Widerstand und Resistenz

Die kirchliche Antwort auf den Nationalsozialismus


Seminararbeit, 2006

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzeption nach Martin Broszat

3. Konzeption nach Klaus Gotto

4. Die kirchliche Antwort auf den Nationalsozialismus
4.1 Die nationalsozialistischen Herausforderung an die Kirche
4.2 Kirchliche Reaktionen auf die Entwicklung in den Jahren 1933-1945

5. Widerstand und Resistenz – Beispiele katholischer Gruppen
5.1 Kreisauer Kreis
5.2. Katholischer Jungmännerverband Deutschlands

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Interesse für das Thema „Widerstand und Resistenz – Die kirchliche Antwort auf den Nationalsozialismus“ wurde bereits in der Vorbereitung des Seminars „Religion und Nationalsozialismus“ geweckt.

Die zentrale Frage, die wir bezüglich unserer Hausarbeit gestellt haben, war, wie die kirchliche Antwort auf den Nationalsozialismus ausgesehen hat. Hauptbestandteil dieser Fragestellung ist die Zuordnung der kirchlichen Reaktionen auf das damalige Regime zu den beiden Begrifflichkeiten des Widerstands und der Resistenz. Um die Problematik der Zuschreibung zu verdeutlichen, haben wir uns mit den Konzeptionen von Martin Broszat und Klaus Gotto auseinandergesetzt. Das Auffällige bei der Betrachtung der beiden Konzeptionen ist das unterschiedliche Verständnis der Definitionen von Widerstand und Resistenz.

Zudem möchten wir die nationalsozialistische Herausforderung an die katholische Kirche sowie deren Reaktionen darauf in den verschiedenen Phasen verdeutlichen.

Im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit stellen wir die Geschichte des „Kreisauer Kreises“ und des „Katholischen Jungmännerverbandes Deutschlands“ vor und möchten an diesen Beispielen die oben genannten Begriffe Widerstand und Resistenz verdeutlichen.

2. Konzeption nach Martin Broszat

Martin Broszat wurde am 14. August 1926 in Leipzig geboren. Im Alter von 20 Jahren begann er in Leipzig das Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie; er promovierte 1952. Als Historiker war sein Hauptarbeitsgebiet die Sozialgeschichte des Dritten Reiches und die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland. In „Der Staat Hitlers“[1] gelang ihm die Darstellung einer umfassenden Strukturgeschichte des Nationalsozialismus. Die von ihm geleitete Dokumentation „Bayern in der NS-Zeit“[2] zeichnete kaum erschlossene Bereiche der Alltagswelt innerhalb des NS-Regimes auf. Band IV dieser Dokumentationsreihe nutzen wir als Grundlagenliteratur, um im Folgenden die Konzeption „Resistenz und Widerstand“[3] zu erläutern.

In diesem Werk versucht Martin Broszat die Frage zu klären, wie die kirchliche Antwort auf den Nationalsozialismus ausgesehen hat, und ob ihr Verhalten dem Widerstand oder der Resistenz zugeordnet werden kann.

Martin Broszat verwendet den Widerstandbegriff der historischen Forschung. Hiermit ist der absichtlich herbeigeführte Umsturz der Hitler-Diktatur unter Inkaufnahme eines Risikos für Gesundheit und Leben gemeint.[4]

Jedoch ist dieser weit gefasste Begriff von Widerstand für Broszat unzureichend, daher führt er den Begriff der Resistenz ein. Diesen definiert er als „wirksame Abwehr, Begrenzung, Eindämmung der NS-Herrschaft oder ihres Anspruches, gleichgültig von welchen Motiven, Gründen und Kräften her“.[5] Solche Resistenz kann durch verschiedene Verhaltensformen, wie zum Beispiel der Fortexistenz unabhängiger Institutionen[6], der Geltendmachung von Normen, die dem Regime widersprechen oder dem aktiven Gegenhandeln von Einzelnen oder Gruppen zum Ausdruck kommen. Eine weitere Form der Resistenz ist der zivile Ungehorsam. Unter diesem ist zum Beispiel die Nicht-Teilnahme an NS-Versammlungen, die Verweigerung des Hitler-Grußes oder der Umgang mit Juden zu verstehen.[7] Ebenfalls die bloße innere Bewahrung der Grundsätze, die dem NS-Regime widerstreben, wie zum Beispiel die Ablehnung des Antisemitismus und der Rassenideologie etc. stelle eine Form der Resistenz dar.

Als wichtigstes Kriterium und Voraussetzung von Resistenz gibt Broszat an, dass jede Handlung, die als resistent bezeichnet wird, die NS- Herrschaft und ihre Ideologie einschränken muss. Der Begriff umfasst folglich nicht nur politisch motivierte Handlungen, da ebenfalls unbewusste „Anti-Haltungen“[8] die Herrschaft einschränken können. Jedoch fallen „ideale“ Einstellungen gegenüber dem Nationalsozialismus nach Broszats Definition nicht unter den Begriff der Resistenz, wenn sie keine explizite Wirkung zeigen.

Die Einführung dieses Begriffes nimmt Broszat vor, da das Verhalten des Volkes gegenüber dem Nationalsozialismus fast ausschließlich nicht radikal oder risikoreich genug war, um unter den historischen Begriff Widerstand zu fallen. Da aber gerade diese Handlungen eine stärkere Wirkung erzielt haben, als aktiv geplante Widerstandsversuche, wie zum Beispiel das Stauffenberg-Attentat[9], ist es Broszats Meinung nach von großer Bedeutung, dieses Verhalten unter dem Begriff der Resistenz als „Kleinform des Widerstands“[10] in die Forschung mit einzubeziehen.

„Die Bedeutung des wirkungsgeschichtlichen Begriffs der Resistenz besteht in diesem Zusammenhang darin, daß er den Blick eröffnet für das, was im Dritten Reich an Herrschaftsbegrenzung tatsächlich möglich war“.[11]

Für die Bewertung des Handelns fordert Broszat, das Verhalten nicht nur an den Motiven und der Zielsetzung zu messen, sondern auch an dem Verhältnis zu der realen Situation, aus der diese Opposition entstand, an ihrer größeren oder geringeren Schwere und Leichtigkeit, dem Maß ihrer individuellen oder kollektiven Zumutbarkeit. So hatte zum Beispiel ein Offizier, hoher Beamter oder ein Pfarrer mehr Einfluss auf die Situation im Dritten Reich als ein Vereinzelter, Machtloser, der stark vom Regime abhängig war.

Folglich hat die Kirche als Ganzes im Nationalsozialismus keinen aktiven Widerstand gegen die Hitler-Diktatur geleistet, sondern hat sich lediglich resistent verhalten.

Im Folgenden möchten wir das Verständnis von Widerstand und Resistenz nach Klaus Gotto erläutern, welches sich in einigen Punkten von Broszats Konzeption differenziert.

3. Konzeption nach Klaus Gotto

Die bereits angedeutete Differenzierung ist sehr wahrscheinlich durch die unterschiedlichen Intentionen der Autoren bezüglich der kirchlichen Antwort auf den Nationalsozialismus zu erklären. Im Gegensatz zu Martin Broszat ist Klaus Gotto ein gläubiger Christ. Wir wagen zu behaupten, dass diese christliche Überzeugung Einfluss auf den Aufbau seiner Konzeption genommen hat. Auf diesen Punkt wird am Ende dieses Kapitels näher Bezug genommen.

Eine eindeutige Definition von dem Begriff Widerstand wagt Gotto nicht zu liefern, denn „Ein historisch brauchbarer Widerstandsbegriff muss stets auf die konkreten Rahmenbedingungen des zugehörigen Herrschaftssystems bezogen sein.“[12] Im Nationalsozialismus muss sich folglich auf einen totalitären Herrschaftsanspruch bezogen werden, in dem es dem Einzelnen nicht möglich war, sich unpolitisch zu verhalten, da ihm „[…] immerzu ein aktives Bekennen zum Nationalsozialismus abverlangt“[13] wurde. Demzufolge konnten Verhaltensformen, die während vergangener geschichtlicher Epochen belanglos waren, als Widerstand vom Regime angesehen werden. Aus diesem Grund gibt Klaus Gotto eine Definition von einem sehr weit gefassten Widerstandsbegriff an. „Das Grundkriterium […] hat daher in der Frage zu liegen, ob damals ein bestimmtes Verhalten von einzelnen oder von Gruppen Risikocharakter hatte oder nicht.“[14] Da ein so weit gefasster Widerstandsbegriff allerdings nicht brauchbar ist, da „[…] jedes Verhalten, das sich dem totalitären Erfassungszwang und Gleichschaltungsdruck entzog […]“[15], einem Risiko unterlag, nimmt Gotto eine Einteilung in vier Stufen des Widerstands vor. Somit können sowohl eine Demonstration als auch ein geplanter Umsturz des Regimes, wie das Attentat vom 20.Juli 1944, welche sich in ihrem Ausmaß an Risikocharakter deutlich unterscheiden, in das Stufenmodell eingeordnet werden.

Die erste Stufe dieses Modells ist die „punktuelle Unzufriedenheit“, die auch als „Nonkonformität“ bezeichnet wird. Sie umfasst alle Äußerungen und Handlungen, die punktuelle Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen und wird als geringste Form des Widerstands angesehen. Verhaltensformen, die dieser Stufe zugeordnet werden, sind zum Beispiel Klagen über schlechte Löhne der Arbeiter oder das Schimpfen der Bauern über niedrige Agrarpreise.[16]

Die zweite Stufe kann als „Verweigerung“ zusammengefasst werden und beinhaltet Verhaltensformen, wie Resistenz, Nicht-Anpassung und Selbstbewahrung. Hier wird bereits eine partielle Eingrenzung des totalitären Anspruches bewirkt. Resistenz, Nicht-Anpassung und Selbstbewahrung können nur nach einem Angriff auf die Eigenständigkeit einer „sozialen Einheit“, wie sie zum Beispiel die katholische Kirche darstellt, folgen, indem sich diese Einheit dem Gleichschaltungsdruck entzieht. Dadurch bewahrte sie sich ihrer bedrohten Identität und begrenzte die Herrschaft „in einem bestimmten Bereich“.[17] Sie ist aber grundsätzlich defensiv angelegt. Trotzdem wird dieses Verhalten vom Regime als Auflehnung und Widerstand interpretiert und je nach Erwägungen der Zweckmäßigkeit verfolgt.

Im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Stufen ist die dritte Stufe, „der öffentliche Protest“, offensiv ausgelegt. Gemeint ist jede Form der Flucht an die Öffentlichkeit oder ihrer Androhung[18]. Bezieht sich dieser öffentliche Protest nicht nur auf partielle Erscheinungsformen des Systems, kann bereits in dieser Stufe ein genereller Loyalitätsbruch vom Regime angenommen werden.

[...]


[1] 1969.

[2] 1977-83, 8 Bde.

[3] Broszat, Martin, Fröhlich, Elke, Grossmann, Anton (Hg.), Bayern in der NS-Zeit IV. Bayern in der NS-Zeit: Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt. Teil C (München/Wien 1981). (Künftig zitiert: Broszat, Resistenz und Widerstand).

[4] Höhepunkt des Widerstand: Attentat vom 20.Juli 1944.

[5] Broszat, Resistenz und Widerstand 697.

[6] wie zum Beispiel Kirche, Bürokratie, Wehrmacht.

[7] vgl. Broszat, Resistenz und Widerstand 697.

[8] Bsp.: bäuerliche Widersetzlichkeit gegenüber der nationalsozialistischen Reichsnährstandsorganistation.

[9] Verübtes Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 durch Claus Schenk Graf von Schauffenberg

[10] Broszat, Resistenz und Widerstand 699.

[11] Broszat, Resistenz und Widerstand 698.

[12] Gotto ,Klaus, Repgen, Konrad , Kirche, Katholiken und Nationalsozialismus (Mainz 1983). (Künftig zitiert: Gotto, Nationalsozialistische Herausforderung).

[13] Gotto, Nationalsozialistische Herausforderung 102.

[14] Gotto, Nationalsozialistische Herausforderung 102.

[15] vgl. Gotto, Klaus, Katholiken und das Dritte Reich. (Mainz 1990).

[16] vgl. Gotto, Nationalsozialistische Herausforderung 103.

[17] Gotto, Nationalsozialistische Herausforderung 102.

[18] Bsp.: Flugblätter, Malaktionen, Predigten etc.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Widerstand und Resistenz
Untertitel
Die kirchliche Antwort auf den Nationalsozialismus
Hochschule
Universität zu Köln  (Theologisches Institut)
Veranstaltung
: Zwischen "Angriff" und "Verteidigung": Christentum und Nationalsozialismus 1933-1945
Note
1,3
Autoren
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V79350
ISBN (eBook)
9783638867832
ISBN (Buch)
9783640667031
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Widerstand, Resistenz, Zwischen, Angriff, Verteidigung, Christentum, Nationalsozialismus, Broszat, Gotto, Kirchengeschichte, Kreisauer Kreis, katholischer Jungmännerverband
Arbeit zitieren
Linda Schmitz (Autor:in)Julia Thelen (Autor:in), 2006, Widerstand und Resistenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79350

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