Ironie und Groteske in Joseph von Eichendorffs Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts"


Seminararbeit, 2006

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Joseph von Eichendorff - Ein romantischer Ironiker fernab der Romantischen Ironie?

2. Philisterkritik

3. Die Ironie
3.1 Grundlagen
3.2 Geschichtliche Entwicklung

4. Eichendorff und die Ironie
4.1 Ironische Stilmittel in Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts
4.2 Eichendorffs ironische Einstellung

5. Das Groteske
5.1 Grundlagen
5.2 Das Groteske in seinen verschiedenen Elementen

6. Die Funktionen des Grotesken in Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts

7. Ironie und Groteske in Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts

8. Quelle und Forschungsliteratur

1. Joseph von Eichendorff - Ein romantischer Ironiker fernab der Romantischen Ironie?

In Joseph von Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts ist die Hauptfigur, der Taugenichts, in besonderem Maße von dem romantischen Leitbild geprägt: dem Wandern. Bereits zu Beginn der Novelle wird dieses Thema von ihm angesprochen: „so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.”[1] Dieses Leitbild zieht sich durch die gesamte Novelle und stellt für ihn ein Gleichnis für das Menschsein im Allgemeinen[2] dar. Das Wandern als Ausdruck der ständigen Bewegung und Entwicklung ist hier absolut gegensätzlich zu den sesshaften Philistern. So schreibt Eichendorff in Bezug auf Universitätsstädte:

Auch hier also droht abermals ein vager Dilettantismus und der lähmende Dünkel der Vielwisserei. Bei der Jugend ist eine kecke Wanderlust, sie ahnt hinter dem Morgenduft die wunderbare Schönheit der Welt; sie sich selbstständig zu erobern ist ihre Freude.[3] […] Aber die Romantik war keine bloß literarische Erscheinung, sie unternahm vielmehr eine innere Regeneration des Gesamtlebens[4].

Durch diese Intention erklärt sich die Feindseligkeit den Bürgerlichen gegenüber, die vor allem wegen ihrer Selbstverherrlichung Mittelpunkt der romantischen Kritik waren.[5] Doch drückt Eichendorff dies nicht durch vordergründigen Spott und Hohn, sondern durch hintergründige Ironie und Groteske aus. Literaturwissenschaftler sind der Meinung, Eichendorff sei generell kein typischer Anwender der Romantischen Ironie. So bekräftigt Prang: „ So wie ihm das Geistreich-Witzige und Kokett-Verspielte oder gar das Satirisch-Aggressive in der Erzählkunst weniger lag […], so fehlte ihm offenbar das intellektuelle Vergnügen an ironischen Scherzen”.[6] So kommen in Eichendorffs Werken das für die Romantische Ironie typische An-den-Leser-wenden so gut wie nicht vor. Eichendorff wandte in seinen Werken nicht die Romantische Ironie als Kunstmittel an, sondern er bevorzugte vielmehr spaßige Einfälle und zynische Frechheiten.[7] Der Romantiker bediente sich durchaus einzelner Spielformen der Ironie, die sich vordergründig auf die kritisierten Philister bezieht. Jene waren nicht nur Eichendorff, sondern auch seinem Zeitgenossen Brentano und Goethe ein Dorn im Auge.

2. Philisterkritik

Eichendorffs ironische Kritik bezieht sich in erster Linie auf das Philistertum. Die Attribute, die für das typisch Philisterhafte stehen, sind den romantischen Künstleridealen widersetzlich.

Im 17. Jahrhundert wird der Begriff „Philister” von den Studenten verwendet, die damit die Stadtsoldaten, ihre größten Feinde, bezeichnen. Goethe erhebt den Begriff als Topos der Literatur. Die Romantiker weiteten den Begriff aus und bezeichnen damit Nichtkünstler und Banausen, die nur ihrem streng geregelten Alltagsleben nachgehen und keinen Sinn für Poesie hegen.[8] Laut Brentano zeichne sich der Philister vor allem durch folgende Charakteristika aus: Er sei zunächst ein Dilettant in der Kunst und er könne auch keine Kunst schaffen, sondern diese nur nachahmen. Zudem zeichne er sich durch Faulheit, Lebensüberdruss und Selbstsucht aus und das Philistertum sei unter den angeblich Fortschrittlichen genauso verbreitet wie unter den harmlosen Spießern.[9] Diese Haltung prägte Eichendorff in hohem Maße, seine Philisterkritik gilt als umfassende Kritik gegenüber den Dilettanten, der Gesellschaft und dem Geist seiner Zeit. Vor allem die selbstverherrlichende Art der Philister ist Eichendorff zutiefst zuwider. Er möchte nicht den einzelnen Menschen, sondern die Poesie und die sich daraus entwickelnde Kultur als zentralen Aspekt der Gesellschaft sehen.[10]

Die egozentrische Art der Philister taucht in seiner Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts auf, als der Maler Eckbert sich selbst und auch den Taugenichts als Genies bezeichnet und sich damit zum Mittelpunkt erhebt. Die selbstsüchtige Rede, die er vor dem Taugenichts hält, rechtfertigt er als seine „Bürgerpflicht […], dir[11] einige Moralität zu Gemüte zu führen”.[12] Der Taugenichts reagiert auf die Rede, indem ihm „schon lange vor ihm [graute]”[13]. Diese Abscheu, die der Taugenichts hier für den Dilettanten Eckbert hegt,[14] kommt bereits eher in der Erzählung in anderen Situationen zu Tage. So verspürt er, als er für kurze Zeit ein philisterhaftes Leben als Einnehmer führt, ein plötzliches Grauen gegen diesen Lebensstil und den Portier: „Mir war auf einmal der ganze Kerl […] und alles abscheulich.”[15] Als etwas später in der Erzählung ein unfreundlicher Philister, den der Taugenichts als „Knollfink” betitelt, drohend auf ihn zukommt, hat er „auf einmal eine so kuriose grausliche Angst”[16]. Diese Aversion, die der Taugenichts nur intuitiv erlebt, setzt Eichendorff gezielt ein, um seine Kritik an dem für seine Zeit repräsentativen ausgeprägten Subjektivismus zu verdeutlichen.

Diese Philisterkritik drückt Eichendorff durch Ironie aus.

3. Die Ironie:

3.1 Grundlagen:

Der Begriff der Ironie stammt vom griechischen Wort eironia, das in das Deutsche mit dem Begriff „Verstellung“ übersetzt wird. Autoren, die sich der Ironie bedienen, nutzen sie zur Lächerlichmachung und Verspottung unter dem Anschein der Ernsthaftigkeit, indem im klassischen Sinn das Gegenteil des Gesagten gemeint ist. Der intelligenten Leser erkennt diese bewusste spöttische Redeweise trotzdem als Ironie.[17] Die Ironie stellt nicht nur eine literarische Stilfigur, sondern vielmehr eine bewusste, intellektuelle Grundhaltung des Autors dar.[18]

Es existieren viele unterschiedliche Auffassungen und Anwendungen von der Ironie, dabei sticht besonders Schlegels Ironie-Auffassung heraus.

3.2 Geschichtliche Entwicklung

Bereits 400 v. Chr. nutzt Sokrates die Ironie in Form philosophischer Argumentationsweisen und Cicero bedient sich ihrer in rhetorischen Redefiguren. Sokrates, der als Meister der Ironie in der klassischen Antike gilt, zeichnet sich durch das Untertreiben seiner Fähigkeiten, der damit verbundenen Verlegenheit und der daraus folgenden Verspottung seiner Gegenspieler aus. Lange Zeit wurde die Ironie ausschließlich in der Rhetorik genutzt. Diese Monopol-Stellung der Rhetorik löst sich allerdings im 18. Jahrhundert auf und die Ironie wurde von nun an in den allgemeinen Bereich der Literatur integriert.

Viele Philosophien, dichterische Vorstellungen, Überzeugungen und Ideale prägen die Romantische Ironie, die etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstand. Friedrich Schlegel trug entscheidend dazu bei, den Ironiebegriff aus seinem traditionellen Gebrauch heraus zu erweitern.

Schlegel erkannte, wie auch sein Kollege Solger, die ständige unüberwindbare Zwietracht zwischen angestrebtem Ideal und Wirklichkeit. Ihr Ziel war es, diesem entgegenzuwirken, indem sie sich als Autoren über ihre Werke erheben. Durch diese Erhebung hatten sie als freie Schöpfergeister die Möglichkeit, anhand der Ironie das Ideal ihrer Schöpfung ständig wieder aufs Neue aufzuheben und zu durchbrechen.[19]

Friedrich Schlegel setzte sich in vielen seiner Fragmente mit der Ironie auseinander. Er prägte besonders den Begriff, der exemplarisch für die Romantischen Ironie gilt: die „permanente Parekbase”.[20] Hiermit ist das ständige Heraustreten[21] des Chors mitten im dramatischen Stück gemeint. Dadurch wird das Stück unterbrochen, wenn der Chor eine Rede an das Volk hält, wobei dem Publikum die ungeheuerlichsten Schroffheiten gesagt wurden.[22] Dadurch stellt der Dichter zum einen durch das Heraustreten des Chores seinen stetigen Gedankengang vor und zum anderen fordert er damit die Rezipienten zu einer Reaktion. Hiermit ist ein ständiges Wechselspiel und ein fortlaufender Gedankenaustausch zwischen der Dichterpersönlichkeit und dem Publikum gewährleistet. Aufgrund dieser Kommunikationsbasis verliert das Kunstwerk jedoch seinen selbständigen und geschlossenen Charakter und der Autor seine dominante Stellung. Denn es findet ein ständiges “Reflektieren und Transzendieren der Dichterpersönlichkeit im eigenen Kunstwerk in ständigem Hinblick auf das Publikum”[23] statt. Der Leser kann somit allein nur durch seine Interpretation das Werk abrunden und der Dichter zerstört mit den werkimmanenten Idealen auch seine werkimmanente Machtposition.[24] Dieser „Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung”, wie ihn Schlegel selbst in seinen Äthenäum-Fragmenten bezeichnet,[25] legt den elementaren Charakter der romantischen Ironie dar. Dies nahm Hegel zum Vorsatz, um gegen die Romantische Ironie und Friedrich Schlegels Philosophie zu polemisieren. Er sah, wie auch Kirkegaard und weitere Gegner im frühen 19. Jahrhundert, die Romantische Ironie als vor allem durch Rigorosität und geistige Arroganz geprägt.[26]

[...]


[1] Eichendorff, Joseph von: „Aus dem Leben eines Taugenichts “, in: Hartwig Schultz (Hg.): Joseph von Eichendorff. Sämtliche Erzählungen, Reclam-Verlag, Stuttgart 1990, S. 85.

[2] Vgl.: Leiser, Peter ; Thunich, Martin: „Joseph von Eichendorff - Aus dem Leben eines Taugenichts. Interpretation und unterrichtsdidaktische Vorschläge“, Beyer Verlag, Hollfeld 1985, S.50.

[3] Eichendorff, Joseph von: „Erlebtes”, in: Schultz, Hartwig (Hg.): Tagebücher, autobiographische Dichtungen, historische und politische Schriften, Band 5 der Reihe: Frühwald, Wolfgang (Hg.): Joseph von Eichendorff. Werke, Dt. Klassiker-Verlag, Frankfurt am Main, 1993, S. 179.

[4] Ebd., S. 171.

[5] Vgl.: Zimorski, Walter: „Eichendorffs ,Taugenichts’ - Eine Apologie des Anti-Philisters?”, in: Aurora. Jahrbuch der Eichendorff-Gesellschaft, Band 39, Niemeyer-Verlag, Tübingen, 1979, S. 157.

[6] Prang, Helmut: „Die romantische Ironie“, Wissenschaftlicher Buchgesellschafts-Verlag, Darmstadt, 1972, S. 70.

[7] Vgl.: Ebd., S. 70.

[8] Vgl.: Leiser; Thunich: „Taugenichts Interpretation“, S. 64.

[9] Vgl.: Zimorski: „Apologie des Anti-Philisters“, S. 155f.

[10] Vgl.: Ebd., S. 156f.

[11] Hier ist der Taugenichts gemeint.

[12] Eichendorff, Joseph von: “Taugenichts“, in: Schultz (Hg.): Eichendorff Erzählungen, S. 158.

[13] Ebd., S. 159.

[14] Vgl.: Zimorski: „Apologie des Anti-Philisters“, S. 159f.

[15] Eichendorff, Joseph von: „Taugenichts“, in: Schultz (Hg.): Eichendorff Erzählungen, S. 97.

[16] Ebd., S. 110.

[17] Vgl.: Prang, Helmut: „Die Romantische Ironie“, S. 2.

[18] Vgl.: Ricklefs, Ufert (Hg.): „Fischer Lexikon Literatur“, Bd. 2, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main, 1997 und Wilpert, Gero von (Hg.): „Sachwörterbuch der Literatur“, Kröner Verlag, Stuttgart, 2001.

[19] Vgl.: Ricklefs (Hg.): „Sachwörterbuch der Literatur“, S. 377.

[20] Müller, Marika: „Die Ironie. Kulturgeschichte und Textgestalt“, Königshausen & Neumann-Verlag, Würzburg, 1995, S. 63.

[21] Der Begriff der Parekbase stammt von dem griechischen Wort ek-basis ab, welches zu Deutsch Heraustreten bedeutet.

[22] Vgl.: Müller: „Die Ironie“, S. 63.

[23] Vgl.: Ebd., S. 63.

[24] Vgl.: Ebd., S. 63ff.

[25] Vgl.: Schlegel, Friedrich: „Äthenäumsfragmente - Aphorismus 51“, Kritische Ausgabe Band 2, S. 165.

[26] Vgl. Ricklefs(Hg.): „Fischer Lexikon Literatur“ Bd. 2, S. 832.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ironie und Groteske in Joseph von Eichendorffs Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts"
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V79567
ISBN (eBook)
9783638857307
ISBN (Buch)
9783638862349
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ironie, Groteske, Joseph, Eichendorffs, Novelle, Leben, Taugenichts
Arbeit zitieren
Nina Schleifer (Autor), 2006, Ironie und Groteske in Joseph von Eichendorffs Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79567

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