Gottesdienst im Spannungsfeld zwischen Liberalität und Orthodoxie


Masterarbeit, 2007
110 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Zweckbestimmung und Aufgabe der Gemeinde Jesu
2.1 Was bedeutet Gottesdienst?
2.2 Gottesdienst als Gemeinschaft der Gläubigen
2.3 Gottesdienst als Christusanamnese
2.4 Gottesdienst als Epiklese
2.5 Gottesdienst als Eucharistie

3. Symbol und Ritual im Gottesdienst
3.1 Was bedeutet Liturgie?
3.2 Zweck und Aufgabe einer Liturgie
3.3 Liturgische Elemente
3.4 Das kirchliche Stundengebet
3.5 Das Kirchenjahr
3.6 Ist eine altkirchlich überlieferte Liturgie im heutigen
Gottesdienst noch zeitgemäß?

4. Der gottesdienstliche Ort
4.1 Gottesdienst und Kunst
4.2 Wesen und Aufgabe der Kirchenmusik

5. Historischer Rückblick auf den urchristlichen Gottesdienst
5.1 Ort und Zeit des urchristlichen Gottesdienstes
5.2 Elemente des urchristlichen Gottesdienstes

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Begriffserklärungen

8. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Auseinandersetzung mit der Frage nach biblischem Gottesdienst ist in heutiger Zeit wichtiger den je. Jede der verschiedenen Kirchen, Freikirchen und Sondergruppen behauptet für sich, das richtige Gottesverständnis und die richtige Gottesdienstpraxis zu haben. Verglichen an der Heiligen Schrift können solche Behauptungen nicht stimmen, denn “Ein Glaube, eine Taufe, ein Geist, ein Gott und Vater aller...“[1] wäre somit in Frage gestellt.

In der säkularen Welt spricht man von Politikverdrossenheit, wenn dem Volk keine Perspektive mehr aufgezeigt und das Handeln der Akteure nicht mehr verstanden wird. Im gottesdienstlichen Bereich vieler Kirchen und Gemeinden ist diese Entwicklung ebenso zu beobachten. Wenn Gemeinde zum Publikum, der Prediger zum Kanzelredner wird, wenn Singen und Zuhören die einzigen Aktivitäten der Gemeinde bleiben, wenn der Individualismus den Sinn für alles Korporative verdrängt, wenn düsterer Ernst oder schlichtweg Langeweile an die Stelle der Freude treten; wenn angebliche Kultfeindlichkeit, ohne dies zu bemerken, selbst einen Kult produziert – und zwar einen schlechten; wenn die Gemeinde den Gottesdienst nicht mehr miteinander erleben will, sondern jedes Alter und jede Gruppe eigens bedient werden soll,[2] spätestens dann hat auch die Gemeinschaft der Christen eine "Gottesdienstverdrossenheit" wenn nicht sogar Krise erreicht.

In der hier vorgelegten Magisterarbeit zum Thema "Gottesdienst im Spannungsfeld zwischen Liberalität[3] und Orthodoxie[4] " geht es einerseits darum aufzuzeigen, dass sich das Gottesbild und das damit zwangsläufig verknüpfte Gottesdienstverständnis, vornehmlich in der evangelischen Welt, gewandelt hat und in den Liberalismus abdriftet. Die Säkularisierung hat die Kirche als Gemeinde Jesu erreicht und die Gottesdienste vielerorts einem anthroposophischen Diktat unterworfen.

Andererseits soll diese Arbeit Vorurteilen begegnen, urchristliche und altkirchliche Gottesdienstpraktiken wären starr, traditionell und nicht mehr zeitgemäß. Insofern sollen meine Ausführungen auch einen Verständnisbeitrag dazu leisten, dass die in freikirchlichen Kreisen oft kritisierten liturgischen Gottesdienstelemente der Kirchen durchaus ihre Berechtigung haben und biblischen Ursprungs sind.

Alle gegenwärtigen Gottesdienstformen der verschiedenen Denominationen miteinander zu vergleichen oder zu bewerteten wäre aufgrund ihrer Vielzahl unmöglich. Auch verschiedene Liturgien gegenüberzustellen, um daraus eine "Standard- oder Leitliturgie" zu entwickeln, wäre ein unsinniges Unterfangen.

Im Mittelpunkt soll vielmehr Christus stehen, der durch den Autor des Hebräerbriefes an die Verantwortung jedes Einzelnen appelliert und an den erinnert, "… mit dem wir es zu tun haben":

"Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler (oder Richter) der Gedanken und Gesinnungen des Herzens; und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben".[5]

Es ist mein besonderer Wunsch, dass diese Arbeit neu dazu anregt, die eigene Gottesdienstpraxis zu überprüfen, um zu dem zu gelangen, was Karl Barth sehr treffend formulierte:

"Der christliche Gottesdienst ist das Wichtigste, Dringlichste und Herrlichste, was auf Erden geschehen kann."[6]

Um ein einheitliches Begriffsverständnis zu gewährleisten, habe ich bewusst auf freikirchlichen bzw. evangelikalen Terminus verzichtet und klassisch kirchliche Bezeichnungen verwendet. Wichtig dabei ist, dass z.B. katholisch nicht für römisch-katholisch steht und mit Eucharistie nicht die römisch-katholische Messe gemeint ist. Eine Erklärung der Begrifflichkeiten ist in Kapitel 7 (Begriffserklärungen) zu finden.

Zu großem Dank bin ich meinem damaligen Professor und Lehrer Dr. mult. Thomas Schirrmacher verpflichtet, der mir in Vorlesungen am Martin-Bucer-Seminar und in vielen seiner Bücher Weggeleitung in Bezug auf das Verständnis der Heiligen Schrift gab.

Besonderer Dank gilt Bischof Gerhard Meyer, der mir in den letzten Jahren nicht nur ein echter Freund und Seelsorger geworden ist, sondern der mir auch den biblischen Gottesdienst der Alten Kirche näher brachte und maßgeblichen Anteil an meinem heutigen Liturgieverständnis hat, was letztlich dazu führte, das hier bearbeitete Thema in dieser Ausführlichkeit vorzulegen.

Lottstetten, im Februar 2007

2. Zweckbestimmung und Aufgabe der Gemeinde Jesu

"Denn es steht geschrieben: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.“ (Mt 4,10; 5Mo 6,13)

"Ich will anbeten gegen deinen heiligen Tempel, und deinen Namen preisen um deiner Güte und deiner Wahrheit willen; denn du hast dein Wort groß gemacht über all deinen Namen". (Ps 138,2)

"Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter." (Joh 4,23)

Kommt, lasst uns anbeten und uns niederbeugen, lasst uns niederknien vor dem Herrn, der uns gemacht hat! Denn er ist unser Gott und wir sind das Volk seiner Weide und die Herde seiner Hand “ (Ps 95, 6-7)

Die Hauptaufgabe der Gemeinde ist Gott anzubeten, ihn zu verherrlichen und ihm zu dienen. Die Anbetung und der Gottesdienst sind deswegen das Zentrum unseres Christseins, denn dazu wurden wir erwählt. Das unterstreicht Paulus wenn er sagt, dass Gott "uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos seien vor ihm in Liebe; und uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesum Christum für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, worin er uns begnadigt hat in dem Geliebten, in welchem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade" (Eph 1,5-7).[7]

Jeder irdische Gottesdienst muss auf die Erfüllung des Gottesdienstes im Himmel ausgerichtet sein. Alle alttestamentlichen Gottesdienste waren daher Schatten des zukünftig himmlischen Gottesdienstes. Die heutige Kirche befindet sich in der Zwischenphase. Der alttestamentliche Gottesdienst mit seinen Schatten und Bildern hat aufgehört und der himmlische noch nicht begonnen. Christus ist in den Himmel eingegangen (Hebr 8,1ff). Dort hat er, der liturgische Diener (leitourgos), den Dienst am Heiligtum begonnen. Paulus beschreibt in Eph 1,12 den Sinn unseres jetzigen und zukünftigen Seins: "Damit wir zum Preise seiner Herrlichkeit seien…".

Ebenso macht Johannes in Offb 5,13 konkrete Aussagen über den himmlischen Gottesdienst.[8]

Gottes Forderung an den Menschen ist also immer Anbetung (Mt 4,10; Joh 4,23). Es gilt also zu klären, was Gottesdienst bedeutet, wie Anbetung stattfindet und was dazu notwendig ist.

Wenn man also Antwort auf die Frage sucht, was im Gottesdienst geschieht und warum man ihn in dieser oder jener Form hält, so kann man nur die Heilige Schrift konsultieren. Hier gerät man jedoch zuerst einmal in Verlegenheit, denn das Neue Testament schreibt an keiner Stelle ausdrücklich vor, wie der Gottesdienst konkret abzulaufen hat. Nur andeutungsweise erwähnen die Apostelgeschichte oder die Briefe der Apostel, dass die Zusammenkünfte der Christen einer gewissen Ordnung unterliegen.[9] Formale Bestimmungen finden sich überhaupt nicht, inhaltliche Hinweise auf das, was bei den Zusammenkünften geschieht, nur gelegentlich. Wie kann es also sein, dass Christus seiner Gemeinde selbst keine Anweisungen gegeben hat, wie sie nach seiner Himmelfahrt ihre Zusammenkünfte gestalten sollen?

Daraus könnte nun gefolgert werden und wird auch häufig gefolgert, dass Gestalt und Ordnung gottesdienstlicher Zusammenkünfte in das freie Belieben der Gemeinde gestellt seien und dass dem Wirken des Heiligen Geistes keine Hemmung in den Weg gelegt werden dürfe durch vorgegebene menschliche Ordnungen. Gewiss stimmt es, dass man den lebendig machenden Geist Gottes durch menschliche Ordnungen nicht einfangen oder verfügbar machen kann. Jedoch wird dabei vergessen, dass gemeinschaftliches Leben und Handeln nur durch Ordnung möglich ist. Wenn dies auf der einen Seite zugegeben wird, argumentiert man doch auf der anderen Seite, dass Christus keinen klaren Befehl in dieser Sache erteilt hat und eine Ordnung für den Glauben und die Frömmigkeit der Christen unbedeutend oder zweitrangig sei.

Solche Auffassungen vertreten interessanterweise aber nur solche Christen, die, was biblische Ordnungen betrifft, grundsätzlich alles verwerfen, wenn es um Satzungen oder Vorschriften geht. Das Alte Testament wird als Geschichtsbuch betrachtet und dessen Gültigkeit für neutestamentliche Christen angezweifelt, wenn nicht sogar grundsätzlich abgelehnt, weil Christen heute nicht mehr unter Gesetz stehen.

Der Gottesdienst der alttestamentlichen Gemeinde fand unter Gesetz statt. Er war bis in die Einzelheiten des Raumes, des Festkalenders, der Dienste, Geräte und Gewänder durch göttliches Gesetz genau festgelegt. Mit einem Blick in dieses Gesetz konnten sich die Verantwortlichen jederzeit vergewissern, ob der Kultus nach Gottes Willen recht vollzogen wurde, ob somit die Gegenwart Gottes bei seinem Volke gewährleistet war.

Das ist durch das Kommen des Gottessohnes Jesus Christus grundlegend anders geworden. Christus ist des Gesetzes Ende, auch des kultischen. Zwar stand auch Jesus als wahrhaftiger Mensch unter dem Gesetz (Gal 4,4). Er nahm von Kind an teil am Gottesdienst des Alten Bundes und nannte schon als zwölfjähriger den Tempel in Jerusalem "Das Haus seines Vaters". Im Eifer um dieses Haus griff er später zur Geisel, um es vor gewinnsüchtigem Missbrauch zu reinigen. Wie alle Frommen seines Volkes pflegte auch Jesus mit seinen Jüngern zum jährlichen Passahfest nach Jerusalem zu pilgern. Ebenso nahm er an anderen Festen wie dem Laubhüttenfest (Joh 7) und dem Tempelweihfest (Joh 10) teil. Aus der Beschreibung des letzten Passahfestes ist zu entnehmen, dass er sich als Hausvater seiner Jüngerfamilie sehr genau an den überlieferten Ritus des häuslichen Passahmahles gehalten und mit ihr die vorgeschriebenen Gebete, Danksagungen und Lobgesänge gesprochen bzw. gesungen hat (Mt 26, 17-30). Auch am Synagogengottesdienst nahm Jesus teil, las dort selbst aus dem Gesetz und den Propheten vor und legte aus (Lk 4,15-21 u.a.).

Jedoch wird zugleich überall deutlich, dass Christus den Rahmen des Gesetzes und der frommen Überlieferung sprengt, weil er nicht ein Knecht des Gesetzes, sondern sein Herr und Erfüller ist. Dies zeigt sich auch in seiner Stellungnahme zum Sabbat (Lk 6,1-11), zum Fasten (Mk 2,18-22), zum Opfer (Mt 9,13), zum Tempel (Mt 12,6; Joh 2,19-22), zu den kultischen Reinigungsvorschriften (Mt 15,1-20) und besonders beim letzten Passah, wo Jesus an die Stelle des alttestamentlichen Bundesmahles das neutestamentliche Bundesmahl setzt: das Essen und Trinken seines gebrochenen Leibes und seines vergossenen Blutes in den Gestalten von Brot und Wein zu seinem Gedächtnis. Hieran wird vollends deutlich: Christus ist des Gesetzes Ende. "In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig".[10] In Christus ist Gott seinem Volk gegenwärtig. Christus ist der Tempel Gottes. Er ist der wahre Hohepriester. Er ist das wahre Opferlamm.[11] Der Brief an die Hebräer führt den Nachweis, dass Christus wesenhaft das ist und tut, was im Alten Testament nur schatten- und zeichenhaft war und geschah.[12] Nachdem Christus das eine und ein für allemal gültige Opfer zur Sündensühnung am Kreuz dargebracht und nachdem Gott dieses eine Opfer bestätigt hat durch die Auferweckung des Gekreuzigten aus den Toten und durch seine Erhöhung zur Rechten des Vaters, setzt er sein Werk auf dieser Erde in seiner Kirche und durch seine Kirche fort. Er ist das Haupt, die Kirche ist der Leib Christi. Christus ist der Eckstein, die Kirche ist der Tempel Gottes. Sie ist ein Volk von Königen und Priestern.[13] Sie lebt einzig und allein von ihrem Haupt, von der realen und organischen Verbundenheit mit Christus.

Jetzt wird klar, warum Christus seinen Jüngern keine Gebote und Ordnungen gegeben hat, wie sie nach seinem Hingang zum Vater miteinander Gottesdienst feiern sollten. Es ist ja eben nicht so, dass Christus weit weg wäre, dass er seine Gemeinde allein in der Welt gelassen hätte, damit sie durch gewisse Ordnungen zusammengehalten würde. Er will nach seiner Verheißung mitten unter ihnen sein. Seine Gegenwart sammelt die Gemeinde. Die Verbundenheit mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus wurde deshalb immer neu verwirklicht, wenn die Gemeinde zusammenkam. Darum blieben die ersten Christen "beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten" (Apg 2,42). Indem sie die Verkündigung der Apostel hörten, in brüderlicher Lebensgemeinschaft beieinander waren, das heilige Mahl feierten und beteten, hörten sie ihren lebendigen Herrn, waren mit ihm verbunden, mit ihm im Gespräch, wurden von ihm selbst gespeist und getränkt. Wenn auch die Urgemeinde in Jerusalem noch die Gebetszeiten einhielt und am Tempelgottesdienst teilnahm (Apg 3,1), wenn sie in ihren Zusammenkünften den Gesang der Psalmen und Hymnen beibehielt (Apg 4, 24-25), so war ihr eigentlicher Gottesdienst doch von einem völlig neuen Sinn erfüllt, nämlich, dass im Gottesdienst der Gemeinde Christus ein reales Ereignis ist. Dieses Gottesdienstverständnis resultierte aus dem Evangelium.

Nachfolgend möchte ich dieses neu gewonnene Gottesdienstverständnis durch zwei Beispiele aus den Evangelien verdeutlichen:

In der Geschichte der Emmausjünger (Lk 24, 13-35) wird berichtet, dass Christus den beiden Jüngern "auf dem Weg" die Heilige Schrift auslegt und ihnen zeigt, dass sie von ihm Zeugnis gibt. Jedoch erkannten sie ihn dabei nicht. Erst als er auf ihr Bitten mit ihnen ins Haus geht und ihnen das Brot bricht, erkennen sie ihn. Die heutige Gemeinde darf in dieser Begebenheit das Urbild des christlichen Gottesdienstes sehen[14]: Der auferstandene Christus selbst legt ihr die Schrift aus und bricht ihr das Brot im heiligen Mahl. Durch das Hören der Schriftauslegung und durch das Empfangen des Sakramentes darf sie immer wieder neu der Gegenwart des auferstandenen Christus gewiss werden und sich seiner Nähe erfreuen. Im Gottesdienst ist die Gegenwart des Auferstandenen in seiner Gemeinde ein reales Ereignis.

Die Abschiedsreden Jesu im Evangelium nach Johannes (Kap. 14-16) sollen den Jüngern deutlich machen, dass der bevorstehende Tod Jesu nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Lebens für ihn und für sie ist. Bisher war er in Menschengestalt bei ihnen; in Zukunft wird er in einer anderen Weise, aber nicht minder real bei ihnen sein. Die Jünger werden traurig sein, sie werden Angst haben, aber in Wahrheit ist es ihnen gut, dass Christus die Existenz des Fleisches verlässt, um künftig durch den "Tröster", den Heiligen Geist immer bei ihnen zu sein. Sie werden nicht ärmer, sondern reicher, denn bisher haben sie nicht in seinem Namen gebetet. "An jenem Tage" aber werden sie beten in seinem Namen und erhört werden, auf dass ihre "Freude vollkommen sei".

"Jener Tag", der sonst im Neuen Testament als der Tag der "Zukunft des Menschensohnes" oder der Tag des jüngsten Gerichtes bezeichnet wird, impliziert im Evangelium nach Johannes auch den Tag der Kreuzigung und die Auferstehung Jesu Christi. Mit Karfreitag und Ostern beginnt "jener Tag", der nicht nach Stunden und Minuten gezählt wird, sondern bis zur Ankunft Jesu in seiner Herrlichkeit am jüngsten Tag dauert. In diesem Tag, dem Tag des Heils, lebt die heutige Gemeinde (2Kor 6,2). Sie ist in diesem Tag nicht ärmer als in den Tagen, da Jesus in Menschengestalt auf der Erde war, sondern sie ist reicher. Sie darf beten in Jesu Namen und wird erhört. Sie darf am Sieg Jesu teilhaben und seinen Frieden genießen.

Im Namen Jesu beten, das Wort Jesu hören, am Tisch des Herrn seines Sieges und Friedens gewiss werden und davon singen, alles dies geschieht eben im Gottesdienst der Gemeinde zwischen Auferstehung und Wiederkunft. Im Gottesdienst rücken Vergangenheit und Zukunft zusammen in die Gegenwart. Die den Gottesdienst feiernde, betende, singende, hörende und das Mahl des Herrn empfangende Gemeinde gewinnt Anteil am ganzen Heil Christi, denn im Gottesdienst ist die Gegenwart des Auferstandenen in seiner Gemeinde ein reales Ereignis.

Was in der nachapostolischen Zeit an gottesdienstlichen Formen und Ordnungen entstanden ist, lässt trotz großer Verschiedenheit erkennen, dass alle darum bemüht waren, dieses reale Ereignis der Gegenwart Christi zu bezeugen. Sie enthalten allesamt als Grundelemente die Verkündigung des Wortes der Heiligen Schrift, die Feier des heiligen Mahls, das Gebet im Namen Jesu und den Lobgesang. Es ist ferner deutlich erkennbar, dass jede Weiterbildung des christlichen Bekenntnisses, welches oft in langwierigen und schwierigen theologischen Auseinandersetzungen gewonnen wurde, auch ihre Ausprägung im Gottesdienst gefunden hat. Falsche Lehre wurde verworfen, weil sie notwendigerweise zu einer Verfälschung des Gottesdienstes führen musste und damit zur Infragestellung der wirklichen Gegenwart Jesu Christi, also das Heil der Gemeinde bedrohte.

Besonders deutlich wurde dieses in der Reformation des sechzehnten Jahrhunderts. Die Verwerfung der Lehre der römischen Kirche durch Luther hatte auch die Änderung und Reinigung des Gottesdienstes zur Folge.[15] Bei der Gottesdienstreform ging es Luther wesentlich um die Wiederherstellung der "Realpräsenz" Christi, die er durch das römische Messopfer bedroht sah. Darum behielt auch und gerade bei Luther das Altarsakrament seinen selbstverständlichen Platz in der Mitte des Gottesdienstes. Der Verkündigung des Evangeliums in der Predigt gab Luther den ihr gebührenden, in der römischen Kirche verloren gegangenen Rang wieder. Die überlieferten alten Gebete und Gesänge behielt er bei und mühte sich um eine der Gemeinde verständliche deutsche Sprach- und Singform. Sämtliche Kirchenordnungen der Reformationszeit haben ebenfalls die urchristlichen Grundelemente des Gottesdiensts beibehalten.

Erst der Einbruch der "Aufklärung" in den Raum der Kirche schaffte hier einen gründlichen Wandel. Der Ereignischarakter des Gottesdienstes als Begegnung mit Christus ging verloren. Vorbereitet wurde dieser Wandel bereits durch die Bewegung des Pietismus, die sämtliche überlieferte Formen des Gemeindegottesdienstes als totes, äußerliches Werk verworfen und alles Interesse auf den einzelnen Menschen sowie auf die private Erbauung kleiner erweckter Kreise konzentrierte. Durch die Absonderung derer, denen es ernstlich um den lebendigen Christus ging, war der herkömmliche Gottesdienst schutzlos dem Ansturm des Nationalismus ausgeliefert. So wurde die Feier des heiligen Sakraments aus der Mitte des Gottesdienstes an bzw. über den Rand hinaus gedrängt. Da die Auferstehung Jesu Christi für die menschliche Vernunft nicht fassbar war, konnte das Abendmahl nicht mehr anders verstanden werden als eine Gedächtnisfeier des Todes Christi, die sinnvollerweise nur am Karfreitag ihre Berechtigung hatte und darum nur am Karfreitag von den Gliedern der Gemeinde mitgefeiert wurde. Mit dem Verlust des Altarsakramentes[16] erlag auch die Predigt der Gefahr der Verfälschung. An Stelle der Bezeugung des gegenwärtigen und auferstandenen Herrn trat die Moralpredigt. Die auf das heilige Mahl bezogenen Gebete und Gesänge der Liturgie hatten diese Beziehung nun nicht mehr und wurden weggelassen. Damit verlor auch die Kirchenmusik[17] ihre Heimat und das bis dahin so wichtige Kantorenamt verfiel. Die Vernunft hatte auf der ganzen Linie gesiegt. Daran vermochte auch die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts im Zeitalter der Romantik, der Rückkehr zum Altehrwürdigen, aufgestellte und verpflichtend gemachte Liturgie der preußischen Kirche nichts ändern, zumal bei ihrer Einführung kirchenpolitische Motive dominierten.[18] Bis heute haben sich evangelische Gemeinden bzw. die evangelische Kirche selbst von diesem Verfall des Gottesdienstes nicht mehr erholt.

Die Erneuerung der reformierten Theologie, die Neubesinnung auf das Bekenntnis der Reformation und der Alten Kirche könnte Abhilfe aus diesem Dilemma schaffen und hätte eine gottesdienstliche Erneuerung zur Folge. In diesem Kontext steht das Thema dieser Arbeit. Trotz vieler, in den letzten Jahren und Jahrzehnten vorgelegten Agenden und sicher einer liturgiewissenschaftlich ausgezeichneten Arbeit, ist es heute weiter zu beobachten, dass der evangelische Gottesdienst im urchristlich-reformatorischen Sinne nach wie vor missverstanden und die Bezeugung der realen Wirklichkeit Christi in Wort und Sakrament verloren gegangen ist. An seine Stelle sind vielfach sozialpolitische Themen getreten, die in so genannten Wortgottesdiensten erörtert werden.[19]

Schon Karl Barth kommentierte in seiner Zeit:

"Wir wissen nicht einmal mehr, dass ein Gottesdienst ohne Sakrament ein äußerlich unvollständiger Gottesdienst ist. Wir feiern mit der größten Selbstverständlichkeit in der Regel solche äußerlich unvollständigen Gottesdienste. Mit welchem Recht tun wir das eigentlich? Ist die Gefahr nicht dringend, dass wir ohne jenen natürlichen Anfangs- und Endpunkt auch innerlich, auch sachlich unvollständige Gottesdienste feiern? Würde die Predigt nicht ganz anders gehalten und gehört und würde nicht auch ganz anders gedankt werden in unseren Gottesdiensten, wenn das alles auch äußerlich sichtbar von der Taufe her käme und dem Abendmahl entgegenginge?"[20]

An anderer Stelle meint er:

"Das heilige Abendmahl sollte stärker, als dies im Allgemeinen der Fall ist, von Ostern aus verstanden werden. Es ist nicht in erster Linie ein Trauer- und Leichenmahl, sondern die Vorwegnahme des Hochzeitsmahls des Lammes. Das Abendmahl ist ein Freudenmahl,…ist mitten in unserem Leben die Speise und der Trank zum ewigen Leben."[21]

Es ist deshalb in heutiger Zeit unumgänglich, dass diese Erkenntnis und ihre praktischen Folgerungen bis in die Breite wieder in den Gemeinden Eingang finden. Dann aber ist es eine Frage des Glaubens und des Gehorsams, ob wir uns dieser Erkenntnis anschließen: Gottesdienst ist die durch Predigt und Sakramentsfeier erfolgende Bezeugung der realen Gegenwart Christi, in dem und durch den wir dem dreieinigen Gott Lob, Dank und Anbetung darbringen dürfen.[22]

2.1 Was bedeutet Gottesdienst?

Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat der Begriff Gottesdienst in seiner Definition einen wesentlichen Paradigmenwechsel erfahren. Hervorzuheben ist dabei, wie schon erwähnt, die evangelische und evangelikale Welt, deren gottesdienstliches Grundverständnis einer fortschreitenden Säkularisierung zum Opfer fällt. Der Mensch und seine Bedürfnisse rücken immer stärker in den Mittelpunkt und verdrängen mehr und mehr biblische Vorgaben. Die Bibel selbst spricht jedoch nicht über die Wünsche und das Verlangen derer, die Gottesdienst tun, was sie zufriedenstellt zufrieden stellt und aufbaut, sondern will, dass Gottes Wünschen Genugtuung entsprochen wird. geschieht. Es geht allein um seine Verherrlichung. Gottesdienst ist somit theozentrisch und nicht anthroprozentrisch anthropozentrisch .

Gottesdienst ist eine erhebende geistige Einstellung zu Gott und ein äußerlicher Ausdruck in gemeinschaftlichem Sprechen und Handeln.[23] Dabei ist Anbetung die vollkommene Erwiderung der Geschöpfe dem Schöpfergott gegenüber, die sich auf die unermessliche Wertschätzung gründet, ihn im Licht seiner Offenbarung und Selbstmitteilung als Gott zu preisen.[24]

Die Anbetung Gottes ist also das Zen­trum unserer Existenz. Das Bekenntnis von Westminster formuliert am Anfang treffend:

"Das Hauptziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich sei­ner für immer zu erfreuen". Im Weiteren wird dann der Gottesanspruch folgendermaßen definiert: "Ihm (Gott) steht zu – von Engeln und Menschen und jeder anderen Kreatur –, was er auch immer nach seinem Gefallen von ihnen an Verehrung, Dienst oder Gehorsam fordert."[25]

Als Satan Jesus in der Wüste versuchte, macht Jesus eine grundlegende Aussage zur Sinnfrage des Gottesdienstes, nämlich: "Es steht geschrieben: » Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen «" (5Mo 6,13).

Wenn es sich also um theozentrische Anbetung handelt, dann geht es nicht darum, wie mehr Leute in Aktivitäten verwickelt werden, wie neue Methoden und Ereignisse ein Gemeindeleben attraktiver gestalten können, sondern was Gott von seiner Perspektive und seiner Position aus für einen Gottesdienst haben will.

Gottesdienst ist wie die Liebe primär Selbstzweck[26] und nicht nur legitimiert durch seine Wirkungen auf die Außenwelt oder die Früchte des Einzelnen im Alltag. Die Liebe lebt von der Begegnung der Liebenden und findet darin ihre Erfüllung. Im Gottesdienst will Christus seiner Gemeinde begegnen, die darin Annahme und Begleitung auf ihrem Wege findet und eine Vorahnung der kommenden Vollendung und Freude erfährt.

Wo aber Gott dem Menschen begegnet, da wird seine Gnade zur Gegenwart.[27] Eben durch diese Gnade wird der Christ erst in die Lage versetzt, ein "wohlgefälliges Schlachtopfer" darzubringen, "was sein vernünftiger Gottesdienst ist" (Röm 12,1). Durch die liebende Begegnung Gottes in der Gegenwart Jesu (Mt 18,20) wird die Gemeinde erst zu gottesdienstlichem Handeln fähig.

Wenn daher der Gottesdienst in der Stiftung Christi begründet ist und nicht zuerst in dem Bedürfnis der Christen, ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen, wenn Gottesdienst Gottes Dienst an uns ist und daraufhin auch Antwort unseres Glaubens, die in das ganze Leben übergeht, zeigen sich Strukturen, die sich aus dem biblischen Zeugnis ergeben und die im konkreten Gottesdienst angemessen Ausdruck finden sollten. Dazu gehört zuerst die Erkenntnis, dass der Gottesdienst als ganzer wesenhaft Eucharistie[28] ist.

Als Martin Luther die Schlosskirche in Torgau einweihte, formulierte er in seiner Einweihungspredigt folgenden Wunsch:

"Da nichts anders darin geschehe, denn das unser lieber Herr selbs mit uns rede durch sein heilig Wort[29] und wir wiederumb mit jm reden durch Gebet und Lobgesang."

Diese doppelte Bewegung, die in der gottesdienstlichen Begegnung geschieht, drückt sich so aus: Weil Gott uns dient, können wir ihm dienen; seiner Zusage folgt unser Glaube, seinem Reden unser Beten und Loben – nicht umgekehrt!

Worauf gründet sich nun der Gottesdienst der erlösten Gemeinde? Er gründet sich auf den gekreuzigten Christus selbst, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt. Auf dieser Grundlage beginnt die nie abreißende, welterlösende und welterneuernde leiturgia, vollzogen durch das geschlachtete Lamm vor Gottes Thron inmitten der himmlischen Heerscharen:

"Der Gottesdienst des Neuen Bundes ist: Die Sendung des Sohnes durch den Vater ins Fleisch – der Gehorsam des Sohnes, der Mensch wird und leibhaftig wird aus Maria der Jungfrau – die Hineinnahme des Menschseins Jesu in die Personeinheit mit der Gottheit des Sohnes – die Durchdringung des Menschseins Jesu mit der Fülle der realen Gegenwart des göttlichen Seins – die gehorsame Selbstbeugung dieses Menschseins unter den Gesetzesfluch und die Sündenlast und den Gotteszorn, der auf dem Menschen liegt – das Eintauchen dieses makellosen Leibes, in dem Gottes Sein in Fülle verborgen ist, in unser verlorenes Dasein – die Einzeichnung unserer sündigen Existenzen in diesen makellosen Leib – die stellvertretende, aber reale Hingabe dieses Leibes mitsamt den ihm eingezeichneten sündigen Existenzen an den Gerichtstod des Zornes Gottes – die Darbringung dieses Leibes als sühnendes Opfer vor Gott – die Stillung des Zornes Gottes – die Beseitigung der trennenden Mauer – die Entsündigung und Heiligung und Neuschaffung der dem Leibe Jesu eingezeichneten sündigen Existenzen – der Durchbruch der Liebe Gottes für den am Kreuz Verworfenen und Gerichteten und doch gerade am Kreuz in Vollendung Geliebten – der Durchbruch der Liebe Gottes für alle im geopferten Leib Jesu Entsündigten und Geheiligten – die Sprengung uralter Bande dämonischer Fesselung und Tyrannei durch die gottheitliche Kraft dieses Opfers – die apokalyptische Öffnung der Erdengeschichte für den Jüngsten Tag – der Einbruch des Aeons der letzten Dinge – die Auferweckung und eschatologische Verwandlung des geopferten Leibes Jesu und damit auch die eschatologische Neuschöpfung der in ihn eingezeichneten menschlichen Existenzen – die Erfüllung des Alls durch den geopferten, verklärten, neugeschaffenen Leib Jesu – die ewige Darbringung des Golgathaopfers in der himmlischen Liturgie des Hohenpriesters – die Manifestation der von diesem geopferten Leibe umfangenen erlösten Menschen aus Juden und Heiden als die ekklesia – und in dem allen die nie endende Verherrlichung des dreieinigen Gottes durch die erlöste Kreatur."[30]

Dieser Gottesdienst des Neuen Bundes ist der heilsgeschichtliche Ort, unter dem der Gottesdienst der Kirche Jesu Christi auf dieser Erde steht.

2.2 Gottesdienst als Gemeinschaft der Gläubigen

Der griechische Begriff ekklesia bedeutet 'Gemeinde' und wird sowohl für profane Zusammenkünfte (Apg 19,39) als auch für die Gemeindeversammlung verwendet.[31] Wie schon erwähnt, soll das ganze Leben des Christen ein Gottesdienst sein. Doch die Bibel unterscheidet den Gottesdienst des Einzelnen und den gemeinschaftlichen Gottesdienst als Gemeindeversammlung.

"Nicht obwohl, sondern weil die sechstägige Arbeit Gottesdienst ist, feiert die Gemeinde einen geordneten Gottesdienst. Nicht obwohl, sondern weil die Gemeinde immer Leib Christi ist, wird die Schaffung und Erhaltung dieses Leibes durch den Tod Jesu im Abendmahl gemeinsam gefeiert."[32]

Insofern gibt es zum täglichen Gottesdienst das Pendant der gemeindlichen Versammlung an einem Tag in der Woche. Wie für das Volk im Alten Testament die heilige Versammlung Pflicht war (2Mo 12,16), haben neutestamentliche Christen ebenfalls die Pflicht sich gemeinsam zu versammeln. Wichtig ist dabei, dass der tägliche Gottesdienst nicht gegen den gemeinschaftlichen ausgespielt wird, worauf ich später noch zurückkomme.

Doch warum versammeln sich Christen? Weil sie gemeinsam Gott ehren und anbeten und einander dienen sollen. Die vorerwähnte neutestamentliche Pflicht eines gemeinschaftlichen Zusammenkommens geht aus Hebr 10, 24-25 hervor, wo von der Notwendigkeit eines regelmäßigen Versammelns gesprochen wird. Die Gläubigen "reizen sich gegenseitig an zur Liebe und zu guten Werken" und "haben Acht aufeinander". Neben dem Lob und der Anbetung Gottes hat die Gemeindeversammlung auch diese Aufgabe, denn die versammelten Christen lehren, ermahnen und trösten sich gegenseitig.

Doch das grundsätzliche Verständnis von Gottesdienst hat sich gewandelt. Mit der Begrifflichkeit werden heute alle möglichen Veranstaltungen definiert und in Verbindung gebracht, die aber oft nicht im Entferntesten mehr etwas mit dem Gottesdienst nach biblischen Muster zu tun haben. Gottesdienst ist die Begegnung der Gläubigen mit ihrem Herrn. Insofern kann es nur wirklichen Gottesdienst geben, wenn Gläubige zusammenkommen.

Sicher gibt es besondere Veranstaltungen wie Vorträge über aktuelle Themen und dergleichen, die legitim und auch notwendig sind. Doch Gottesdienst als Gemeinschaft der Gläubigen, versammelt zu Christus als ihrem Haupt, anbetend und danksagend, ist nur Menschen vorbehalten, die Christus als ihren Herrn und Heiland kennen und ihm nachfolgen.

Wenn Apg 2,42 beschreibt: "Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten", dann kann es sich nur um Gläubige handeln, denn Ungläubige wären dazu gar nicht fähig. Diese Schriftstelle beweist aber nicht nur, dass es sich hier um Gläubige handelt, sondern auch, dass Predigt und Eucharistie, verbunden mit Abendmahl und Gebet im Gottesdienst zusammengehören. Eine Trennung von Wort und Sakrament, wie dies heute weithin praktiziert wird, ist somit nicht biblisch.

Die Bibel kennt keine Gottesdienste um Außenstehende zu erreichen. Damit sind nicht Evangelisationen gemeint, zu denen Christen ausdrücklich aufgefordert sind,[33] sondern unter einem frommen Mantel stattfindende so genannte Gästegottesdienste, Familiengottesdienste, Pop– oder Freizeitveranstaltungen, die in der evangelikalen Welt gleichfalls als Gottesdienste bezeichnet werden. Folgendes Beispiel soll dies deutlich machen:

Ein Projekt, welches die evangelische Landeskirche vorantreibt, sind die "dive"-Veranstaltungen, die Christian Schwarz als Inhaber der Projektstelle "Neue Gottesdienste" unter dem Titel "Ohne Druck zum Gottesdienst" wie folgt beschreibt. Ich zitiere einige Aussagen aus seinem Artikel:

"Der Gottesdienst muss auf ein Publikum zugeschnitten sein, das erst noch gewonnen werden muss. Dafür wird alles nur Denkbare an Phantasie und Kreativität aufgeboten. Ob es ein Gottesdienst über James Bond ist oder über den Kinofilm "Bruce allmächtig", ob ein Gottesdienst über Arbeitslosigkeit oder über Urlaub – witzig und manchmal schrill wird die aktuelle Lebenssituation aufgegriffen, um sie dann (Außenstehende) mit dem Evangelium ins Gespräch zu bringen… Wir haben kein Recht, die Menschen auf eine einzige Gottesdienstform zu verpflichten. Deshalb brauchen wir Gottesdienste, die kulturelle Gegenwartsformen verwenden, niederschwellig sind und inhaltlich trotzdem Tiefgang haben…"[34]

Augenscheinlich wurde hier der eigentliche Sinn und Zweck des biblischen Gottesdienstes falsch interpretiert, wenn nicht gänzlich missverstanden und steht im krassen Gegensatz zu dem, was Peter Brunner wie folgt beschreibt:

"Im Gottesdienst versammelt sich die aus der Welt herausgehobene, in den Leib Christi schon eingezeichnete, messianische Endgemeinde, die auf die bevorstehende Ankunft ihres Herrn wartet. Aber in der Zwischenzeit, zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft, hat die Kirche durch die Vermittlung des apostolischen Wortes Jesu selbst, seinen Leib, im Pneuma, im Taufgeschehen und im Abendmahl in ihrer Mitte real präsent derart, dass dieser Leib Jesu an ihr selbst zur Erscheinung kommt und durch ihr gottesdienstliches Handeln kraft der gestifteten Mittel je und je aktualisiert (verwirklicht) und integriert (zusammengefügt) wird".[35]

Wie bereits in meiner Einführung erwähnt, erleben viele heutige Gemeinden keinen gemeinsamen Gottesdienst mehr, weil jede Gruppe extra bedient werden will. Man meint, dass Kinder den Gottesdienstablauf nicht verstehen und deshalb einen eigenen Kindergottesdienst brauchen, ebenso wie Jugendliche, denen der "Geschmack" an Gemeinde durch vielfältige Aktivitäten, meist säkularer Art, vermittelt werden müsste. Die schwindende Fähigkeit zum Kontakt und zur Gemeinschaft ist daher eine Herausforderung an die Kirche ohnegleichen. Der Gemeinde ist von ihrem Wesen her eine große integrative Art eigen, besonders in ihrem gottesdienstlichen Leben. Nicht die homogene Gruppe mit gleichen Sonderinteressen, sondern die Gemeinde der vielen Verschiedenen, die im Gottesdienst unter Wort und Sakrament die einende Kraft immer neu erfährt, eben das Wunder der Aktualisierung des Leibes Christi durch das Empfangen von Leib und Blut Christi, ist die helfende Antwort darauf.[36]

Wie stehen vor einem merkwürdigen Phänomen: Auf der einen Seite wenden sich Menschen ab von der Praxis des Glaubens im Gottesdienst der Gemeinde. Auf der anderen Seite scheint die Frage nach dem Glauben noch nie so drängend gewesen zu sein und deren Beantwortung so rührend einfältig und vertrauensvoll an allen möglichen Stellen gesucht zu werden.[37]

Jedoch ist der gemeinschaftliche Gottesdienst der Erlösten, die sich in der Eucharistie um ihren Herrn versammeln, keine kollektive Wohlfühlveranstaltung, die Erwartungen des Einzelnen befriedigen soll, noch ein Fluchtpunkt im täglichen Leben, um sich der Realität zu entziehen:

"Wenn die Berufung auf den Namen Jesu, die alles Zusammenkommen und Zusammensein in der Kirche kennzeichnet, so richtig verstanden wird, kann der Sinn des Gottesdienstes unmöglich darin liegen, dass er den Menschen Zuflucht vor der Wirklichkeit ihres Lebens bietet; dass er sie von den Belastungen des Alltags, wenigstens vorübergehend, befreit, indem er sie teilhaben lässt an einer Art "Überwirklichkeit", sie hereinnimmt in eine besondere "Zone Gottes", in die heiligen Zeiten, heiligen Räume und heiligen Ordnungen, um sie alsbald wieder in die "Zone der Gottlosigkeit" zu entlassen. Dann muss der Gottesdienst als "Zuflucht" ein Missverständnis sein, wenn nicht Schlimmeres. Denn das Zusammenkommen, Zusammensein und Zusammenspiel von Menschen im Namen Jesu Christi dient der "Fleischwerdung" des Wortes in der Wirklichkeit dieser Welt. Sei einziger Grund, sein einziger Sinn und seine einzige Verheißung ist der Selbsterweis, die Selbstmitteilung und die Selbstdurchsetzung Gottes im Beziehungsfeld unseres wirklichen, alltäglichen Daseins, nämlich: dass er durch Jesus Raum gewinne in unserem Alltag, wie er Raum hatte auf den Strassen, den Märkten und den Äckern, am See und im Bergland Galiläas; dass er durch Jesus Zeit bekomme in den Stunden unseres Lebens, den Stunden der Gemeinschaft und der Einsamkeit, der Arbeit und der Ruhe, wie er Zeit bekam in den Zeiten der Mitmenschlichkeit, die das Leben Jesu bestimmten; dass er durch Jesus Herr werde über unser Verhalten, so, wie seine Herrschaft sichtbar geworden ist im Verhalten Jesu selbst, in der Betroffenheit Jesu durch die Dinge, die Menschen und die Sachverhalte seines Alltags: denn da, in der Tiefe der Wirklichkeit, stand Gottes Herrschaft zur Entscheidung; dass er durch Jesus zur Sprache komme in allen unseren Worten und Taten und Beziehungen; schließlich: dass durch Jesus die hochzeitliche Freude des "Mit-Gott-Seins" zur Grundstimmung unseres Denkens werde, wie sie die Grundstimmung des Daseins Jesu und seiner Jünger war. Mit anderen Worten: Grund, Inhalt und Verheißung des christlichen Gottesdienstes wäre nicht die Sicherung eines sakralen Bereiches in der Profanität unseres Lebens, in die dann aus dem sakralen Geschehen heilende Kräfte einströmten, die aber als solche nicht verändert würde. Grund, Inhalt und Verheißung des Gottesdienstes ist vielmehr, dass uns die Profanität um Jesu willen als volle Verheißung, voll der Gegenwart Gottes immer aufs neue eröffnet, offen gehalten und aufgetragen wird. Und dies müsste sich freilich auf Raum, Zeit, Vollzug, Sprache und Stimmung der christlichen Gemeindeversammlungen ganz erheblich auswirken."[38]

Obwohl Lange hier mit seiner Aussage provozierend wirkt, trifft er im Hinblick auf die heutige Gottesdienstentwicklung bzw. auf das Gottesverständnis, wie Schwarz es versteht, den Kern.

Peter Brunner benutzt hingegen in seiner Definition Begriffe, die augenscheinlich heute nicht mehr zeitgemäß sind, jedoch Lange's Aussage in jeder Hinsicht stützen:

"Der Gottesdienst der Christen erfolgt im leiblichen Gehorsam. Sie stehen überall und stets "im Angesicht Christi". Das gilt nicht nur für das profane Leben im Alltag, sondern besonders in der gottesdienstlichen Versammlung. Dies besagt, dass die gesamte christliche Gemeinde mit all ihren Gliedern Trägerin der Gottesdienste ist."[39]

Oft wird gemeinschaftlicher Gottesdienst so interpretiert, als wenn Gott seiner Gemeinde gegenüber in einer Bringschuld stünde und schließlich dafür sorgen müsste, dass jeder sich wohl fühlt, etwas empfängt und gesegnet wird. Jedoch gibt die Bibel keinen Hinweis auf die Wünsche und Verlangen derer, die Gottesdienst tun, bzw. was sie zufrieden stellt oder aufbaut. Es geht einzig und alleine darum, Gottes Wünschen zu entsprechen, ergo um seine Verherrlichung!

Jedoch darf Lange nicht falsch verstanden werden, denn seine Argumentation gibt Anlass zu vermuten, dass Gottesdienst nur in der täglichen Praxis des einzelnen Christen stattfindet. Dem entgegnet Josef A. Jungmann wie folgt:

"Christen sollen nicht als einsame Wanderer durch das Dunkel dieser Welt gehen und erst "drüben" in die Lobgesänge der himmlischen Heerscharen einstimmen. Schon jetzt haben sie die Pflicht und das Vorrecht, sich als heiliges Gottesvolk zusammenzufinden und das Lob ihres Schöpfers beginnen."[40]

Insofern kann der Appell an die heutige gottesdienstliche Gemeinde nur sein, im gemeinschaftlichen Handeln den zu suchen, der verheißen hat: "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte (Mt 18,20).

2.3 Gottesdienst als Christusanamnese

Zur theologischen Grundlegung des christlichen Gottesdienstes gehören drei Bereiche von denen zunächst die Anamnese als Begriff seinen Ursprung im Wortlaut der verba testamenti: eiV thn emhn anamnhsin (Solches tut zu meinem Gedächtnis)[41] hat. Die Deutung des Anamnesebegriffs hat seine Verwurzelung in der hebräischen Denkstruktur und nicht in der griechisch antiken. Wenn der ursprüngliche Sinn memoria, sprich eine Erinnerung an etwas Vergangenes bedeutete, so ist mit Jesu Wort eine wesentlich weitere Definition und umfassendere Vorstellungsweise verbunden. Das hebräische Äquivalent ist zikkaron von zakar und bedeutet: "Im Gedenken wird eine Person, Situation oder Tat aus der Vergangenheit wirkkräftig in die Gegenwart hineingeholt und auch Zukünftiges schon gegenwärtig".

"In aktiver Repräsentation und Antizipation wird deshalb das Versöhnungshandeln Gottes aktuell und wirksam, einschließlich der noch ausstehenden Vollendung, wenn die christliche Gemeinde die Anamnesis ihres Herrn vollzieht."[42]

Man kann die Predigt, also die Christusverkündigung, wie auch den Gottesdienst insgesamt als Christusanamnese bezeichnen, denn in Verkündigung und Eucharistiefeier will Christus selbst mit allem, was er für die Gläubigen getan hat, gegenwärtig werden und handeln.

Die Christusanamnese im verbum audibile und im verbum visibile verbürgt in gleicher Aktualität - wenn auch auf unterschiedliche Weise - den Christus praesens für den Gottesdienst der christlichen Gemeinde.[43]

An Evangelium und Taufe erinnert man sich nicht wie an eine biographische Begebenheit oder an eine Geschichtszahl, die man vergessen hat und die man sich ins Gedächtnis zurückruft. So ist auch das Gedenken der Gemeinde an Evangelium und Sakrament kein neutraler Vorgang, der sich im psychologischen Bereich dessen abspielt, was man heute "Erinnerung" nennen. Dieses Gedenken schließt vielmehr ein, dass das Verstehen und das Denken und Wollen und das Tun des Menschen nach Wesen, Art und Inhalt geformt und geprägt wird. Dieses Gedenken ist also eine die Existenz entscheidend bestimmende Macht. Denn es richtet sich auf die Sache, auf den Inhalt von Evangelium und Taufe, es ist ein erneutes Aufgreifen, erneute Aneignung, erneute Hinnahme des im Evangelium und in der Taufe dargereichten Heils. Darum kann auch das erinnernde Wort nichts anderes zum Inhalt haben als eben diese Sache, dieses Geschehen, diese Person Jesus Christus, sein Wort und Werk. Das innergemeindliche Wort ist als Evangeliums- und Tauf-Anamnese notwendigerweise Christus-Anamnese. Die im Namen Jesu zum Gottesdienst versammelte Gemeinde ist der Ort, an dem das die Christus-Anamnese vollziehende Wort lebendig ist. Und weil diese Christus-Anamnese im Gottesdienst geschieht, geschieht sie in der wirksamen, lebendigen Geistesgegenwart dessen, an den hier "erinnert" wird. Gewiss bezieht sich alle Christus-Anamnese, auch die, die etwa auf Kreuz und Auferstehung konzentriert ist, auf ein geschichtliches Geschehen in der Vergangenheit. Darum kann die Christus-Anamnese nie losgelöst werden von einem Bericht, von der Weitergabe eines Berichtes über etwas, was damals dort geschehen ist. Aber weil diese Anamnese in der Pneumagegenwart dessen geschieht, den sie zum Inhalt hat, ist derselbe, von dem die Anamnese-Worte und Taten der Vergangenheit berichtet, dabei mit seinem Wort und Werk selbst so gegenwärtig, wie nur er seiner Kirche gegenwärtig zu sein vermag. Gerade durch diese gottesdienstliche Anamnese vergegenwärtigt sich der Herr in seiner Gemeinde selbst mit allem, was damals dort bei ihm und durch ihn geschah. Diese Selbstvergegenwärtigung des Herrn und des in ihm beschlossenen, damals dort vollzogenen Heilsgeschehens ist das allumfassende Geschenk, das durch die innergemeindliche Wortverkündigung in der Christus-Anamnese von dem dreieinigen Gott der Gemeinde beschert wird.

2.4 Gottesdienst als Epiklese

Die Epiklese ist die Bitte um das Kommen des Heiligen Geistes auf die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde und auch auf die von ihr dargebrachten Gaben. Dass man um das Kommen des Heiligen Geistes bittet, ist sicher selbstverständlich, denn wie lässt sich das Kommen Jesu zu seiner Gemeinde anders vorstellen, wenn nicht durch den Heiligen Geist. Insofern hat das Pfingstgeschehen immer neue Aktualität, wenn die Gemeinde im Namen Jesu versammelt ist. Im altkirchlichen Antiphon "Veni Sancte Spiritus" kommt diese Bitte deutlich zum Ausdruck:

"Komm, Heiliger Geist, erfüll die Herzen deiner Gläubigen und entzünd' in Ihnen das Feuer deiner göttlichen Liebe." (EG 156)

Mit dieser Bitte hat der Gottesdienst insgesamt bereits epikletischen Charakter.

Die Anamnese führt zur Epiklese, denn Christus bittet in seiner himmlischen Fürsprache den Vater, seinen Kindern den Geist zu senden. Deshalb kann die Kirche, die zum Neuen Bund gehört, zuversichtlich um den Geist bitten, damit sie geheiligt und erneuert, in alle Wahrheit geführt und befähigt wird, ihren Auftrag in der Welt zu erfüllen. Anamnese und Epiklese können als verbindende Handlungen nicht abgesondert von der Abendmahlsgemeinschaft verstanden werden. Außerdem ist es der Geist, der Christus in der Eucharistie wirklich gegenwärtig sein lässt und ihn uns gemäß den Einsetzungsworten in Brot und Wein gibt.[44]

Die Gegenwart des Herrn in der Eucharistie, genauer gesagt in, mit und unter den Gestalten von Brot und Wein ist daher ohne den Heiligen Geist nicht denkbar.

Die Epiklese als Bitte um den Heiligen Geist und um sein Wirken an und in der Gemeinde hat in der Geschichte der Abendmahlsliturgie eine gewichtige inhaltliche Veränderung erfahren. In der ältesten bekannten Fassung (bei Hippolyt) wird um das Kommen des Heiligen Geistes auf die Gemeinde gebetet. Doch im lutherischen Gottesdienst geriet sie bis in unser Jahrhundert hinein in Vergessenheit. Erst durch die liturgische Arbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sie wiederbelebt. Diese Wiederentdeckung des epikletischen Charakters des ganzen Gottesdienstes hilft, die Gegenwart Christi und die durch sie aktualisierte Gemeinschaft des Leibes Christi wieder umfassender zu sehen.

2.5 Gottesdienst als Eucharistie

Das spezifisch Christliche am Gottesdienst der Gemeinde des Neuen Bundes, was Christus ihr als besonderes Vermächtnis hinterlassen hat, ist die Feier der heiligen Eucharistie. Christus hat sie zum Gottesdienst seiner Gemeinde gemacht. Bei Luther ist sie nicht ausdrücklich enthalten, weil er wesentlich die Predigt in den Vordergrund stellte. In dieser Hinsicht ist die Augsburger Konfession genauer, in der die Definition der Kirche am Gottesdienst der Gemeinde orientiert ist:

"Es wird auch gelehret, dass alle Zeit musse ein heilige christliche Kirche sein und bleiben, welche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakrament lauts des Evangelii gereicht werden."[45]

Vom Predigtamt der Kirche – an bemerkenswerter Stelle zwischen dem Artikel von der Rechtfertigung und vom neuen Gehorsam eingefügt – heißt es, Gott habe dieses Amt eingesetzt, das Evangelium zu lehren und die Sakramente darzureichen:

"Nam per verbum et sacramenta tamquam per instrumenta donatur Spiritus Sanctus, qui fidem efficit, ubi et quando visum est Deo, in is, qui audiunt evangelium."[46]

Wort und Sakrament gehören als eine untrennbare Einheit zusammen. Insofern gibt es keinen evangelischen oder reformierten Gottesdienst im Unterschied zum katholischen, sondern der evangelische oder reformierte Gottesdienst ist, wenn er wirklich evangelisch ist, immer zugleich katholisch – und der katholische, wenn er wirklich katholisch ist, immer zugleich evangelisch. Die Zusammengehörigkeit von Wort und Sakrament in der Eucharistie lässt sich aber auch noch auf andere Weise begründen: Weil sich die Kirche als der Leib Christi in der Teilhabe an Christi Leib und Blut aktualisiert, darum ist der Gottesdienst der Christen die vom Herrn gestiftete Eucharistie. Die Mahlfeier ist nicht beliebig absetzbar; der so genannte, in der evangelischen und evangelikalen Welt beheimatete Predigtgottesdienst ist – als einziger Hauptgottesdienst am Sonntag – ohne Frage unreformatorisch und damit als Fehlentwicklung zu verstehen, die in der Konsequenz die vom Hauptgottesdienst getrennte Abendmahlsfeier genau zu dem machen muss, was die Reformatoren so heftig an der spätmittelalterlichen Messpraxis kritisierten, nämlich zur Winkelmesse.

Wenn man nun das liturgische Geschehen eines Gottesdienstes untersucht, stößt man bald auf den Begriff Opfer, der hauptsächlich in der römisch-katholischen Kirche beheimatet ist und in der evangelischen Terminologie wenig, wenn überhaupt vorkommt.

Wenn nun die erlöste Gemeinde opfert, ist dies nicht etwa ein Rückfall in alttestamentlich-kultisches Denken, sondern ist geschichtlich aus einem alten, besonders in der lateinischen Tradition ausgeprägten liturgischen Formgesetz zu erklären, nach dem die Sprache der Liturgie den in ihr vollzogenen Vorgang gerne deutend aufnimmt. Wenn Christus in seiner Person und seinem Opfer in der Eucharistiefeier wirklich gegenwärtig ist, dann redet auch die Liturgie von einer Darbringung, ohne dass die so genannte unblutige Wiederholung des Kreuzesopfer ein ernsthaftes Theologumenon werden musste und geworden ist: "Wir bringen dir dar…" bedeutet nicht, dass zum Kreuzesopfer Christi ein neues Opfer der versammelten Gemeinde oder des Priesters hinzukommen müsste, sondern ganz schlicht und einfach, dass wir Christus bei seinem Wort nehmen und tun, was er geboten hat.[47]

[...]


[1] Eph 4,5-6.

[2] Vgl. Hans-Christoph Schmidt-Lauber. Die Zukunft des Gottesdienstes. Von der Notwendigkeit lebendiger Liturgie. Stuttgart: Calwer Verlag, 1990, S. 22.

[3] Liberalität steht für "freiheitlich; nach allen Seiten offen; den Einzelnen wenig beschränkend und seine Selbstverantwortung betonend". Siehe dazu: Brockhaus Enzyklopädie in 25 Bänden. Mannheim: F.A. Brockhaus Verlag, 1996.

[4] Bildungssprachlich gesehen ist der Begriff Orthodoxie eher negativ besetzt und steht z.B. für engstirniges Festhalten an Lehrmeinungen; jedoch im hier vorliegenden Fall ist damit "Rechtgläubigkeit" bzw. das Festhalten an der Lehre der Kirchenväter und Reformatoren gemeint. Siehe dazu: Brockhaus Enzyklopädie in 25 Bänden. A.a.O.

[5] Hebr 4,12-13.

[6] Karl Barth. Gotteserkenntnis und Gottesdienst nach reformatorischer Lehre. Zollikon, 1938, S. 190.

[7] Vgl. Thomas Schirrmacher: Gottesdienst ist mehr. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 1998, S.9.

[8] Gerhard Meyer. Gottesdienst im Licht der Bibel und der frühen Gemeinde. Neukirchen, 1991, S.1

[9] Apg 2,42; 20,7; 1Kor 11,17; 14,26-40; Eph 4,11-16; Kol 3,16; 1Thess 3,12; 4,1-12; 1Tim 2; 3,14-15.

[10] Röm 10,4; Kol 2,9.

[11] Joh 2,19-22; Hebr 4,14ff; 7,26; 10,29.

[12] Besonders Hebr 9,11-28.

[13] 1Kor 12, 12-17; Eph 4,15-16; 1Petr 2,9.

[14] Vgl. Oscar Cullmann. Urchristentum und Gottesdienst. Zürich, 1950, S.18ff.

[15] An dieser Stelle sei erwähnt, dass es Luther nie darum ging, eine neue Kirche zu gründen. Vielmehr waren seine Bestrebungen, den Gottesdienst der römisch-katholischen Kirche zu reformieren und sich gegen die Praxis des bis dahin etablierten Ablasshandels zu stellen.

[16] d.h. mit dem Verlust des Heiligen Abendmahls.

[17] Hierauf gehe ich speziell noch einmal in Kapitel 4, Punkt 4.2 ein.

[18] z.B. die Einführung der preußischen Union.

[19] Ich verweise dabei z.B. auf die regelmäßig ausgestrahlten Fernsehgottesdienste, die den heutigen evangelischen Gottesdienst widerspiegeln, der mit dem Ursprünglichen nur noch ansatzweise etwas zu tun hat. Soziale Themen wie Arbeitslosigkeit, Armut und dergleichen haben weithin die klassische Predigt über Bibeltexte verdrängt und dominieren. Insofern hat der Gottesdienst seinen Ereignischarakter verloren, obwohl die Verantwortlichen vehement seine Legitimation verteidigen. In diesem Zusammenhang verweise ich auch auf meine Ausführungen unter Punkt 2.1.

[20] Karl Barth. Gotteserkenntnis und Gottesdienst nach reformatorischer Lehre. A.a.O., S. 198 ff.

[21] Karl Barth. Dogmatik im Grundriss. Zollikon, 1947, S. 182ff.

[22] Vgl. Heinz Henche. Die gottesdienstliche Aufgabe der Kirchenmusik. Gütersloh, 1951, S.12.

[23] Vgl.Ronald A. Ward. Our Lord's Teaching about God. London: Marshall, Morgan & Scott, 1964, S. 172.

[24] Zitat: Erzbischof Leonard Riches, Presiding Bishop, Reformed Episcopal Church, USA.

[25] Bekenntnis von Westminster, verabschiedet in 1648, Artikel 2.2, übersetzt von Pfr. Reinhold Widter.

[26] aus Gottes Sicht, siehe Joh 4,23.

[27] Vgl. Hans-Christoph Schmidt-Lauber: Die Zukunft des Gottesdienstes. Von der Notwendigkeit lebendiger Liturgie. A.a.O. S. 12.

[28] Eucharistie bedeutet Danksagung.

[29] Wobei "Wort" (als verbum visibile) das Sakrament einbezieht.

[30] Peter Brunner. Zur Lehre vom Gottesdienst der im Namen Jesu versammelten Gemeinde. S.151 in: Karl Ferdinand Müller, Walter Blankenburg (Hg). Leiturgia: Handbuch des evangelischen Gottesdienstes. Erster Band: Geschichte und Lehre des Evangelischen Gottesdienstes. Kassel: Johannes Stauda Verlag, 1954.

[31] Apg 11,26; 1Kor 11,18; 1Kor 14,17.19.28.34.35; Kol 4,16.

[32] Thomas Schirrmacher: Gottesdienst ist mehr. A.a.O. S.22.

[33] Wenn in der Bibel auch keine Evangelisationsveranstaltungen ausdrücklich als solche definiert sind, so hat der Missionsbefehl, den der Herr den Jüngern gab, doch volle Gültigkeit. Wenn ich Evangelisationsveranstaltungen nenne, dann meine ich eben solche Zusammenkünfte, wie bspw. in Apg 2,14-42, wo dreitausend Menschen gläubig wurden. Gleiches gilt für das, was Jesus während seines Dienstes tat (Joh 4; 6; 7 u.a.m.)

[34] Christian Schwarz: Ohne Druck zum Gottesdienst, in: "Standpunkte" 06/2006, Stuttgart, 2006, S. 38-39.

[35] Peter Brunner. Zur Lehre vom Gottesdienst der im Namen Jesu versammelten Gemeinde. S.151 in: Karl Ferdinand Müller, Walter Blankenburg (Hg). Leiturgia: Handbuch des evangelischen Gottesdienstes. Erster Band: Geschichte und Lehre des Evangelischen Gottesdienstes. A.a.O.

[36] Vgl. Hans-Christoph Schmidt-Lauber: Die Zukunft des Gottesdienstes. Von der Notwendigkeit lebendiger Liturgie. A.a.O. S.36ff.

[37] Beispiel dafür ist die hohe Zahl Jugendlicher, die beispielsweise in 2005 den katholischen Kirchentag in Köln besucht hat, ebenso wie die Euphorie, hauptsächlich junger Erwachsener, anlässlich des Deutschlandbesuches in 2006 von Papst Benedikt XVI.

[38] Vgl. Ernst Lange. Der Sinn des Gottesdienstes. S.24ff in: Karl-Heinrich Bieritz. Im Blickpunkt: Gottesdienst. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1983, S.104ff.

[39] Peter Brunner. Zur Lehre vom Gottesdienst der im Namen Jesu versammelten Gemeinde. S.152 in: Karl Ferdinand Müller, Walter Blankenburg (Hg). Leiturgia: Handbuch des evangelischen Gottesdienstes. Erster Band: Geschichte und Lehre des Evangelischen Gottesdienstes. A.a.O.

[40] Josef Andreas Jungmann. Der Gottesdienst der Kirche. Innsbruck/A: Verlagsanstalt Tyrolia, 1955, S. 5.

[41] 1Kor 11,24.

[42] Vgl. Hans-Christoph Schmidt-Lauber: Die Zukunft des Gottesdienstes. Von der Notwendigkeit lebendiger Liturgie. A.a.O.,

S. 30.

[43] Vgl. auch Max Thurian (Hg.) Die Eucharistische Liturgie von Lima. Frankfurt/M., 1983, und: Frieder Schulz. Die Lima-Liturgie. Die ökumenische Gottesdienstordnung zu den Lima-Texten. Ein Beitrag zum Verständnis und zur Urteilsbildung, Kassel, 1983.

[44] Vgl. Bristol, 1967, S.85.

[45] Confessio Augustana. Das Bekenntnis des christlichen Glaubens, in der revidierten Fassung von 1540. Artikel VII. Speyer, 1853, S. 15.

[46] Ebd. Artikel V, S. 13.

[47] Dabei sind neben den Stellen aus dem Alten Testament besonders die Stellen von Paulus zu erwähnen, die von opfern sprechen. Vgl. dazu: Ps 50,23; Ps 107,22; Ps 116,17; Apg 24,17; Röm 15,16; Phil 4,18; Hebr 13,15+16.

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Gottesdienst im Spannungsfeld zwischen Liberalität und Orthodoxie
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
110
Katalognummer
V80304
ISBN (eBook)
9783638783385
ISBN (Buch)
9783638796088
Dateigröße
837 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottesdienst, Spannungsfeld, Liberalität, Orthodoxie
Arbeit zitieren
M.Div. Friedhelm Haas (Autor), 2007, Gottesdienst im Spannungsfeld zwischen Liberalität und Orthodoxie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80304

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