Raumgestaltung und gesellschaftliche Positionierung in dem Roman "Das Schloss" von Franz Kafka


Seminararbeit, 2006
25 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Raumwahrnehmung

4. Rauminventar in Verbindung mit Figureninventar

5. Charakteristika einzelner Räume

6. Räume in Verbindung mit Macht/Einfluss

7. Gesellschaftliche Positionierung

8. Verbindung von Raum und gesellschaftlicher Position

9. K.s Position

10. Schluss

11. Bibliografie

1. Vorwort

- Die Vorarbeiten zu dieser Untersuchung führten u.a. zu der Lektüre von „Kafka. Topographie der Macht“[1] von Sylvelie Adamzik. In diesem Werk scheint die Autorin eine ideologische Vorentscheidung getroffen zu haben. Der Roman „Das Schloss“ von Franz Kafka wird hauptsächlich unter dem Aspekt der Kapitalismuskritik interpretiert. Aus diesem Grunde habe ich diese Untersuchung in meiner Arbeit weitgehend außer Acht gelassen.

Die Untersuchung Stefan Gradmanns „Topographie/Text: Stifter und Kafka“[2] ist in die Arbeit miteinbezogen.

2. Einleitung

In dem Roman „Das Schloss“ von Franz Kafka verfolgt der Leser die Versuche des Protagonisten, des Landvermessers K., sich als Neuankömmling in dem Schloss – Dorf – Komplex zurechtzufinden.

Räumlichkeiten, Gebäude und (Weg-) Strecken nehmen in dem Roman „Das Schloss“ einen großen Stellenwert ein.

Trotz genauen Lesens ist es dem Leser jedoch nicht möglich, sich einen topografischen Überblick über die räumlichen Verhältnisse in dem Roman zu verschaffen. Nun ergibt sich die Frage, worauf dies zurückzuführen ist, welche Ordnungsmechanismen vorherrschen, wenn es sich nicht um topographische „Einheiten“ handelt und warum dieser Art der Raumdarstellung eine solche Wichtigkeit zukommt.

Im Folgenden soll zunächst versucht werden, die Räume darzustellen und zu charakterisieren. Danach werden Verbindungen zwischen Räumen und einzelnen Figuren aufgezeigt, sowie einige sich daraus ergebende gesellschaftliche Mechanismen in der Schloss – Dorf – Gemeinde dargestellt. Es soll versucht werden, gesellschaftliche Hierarchien in Verbindung zu Räumlichkeiten herauszufiltern.

3. Raumwahrnehmung

Bevor von Räumen und ihrer Gestaltung in dem Roman „Das Schloss“ von Franz Kafka gesprochen werden kann, muss zunächst darauf hingewiesen werden, wie und auf welche Weise der Leser von den Räumen erfährt.

In diesem Roman werden die Räume nämlich hauptsächlich durch die Wahrnehmung der Figur K. dargestellt. Von der ersten Wahrnehmung „Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an.“[3] bis zur letzten Wahrnehmung „Sie stieß die Schiebetüren beiseite, man sah ein Kleid gedrängt am anderen, dicht in der ganzen Breite des Schrankes, es waren meist dunkle, graue, braune, schwarze Kleider, alle sorgfältig aufgehängt und ausgebreitet.“[4] begleitet der Leser die Figur K. während ihres Aufenthaltes im Schloss – Dorf –Bereich.

Diese Bedingung führt zu einigen Konsequenzen. So sind beispielsweise alle Elemente der Räume und deren Gestaltung abhängig vom Bewusstsein der Figur K. und keine objektiven „festen“ Elemente.

Auch nimmt K. nicht sofort alle Bestandteile eines Raumes wahr, sondern verschiedene Elemente treten erst allmählich auf.

Das führt u.a. dazu, dass nach und nach einzelne Bestandteile sich innerhalb eines Raumbildes ansammeln, kaum aber ein übergeordnetes Gesamtbild mit Ausmaßen und Proportionen zu entwerfen möglich ist. So befindet sich in K.s Kammer im Wirtshaus „Zur Brücke“ zunächst nur ein einziges Möbelstück, nämlich das Bett (vgl. Kafka, S. 28) Später bemerkt K. auch eine Tür zum angrenzenden Dachboden hin, die er vorher nicht wahrgenommen hatte. (vgl. Kafka, S. 95)

Doch nicht nur die Räume innerhalb der Gebäude des Dorfes, sondern auch das Schloss selbst werden durch die Wahrnehmung K.s bestimmt. So zeichnet sich auch das Schloss durch Veränderungen aus, durch unbestimmte Umrisse und höchstens eine geographisch höhere Lage. Als K. das Dorf betritt, sieht er statt des Schlossberges nur Nebel und Finsternis (vgl. Kafka, S.7) und stellt später nur fest, dass dessen Umrisse sich schon aufzulösen beginnen (vgl. Kafka.S. 101).

Auf Grund dieser Form der Wahrnehmung ist es dem Leser nicht möglich, K.s Blick, also den Blick eines Dorffremden, mit der Sicht eines Dorfbewohners zu vergleichen. Der Leser ist also auf die unzusammenhängende, unvollkommene Wahrnehmung K.s angewiesen.

4. Rauminventar in Verbindung mit dem Figureninventar

Die Raumaufteilung ist zunächst durch drei Bereiche gekennzeichnet. Der erste Bereich ist die „Außenwelt“, aus der K. kommt und die jenseits der Holzbrücke liegt, über die er in den Herrschaftsbereich des Schlosses eintritt.

Dieser wiederum ist zu Beginn des Textes in den Bereich des Schlosses, das oben auf dem Berg liegt, und das Dorf, das sich um den Schlossberg herum befindet und somit unterhalb des Schlosses liegt, gekennzeichnet. Das einzige Charakteristikum, das den Dorfbereich zusammenfassend beschreibt, ist der tiefe Schnee, in dem das Dorf liegt (vgl. Kafka, S. 7). Zunehmend wird allerdings diese zweite Unterscheidung unsicherer, denn häufig wird gesagt, dass auch das Dorf schon Teil des Schlosses ist. Darauf weist z.B. folgende Textstelle hin: “Aber im Näherkommen enttäuschte ihn das Schloß, es war doch nur ein recht elendes Städtchen, aus Dorfhäusern zusammengetragen,…“[5] Und auch Barnabas weiß mit der Frage K.s, ob er mit seiner Familie schon im Bereich des Schlosses wohne, nichts anzufangen und sie nicht zu beantworten (vgl. Kafka, S. 34; Gradmann, S. 125).

Das Schloss ist nicht näher beschrieben, sicher ist nur, dass es einen Turm gibt. Der Schlossherr ist der Graf Westwest. Auch Kanzleien mit Vorräumen befinden sich im Schloss. Zu ihnen haben zunächst einmal die Beamten, also u.a. Sortini, Sordini und Klamm, Zutritt. Boten, wie z.B. Barnabas, dürfen entweder die Kanzleien oder deren Vorräume betreten.

Der Beamte Klamm, sowie verschiedene Sekretäre, u.a Bürgel, halten sich häufig im Herrenhof, einem Wirtshaus im Dorf auf. Genau wie das Schloss, das ebenfalls oben auf einem Berg liegt, liegen im Herrenhof die Zimmer der höheren Beamten in den oberen Stockwerken des Wirtshauses (vgl. Kafka,S. 241). Der Wirt und die Wirtin des Herrenhofs, das Ausschankmädchen Frieda, sowie die Zimmermädchen, wie z.B. Pepi, sind ebenfalls dem Herrenhof zuzuordnen. Sie haben allerdings unterschiedliche Zugangsbefugnisse. So wagen es Wirt und Wirtin z.B. nicht, den Flur mit den Herrenzimmern zu betreten, während Frieda, die Geliebte Klamms, sogar in dessen Zimmer gehen darf. Das Wirtshaus besitzt auch eine Scheune, in die die Bauern, die sonst nur im Ausschankraum sitzen, hineingetrieben werden können.

Des Weiteren gibt es Wohnhäuser im Dorf, z.B. das des Vorstehers und dessen Frau Mizzi.

Den beiden Zimmern des Schulhauses sind Lehrerin, Lehrer und die Schulkinder zugeordnet.

Im zweiten Wirtshaus des Dorfes, dem Wirtshaus „Zur Brücke“ befinden sich die Wirtin, ihr Mann und einige Küchenmägde.

[...]


[1] Adamzik, Sylvelie. Kafka. Topographie der Macht. Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern, 1992.

[2] Gradmann, Stefan. Topographier/Text: Zur Funktion räumlicher Modellbildung in den Werken von Adalbert Stifter und Franz Kafka. Frankfurt am Main: Verlag Anton Hain, 1990.

[3] Kafka, Franz. Das Schloss. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1958. S. 7.

[4] Kafka, Franz. Das Schloss. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1958. S. 310.

[5] Kafka, Franz. Das Schloss. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1958. S. 13.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Raumgestaltung und gesellschaftliche Positionierung in dem Roman "Das Schloss" von Franz Kafka
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik II)
Veranstaltung
Institution -Literatur. Goethe: "WiIhelm Meister" - Kafka: "Das Schloss", "Der Proceß"
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V79409
ISBN (eBook)
9783638876162
ISBN (Buch)
9783638876377
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Raumgestaltung, Positionierung, Roman, Schloss, Franz, Kafka, Institution, Goethe, WiIhelm, Meister, Proceß
Arbeit zitieren
Vera Schmitz (Autor), 2006, Raumgestaltung und gesellschaftliche Positionierung in dem Roman "Das Schloss" von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79409

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