Ludwig Wittgensteins Konzeption sozialer Sprachspiele eignet sich auch heute noch hervorragend dazu, verstehbar zu machen, wie zwischenmenschliche Kommunikation und Sprache überhaupt funktionieren. Darüber hinaus können seine Ausführungen für den Nachweis nutzbar gemacht werden, dass Sprache als ein universelles Medium aufzufassen ist. Hierbei handelt es sich um eine Sichtweise, die in weiten Teilen der wissenschaftlichen Mediendebatte kaum Beachtung findet. Während unterschiedliche Formen elektronischer Kommunikation im Zentrum des Interesses stehen, wird der Medialitätsstatus der Sprache häufig bewusst geleugnet. Das liegt zum einen daran, dass in der genannten Debatte keineswegs Einigkeit darüber herrscht, was eigentlich unter einem Medium zu verstehen ist; ein anderer Grund ist, dass Sprache in sehr vielen Theorien lediglich als Transportmittel zur bloßen Übertragung medienunabhängiger Informationen konzipiert wird. Es ist allerdings fraglich, ob dieses Modell dem Phänomen gerecht werden kann. Die in den PU vertretene Sprachauffassung weist diesbezüglich einen völlig anderen Weg: Natürlich spricht Wittgenstein an keiner Stelle explizit von der ‚Medialität’ der Sprache. Dennoch lassen sich bei genauer Lektüre sehr viele Charakteristika von Sprache herausstellen, die mit der Behauptung, dass Sprache ein Medium ist, in Einklang gebracht werden können. In dieser Magisterarbeit wird daher der Versuch unternommen, mit Hilfe von Wittgensteins Spätphilosophie den Sonderstatus der Sprache zunächst deutlich herauszuarbeiten. Die hieraus gewonnenen Ergebnisse sollen anschließend dazu benutzt werden, eine angemessene Antwort auf die Frage zu geben, was denn eigentlich ein Medium ist und warum sich üblicherweise die Medialität von Sprache (und anderen Medien) so schwer fassen lässt. Die PU liefern insofern einen profitablen Zugang zum Medialitätsproblem und es zeigt sich, inwieweit Wittgenstein diesbezüglich schon als eine Art Vordenker zu gelten hat. Zur weiteren Vertiefung wird letztlich die Notationstheorie von Nelson Goodman in die Analyse einbezogen, da sie das logische Handwerkszeug bereitstellt, das Wittgenstein uns vorenthalten hat.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wittgensteins Sprachauffassung in den Philosophischen Untersuchungen
2.1 Kritik an der Gegenstandstheorie der Bedeutung
2.2 Sprachspiel und Grammatik
2.2.1 Regelgeleitete Sprache als Kalkül und als Spiel
2.2.2 Die Sprachen (2) und (8)
2.2.3 Wittgensteins Begriff der Grammatik
2.2.4 Sprache, Denken und Intentionalität
2.3 Die Unmöglichkeit einer Privatsprache
3 Das Medialitätsproblem – Sprache als Medium
3.1 Was ist ein Medium?
3.1.1 Medientheoretische Erklärungsversuche
3.1.2 Mittel ≠ Medium
3.1.3 Das Medium als Performanz
3.2 Die Medialität der Sprache
3.2.1 Zum Verhältnis von Kompetenz und Performanz
3.2.2 Mentalität und Medialität
3.3 Ein Ausblick: Von Wittgenstein zu Goodman
3.3.1 Orale Rede und Schrift
3.3.2 Goodmans Notationstheorie
4 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die medientheoretische Relevanz von Ludwig Wittgensteins Spätphilosophie, insbesondere seiner "Philosophischen Untersuchungen". Das primäre Ziel ist es, den Status der Sprache als universelles Medium aufzuzeigen und die Unzulänglichkeit eines Medienbegriffs nachzuweisen, der Sprache lediglich als Transportmittel für medienunabhängige Informationen reduziert. Die Forschungsfrage fokussiert darauf, wie Wittgensteins Konzepte der Sprachspiele und der Lebensform dazu beitragen können, den Sonderstatus der Sprache in der aktuellen Mediendebatte zu begründen und von herkömmlichen Mittel-Zweck-Relationen abzugrenzen.
- Wittgensteins Sprachspielkonzeption und die Kritik an der Gegenstandstheorie der Bedeutung
- Die Abgrenzung von Medium und Mittel in einer performanzorientierten Medientheorie
- Die Rolle der Sprache als konstitutive Bedingung für Denken und Intentionalität
- Die Unmöglichkeit einer Privatsprache und die Notwendigkeit einer öffentlichen Sprachpraxis
- Ein Einbezug der Notationstheorie von Nelson Goodman zur Differenzierung von medialen Erscheinungsformen
Auszug aus dem Buch
2.1 Kritik an der Gegenstandstheorie der Bedeutung
Direkt im ersten Paragraphen der PU gibt Wittgenstein ein anschauliches Beispiel für solch eine alltägliche Sprachverwendung: Da wird jemand einkaufen geschickt. Zu diesem Zweck wird ihm ein Zettel zugesteckt, auf dem die Zeichen fünf rote Äpfel stehen. Beim Kaufmann angekommen, überreicht er diesem den Zettel und die Operation mit Worten beginnt. Die Lade mit der Aufschrift Äpfel wird geöffnet, das Wort rot wird mit Hilfe einer Mustertabelle der entsprechenden Farbe zugeordnet und bis zum Wort fünf werden die Grundzahlwörter durchgezählt. Bei jeder ausgesprochenen Zahl wird schließlich ein roter Apfel aus der Lade genommen. Diese Prozedur wirkt ohne Zweifel sehr konstruiert, aber sie verdeutlicht das Problem, das Wittgenstein ihr durch folgendes Augustinuszitat vorangestellt hat:
„Nannten die Erwachsenen irgend einen Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, daß der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie auf ihn hinweisen wollten. […] Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.“
Das Problem besteht in der uralten philosophischen Frage, wie es kommt, dass die Wörter unserer Sprache eine Bedeutung haben. Im augustinschen Mythos ist dieser grundlegende Zusammenhang ganz klar festgelegt: „Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.“ Deshalb spricht man hierbei auch von der sogenannten Gegenstandstheorie der Bedeutung. Die Bedeutungen werden nach dem Vorbild von Gegenständen gedacht, Sprache und Wirklichkeit als strukturidentische Größen, d. h. nach diesem Verständnis kann und muss Sprache die Wirklichkeit so abbilden, wie sie ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung etabliert die Relevanz von Wittgensteins Spätphilosophie für die heutige Mediendebatte und stellt die These auf, dass Sprache als universelles Medium begriffen werden muss.
Wittgensteins Sprachauffassung in den Philosophischen Untersuchungen: Dieses Kapitel analysiert Wittgensteins Abkehr von einer Gegenstandstheorie der Bedeutung hin zu einem handlungsorientierten Sprachspielmodell.
Das Medialitätsproblem – Sprache als Medium: Hier werden medientheoretische Implikationen diskutiert und eine Abgrenzung des Medienbegriffs von rein instrumentellen Mittel-Konzepten vorgenommen.
Resümee: Das Kapitel fasst die zentralen Argumente zusammen und bestätigt, dass Wittgensteins Ansatz eine notwendige Grundlage für ein tieferes Verständnis von Medialität bildet.
Schlüsselwörter
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Medialität, Sprachspiel, Grammatik, Performanz, Medium, Mittel, Bedeutung, Privatsprachenargument, Intentionalität, Notationstheorie, Nelson Goodman, Sprachpraxis, Lebensform
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Magisterarbeit?
Die Arbeit untersucht die Medialität der Sprache durch die Brille von Ludwig Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen", um Sprache als universelles Medium in der Mediendebatte zu etablieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Sprachspielkonzeption, die Unterscheidung zwischen Medium und Mittel, das Verhältnis von Denken und Sprache sowie die Kritik an der klassischen Erkenntnistheorie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Sprache nicht lediglich ein Transportmittel für Informationen ist, sondern ein eigenständiges Medium, das unsere Wirklichkeit erst konstituiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Analyse und Interpretation von Wittgensteins Spätphilosophie, ergänzt durch phänomenologische Ansätze und die Notationstheorie von Nelson Goodman.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Wittgensteins Sprachphilosophie (Sprachspiele, Grammatik) und die Übertragung dieser Erkenntnisse auf die Medientheorie sowie die Unterscheidung zwischen oraler Rede und Schrift.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Medialität, performativer Vollzug, Sprachspiel, Unhintergehbarkeit der Sprache, Kompetenz vs. Performanz und die Kritik am klassischen Transportmodell.
Warum kritisiert der Autor die kognitivistische Linguistik?
Die Kritik richtet sich dagegen, dass die kognitivistische Linguistik Sprache als ein von der Performanz losgelöstes mentales System modelliert, was den performativen Charakter des Sprachgebrauchs ignoriert.
Welche Rolle spielt die Unterscheidung von Medium und Mittel?
Sie ist essentiell, da ein Medium als untrennbarer Vollzug (Performanz) begriffen wird, während ein Mittel als Instrument dient, das einem Zweck logisch vorausgeht.
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- René Baron (Author), 2007, Die Medialität der Sprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79292