Cornelius Tacitus, der von zirka 55 bis 120 n. Chr. lebte, wird vielerorts als einer der größten Geschichtsschreiber im antiken Rom beschrieben. In diesem Büchlein werden die Frauenbilder bei Tacitus erfasst, erläutert und bewertet. Der gewählte Buchtitel lässt vor dem Hintergrund, dass Tacitus sein eigenes Urteil meist sorgfältig hinter der Darlegung der Widersprüchlichkeiten seiner Zeit zurückhielt, offen, wie die Frauenbilder anteilig zu werten sind, eher aufgrund der von Historikern im weiteren Rahmen als objektiv eingeschätzten Geschichtsschreibung des Tacitus oder aber eher in Bezug auf das private Frauenbild des Tacitus, sprich auch aufgrund seiner suggestiv erkennbaren subjektiven Meinung.
Die unter Historikern vertretene These, dass Frauen das Bild der römischen Geschichte, anders als männliche Hauptpersonen, nicht aufgrund von Posten und Machtpositionen imponieren, sondern einzig allein als Frauen, erscheint hier weiterhelfend. Tacitus Bild von Frauen muss hier jedoch én detail beleuchtet werden. Deshalb wird im Folgenden ein konkreter Fall nach dem anderen untersucht, denn zumindest ist doch fraglich, ob oben genannte These tatsächlich auch auf alle Frauen zutrifft. Es bestehen hier doch Zweifel, ob der bei Tacitus dargestellte Mensch, respektive die Frau, sich dem Spannungsfeld von Mächten und Gruppen entziehen konnte und sich damit rein durch seine Persönlichkeit gewürdigt sieht. Diese Grundgedanken werden in diesem Büchlein zu klären sein.
Neben historischen Zügen werden auch frauensoziologische Ansätze diese Untersuchung tragen. Ziel dieser gesellschaftshistorischen Darstellung ist es, die Frau als Individuum innerhalb einer Gruppe darzustellen. Eine repräsentative Untersuchung des Frauenbildes kann methodisch jedoch nur weitgehend im Rahmen des damaligen Verständnisses von familia und domus erfolgen, da Frauen zum ganz überwiegenden Teil nur dort präsent waren. Außerdem war das spezielle Frauenbild des Tacitus durch seine Gesichtskreisfixierung vor allem auf die oberen Gesellschaftsschichten und auf das Kaiserhaus des 1. Jh. n. Chr. eingeengt. Die Frauenbilder des Tacitus werden hier dennoch breit gefächert dargestellt, werden diese doch anhand dreier unterschiedlicher Untersuchungsfelder analysiert und bewertet: 1.) Das taciteische Frauenbild der Frauen im domus unter sich. 2.) Das Bild der Frau-Mann-Beziehungen, am Beispiel der Livia. 3.) Das Germanenfrauenbild des Tacitus außerhalb der römischen Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Forschungsstand zu den Frauenbildern bei Tacitus
II. Tacitus Bild römischer Frauen
1. Interaktionäre Beziehungen zwischen Frauen innerhalb der domus
a) Positive unberechnete Beziehungen
b) Positive berechnete Beziehungen
c) Negative berechnete Beziehungen
d) Zwischenergebnis
2. Interaktionäre Beziehungen zwischen Frau und Mann innerhalb der domus
a) Liviabild bei Tacitus
b) Historische Würdigung des Liviabildes bei Tacitus
c) Zwischenergebnis
III. Frauenbild der Germaninnen bei Tacitus
1. Sittsamkeit der Germaninnen
2. Frauenverehrung
3. Zwischenergebnis
Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich der Erfassung, Erläuterung und Bewertung der Frauenbilder im Werk des römischen Geschichtsschreibers Cornelius Tacitus. Das primäre Ziel besteht darin, durch eine gesellschaftshistorische Analyse der Annalen, der Germania und der Historien herauszuarbeiten, ob Tacitus eine konsistente Sicht auf Frauen vertritt oder ob seine Darstellung von Ambivalenzen und subjektiven Wertungen geprägt ist.
- Analyse der interaktionären Beziehungen zwischen Frauen innerhalb der domus
- Untersuchung des Liviabildes als Beispiel für die Darstellung der Frau-Mann-Beziehung
- Bewertung des Frauenbildes der Germaninnen im Vergleich zur römischen Gesellschaft
- Hinterfragung der Objektivität und der persönlichen Motive des Autors
- Kontrastierung von historischen Realitäten und literarischer Stilisierung
Auszug aus dem Buch
a) Positive unberechnete Beziehungen
Späth kommt aufgrund seiner Analyse an 626 in den Annalen genannten Personen zu dem Schluss, dass es zwar keine reine Herzensliebe seitens der Mutter gegenüber einer Tochter und genauso keine reine, auf Gewinn bedachte Unterstützung zwischen Frauen innerhalb der domus gab, jedoch lässt sich in der Tat eine Schutzfunktion darin vermuten, wenn eine Mutter ihre Kinder auf eine Reise in den Osten begleitend zur Seite steht, so wie es Agrippina maior tat. Einen Hinweis auf Trauer und Zuneigung, zweier – aus heutiger Perspektive und aus Verfassersicht beurteilt – recht persönlichen Gefühle zwischen Menschen, vermitteln die Textstellen, wo Munatia Plancia den Tod ihrer Schwester betrauert, indirekt zu erkennen an dem langen Tragen von dunkler Trauerkleidung und wo Sextia im engen verwandtschaftlichen Verhältnis zu ihrer Enkelin stehend, sich gemeinsam mit ihr, der Pollitta, den Tod gibt.
Trauer, Zuneigung und Mitgefühl sind also die in den Annalen des Tacitus am stärksten ausgedrückten emotionalen Gefühle zwischen Frauen innerhalb der domus. Lediglich, so zeigt Späth auf, kann von „besonderem Vertrauen […] und […] besondere[r] Treue“ die Rede sein, wenn es um die Beziehung zwischen der Herrin und den Sklavinnen geht, also einer Beziehungsstruktur innerhalb der domus, die jedoch nicht aus einem blutsverwandtschaftlichen Verhältnis resultiert.
Die aufgeführten Beziehungen, die – zusammengefasst – aus Motiven der persönlichen Gefühle zwischen Frauen eines Hauses entstanden sind, subsumiert Späth unter den Aspekt des Schutzes und, da nicht anders zu ersehen, auch unter den Aspekt des Respekts und verstärkt sie mit den Attributen „Unterstützung und Zuneigung“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Autor stellt die Problemstellung vor, die Frauenbilder bei Tacitus kritisch zu untersuchen und dabei zwischen objektiver Historie und persönlicher Ambivalenz des Autors zu unterscheiden.
I. Forschungsstand zu den Frauenbildern bei Tacitus: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die zentrale Quellenbasis sowie die wissenschaftliche Sekundärliteratur und problematisiert die bisherige Vernachlässigung einer dezidiert frauengeschichtlichen Perspektive.
II. Tacitus Bild römischer Frauen: Hier werden beispielhaft interaktionäre Beziehungen zwischen Frauen sowie das Verhältnis zwischen Mann und Frau analysiert, wobei besonders die Person der Livia in den Fokus rückt.
III. Frauenbild der Germaninnen bei Tacitus: Der Autor betrachtet das germanische Frauenbild in Hinblick auf Sittsamkeit und Verehrung und stellt dieses der römischen Gesellschaftsordnung gegenüber.
Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Tacitus’ Darstellung sehr schwankend ist und zwischen einer kritischen Sicht auf seine eigene Gesellschaft, einer negativen Stilisierung der Livia und der Anerkennung menschlicher Strukturen variiert.
Schlüsselwörter
Tacitus, Frauenbilder, Römische Geschichte, Annalen, Germania, Livia, Germaninnen, Geschlechterrollen, Domus, Sittsamkeit, Machtverhältnisse, Historische Analyse, Weibliche Identität, Machtpositionierung, Antike
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die Darstellung und Bewertung von Frauenbildern in den Werken des römischen Historikers Cornelius Tacitus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit analysiert Frauenbeziehungen innerhalb der domus, das Verhältnis zwischen Mann und Frau am Beispiel der Livia sowie das Frauenbild der Germaninnen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, ob Tacitus eine einheitliche Sicht auf Frauen hat oder ob seine Darstellung von persönlichen, subjektiven Motiven und Widersprüchlichkeiten geprägt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Verfasser nutzt eine gesellschaftshistorische Analyse der Quellen (Annalen, Germania, Historien) und setzt diese in den Kontext aktuellerer wissenschaftlicher Interpretationen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Untersuchungsfelder: positive und negative Interaktionen unter Frauen, das Liviabild und die Kontrastierung römischer Frauenbilder mit dem Ideal der Germaninnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Tacitus, Livia, Germaninnen, Frauenbild, Machtpositionierung, Sittenstrenge und Geschlechterrollen in der Antike.
Warum spielt die Person der Livia eine so zentrale Rolle in der Argumentation?
Livia dient als exemplarischer Fall für die ambivalente Darstellung durch Tacitus, da er ihr negative Eigenschaften und politischen Machtwillen zuschreibt, die historisch jedoch umstritten sind.
Inwiefern unterscheidet sich das Bild der Germaninnen von dem römischer Frauen bei Tacitus?
Tacitus zeichnet die Germaninnen als Idealbild der Tugend und Sittsamkeit, was indirekt als Spiegel und Kritik an den aus seiner Sicht moralisch verfallenen Verhältnissen in der römischen Führungsschicht fungiert.
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- Marc Castillon (Author), 2002, Frauenbilder bei Tacitus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7927