprozesse und des Einflusses der Exekutive.
Die Wirtschaftselite in Russland: Historische Einordnung der Machtverhältnisse zwischen Wirtschaftseliten und der politischen Führung in den neunziger Jahren und der Ära Putin.
Der Fall Chodorkowskij: Detaillierte Darstellung des Aufstiegs und Falls des Oligarchen Chodorkowskij als Symbol für den Machtkampf zwischen Kreml und Großkapital.
Die Strafsache 18/41: Analyse der juristischen Verfolgung von Chodorkowskij und deren politischer Hintergründe.
Fazit: Abschließende Einschätzung der schwierigen Entwicklung Russlands, die ein differenziertes Bild zwischen notwendigen Reformen und autoritären Rückschritten fordert.
Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und weiterführenden wissenschaftlichen sowie medialen Publikationen.
Schlüsselwörter
Russland, Putin, Demokratie, autoritärer Staat, Transformation, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Zivilgesellschaft, Oligarchen, Chodorkowskij, Jukos, Machtzentralisierung, Föderalismus, Tschetschenien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, ob sich Russland unter der Präsidentschaft von Wladimir Putin in eine demokratische Richtung entwickelt oder in autoritäre Strukturen zurückfällt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Analyse umfasst das politische System, die Rolle der Medien, die Entwicklung der Zivilgesellschaft, die Einhaltung von Menschenrechten, die Unabhängigkeit der Justiz sowie das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaftselite.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Transformationsprozess Russlands kritisch zu hinterfragen und zu beurteilen, wie sich der politische "Anspruch" mit der tatsächlichen "Wirklichkeit" im Land deckt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf Literaturrecherche, der Auswertung von Umfragedaten, Berichterstattung und Fallstudien basiert.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Mechanismen der Machtausübung durch die Regierung, den Repressionen gegen kritische Akteure und der exemplarischen Verfolgung einflussreicher Oligarchen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit zusammenfassen?
Wichtige Begriffe sind Russland, Wladimir Putin, Demokratie, autoritäre Tendenzen, Rechtsstaatlichkeit, Zivilgesellschaft, Pressefreiheit und der Fall Chodorkowskij.
Warum wird der Fall Chodorkowskij als Beispiel gewählt?
Der Fall dient als prominente Fallstudie, um die Verflechtung von politischer Willkür, justizieller Instrumentalisierung und der Zähmung der russischen Wirtschaftselite durch den Kreml zu verdeutlichen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der deutschen Wissenschaft?
Die Autorin plädiert für ein differenzierteres Bild der russischen Wirklichkeit, da sie in der bisherigen wissenschaftlichen Kritik oft eine fehlende Ausgewogenheit gegenüber den Reformbemühungen Putins wahrnimmt.
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- Anne Sorge (Author), 2005, Anspruch und Wirklichkeit. Ist Osteuropa auf dem Wege zur Demokratie oder zurück zum autoritären Staat? - Das Beispiel Russland , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79227