Zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bei Theodor W. Adorno

Das Ende des Individuums - von der Illusion bürgerlicher Selbstbestimmung zur spätkapitalistischen Heteronomie


Hausarbeit, 2006

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Adornos zweifache Verwendung der Begriffe Individuum und Gesellschaft
2.1 Die deskriptive Verwendung: Die moderne Gesellschaft als totaler Funktionszusammenhang
2.2 Die normative Verwendung: Das Individuum und die moderne Gesellschaft als bürgerliche Idealmodelle

3. Die gesellschaftsstrukturellen Voraussetzungen für die Genese des Individuums
3.1 Der freie Markt und der selbstbestimmte Einzelne als seine adäquate Lebensform

4. Die gesellschaftsstrukturellen Voraussetzungen für die Liquidation des Individuums
4.1 Die Degradierung des Menschen zum Mittel der Monopole im Dienste des Profits
4.2 Kulturindustrie als Verdopplung der Heteronomie und Phantasielosigkeit des Arbeitsprozesses

5. Adornos Kritik am Kapitalismus als Ausgangs- und Endpunkt des Individuums

6. Das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft: Das Individuum als etwas gesellschafliches und nicht- gesellschaftliches

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Was zu Beginn des neuen Zeitalters mit den Menschen sich zutrug, wiederholt sich heute, auf geschichtlich höherer Stufe, mit umgekehrtem Akzent. Als die freie Marktwirtschaft das Feudalsystem verdrängte und des Unternehmers wie des freien Lohnarbeiters bedurfte, bildeten sich diese Typen nicht nur als berufliche, sondern zugleich als anthropologische ... . Das Individuum ... reicht der spezifischen Substanz nach kaum allzu weit hinter Montaigne oder den Hamlet, allenfalls auf die italienische Frührenaissance zurück. Heute nun verlieren Konkurrenz und freie Marktwirtschaft gegenüber den zusammengeballten Großkonzernen und den ihnen entsprechenden Kollektiven mehr und mehr an Gewicht. Der Begriff des Individuums, historisch entsprungen, erreicht seine historische Grenze. In den die Wirtschaft bedienenden Personen ereignen sich Veränderungen von kaum geringerer Tragweite als jene, die von den Geisteswissenschaften als Geburt des modernen Menschen verherrlicht werden.“[1]

Theodor W. Adorno fasst, wie aus dem oben angeführten Zitat ersichtlich wird, das Individuum als eine Kategorie, die sich im Laufe eines historischen Prozesses als ein Erfordernis gesellschaftlicher Verhältnisse herausbildete. Ebenso wie seine Genese, deutet Adorno jedoch auch die Liquidation des Individuums als ein Resultat gesellschaftlicher Umstände.

Ziel dieser Arbeit ist es, diese von Adorno identifizierten gesellschaftlichen Bedingungen der Genese und Liquidation des Individuums nachzuzeichnen und letztlich, Adorno folgend, die Verstrickung der Bedingungen seiner Genese in die seiner Liquidation darzulegen.

Kapitel 2 dient einer kurzen inhaltlichen Erläuterung der Begriffe Individuum und Gesellschaft bzw. ihrem Verhältnis zueinander in der Theorie Adornos. Hierzu wird eine Unterscheidung getroffen zwischen einer deskriptiven und einer normativen Gebrauchsweise beider Begriffe durch Adorno.

Besagte normative Gebrauchsweise wird in Kapitel 3 entfaltet, wenn es um die gesellschaftsstrukturellen Voraussetzungen für die Genese des Individuums geht. Zwei Tendenzen, nämlich die Herausbildung des Frühkapitalismus bzw. des Bürgertums und das Aufkommen des Individualismus im Bereich der Philosophie bilden jene gesellschaftsstrukturellen Voraussetzungen, die zur Geburt eines neuen Typus von Mensch, dem Individuum führten.

Die deskriptive Gebrauchsweise tritt in Kapitel 4 in Gestalt einer Diagnose derjenigen gesellschaftlichen Faktoren in Erscheinung, die zum allmählichen Verschwinden des Individuums führen. Wiederum lassen sich auch hier zwei Faktoren benennen. Zum einen die Entwicklung vom Früh- zum Spät- bzw. Monopolkapitalismus und zum anderen die Kulturindustrialisierung.

In Kapitel 5 wird, die Kapitel 3 und 4 rückblickend schemenhaft zusammenfassend, dargelegt, dass Adorno, dessen Ausführungen zum Ende des Individuums leicht als ein Sympathisieren mit dem bürgerlichen Modell des Individuums missverstanden werden könnten, dieses Modell einer radikalen Kritik unterzieht, indem er die dem Kapitalismus bzw. seiner Entwicklung immanenten entautonomisierenden Tendenzen benennt.

Im Anschluss an diese Kritik wird in Kapitel 6 abschließend Adornos Vorstellung bzw. Forderung dargestellt, wie ein selbstbestimmtes, freies menschliches Wesen zu denken wäre, bzw. welche gesellschaftlichen Voraussetzungen es hätte.

2. Adornos zweifache Verwendung der Begriffe Individuum und
Gesellschaft

Zunächst ist es notwendig, die beiden für Adornos Theorie des Individuums zentralen Begriffe Individuum und Gesellschaft bzw. ihr Verhältnis zueinander zu klären, respektive ihre Gebrauchsweise durch Adorno näher zu erläutern. Adorno verwendet beide Begriffe in zweifacher Weise, nämlich sowohl deskriptiv als auch normativ.[2]

2.1 Die deskriptive Verwendung: Die moderne Gesellschaft als totaler Funktionszusammenhang

Die deskriptive Gebrauchsweise bildet eine Beschreibung des Status quo der modernen Gesellschaft, die Adorno als einen allumfassenden Funktionszu­sammen­hang sieht:

„Mit Gesellschaft im prägnanten Sinn meint man eine Art Gefüge zwischen Menschen, in dem alles und alle von allen abhängen; in dem das Ganze sich erhält nur durch die Einheit der von sämtlichen Mitgliedern erfüllten Funktionen, und in dem jedem Einzelnen grundsätzlich eine solche Funktion zufällt, während zugleich jeder Einzelne durch seine Zugehörigkeit zu dem totalen Gefüge in weitem Maße bestimmt wird.“[3]

In diesem totalen Funktionszusammenhang sind Gesellschaft und Individuum konstitutiv miteinander verwoben. Der Einzelne benötigt die Gesellschaft zur Reproduktion seiner materiellen Existenz durch die Übernahme einer Funktion ebenso, wie die Gesellschaft der Einzelnen bedarf, da sie aus deren Lebens- bzw. Arbeitsprozess besteht bzw. sich aus diesem reproduziert.[4]

Diese Interdependenz darf jedoch nicht als symmetrisch missverstanden werden, da sich die Gesellschaft den Menschen gegenüber zunehmend als ein verselbstständigter Block darstellt, der die Einzelnen durch und durch determiniert und kontrolliert.[5]

„ ... das spezifisch Gesellschaftliche [besteht, C.M.] im Übergewicht von Verhältnissen über die Menschen, deren entmächtigte Produkte diese nachgerade sind.“[6]

An dieser Stelle wird des Weiteren Adornos These deutlich, dass das Besondere, der Mensch bzw. seine Handlungen und psychischen Zustände, als Index bzw. Ausdruck des Allgemeinen, der Gesellschaft zu interpretieren ist.[7] Die Gesellschaft schlägt sich in den Menschen nieder, sie werden von ihr „ ... in weitem Maße bestimmt .. “[8].

Dies gilt jedoch nicht ausschließlich für Zustände der totalen Kontrolle. Adorno betont, dass sowohl Freiheit als auch Unfreiheit als von der Gesellschaft eingeräumte bzw. nicht eingeräumte Freiheits- bzw. Unfreiheitsräume zu fassen sind. Autonomie wird somit von der Gesellschaft, als rahmengebende Instanz, entweder ermöglicht oder eben nicht ermöglicht.[9]

2.2 Die normative Verwendung: Das Individuum und die moderne Gesellschaft als bürgerliche Idealmodelle

Um diesen Status quo, der der verselbstständigten gesellschaftlichen Übermacht gegenüberstehenden Menschheit als einen pathologischen zu deklarieren, rekurriert Adorno nun auf eine normative Verwendungsweise der Begriffe Individuum und Gesellschaft, indem er auf den gesellschaftlichen Entstehungshintergrund dieser Begriffe verweist.

Beide Begriffe sind laut Adorno gesellschaftliche Kategorien, geboren im bzw. hervorgebracht vom aufkommenden Bürgertum, als Idealmodell einer modernen Gesellschaft und eines modernen Menschen.[10]

Adorno kontrastiert also den Status quo der modernen Gesellschaft und ihres Individuums mit dem vom aufkommenden Bürgertum antizipierten Soll einer modernen Gesellschaft und eines modernen Menschen.

Wie es zu der Geburt des Individuums durch die frühe bürgerliche Gesellschaft kam, bzw. welche gesellschaftsstrukturellen Voraussetzungen dieses Idealmodell hatte, soll nun in Kapitel 3 näher bestimmt werden.

3. Die gesellschaftsstrukturellen Voraussetzungen für die Genese des Individuums

Das Individuum lässt sich nach Adorno als das Ideal eines neuen Menschen­typus charakterisieren, das von der aufkommenden bürgerlichen Gesell­schaft als die adäquate Lebensform einer modernen, in ihrer ökonomischen Basis kapitalistischen Gesellschaft antizipiert wurde.[11]

Zwei Tendenzen lassen sich identifizieren, die an der Entwicklung dieses Ideals eines neuen Menschentypus beteiligt waren. Zum einen die Heraus­bildung des Frühkapitalismus und zum anderen der sich in der Philosophie etablierende Individualismus.[12]

3.1 Der freie Markt und der selbstbestimmte Einzelne als seine adäquate Lebensform

Das Individuum hat seinen Ursprung laut Adorno im Emanzipationsprozess der bürgerlichen Gesellschaft. „Es [das Individuum, C.M.] war entstanden als Kraftzelle ökonomischer Aktivität. Von der Bevormundung auf früheren Wirtschaftsstufen emanzipiert, sorgte es für sich allein ... .“[13] Mit „ .. der Bevormundung auf früheren Wirtschaftsstufen ... “[14] ist hier auf jene feudalen Zunft-, Gewerbe- und Handelsschranken verwiesen, deren allmählicher Verfall im Laufe des 16. Jahrhunderts zu einer sukzessiven Ausweitung der ökonomischen Handlungsspielräume führte, die bspw. in den oberitalienischen Stadtstaaten der Frührenaissance ihren Ausdruck fand. Deren Bewohner, zunächst lediglich die Patrizier- später jedoch auch die Handwerkerfamilien, gelangten mit zunehmender Vermögensbasis zu einem neuen, auf der Erfahrung von Eigentum sowie Unabhängigkeit und Selbstständigkeit beruhendem Selbstbild, wonach sie sich als Eigentümer ihrer selbst und insofern als selbstbestimmt und frei empfanden.[15]

[...]


[1] Adorno, 2003, GS 8: S. 450

[2] Vgl. Bonacker, 1998: S. 118ff.

[3] Institut für Sozialforschung, 1956: S. 22

[4] Vgl. Adorno, 2003, GS 8: S. 10; Bonacker, 1998: S. 118f.

[5] Vgl. Bonacker, 1998: S. 119f.

[6] Adorno, 2003, GS 8: S. 9

[7] Vgl. Adorno, 2003, GS 8: S. 10f.; Bonacker, 1998: S. 119f.; Müller-Doohm, 1996: S. 189;

Müller-Doohm, 2003: S. 57

[8] Institut für Sozialforschung, 1956: S. 22

[9] Vgl. Bonacker, 1998: S. 142; Müller-Doohm, 1996: S. 189

[10] Vgl. Bonacker, 1998: S. 120ff.; Müller-Doohm, 1996: S. 189ff.

[11] Vgl. Bonacker, 1998: S. 120f.; Müller-Doohm, 1996: 189ff.

[12] Vgl. Bonacker, 1998: S. 123

[13] Adorno, 2003, GS 3: S. 229

[14] Adorno, 2003, GS 3: S. 229

[15] Vgl. Bonacker, 1998: S. 124f.; Müller-Doohm, 1996: S. 189ff.

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Details

Titel
Zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bei Theodor W. Adorno
Untertitel
Das Ende des Individuums - von der Illusion bürgerlicher Selbstbestimmung zur spätkapitalistischen Heteronomie
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Geschichte der Soziologie- im Rekurs auf Theodor W. Adorno
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V79414
ISBN (eBook)
9783638863308
ISBN (Buch)
9783638863445
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Individuum, Gesellschaft, Theodor, Adorno, Geschichte, Soziologie-, Rekurs
Arbeit zitieren
Christian Maskos (Autor), 2006, Zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bei Theodor W. Adorno, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79414

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