Fairness, Vertrauen und Reziprozität in experimentellen Spielen


Seminararbeit, 2007
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Fairness
1. Altruismus im Diktatorspiel
1.1 Methodik
1.2 Standardtheoretische Prognose
1.3 Ergebnis
1.4 Erklärungsansätze
1.5 Anonymität im Diktatorspiel
1.6 Allgemeingültigkeit
1.7 Würdigung
2. Reziprozität im Ultimatumspiel
2.1 Methodik
2.2 Standardtheoretische Prognose
2.3 Ergebnis
2.4 Erklärungsansätze
2.5 Ablehnungsraten
2.6 Allgemeingültigkeit
2.7 Würdigung

II. Vertrauen
1. Vertrauen & Reziprozität im Investmentspiel
1.1 Methodik
1.2 Standardtheoretische Prognose
1.3 Ergebnis & Erklärungsansätze
1.4 Allgemeingültigkeit
1.5 Würdigung

III. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Tatsache, dass sich Menschen meist egoistisch verhalten, hat Adam Smith, der Begründer der Nationalökonomie, bereits früh erkannt, indem er sagte: “It is not from the benevolence of the butcher, the brewer or the baker, that we expect our dinner, but from their regard to their own interest.” (1904, S.14) Demnach müssen sich Menschen in ökonomischen Beziehungen nicht darauf verlassen, dass sich ihre Verhandlungspartner aus purer Nächstenliebe fair verhalten. Vielmehr handeln sie aus Eigenliebe, die sie dazu treibt, alles daran zu setzen, die Verhandlung erfolgreich zu beenden. So wird der Bäcker stets seine besten Brötchen zum Verkauf anbieten, da es ihm nur dann gut ergeht, wenn es seinen Kunden gut schmeckt. Dies deckt sich mit der ökonomischen Standardtheorie, die annimmt, dass Menschen immer den größtmöglichen materiellen Gewinn aus einer Situation ziehen wollen. Sie verhalten sich wie der, von Adam Smith geprägte, perfekt rationale und egoistische Homo Oeconomicus, der als Grundannahme vieler wirtschaftswissenschaftlicher Modelle gilt.

Orientieren sich Menschen jedoch tatsächlich nur am materiellen Gewinn, oder gibt es andere Motivationen, die eine Rolle spielen?

Adam Smith (1790, S.4) gab selbst eine Antwort durch die Worte: “How selfish soever man may be supposed, there are evidently some principles in his nature, which interest him in the fortunes of others […] though he derives nothing from it except the pleasure of seeing it.“

Es erscheint plausibel, dass es soziale Präferenzen gibt, die Menschen dazu bringen, sich am Glück anderer zu erfreuen, obwohl es ihnen keinen materiellen Vorteil bringt.

Im Folgenden soll dargestellt werden, wie man diese sozialen Präferenzen empirisch messen kann. Im Speziellen wird gezeigt, wie experimentelle Spiele genutzt werden, um die Präferenzen Fairness, Vertrauen und Reziprozität, also konditionale Kooperation, zu modellieren. Das Diktator- und das Ultimatumspiel in der Version von Forsythe et al. (1994) und das Investmentspiel von Berg et al. (1995) dienen als Grundlage dieser Untersuchungen.

I. Fairness

Verhalten sich Menschen nur fair, weil sie sich einen Vorteil davon versprechen oder gibt es „ehrliche“ Fairness? In der Literatur existieren verschiedene Definitionen der Fairness, so subsumiert Ockenfels (1999) Fairness und Reziprozität unter den Begriff des altruistischen Verhaltens im weitesten Sinne. Gächter (2004) unterteilt soziale Präferenzen in positive und negative Reziprozität sowie Altruismus im engeren Sinne. Gächter definiert, dass eine Person negative reziproke Präferenzen hat, wenn sie gewillt ist, etwas zu bezahlen, um das unfaire Verhalten eines anderen zu bestrafen. Positive reziproke Präferenzen hat eine Person, wenn sie gewillt ist, einen Preis zu bezahlen, um die Großzügigkeit eines anderen zu belohnen. In dieser Seminararbeit werden Altruismus im engeren Sinne und positive Reziprozität nach Gächter (2004) dem Fairnessbegriff untergeordnet, da beide Motivationen eine faire Verteilung unterstützen. Weiterhin lässt sich Fairness als selbstzentrierte Ungleichheitsaversion nach Fehr und Schmidt (1999) sehen. Demnach empfinden faire Menschen es als störend, wenn ihr eigener materieller Gewinn bedeutend größer ist als der materielle Gewinn anderer. Sie geben bereitwillig etwas von ihrem Reichtum an andere, die wesentlich weniger haben, damit ihr unangenehmes Ungleichheitsempfinden abgeschwächt wird. Auf diese Weise fühlen sie sich besser.

1. Altruismus im Diktatorspiel

Die Encyclopædia Britannica (1998, 15te Edition) definiert einen altruistischen Agenten als jemanden, der die Pflicht hat, die „Freuden anderer zu fördern und die Schmerzen anderer zu lindern“. In der Spieltheorie hat nach Gächter (2004, S.493) „eine Person [...] altruistische Präferenzen, wenn ihr Nutzen mit dem Wohlbefinden anderer steigt“.

Verhalten sich Menschen jedoch tatsächlich altruistisch? Die Tatsache, dass manche Menschen anonym ihr Geld an Notbedürftige schenken, deutet darauf hin.

Das Diktatorspiel, das zuerst von Kahneman et al. (1986) untersucht wurde, soll ein Werkzeug liefern, um diese Frage zu beantworten. Im Diktatorspiel bestimmt ein Spieler (der Diktator) die Aufteilung eines fixen Geldbetrages zwischen einem anonymen Spielpartner (dem Rezipienten) und sich. Der Rezipient muss die Aufteilung akzeptieren, selbst wenn er nichts bekommt. Die erspielten Beträge werden nach dem Experiment an die Experimentteilnehmer ausgezahlt

1.1 Methodik

In der hier vorgestellten Version des Diktatorspiels von Forsythe et al. (1994), die den Versuchsaufbau und die Instruktionen von Kahneman et al. (1986) übernommen haben, wurde mit 24 zufällig ausgewählten Teilnehmern aus einem Pool von freiwilligen Wirtschaftsstudenten der Universität von Iowa experimentiert. Diese wurden dem Zufall entsprechend einem von zwei Räumen zugeteilt, wo sie Experimentsanweisungen lesen mussten. Es wurde den Teilnehmern erläutert, welche Rolle sie im Spiel einnehmen sollten und dass Kommunikation während des Experiments nicht gestattet sei. Nach den Erklärungen des Experimentleiters wurde jeder Person des ersten Raumes zufällig eine Person des zweiten Raumes zugeteilt.

Jede Person in Raum A war Diktator und konnte frei entscheiden, wie sie die ihr zur Verfügung stehenden $10 Einsatz, die sie am Anfang des Experiments bekommen hatte, zwischen sich und dem zugeteilten anonymen Mitspieler aus Raum B, dem Rezipienten, verteilen wollte. Nachdem die Spieler ihre Einsätze auf Zetteln notiert hatten, wurden diese eingesammelt und das Geld entsprechend der Entscheidung ausgezahlt.

1.2 Standardtheoretische Prognose

Unter der standardtheoretischen Grundannahme, dass Individuen stets mehr Geld weniger Geld vorziehen, sollten die Diktatoren den gesamten Einsatz von $10 für sich behalten, da so ihr materieller Gewinn am größten ist.

1.3 Ergebnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Abgabenverteilung im Diktatorspiel (Forsythe et al., 1994)

Abbildung 1 verdeutlicht, dass nur 21% der Standardtheorie folgen und $0 abgeben, demnach geben 79% der Diktatoren mehr als $0 ab, obwohl sie sich dadurch monetär schlechter stellen. 21% wählen eine „faire“ Gleichverteilung. Diese Ergebnisse sind charakteristisch für viele anonyme Diktatorspiele, die in unterschiedlicher Form von verschiedenen Versuchsleitern durchgeführt wurden.

1.4 Erklärungsansätze

Die Höhe der Abgaben lässt sich nicht mit der standardtheoretischen Eigennutzhypothese erklären, demnach müssen bei mehr als der Hälfte der Teilnehmer andere Motivationen vorliegen.

Die Erklärung der Großzügigkeit einiger Spieler könnte im Kerngedanken des Diktatorspiels liegen, demnach geben Menschen aus purem Altruismus, also aus ehrlicher Nächstenliebe, etwas ab.

Weiterhin könnten die Diktatoren von selbstzentrierter Ungleichheitsaversion nach Fehr und Schmidt (1999) getrieben werden, da sie sich bei einer unfairen Verteilung, wie in dem Fall, dass der Rezipient kein Geld bekommt, unwohl fühlen.

1.5 Anonymität im Diktatorspiel

Platon sagte: „...no one is willingly just, but only when compelled to be so. Men do not take it to be a good for them in private, since wherever each supposes he can do injustice, he does it.” (Platon, Die Republik 360 v. Chr.) Platon verwendet das Motiv des magischen Gyges-Ringes, der seinen Träger unsichtbar macht. In Platons Geschichte ermordet der erste Mensch, der diesen Ring trägt, den lydischen König und rückt auf seinen Thron. So wird nahe gelegt, dass Menschen ungerecht handeln, wenn ihre Handlungen nicht beobachtbar sind.

Spielt allerdings Anonymität im Diktatorspiel wirklich eine große Rolle bei der Höhe der Abgaben? Hoffmann et al. (1994) führten das Diktatorspiel mit den Anweisungen und dem Versuchsaufbau von Forsythe et al. (1994) durch, wobei sie ein ähnliches Resultat erhielten, und verglichen das Resultat mit einem Diktatorsspiel, das sie unter „Double-Blind“-Voraussetzungen (S.355) durchführten. In einem solchen Experiment wird durch den komplexen Versuchsaufbau mit mehreren Umschlägen mit Geldscheinen und Papierschnipseln, die es unmöglich machen sollen, anhand der Umschlagsdicke auf die Abgaben rückschließen zu können, und einem Freiwilligen, der den Versuchsaufbau leitet, gewährleistet werden, dass weder Teilnehmer noch Experimentleiter Kenntnis über das Verhalten jedes einzelnen Spielers haben. Hoffman et al. (1994) erhielten in ihrem Double-Blind-Experiment eine egoistischere Verteilung der Abgaben als Forsythe et al. (1994), da nun lediglich 41% der Diktatoren eine Abgabe von mehr als $0 tätigten.

Frohlich et al. (2001) führen an, dass die Anonymität der Experimente zu niedrigeren Abgaben führt, da die Diktatoren angeblich daran zweifeln, dass der Rezipient überhaupt existiert bzw. dass er das Geld tatsächlich bekommt. Frohlich et al. (2001) belegen ihre These damit, dass sie bei ihrem Experimentaufbau, wo der Diktator den Rezipienten sehen kann, wesentlich höhere Abgaben feststellen. Dort geben in einem Durchlauf sogar 35% der Diktatoren den halben Betrag ab.

Damit wird gezeigt, dass sich Menschen unter kompletter Anonymität im Diktatorspiel weniger fair verhalten. Jedoch führt auch der Double-Blind-Aufbau nicht annähernd zu einer standardtheoretischen Lösung.

1.6 Allgemeingültigkeit

Carpenter et al. (2005) haben gezeigt, dass die Höhe des Einsatzes keinen signifikanten Einfluss auf das Verhalten der Diktatoren hat. Unter den Bedingungen von Forsythe et al. (1994) erhielten sie mit einer Studentengruppe mit einem Einsatz von $100 nur leicht geringere Abgaben (25%) als mit der Kontrollgruppe (33%), die mit einem Einsatz von $10 gespielt hat.

Wichtig ist zu sehen, dass sowohl beim Diktatorspiel als auch bei anderen experimentellen Spielen Aufbau und Instruktionen des Experiments eine große Rolle für das Ergebnis spielen. So hat Pablo Brañas-Garza (2006) in seinem Diktatorspiel bewusst versucht, die Spieler zu mehr Großzügigkeit zu manipulieren, indem er vorgab, dass von ihren Abgaben Medikamente gekauft werden, die einer Kommune eines Entwicklungslandes zu Verfügung gestellt werden. Er fand heraus, dass 68% seiner Diktatoren ihren gesamten Einsatz spendeten, obwohl dies in seinem Vergleichsexperiment, das er mit den gleichen Teilnehmern unter Bedingungen von Forsythe et al. (1994) durchführte, niemand tat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Fairness, Vertrauen und Reziprozität in experimentellen Spielen
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Wirtschafts- und Sozialpsychologie)
Veranstaltung
Psychologie der Entscheidung
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V80308
ISBN (eBook)
9783638875189
ISBN (Buch)
9783656458869
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fairness, Vertrauen, Reziprozität, Spielen, Psychologie, Entscheidung
Arbeit zitieren
Michael Tomaschewski (Autor), 2007, Fairness, Vertrauen und Reziprozität in experimentellen Spielen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80308

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