Wüstenmarathon in der Sahara... Surfen auf Wellen, die größer sind als mehrstöckige Häuser... Die höchsten Berge ohne technische Hilfsmittel erklimmen... Sich aus Tausenden von Metern aus Flugzeugen fallen lassen, um kurz vor dem tödlichen Aufprall den Fallschirm zu öffnen... Im Dschungel, in den Bergen oder auf dem Meer ums Überleben kämpfen... Mit Snowboard oder Skiern in Lawinengebieten durch Tiefschnee pflügen... Ohne Sauerstoffgerät immer länger und immer tiefer tauchen...
Der Sport heutzutage scheint keine Grenzen mehr zu kennen, bzw. werden seine Grenzen immer weiter verschoben. So kommt dem offiziellen Motto der Olympischen Spiele „Citius, Altius, Fortius“ vor dem Hintergrund der modernen Extremsportarten eine ganz neue Bedeutung zu. Leistungen im Extremsport setzen sich über jegliche Beschränkungen und Regeln hinweg. Noch nicht mal der Tod als die ultimative Grenze alles Seienden wird von den Sportlern gefürchtet. Unter immer extremeren Bedingungen wird Sport getrieben und dies in immer extremeren Raum- und Zeitrelationen.
Besonders in den letzten 10 Jahren hat sich Extremsport zu einem vielbeobachteten Phänomen entwickelt. Durch die Spektakularität der Aktivitäten hat die Unterhaltungsindustrie und Werbung den Extremsport für sich nutzbar gemacht. In Form von Berichterstattungen, Kinofilmen, Büchern oder Dokumentationen wird bereits seit Jahren der ‚Flair des Abenteuerhaften’, der diesem Sport anhängt, lukrativ vermarktet. Und von wissenschaftlicher Seite gibt es mittlerweile einige Publikationen über die Gründe für das Ausüben von Extremsport. Darüber hinaus erfreuen sich viele Extremsportarten wachsenden Zulaufs und es macht den Eindruck, dass beinahe täglich eine neue Extremsportart erfunden wird.
Auch auf mich wirkten die Extremsportarten schon immer anziehend. Besonders die Extremität der Tat, die den Sportler von der Masse abhob und ihn zu einem verwegenen Rebellen gegen die Naturgesetze und gesellschaftlichen Normen machte, faszinierte mich dabei. Aus meinem Umfeld hörte ich dagegen oft, dass ‚solche Leute’ nur lebensmüde Verrückte sein könnten. Um die Faszination des Extremsports zu ergründen, lag es nah meine Diplomarbeit über dieses Thema zu schreiben. Durch einen Job als Sicherheits-Supervisor im Hochseilgarten, den ich seit einigen Monaten ausübe, konnte ich mich noch mal intensiver mit den Themen Risiko und Sicherheit auseinandersetzten. Zwar handelt es sich beim gesicherten Klettern in den Bäumen nicht um einen Extremsport, trotzdem wurden durch das Klettern in 12 Meter Höhe einige Theorien plausibel.
Da heutzutage sehr heterogene Verhaltensweisen unter dem Begriff „Extremsport“ verstanden werden, inklusive dem Extrembügeln (vgl. www.funsporting.de/Sports/crazy_sports/Extreme_Ironing/extreme_ironing.html), möchte ich mich in den ersten Kapiteln der Frage widmen, was Extremsport ist. Zunächst soll dabei in Kapitel 2 geklärt werden, was unter dem Begriff „Sport“ im wissenschaftlichen Kontext verstanden wird. Danach werden bisherige Definitionsversuche des Extremsportbegriffs dargestellt, um anschließend eine eigene Definition vorzustellen. In Kapitel 3 möchte ich dann näher auf die Phänomenologie der verschiedenen Formen des Extremsports eingehen. Hierzu habe ich aus den beiden Extremsportkategorien „Risikosport“ und „extremer Belastungssport“, die aus der eigenen Definition hervorgehen, exemplarisch einige Sportarten ausgewählt. Um die Entstehung der Extremsportarten zu ergründen, beschäftigt sich Kapitel 4.1. mit dem gesellschaftlichen Wandel, der maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung dieser Handlungspraxen genommen hat. Kapitel 4.2. beleuchtet danach den Einfluss der Gesellschaft auf das Bedürfnis des Individuums Extremsport zu praktizieren. Ein Überblick über die bisherigen subjektorientierten Ansätze und Konzepte zur Erklärung von extremsportlichem Verhalten wird in Kapitel 5 gegeben. Hierbei wird insbesondere auf Risikoverhalten eingegangen. In Kapitel 6 werden dann die Aspekte Sucht, Lebensstil und Jugendliches Risikoverhalten in Verbindung mit Extremsport behandelt. Abschließend wird in Kapitel 7 ein Modell der Einflussfaktoren auf die Ausübung von Extremsport vorgestellt. Hierbei werden einige der in der Arbeit dargestellten Ursachenfaktoren, die auf die Entscheidung und Motivation des Individuums, Extremsport auszuüben, Einfluss nehmen, in Beziehung zueinander gesetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Extremsport“ - Versuch einer definitorischen Erfassung
2.1. Zum Sportbegriff
2.1.1. Herkunft des Wortes „Sport“
2.1.2. Definitionen von Sport
2.2. Bisherige Deutungen und Abgrenzungsversuche des Begriffs „Extremsport“ in der Literatur
2.3. Eigene Definition
3. Extremsportarten: Ein Überblick
3.1. Phänomenologie
3.2. Risikosport
3.2.1. Big Wave Surfing
3.2.2. B.A.S.E.-Jumping
3.2.3. Freiklettern/ Freeclimbing
3.3. Extremer Belastungssport
3.3.1. Abenteuerrennen/ Adventure Racing
3.3.2. Triathlon und Ultramarathon
3.3.3. Distanzschwimmen
4. Extremsport als Folge von gesellschaftlichem Struktur- und Wertewandel
4.1. Gesellschaftlicher Wandel
4.1.1. Der Ökonomische Aufschwung und seine Folgen
4.1.2. Wertewandel: Von der Leistungsorientierung zur Freizeitorientierung
4.1.3. Individualisierung
4.1.4. Die Erlebnisgesellschaft
4.1.5. Sport in der Gegenwartsgesellschaft
4.2. Gesellschaftlicher Wandel und Extremsport
4.2.1. Suche nach Spannung und Risiko
4.2.2. Außergewöhnliche Körpererfahrungen
4.2.3. Selbstermächtigung
4.2.4. Distinktion und Prestige
4.2.5. Sinn- und Heilssuche
4.2.6. Kontrastive Naturabenteuer
4.2.7. Gesellschaftsflucht und Nonkonformismus
5. Subjektorientierte Theorien
5.1. Risikoverhalten und Evolution
5.2. Risikosport als Triebhandlung
5.3. Reizsuche-Konzepte
5.3.1.Das optimale Erregungsniveau
5.3.2.Die Psychologie des „schützenden Rahmens“
5.4. Identitätsstörungen, Traumata und Angstbewältigung
5.5. Motivationen
5.5.1. Das Flow-Erlebnis
5.5.2. Sinnsuche: Wagen in wachsenden Ringen
5.5.3. Grenz- und Erlebnissuche
6. Sucht, Lebensstil und jugendliches Risikoverhalten
6.1. Suchtverhalten im Extremsport
6.1.1. Sport als stoffungebundene Sucht
6.1.2. Sucht im Risikosport
6.1.3. Lauf- und Ausdauersucht
6.2. Extremsport und Lebensstil
6.3. Übergangsrituale, Initiationsriten und Mutproben
7. Schlussfolgerungen
7.1. Das Einflussfaktorenmodell
7.2. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, die Phänomene, Formen und Ursachen des Extremsports im Kontext gesellschaftlicher Wandlungsprozesse zu ergründen und ein Modell zu entwickeln, das die Einflussfaktoren auf die Entscheidung eines Individuums zur Ausübung von Extremsport systematisch darstellt.
- Differenzierung des Extremsportbegriffs und Abgrenzung von konventionellen Sportarten
- Analyse des Einflusses von Wertewandel und Individualisierung auf das Sportverständnis
- Psychologische Theorien zur Erklärung von Risikoverhalten und Suchtstrukturen
- Untersuchung der sozialen Funktionen von Extremsport, wie Distinktion und Identitätsbildung
- Verbindung von Extremsport, Lebensstil und jugendlichem Risikoverhalten
Auszug aus dem Buch
4.2.3. Selbstermächtigung
Die hochmodernisierte und differenzierte Gesellschaft bringt Strukturen und Arbeitsabläufe mit sich, die das eigenmächtige Handeln der Individuen zu einem beträchtlichen Teil einschränken. Der Bedeutungsverlust der eigenen Person und Erfahrungen von Nichtigkeit und Machtlosigkeit stellen sich ein, die u.a. auf die folgenden Sachverhalte zurückzuführen sind (vgl. Bette 2004, S.23ff.):
1. Nichtigkeitserfahrungen als Konsequenz der Organisationsgesellschaft
Seit dem 19.Jahrhundert verläuft das Leben in der westlichen Welt zunehmend im Rahmen organisatorisch regulierter oder beeinflusster Milieus. Menschen müssen sich in vielen Bereichen an die Erwartungsstrukturen gesellschaftlicher Großakteure anpassen und nehmen austauschbare Rollen und Positionen an, die jedoch nur eine ‚Partialinklusion’ der eigenen Person beinhalten.
2. Individuelles Handeln in einer arbeitsteiligen organisierten Gesellschaft ist oft Teil langer und weit verzweigter Handlungsketten
Anfang und Ende der Handlungsketten in Arbeitsabläufen entziehen sich einer präzisen Beobachtung. Durch die Angewiesenheit auf das Wissen und die Kompetenzen anderer entstehen Handlungsinterdependenzen, die Erfahrungen von Autonomie und Autarkie stark einschränken.
3. Die modernen Massenmedien vermitteln den Menschen die Begrenztheit der eigenen Wirkungsmöglichkeit
Durch die Art der medialen Berichterstattung gewinnen Zuschauer das Bild, dass das gesellschaftlich relevante Handeln immer woanders stattfindet, sie aber selbst nicht daran beteiligt sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Faszination des Extremsports und erläutert die wissenschaftliche Relevanz der Arbeit sowie den methodischen Aufbau der Untersuchung.
2. „Extremsport“ - Versuch einer definitorischen Erfassung: In diesem Kapitel werden bisherige Definitionen von Sport und Extremsport kritisch diskutiert, um eine eigene, präzisere Definition des Extremsportbegriffs auf Basis der Kriterien „erhöhte Lebensgefahr“ und „extreme körperliche Belastung“ zu entwickeln.
3. Extremsportarten: Ein Überblick: Das Kapitel bietet einen phänomenologischen Überblick über verschiedene Formen des Extremsports, unterteilt in „Risikosport“ und „extremer Belastungssport“, anhand ausgewählter Beispiele wie Big Wave Surfing, B.A.S.E.-Jumping oder Ultramarathon.
4. Extremsport als Folge von gesellschaftlichem Struktur- und Wertewandel: Dieses Kapitel analysiert, wie gesellschaftliche Transformationsprozesse wie Individualisierung, Erlebnisorientierung und Wertewandel die Voraussetzungen für das Entstehen und die Ausbreitung von Extremsportarten geschaffen haben.
5. Subjektorientierte Theorien: Hier werden psychologische und evolutionsbiologische Ansätze, wie das Flow-Erlebnis, das Konzept der Reizsuche oder die Bedeutung des „schützenden Rahmens“, zur Erklärung von Risikoverhalten und Motivation analysiert.
6. Sucht, Lebensstil und jugendliches Risikoverhalten: Das Kapitel untersucht Extremsport in Bezug auf Suchtphänomene (stoffungebundene Sucht), die Bedeutung als Lebensstil sowie als Instrument für jugendliche Initiationsriten und Identitätskonstruktion.
7. Schlussfolgerungen: Die Schlussfolgerungen führen die verschiedenen Aspekte zusammen und präsentieren ein Einflussfaktorenmodell, das die komplexen Ursachen der Entscheidung für Extremsport in ein Gesamtbild integriert.
Schlüsselwörter
Extremsport, Risikosport, Erlebnisgesellschaft, Individualisierung, Sensation Seeking, Flow-Erlebnis, Identität, Selbstermächtigung, Suchtverhalten, gesellschaftlicher Wertewandel, Körpererfahrung, Distinktion, Coping-Strategie, Motivation, Risikoverhalten.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema dieser Diplomarbeit?
Die Arbeit untersucht das Phänomen Extremsport und analysiert, warum Menschen freiwillig extreme körperliche Belastungen und Lebensrisiken auf sich nehmen, indem sie soziologische und psychologische Erklärungsansätze heranzieht.
Welche Sportarten fallen unter den Begriff „Extremsport“?
Die Autorin unterteilt Extremsportarten in „Risikosportarten“ (mit erhöhter Lebensgefahr, z.B. B.A.S.E.-Jumping) und „extremer Belastungssport“ (mit extremer physischer Beanspruchung, z.B. Ultramarathon).
Welche Forschungsfrage steht im Zentrum der Untersuchung?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie gesellschaftliche Strukturen, Wertewandel und individuelle psychische Dispositionen zusammenwirken, um die Ausübung von Extremsport zu fördern und zu motivieren.
Welche wissenschaftliche Methodik wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der Auswertung soziologischer sowie psychologischer Theorien basiert, um ein eigenes Einflussfaktorenmodell für Extremsport zu entwickeln.
Was ist das zentrale Argument im Kapitel zum gesellschaftlichen Wandel?
Das Argument lautet, dass die moderne Erlebnisgesellschaft und Prozesse wie die Individualisierung den Sport von traditionellen Leistungsmustern entkoppelt und ihn als „Erlebnisprojekt“ zur Kompensation von Alltagsmonotonie und Reizarmut transformiert haben.
Was wird unter „stoffungebundener Sucht“ in diesem Kontext verstanden?
Dies bezieht sich auf das exzessive Sporttreiben, bei dem der Sport als Ventil für Identitätsdefizite oder zur Stimmungsregulation genutzt wird, was zu ähnlichen Zwangssymptomen wie bei stoffgebundenen Abhängigkeiten führen kann.
Warum spielt die „Suche nach Risiko“ heute eine so große Rolle?
Das Buch argumentiert, dass in einer zunehmend sicherheitsorientierten und „entkörperlichten“ westlichen Gesellschaft Extremsport dazu dient, durch Grenzerfahrungen Macht, Kontrolle und Authentizität zurückzugewinnen.
Welche Rolle spielt das „Flow-Erlebnis“ bei Extremsportlern?
Das Flow-Erlebnis ist ein zentrales Motiv, da es den Sportler in einen Zustand der vollkommenen Absorption in sein Tun versetzt, bei dem die Reflexion über Sinnfragen und Alltagsängste vorübergehend aufgehoben wird.
- Quote paper
- Yvonne Häßner (Author), 2006, Sport ohne Grenzen. Merkmale, Formen und Ursachen des Extremsports, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79235