Diltheys Begründung der Hermeneutik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Zielstellung der Arbeit

Die hermeneutische Begründung der Sozialwissenschaften lässt sich in unterschiedliche Hauptrichtungen unterscheiden. So begründete zum Beispiel Wilhelm Dilthey die Hermeneutik als eine wissenschaftstheoretische Grundlage der Sozialwissenschaften zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Begründung der Hermeneutik nach Dilthey liegt dieser Arbeit als Konzept zugrunde.

Wilhelm Dilthey lebte von 1833 bis 1911. Er studierte in Heidelberg und Berlin Philosophie und Theologie und unterrichtete nach abgeschlossenem Studium zwei Jahre an einem Gymnasium und weitere sechs Jahre als Privatlehrer. Dann wurde er Privatdozent und später Professor an der Universität in Breslau, als auch an der Universität in Kiel. Dilthey kehrte jedoch an die Universität in Berlin zurück, wo er ab 1882 Philosophie lehrte.

Dilthey selbst bezeichnete sich als Philosoph und Historiker. Bei seinen Aufgaben und Tätigkeiten als Philosoph beschäftigte er sich auch mit pädagogischen Themen. So hielt er ab 1884 etwa elf Jahre lang regelmäßig Vorlesungen zur Pädagogik. Pädagogische Abhandlungen veröffentlichte er jedoch nur wenige.

Wilhelm Diltheys Anliegen war es, eine wissenschaftstheoretische Grundlage der Sozialwissenschaften zu leisten.

Darstellung des Textes

Als Grundlage dieser Arbeit dienen die beiden Texte „Das Leben und seine Objektivationen“ und „Erlebnis, Ausdruck und Verstehen“ von Matthias Jung. Erschienen sind die Texte in seinem Werk „Dilthey zur Einführung.“, Hamburg 1996, Junius Verlag. Die beiden sich ergänzenden Texte gehören zu dem von Matthias Jung beschriebenem vierten Punkt seines Werkes, welcher „Diltheys Spätwerk: Die Hermeneutik des objektiven Geistes“ lautet.

Der Autor beschreibt anfangs, dass die Geisteswissenschaften nach Dilthey auf eine bestimmte Sache hin angelegt sind: Nämlich auf die Selbstbesinnung (vgl. Jung 1996, S.147). Durch das Verstehen von vergangenen Lebensäußerungen kann sich die Identität eines Menschen herausbilden. Zu dieser gegenwärtigen Identität kann sich in einer bestimmten Gesellschaft dann wiederum ein besonderes oder bewusstes Verhältnis entwickeln. „Durch die methodische Anbindung an die Perspektive der subjektiven und sozialen Wirklichkeit [...] unterscheiden sich die Geistes- von den Naturwissenschaften.“ (Jung 1996, S.148). Die naturwissenschaftliche Einstellung wurde gefördert durch die starke physische Wirklichkeit. Doch es wird nach einer geisteswissenschaftlichen Perspektive verlangt und zwar durch den Rückgang in die „Subjektivität des Erlebens“ (Jung 1996, S.148). Im naturwissenschaftlichen Bereich schaltet der Mensch sich nämlich selbst aus: Die Natur wird zum Zentrum der Realität des Individuums und gilt als eine Ordnung nach bestimmten Gesetzen. Die geisteswissenschaftliche Perspektive dagegen beschreibt, wie sich das Individuum von der Natur abwendet und zu sich selbst richtet. Dies ist das Erlebnis, dass die Natur zwar noch vorhanden ist, doch dass sie nicht so wichtig ist, wie „Bedeutung, Wert und Zweck“ im Leben es sind (vgl. Jung 1996, S.148).

Voraussetzung für die Entstehung der Geisteswissenschaften war, dass die naturalistische Deutung des Lebens auf der einen Seite als „unvermeidlich und legitim“ (Jung 1996, S.148), auf der anderen Seite aber auch als eine Art Entfremdung angesehen wurde. So stellte Wilhelm Dilthey die Realitäts-Deutung im sozialen Sinn gegen diese im naturwissenschaftlichem Sinn. Nach Dilthey erwachsen die Geisteswissenschaften so aus den Aufgaben des Lebens selbst. Seine Auffassung des Lebens darf aber nicht gegenstandstheoretisch missgedeutet werden, denn ihm geht es nicht darum, die lebendigen von den unbelebten Dingen abzugrenzen. Vielmehr bezeichnet das Leben die Wirklichkeit, die ja in einem Lebensvollzug zum Individuum steht, und keine Klasse von Objekten.

Weiterhin unterscheidet Dilthey zwischen dem gesamten Leben, zum Beispiel das Leben aller Menschen auf der Welt, und den individuellen Lebenseinheiten, womit die einzelnen Menschen, aus denen das gesamte Leben aufgebaut ist, gemeint sind. Das Leben selbst besteht in den Wechselwirkungen dieser einzelnen Lebenseinheiten.

Ein gutes Beispiel für die hermeneutisch wichtige Wechselbeziehung zwischen dem Leben und den Lebenseinheiten sind Sprachen: Alle Sprachen sind aus elementaren und nonverbalen Interaktionen entstanden. „Wenn sich die semantischen und syntaktischen Merkmale einer natürlichen Sprache aber erst einmal herausgebildet haben - ein Prozeß, der in Form des Srachwandels andauert - , dann können diese Merkmale selbstverständlich unabhängig von den Interaktionen beschrieben werden, denen sie ihre Entstehung verdanken.“ (Jung 1996, S.150).

Ein wichtiger Faktor bei der hermeneutischen Struktur des Lebens ist die Zeit: Das aktuell gelebte Leben erfährt sich selbst vor dem Hintergrund seiner Vergangenheit. Vor diesem Hintergrund des „Schon-Erlebt-Habens“ werden die neu auftauchenden Erfahrungen erlebt und bewertet, und umgekehrt wird durch diese neuen Erfahrungen das Wissen erweitert und verändert. Diesen Prozess bezeichnet Wilhelm Dilthey als den hermeneutischen Zirkel. Ein Beispiel hierzu wäre das Lesen eines Fachbuches: Ich lese dieses Buch und verstehe den Text auf der Basis meines Vorverständnisses, zu dem man vielleicht auch Grundwissen sagen könnte. Der Text wird aber auch mein Vorverständnis beeinflussen und verändern, denn durch das Lesen und Verstehen des Fachbuches weiß ich jetzt mehr und Genaueres über das im Buch behandelte Thema. Lese ich dieses Fachbuch zu einem späteren Zeitpunkt dann noch mal, werde ich es auf der Grundlage eines veränderten Vorverständnisses lesen, da ich die Materie jetzt besser kenne, als zu Anfang.

Der hermeneutische Zirkel stellt eine weitere Differenz zu der Verfahrensweise in den Naturwissenschaften dar, da deren Begriff der Zeit nicht „die Komponente der Einheitsbildung“ (Jung 1996, S.151) enthält. In der Hermeneutik Diltheys ist die genetisch­zeitliche Perspektive wesentlich, wobei der Lebenszusammenhang keine statische, sondern eine sich ständig verändernde und weiter entwickelnde Struktur aufweist.

Weiterhin beschreibt Jung, wie Wilhelm Dilthey mit dem Thema „Geschichte“ umgeht: Das geschichtliche Leben ist ein Teil des Lebens überhaupt, und das Leben wird geschichtlich, wenn es im Verlauf der Zeit und dem so entstehenden Wirkungszusammenhang aufgefasst wird. Das Leben soll sich in den Geisteswissenschaften selbst verstehen. Der Mensch soll leben, ohne „der subjektiven Beliebigkeit wechselnder Lebensbezüge zu verfallen“ (Jung 1996, S.152). Dilthey war davon überzeugt, dass dies möglich ist. Der Gegenstand der Geisteswissenschaften ist hierbei nicht der persönliche und unmittelbare „Vollzug“ des Lebens, sondern der Ausdruck dieses „Vollzugs“. Die Geschichte ist also nichts vom Leben Getrenntes. Vielmehr trägt alles, was durch geistiges Tun entstanden ist, den Charakter der Historizität (vgl. Jung 1996, S.153),

Wichtig für das Verständnis der späten Schriften Wilhelm Diltheys ist der Begriff des „objektiven Geistes“. Hierunter fallen zum Beispiel Sprachen, Handlungsgewohnheiten, soziale Gebräuche und Normen, staatliche, kulturelle, rechtliche und wirtschaftliche Institutionen, Gemälde, Dichtungen, Musikstücke oder philosophische Abhandlungen (vgl. Jung 1996, S.153). All diese unterschiedlichsten Sachverhalte haben aber einen gemeinsamen und entscheidenden Gesichtspunkt: Sie sind zwar aus subjektiven Handlungen hervor gegangen, weisen aber dennoch eine ganz bestimmte Beschaffenheit auf, welche nicht durch psychologische Ausdrücke veräußerlicht werden kann. Will man zum Beispiel das römische Recht wissenschaftlich behandeln, sollte man dessen „Geist“ analysieren und sich nicht mit der seelischen Verfassung seiner Urheber beschäftigen. Laut Dilthey kann man diesen Geist nicht durch psychologische Erkenntnis verstehen, was auch, und vor allem, für literarische Produktionen gilt: Nicht die inneren Vorgänge eines Autors sind Gegenstand des Verstehens, sondern ein Zusammenhang, welcher in diesen Vorgängen erschaffen wurde.

Diltheys Begriff des objektiven Geistes ist der allgemeinste Begriff der Geisteswissenschaften, und er ist der Inbegriff aller Lebensausdrücke. Er basiert auf den „Kontinuitäts- und kontexterzeugenden Handlungen von Subjekten“ (Jung 1996, S.155), und sein Verhältnis zum individuellen Lebensvollzug wird meistens als harmonisch angesehen.

Der Autor beschreibt, dass Wirkungszusammenhänge nach Dilthey speziell gekennzeichnet sind: Sie bringen Werte hervor und verwirklichen Zwecke. Dieser Bezug verweist deutlich auf seine lebensphilosophische Voraussetzung, und zwar beinhaltet der Lebensprozess „kognitiv-auffassende[n], affektiv-bewertende[n] und willentlich-handelnde[n] Komponenten“ (Jung 1996, S.156). Dies ist ein weiterer Unterschied zur Naturwissenschaft, in welcher der Zweckbegriff ganz verbannt wurde. Für die Geisteswissenschaften jedoch ist dieser Begriff nicht zu entbehren, weil der Prozess des Lebens ja gerade darin besteht, die Realität in einen Zusammenhang mit den Wertungen und Interessen der Subjekte zu bringen und diese dann humanen Zwecken zuzuordnen (vgl. Jung 1996, S.156).

Der Begriff des Wirkungszusammenhangs besteht aus zwei Aspekten: Ein Aspekt ist die geschichtlich-soziale Wirklichkeit. Ein Mensch lebt in einer bestimmten Lebenswelt, die aber nicht von ihm erschaffen, sondern von früheren Generationen hervorgebracht wurde. Ein Mensch kann gleichzeitig verschiedenen Wirkungszusammenhängen angehören: Er spricht zum Beispiel eine Sprache, gehört zu einer Familie und hat eine religiöse Überzeugung. Der zweite Aspekt ist, dass Wirkungszusammenhänge - als verfestigte Handlungen, wie im ersten Aspekt beschrieben - immer auf den einzelnen Menschen bezogen sind. So ändert sich zum Beispiel die Sprache, die das Individuum spricht, durch die Sprechgewohnheiten ihrer Benutzer.

Wirkungszusammenhänge des objektiven Geistes haben eine besondere Eigenschaft: Jedes Individuum, jedes Kultursystem und jede Gemeinde haben einen Mittelpunkt in sich selbst, wo alle „geistigen Einheiten“ zentriert und zu einem Ganzen verbunden sind. Dazu gehören unter anderem die Wirklichkeitsauffassung, die Wertung oder die Erzeugung von Gütern (vgl. Jung 1996, S.158). Die Wirkungszusammenhänge steuern Prozesse, indem sie zur Orientierung des Individuums ein Vorverständis bereitstellen. Mit Hilfe dieses Vorverständnisses bezieht sich der momentane Lebensvollzug dann auf den Mittelpunkt, welcher organisierend in Erscheinung tritt. Ein Beispiel hierfür wären soziale Begrüßungsriten als ein Wirkungszusammenhang. Sein Mittelpunkt wäre dann die Kontaktaufnahme problemlos zu ermöglichen und soziale Rollenmuster schnell zu vermitteln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Diltheys Begründung der Hermeneutik
Hochschule
Universität Paderborn  (Pädagogik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V8012
ISBN (eBook)
9783638151016
ISBN (Buch)
9783640418978
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diltheys, Begründung, Hermeneutik
Arbeit zitieren
Stefanie Teusch (Autor), 2001, Diltheys Begründung der Hermeneutik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8012

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