Tod und Popliteratur: Der Todesdiskurs bei Christian Krachts "Faserland" und "1979"


Seminararbeit, 2007
27 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoriegebäude
2.1 Zum Todesdiskurs von der Antike bis zur Moderne
2.2 Zur Popliteratur

3. Werk
3.1 Zum Autor Christian Kracht
3.2 Faserland
3.3 1979

4. Der Todesdiskurs bei Christian Kracht
4.1 Faserland
4.2 1979
4.3 Verdrängung oder das Besetzen einer Leerstelle: Abschließende Analyse der Romane

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Anbetracht des Todesdiskurses in der Moderne scheint sich ein Paradigmenwechsel vollzogen zu haben, der eine zunehmende Tabuisierung des Todes erkennen lässt.

Philippe Ariès hat sich erstmals um eine Geschichte des Todes von der Antike bis zur Moderne bemüht, die vielerorts als Klassiker auf diesem Gebiet betitelt wird.

Wie dem Titel zu entnehmen ist, sollen in der vorliegenden Seminararbeit Tod und Popliteratur miteinander in Verbindung gesetzt werden. Anhand der Texte vom „Kultautor“ Christian Kracht soll untersucht werden, wie die Popliteratur den modernen Todesdiskurs darstellt.

Das Theoriegebäude, in denen der Todesdiskurs der Moderne skizziert sowie Definitionsansätze zum Begriff Popliteratur vorgestellt werden, bildet den Eingang der Arbeit.

Des Weiteren wird kurz auf den Autor sowie auf den Inhalt der ausgewählten Romane Faserland und 1979 eingegangen.

Der Hauptteil konzentriert sich auf die Analyse des Todesdiskurses bei Christian Kracht. Sowohl Faserland als auch 1979 werden hinsichtlich solcher Textstellen untersucht, die den Tod beziehungsweise den Umgang mit diesem thematisieren und bilden somit die Diskussionsgrundlage.

Im Mittelpunkt der Romane steht jeweils ein namenloser Ich-Erzähler, der auf seiner Reise unmittelbar mit dem Tod konfrontiert wird und hierauf mit einem Verdrängungs-mechanismus reagiert.

Es stellt sich ferner die Frage, ob es sich bei den jeweiligen Protagonisten um eine Ablehnung der Auseinandersetzung mit dem Tod handelt oder ob der Autor das Besetzen einer Leerstelle repräsentiert.

In einer abschließenden Analyse wird dann ein Rückbezug auf die vorangegangene Untersuchung hergestellt, die sowohl auf die Verdrängungstheorie Philippe Ariès’ eingeht als auch auf die Möglichkeit einer Leerstellenbesetzung durch die Popliteratur hinweist.

2. Theoriegebäude

Das der Seminararbeit zugrunde liegende Theoriegebäude soll zunächst einen kurzen Abriss des allgemeinen Todesdiskurses geben. Hierbei soll der Tod und insbesondere der Umgang mit dem Tod von der Antike bis hin zur Moderne analysiert werden, um verschiedene Auffassungen sowie Todesbilder und - metaphern zu skizzieren. Hierbei soll besonders auf den sich vollzogenen / sich vollziehenden Umbruch im Umgang mit dem Tod hingewiesen werden.

Des Weiteren wird der Begriff Popliteratur und dessen Geschichte eingehend betrachtet. Der relativ junge Begriff wird derzeit vielerorts diskutiert und eröffnet eine Diskursthematik, die bei weitem noch nicht ausgeschöpft zu sein scheint.

Aus der Diskussion des Todesdiskurses sowie der Popliteratur soll dann deren Verbindung hergestellt werden: Wenn man von einer literarischen Strömung ausgeht, die den Namen Popliteratur trägt, stellt sich die Frage nach deren Umgang mit dem Thema Tod, welcher Gestalt sie auch sein mag. Daher soll untersucht werden, wie Christian Kracht, ein Autor der so genannten Popliteratur, in seinen Romanen Faserland und 1979 den Tod thematisiert.

2.1 Zum Todesdiskurs von der Antike bis zur Moderne

„Solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“

Epikur: Von der Überwindung der Furcht. 4. Jh. v. Chr.

Der Todesdiskurs ist vielschichtig und teilweise paradox angelegt, dennoch lässt sich allgemein formulieren, dass sich seit etwa 2000 Jahren ein dreischichtiger Umgang mit dem Tod aufzeigen lässt. Die christliche Jenseitsvorstellung geht von einer „Erlösung“ aus, vom Leben nach dem Tod. Nach dem Ableben durchläuft die Seele des Toten je nach Lebensstil das Fegefeuer oder gelangt in die Hölle, im besten Fall jedoch erhält man das „ewige Leben“, was häufig als Lebensziel evoziert wird. Das Mittelalter weist eine hohe Anzahl Todesbilder auf, in der der Tod als schreckliche Figur, als Schreckgespenst allegorisiert wird. Ein dritter Umgang mit dem Tod sei die Verdrängungstheorie, die auf den Klassiker Philippe Ariès[1] zurückgreift, somit die Tabuisierung des Todes. Günter Blamberger spricht in seinem Aufsatz Der Tod nach dem Tode Gottes im Fin de Siècle von einem „Paradigmenwechsel“, der „konstitutiv zu sein [scheint] für eine neue Ästhetik, für den Beginn der literarischen Moderne.“[2]

Wilfried Barner fasst in seinem Aufsatz Die Vorstellbarkeit des Todes. Beobachtungen zur Literatur die verschiedensten Todesvorstellungen und Todesbilder zusammen:

„Das Bild der alten Frau auf dem Sterbebett, oder des vom Tode gezeichneten Kindes, das des im Kampf fallenden Helden, aber auch den aufgebahrten Toten [...].“

Es gehe auch um „den personifizierten Tod, den Gevatter Tod, den Tod als Bruder des Schlafs, das tanzende Gerippe, den Sensemann [...].“[3]

Betrachtet man lediglich die hohe Anzahl verschiedener Todesbilder, so verweist diese wiederum auf die zuvor angedeutete Vielschichtigkeit des Todesdiskurses[4].

Fest steht, dass das Thema Tod eine stetige Herausforderung darstellt und zentrale Dimensionen des Menschen- und des Weltbildes berührt, da es jeden einzelnen in der Gesellschaft betrifft, wie Klaus Feldmann im Titel seines Buches so treffend formuliert:

„Der Tod ist ein Problem der Lebenden“,

auch wenn hier interpretiert werden kann, dass der Tod ein Problem der Lebenden sei und somit einer negativen Konnotation durch Feldmann unterworfen wird.

Joachim Pfeiffer bemerkt jedoch in Tod und Erzählen. Wege der literarischen Moderne um 1900, dass laut Birkhan „die Auseinandersetzung mit dem „Todesgedanken“ [...] zu den größten Kulturleistungen [gehöre], zu denen der Mensch fähig sei“. Pfeiffer schreibt weiter: „Das Bewusstsein verstrickt sich zunehmend in einen Widerspruch, wenn es seine eigene Nichtexistenz denken soll – zugleich ist aber das Bewusstsein der Endlichkeit Voraussetzung für die Individualisierung des Bewusstseins“.[5]

Dennoch scheint die Forschungsliteratur zum Todesdiskurs zumindest im Bezug auf Popliteratur sehr mager zu sein. Es stellt sich daher die Frage, wie Popliteratur mit dem Todesdiskurs verfährt, was den Autor Christian Kracht betreffend in Kapitel 4 einer näheren Analyse unterzogen werden soll.

2.2 Zur Popliteratur

Betrachtet man die Wirkungsgeschichte, die Christian Krachts Romane nach sich zogen und immer noch ziehen, fällt zunächst das Genre an sich oder auch die Gattungsfrage ins Auge. Eine detaillierte Analyse des Begriffs Popliteratur soll hier nicht Gegenstand sein. Dennoch bedarf es einer kurzen Aufmerksamkeit, um eine literarische Einordnung zu gewährleisten. Bedient man sich der Definition aus Metzlers Literatur Lexikon, so findet sich folgende Beschreibung: „[...] an den Begriff Pop-Art entlehnte Bezeichnung für die Literatur der so genannten Pop-Kultur“, wobei sich durch diese Formulierung ein weiteres Feld, das der Pop-Kultur, auftut und die Inhalte nicht wirklich definiert werden.

Das Jahr 1968 gilt als Gründungsjahr der deutschsprachigen Popliteratur, wobei zu sagen ist, dass diesem Literaturbegriff die Entwicklung von Beat- und Popliteratur[6] im angloamerikanischen Gebiet vorausgeht.[7] Es stellt sich daher die Frage, was genau mit Pop verbunden ist.

Ackermann und Greif bezeichnen Popliteratur als „eher schwammiges Etikett“.[8] Hadayatulla Hübsch spricht an dieser Stelle von einem „Gulaschtopf“.[9]

Im Literaturbetrieb selbst besteht Popliteratur unter anderem aus einem oder mehreren der folgenden Zutaten: Einflüsse aus der Hippie- und Kommunekultur, linkem Protestgestus, Außenseitertum, Elemente aus der Drogen-, Feier- und Undergroundszene, Provokation sowie alles Neue, Unkonventionelle und Szeneverdächtige und einer Prise Markenfetischismus.[10]

Johannes Ullmers, der 2001 Von Acid nach Adlon veröffentlicht, stellt darin die These auf, dass Popliteratur „Party, Marken, Szeneleben“ thematisiere. Hubert Winkels schreibt in seinem Aufsatz Grenzgänger. Neue deutsche Pop-Literatur, dass Popliteratur oftmals mit „jung sein“ und „zur Szene gehören“ in Verbindung steht. Diese zwei Kriterien müssen erfüllt sein, damit von Popliteratur und -Literaten die Rede sein kann.[11]

Es herrscht seither ein die Popliteratur betreffender Diskurs, in dem sich die Kritiker eher einig zu sein scheinen als die Vertreter der literarischen Strömung selbst. Es taucht der Begriff Fiedler-Debatte auf, nachdem der amerikanische Literaturwissenschaftler Leslie A. Fiedler Ende der Sechziger Jahre in Freiburg seine berühmte Abhandlung Cross the border, close the gap und seine Thesen über postmoderne Ästhetik vorgestellt hat. Dieser vergleicht Pop mit Western, Sciencefiction und Pornografie.[12]

Es stellt sich weiterhin die Frage, welche Aspekte zur Verbreitung von Popliteratur in Deutschland beitragen, so dass in den folgenden Jahren der Begriff „Pop“ als Werbeslogan funktioniert und die Nachfrage sowie die Auflagen in die Höhe treibt.

Zum einen ist dieses Phänomen bestimmt durch die Thematik selbst, den ausgewählten Stil und die sprachliche Form, der Inhalt spielt an dieser Stelle also eine entscheidende Rolle.

Zum anderen, so Ackermann und Greif, nimmt das Verlagswesen entscheidenden Einfluss auf die Verbreitung dieser Gattung. Neben zahlreichen Kleinverlagen setzen sich insbesondere der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, der März-Verlag oder der Fischer-Verlag für die Popliteratur ein, indem sie eben solche Pop- und Beat-Literaten verlegen oder die Rechte an derartigen Inhalten (z. B. aus der Beat-Literatur Amerikas) erwerben.[13]

Dass die Definition von Popliteratur bisher keinem einheitlichen Konsens unterliegt, zeigen auch die Aussagen der Literaten selbst: Benjamin von Stuckrad-Barre antwortet auf die Frage, ob er sein Soloalbum als Popliteratur bezeichnen würde, mit folgenden Worten:

„Jeder, der ein ernstzunehmendes Verhältnis zu Pop hat, würde dieses nichts sagende Wort gebrauchen.“ Er würde es „nicht Pop-Literatur, sondern allenfalls Literatur-Pop“[14] nennen. Ob man nach dieser Definition ein besseres Verständnis von Popliteratur hat, bleibt dahingestellt.

Fest steht, dass auf der Suche nach Popliteratur häufig von Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Ploog, Hadayatulla Hübsch, Benjamin von Stuckrad-Barre, Florian Illies oder Christian Kracht die Rede ist. Rolf Dieter Brinkmann gilt hierbei als einer der ersten deutschen Autoren in diesem Genre, somit als Vater der früheren Pop-Generation. Christian Krachts Debütroman Faserland gilt später als Vater der zweiten Pop-Generation, auch wenn sein Werk erst 1995 veröffentlicht wurde.

Selbst Florian Illies, der der zweiten Pop-Generation angehört, verweist in Generation Golf: Eine Inspektion auf Christian Kracht, wenn er schreibt:

„Weil es aber eben noch zehn Jahre dauern sollte, kam glücklicherweise Christian Kracht. Im Jahre 1995 erschien sein Roman Faserland. Zum einen war das ein wunderbares Buch, in dem Kracht Bret Easton Ellis’ Markenkompendium kongenial auf die deutsche Produktwelt übertrug. [...] Die Ernsthaftigkeit, mit der Kracht Markenprodukte einführte und als Fundamente des Lebens Anfang der neunziger Jahre vor Augen führte, wirkte befreiend.“[15]

[...]


[1] Der französische Historiker Philippe Ariès untersucht in seiner Geschichte des Todes von 1978 den Wandel der abendländischen Einstellung zum Tod von der Spätantike bis in die Neuzeit.

[2] Blamberger: Der Tod nach dem Tode Gottes, S. 300.

[3] Barner: Die Vorstellbarkeit des Todes. Beobachtungen zur Literatur, S. 236.

[4] Vergleiche hierzu auch die umfassende Arbeit Mythos Tod. Tod und Todeserleben in der modernen Literatur von Karin Priester.

[5] Pfeiffer: Tod und Erzählen. Wege der literarischen Moderne um 1900, S. 5.

[6] Die Unterscheidung von Beat und Pop stellt ein eigenes Thema dar und würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Dieser Teil sei auch deshalb außer Acht gelassen, weil er keinen entscheidenden Einfluss auf die Thematik der Hausarbeit hat.

[7] Ackermann / Greif: Pop im Literaturbetrieb, S. 55.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd., S. 55f.

[11] Winkels: Grenzgänger, S. 607.

[12] Ackermann / Greif: Pop im Literaturbetrieb, S. 55.

[13] Ebd.

[14] Ebd., S. 111.

[15] Illies, Generation Golf, S. 111.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Tod und Popliteratur: Der Todesdiskurs bei Christian Krachts "Faserland" und "1979"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Repräsentationen des Todes
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V79589
ISBN (eBook)
9783638868761
ISBN (Buch)
9783638870160
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Popliteratur, Todesdiskurs, Christian, Krachts, Faserland, Repräsentationen, Todes
Arbeit zitieren
Stefanie Udema (Autor), 2007, Tod und Popliteratur: Der Todesdiskurs bei Christian Krachts "Faserland" und "1979", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79589

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