Brauchen wir eine modernisierte Geldordnung?

Kritische Betrachtung der gegenwärtigen Geldordnung und ausgewählter Alternativen: Vollgeldkonzept, wettbewerbliche Geldordnung und Freiwirtschaftslehre


Diplomarbeit, 2007
101 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.1.1. Stabilität der Gesellschaft
1.1.2. Stabilität der Wirtschaft
1.1.3. Stabilität des Staates
1.2. Zielsetzung
1.3. Vorgehensweise

2. Einführende Aspekte und Annahmen
2.1. Geldordnung
2.2. Geldtheorie
2.3. Geldpolitik

3. Problemaspekte der Geldordnung und Geldpolitik
3.1. Überblick
3.2. Zinsniveau
3.2.1. Mögliche Auswirkungen eines erhöhten Zinsniveaus
3.2.1.1. Vermögensverteilung
3.2.1.2. Beschäftigung
3.2.1.3. Wirtschaftswachstum
3.2.2. Mögliche Ursachen eines erhöhten Zinsniveaus
3.2.2.1. Inflationserwartungen
3.2.2.2. Notenbanken und Leitzins
3.2.2.3. Staatsnachfrage nach Krediten
3.2.2.4. Geldmenge
3.2.3. Zwischenfazit
3.3. Geldschöpfung
3.3.1. Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken
3.3.2. Geldmengensteuerung und Finanzkrisen
3.3.3. Zwischenfazit
3.4. Trade-off und Unabhängigkeit der Zentralbank
3.5. Zusammenfassung

4. Umgestaltung der Geldordnung
4.1. Überblick
4.2. Vollgeldkonzept nach Huber
4.2.1. Elemente des Vollgeldkonzeptes
4.2.1.1. Vollgeld
4.2.1.2. Einbeziehung eines Grundeinkommens
Exkurs: Negative Einkommensteuer und Transaktionskosten
4.2.1.3. Bezugsrechte
4.2.1.4. Retribution
4.2.2. Effekte des Vollgeldkonzeptes
4.2.3. Zusammenfassung
4.3. Wettbewerbliche Geldordnung
4.3.1. Hayek
4.3.2. Wolfram Engels
4.4. Freiwirtschaftslehre

5. Kritik
5.1. Bewertung der vorgestellten Ansätze
5.2. Geldwettbewerb oder Geldmonopol

6. Schlussbetrachtungen

Abbildungen im Anhang

Literaturverzeichnis
Bücher
Zeitschriftenartikel

Danksagung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zinslasten und Zinserträge der Haushaltsgruppen

Abbildung 2: Salden der Zinslasten und Zinserträge

Abbildung 3: Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen (symbolische Darstellung)

Abbildung 4: Zinsen und Inflation

Abbildung 5: Die verschiedenen Geldmengenaggregate

Abbildung 6: Zielkorridor und tatsächliche Geldmenge

Abbildung 7: Investitionen und Beschäftigung

Abbildung 8: Zinsen und Arbeitslosigkeit

Abbildung 9: Negative Einkommensteuer

Abbildung 10: Gegenüberstellung der Transaktionskosten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1. Problemstellung

Wirtschaftliche Krisen können für breite Bevölkerungsschichten verheerende Folgen haben. Das Ausmaß z. B. der Weltwirtschaftskrise im letzten Jahrhundert (1929 bis 1933), worauf der Zweite Weltkrieg folgte, ist kaum vorstellbar. Aber auch die jüngere Vergangenheit ist von Einbrüchen an den Börsen, Wirtschaftskrisen und den damit einhergehenden negativen Folgen, wie hohe Arbeitslosenquoten, geprägt.[1] Solche Krisen geben stets Anlass, die herrschende Meinung anzuzweifeln und alternative Ideen, Konzepte und Theorien auszuarbeiten.

So zog 1936 John Maynard Keynes (1883-1946) mit seiner Veröffentlichung „The general theory of employment, interest and money“ das bis dahin bestehende Paradigma der Neoklassik, jedes Angebot schaffe sich seine eigene Nachfrage, in Zweifel.

In den 1970er-Jahren wurden dann die Theorien des Keynesianismus angezweifelt, als, entgegen den Erwartungen, bei mangelndem Wachstum zugleich das Preisniveau stieg (Stagflation). Daraufhin konnten sich die Ansichten des Monetarismus von Milton Friedman durchsetzen.[2]

Keynes publizierte seine Schriften während und nach der damaligen Weltwirtschaftskrise. Friedman zweifelte bereits recht früh an der theoretischen Basis des Keynesianismus und konnte so negative Entwicklungen bereits im Vorfeld erkennen. Dies macht deutlich, dass es wichtig ist, aktuelle und mögliche, zukünftige Entwicklungen wachsam und kritisch zu beobachten.

Gegenwärtig erschöpft sich dieses Bemühen verschiedener Autoren der populärwissenschaftlichen Literatur scheinbar darin, große Katastrophen vorherzusagen statt sich wirklicher Problemlösung zu widmen. Das Ziel sollte aber sein, mittels wissenschaftlicher Analysen das Gespür für das enge Zusammenwirken gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und staatlicher Prozesse zu schärfen. Diese Bereiche sollten dann nachhaltig so gestaltet werden, dass die angesprochenen Krisen, welche wahrscheinlich nie gänzlich verhindert werden können, keine sich selbst verstärkenden, negativen Effekte mehr zeigen.

Um einen Überblick über die aktuellen Schwierigkeiten in Deutschland[3] zu erhalten und die Thematik anschließend weiter eingrenzen zu können, teilen wir diese in folgende Bereiche ein:

1) Stabilität der Gesellschaft: (a) Arbeitslosigkeit, (b) Vermögensverteilung und (c) die Armutsquote,
2) Stabilität und Steuerung der Wirtschaft: (a) Zinsniveau, (b) Preisniveau, (c) Geldmenge und (d) Wirtschaftswachstum,
3) Stabilität des Staates: Staatsverschuldung.

Zu den einzelnen Bereichen werden im Folgenden einige Zahlen und Fakten aufgeführt, welche die gegenwärtige Lage repräsentieren sollen.

1.1.1. Stabilität der Gesellschaft

Zu 1a) Eine der großen Herausforderungen der wohlhabenden westlichen Staaten ist die Bewältigung der hohen Arbeitslosenquoten. Die Arbeitslosenquoten liegen in Europa zwischen 3,8 Prozent (in Dänemark) und 14 Prozent (in Polen), Deutschland liegt aktuell bei etwa 9,5 Prozent.[4] Nicht nur volkswirtschaftlich hat dies negative Konsequenzen (Produktion und Einkommen gehen verloren), auch für den einzelnen Betroffenen kann dies große finanzielle, gesundheitliche, als auch psychische Probleme verursachen. Die hohen sozialen Kosten der Arbeitslosigkeit entstehen für den Einzelnen und für die Gesellschaft insgesamt, auch wenn diese Kosten nicht immer messbar sind.[5] Wo liegen die Ursachen für die Arbeitslosigkeit und wie kann der Zusammenhang zum Preisniveau, der Geldmenge und dem Zinsniveau theoretisch und empirisch nachvollzogen werden?

Zu 1b) Die Armen werden immer ärmer und die Reichen werden immer reicher. Stimmt das so? Unbestritten ist zumindest, dass die Vermögensverteilung in Deutschland sich stetig zu Gunsten des oberen Zehntel der vermögensstärksten Haushalte entwickelt.[6] Damit vergrößert sich der Abstand der weniger reichen Haushalte relativ zu den ´superreichen´ immer weiter.

Zu 1c) In relativer Armut lebt, wem weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens des Landes zur Verfügung steht. In Deutschland, eines der wohlhabendsten Länder ist die Armutsrisikoquote von 1998 mit 12,1 Prozent auf 13,5 Prozent im Jahre 2003 gestiegen.[7]

Solche Entwicklungen zu stabilisieren und möglichst umzukehren, ist von entscheidender Bedeutung für die Stabilität unserer Gesellschaft.

1.1.2. Stabilität der Wirtschaft

Für eine stabile Wirtschaft ist u. a. eine stabile Geldordnung von entscheidender Bedeutung. Dass die herrschende Geldordnung die notwendige Stabilität nicht besitzt, also eher von einer immanenten Unstabilität[8] gesprochen werden kann, soll „(...) das Auf und Ab der Konjunktur, Übernachfragen und Rezessionen, Arbeitslosigkeit und Schübe von Inflation“[9] zeigen. Als besonders zentral für die Analyse und Steuerung der Wirtschaftsprozesse lassen sich die Größen (2a) Zinsniveau, (2b) Preisniveau, (2c) Geldmenge und (2d) Wirtschaftswachstum heranziehen.

Zu 2a) Unsere gegenwärtige Geldordnung steht in der Kritik, ein hohes Zinsniveau zu begünstigen.[10] Dies kann als problematisch betrachtet werden, da auch nur leichte Zinserhöhungen u. a. höhere Fremdkapitalkosten verursachen. Dadurch geraten Unternehmen in finanzielle Bedrängnis, einige müssen Insolvenz anmelden, was wiederum zur Entlassung von Personal führt. Weiterhin wird kritisiert, dass durch das Zinssystem Vermögen von der Lohnarbeit zu den Kapitalbesitzern umverteilt wird. Lassen sich zu der vorgebrachten Kritik empirische Belege finden? Wie kommt dieser Effekt zustande?

Zu 2b) Die Geldwertstabilität besitzt für die Geldpolitik eine besonders hohe Priorität, da einerseits aufgrund von (hoher) Inflation, andererseits durch Deflation hohe volkswirtschaftliche Kosten entstehen. Es wird aber auch davon ausgegangen, dass Inflation einen gewissen Nutzen hat. Nun drängt sich die Frage auf, in welcher Höhe eine Inflation für die Volkswirtschaft erträglich ist. Weiterhin wird eine Beziehung zwischen der Höhe der Beschäftigung und der Inflationsrate vermutet. Lässt sich dieser Zusammenhang tatsächlich sowohl theoretisch erklären, als auch empirisch belegen? Anders gefragt: Gibt es nun einen Trade-off oder nicht?[11] Dies sind Fragen, welche die Wirtschaftswissenschaft bereits seit vielen Jahrzehnten beschäftigen.

Zu 2c) Eine expansive Ausweitung der Geldmenge kann zu einer erhöhten Inflationsrate führen. Die Europäische Zentralbank hat die Aufgabe diese Ausweitung der Geldmenge, mit ihrem geldpolitischen Instrumentarium zu steuern. Das Geldmengenaggregat M3 dient der Zentralbank als Bezugsgröße. Zur Geldmenge M3 gehört das einzige gesetzliche Zahlungsmittel (der Euro), welches einzig von der Zentralbank ausgegeben (geschöpft) werden darf. Weiter werden auch u. a. Termineinlagen zum Geldmengenaggregat M3 hinzugerechnet. Diese Termineinlagen bestehen aus Giralgeld, welches von den Geschäftsbanken geschaffen (geschöpft) wird. Dies lässt die Frage berechtigt erscheinen, ob die Zentralbank überhaupt in der Lage ist, die Geldmenge adäquat zu steuern, wenn die von ihr unabhängigen Geschäftsbanken die Geldmenge stetig beeinflussen.

Zu 2d) Ein Wirtschaftswachstum von zwei bis drei Prozent wird als zwingend notwendig erachtet, um beim ständigen Strukturwandel genügend Arbeitsplätze zu schaffen und die Arbeitslosigkeit relativ niedrig zu halten. Es steht aber in der Kritik, dass ein Wirtschaftswachstum von auch nur zwei Prozent ein exponentielles Wachstum darstellt, also ein immer weiter beschleunigendes Wachstum. Ein exponentielles Wachstum ist auf begrenztem Raum (unserem Planeten Erde) nicht vorstellbar. Müssen wir eine andere Art des Wirtschaftens finden, um unser aller Überleben zu sichern? Oder wird die Vorstellung des exponentiellen Wachstums unserer Wirtschaft überstrapaziert und dient lediglich zur Panikmache und damit zur Verunsicherung der Bevölkerung? Diesen eher populärwissenschaftlichen Äußerungen soll auf den Grund gegangen werden.

1.1.3. Stabilität des Staates

Die Verschuldung des Staates ist regelmäßig in der Diskussion der Öffentlichkeit. Dass der Staat Gefahr läuft, (immer weiter) in eine Schuldenfalle zu geraten, wird wohl von keiner Seite bestritten. Nur, wie der Ausweg aussehen soll wird kontrovers diskutiert.

Bestimmte öffentliche Ausgaben mit Krediten zu finanzieren, kann zwar ökonomisch sinnvoll sein, aber die Verdreifachung der Schuldenquote[12] von 18 Prozent im Jahre 1970 auf 65 Prozent im Jahre 2004 kann damit nicht erklärt werden. Die Zinsausgabenquote[13] des Bundes ist im gleichen Zeitraum von 2,8 Prozent auf 13,3 Prozent gestiegen.

Würde eine auch nur leichte Anhebung des Zinsniveaus stattfinden, aus welchen Gründen auch immer, so könnte dies nicht nur viele Unternehmen in die Insolvenz treiben, sondern auch für einen Staat, der eine übermäßige Schuldenpolitik betreibt, unangenehme Konsequenzen bedeuten. Die 39,3 Milliarden Euro, die im Jahr 2007[14] vom Bundeshaushalt in den Zinsdienst fließen, haben schon heute (bei einem relativ moderaten Zinsniveau) negative Konsequenzen, was die Finanzierung wichtiger staatlicher Aufgaben betrifft.[15] Daher hat aktuell die Hauhaltskonsolidierung in der Bundesrepublik durch den Bundesfinanzminister Steinbrück oberste Priorität erhalten.[16]

Dazu kann die massive Inanspruchnahme von Ersparnissen durch Kreditnachfrage des Staates zu einem Anstieg der Zinsen führen, welches in einem Rückgang privater Investitionstätigkeit münden kann (Crowding-Out).[17]

1.2. Zielsetzung

Es stellt sich nun die Frage, ob diese vielfältigen Probleme auch mit theoretischen Ansätzen erklärt und mit empirischen Daten bzw. Studien nachgewiesen werden können. Falls ein Nachweis gelingt, schließt sich die Frage an, ob es aus diesen negativen Entwicklungen einen Ausweg gibt, eine gangbare Alternative. Beispielsweise ist ein gut ausgebautes soziales Sicherungssystem temporär sicherlich zwingend notwendig, um größere soziale Probleme durch z. B. Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Aber setzen solche Maßnahmen an der Wurzel an?

Wo liegen die Ursachen von Massenarbeitslosigkeit, Finanzkrisen, Wirtschaftkrisen und das tendenzielle Auseinanderdriften armer und extrem reicher Bevölkerungsgruppen? Dürfen diese Bereiche tatsächlich in einem Atemzug genannt werden? Wo liegen die Zusammenhänge?

Findet man diesen Zusammenhang und kann diesen auf eine gemeinsame Ursache zurückführen, so stellt sich die Frage, ob es bereits mögliche Lösungsansätze gibt. Solche Lösungsansätze müssten hinreichend weit entwickelt und praktikabel sein, d. h. sie müssten durchsetzbar und in unser heutiges Wirtschaftssystem integrierbar sein.

Als zentrale These wird in der vorliegenden Arbeit vertreten, dass ein solcher Zusammenhang in der Geldordnung zu finden ist. Die Geldordnung verbindet gesellschaftliche, wirtschaftliche und staatliche Prozesse. Es können Argumente gefunden werden, welche die Geldordnung als Ursache bestimmter Probleme ausmachen. Daran schließt sich als Lösungsansatz eine Modernisierung der Geldordnung an.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, ob eine modernisierte Geldordnung notwendig ist, um Wohlstand und Beschäftigung für alle Bevölkerungsgruppen nachhaltig sichern zu können, ohne dabei den Staat und das Sozialbudget übermäßig zu belasten.

Folgende zwei Fragen stehen im Mittelpunkt dieser Arbeit und sollen in der Schlussbetrachtung wieder aufgegriffen werden:

1. Können wir bestimmte Probleme und negative Entwicklungen in unserer Gesellschaft und Wirtschaft auf die gegebenen Strukturen der Geldordnung zurückführen? (Kapitel 3)
2. Welche Reformansätze lassen sich in der wissenschaftlichen Diskussion finden (Kapitel 4) und wie sinnvoll sind diese Ansätze (Kapitel 5)?

1.3. Vorgehensweise

Staat, Wirtschaft und Gesellschaft hängen an einer Kette, die eben nur so stabil ist, wie ihre einzelnen Glieder. Reformen sollten alle drei Bereiche berühren. Dennoch wird der Bereich der öffentlichen Haushalte in den Hintergrund gerückt, um die vorliegende Arbeit im vorgegebenen Rahmen zu halten. Der Fokus wird auf die Stabilität der Wirtschaft und Gesellschaft gerichtet. Es stehen insbesondere das Zinsniveau, die Geldschöpfung und die Unabhängigkeit der Zentralbanken im Zentrum der Aufmerksamkeit. Wir betrachten allgemein Zahlen und Entwicklungen für Deutschland. Dabei werden, aufgrund der europäischen Währungsgemeinschaft die Betrachtungen im Zusammenhang der Geldpolitik räumlich ausgedehnt.

In Kapitel 2 werden grundlegende Begriffe zur Geldordnung, Geldtheorie und Geldpolitik geklärt, welche für das Verständnis der nachfolgenden Analysen benötigt werden.

In Kapitel 3 werden einige Kritikpunkte aufgegriffen, welche die aktuellen Probleme (z. B. Arbeitslosigkeit) mit der herrschenden Geldordnung in Verbindung bringen. Es werden einzelne Ursachen und Wirkungen eines erhöhten Zinsniveaus, die Vorgänge bei der Geldschöpfung und in Ansätzen die Beziehung zwischen Preisniveauänderungen und Beschäftigung untersucht.

Auf der Basis der vorangegangenen Darstellung der Geldordnung und einzelner Kritikpunkte werden in Kapitel 4 ausgewählte Ansätze zur Umgestaltung der gegenwärtigen Geldordnung behandelt. Ein Schwerpunkt stellt das Vollgeldkonzept dar. Huber bietet mit dem Vollgeld ein Konzept an, welches eine Grundsicherung und Beschäftigungseffekte mit einer modernisierten Geldordnung verbindet (Abschnitt 4.2). In diesem Zusammenhang scheint es sinnvoll zu sein, in einem Exkurs etwas tiefergehend auf einen ausgewählten Ansatz der Grundsicherung, der Negativen Einkommensteuer, einzugehen. Diese wird im Kontext des Transaktionskostenbegriffes betrachtet.

Im Anschluss an das Vollgeldkonzept werden zwei ausgewählte Ansätze zur wettbewerblichen Geldordnung besprochen (Abschnitt 4.3). Schließlich wird auf die Freiwirtschaftslehre eingegangen (Abschnitt 4.4).

Eine kritische Bewertung der vorgestellten Ansätze wird gesondert in Kapitel 5 vorgenommen (Abschnitt 5.1). Dem schließt sich eine kritische Gegenüberstellung von Geldmonopol und „Geldwettbewerb“ an (Abschnitt 5.2). Diese Vorgehensweise soll sicherstellen, dass die kontroverse Diskussion dieser Denkrichtungen besonders zur Geltung kommt.

In Kapitel 6 wird eine kurze, zusammenfassende Antwort auf die Eingangsfragen gegeben und aufgezeigt, worauf es in einer zukünftigen Reform der Geldordnung ankommen sollte.

2. Einführende Aspekte und Annahmen

2.1. Geldordnung

Im nationalen Bereich ist die Geldverfassung der juristisch kodifizierte Aspekt der nationalen Geldordnung.[18] Eine Geldordnung legt dabei die Regeln fest, auf welche Weise das Gut ´Geld´ verwendet wird.[19] Diese bedeutsamen Regeln für den Gebrauch von Geld werden durch hoheitliche Verfügung festgelegt. Unsere gegenwärtige Geldordnung wird u. a. von folgenden wichtigen Bestandteilen charakterisiert:

1. Geldmonopol und gesetzliches Zahlungsmittel,
2. Geldmonopol und Seignorage,
3. Geldmonopol und Geldwertsicherung.[20]

Zu 1) Das vorhandene gesetzliche Zahlungsmittel (der Euro) ist ein obligatorisches Geld, d. h. es ist ein unablehnbares Zahlungsmittel. Es besteht sowohl ein gesetzlicher Annahmezwang für Münzen, als auch für Banknoten. Das Notenprivileg der Europäischen Zentralbank und das Münzregal (das ausschließliche Recht zur Prägung und zur Ausgabe von Münzen) der einzelnen Länder begründen ein Monopol für die Ausgabe von Bargeld.[21]
Zu 2) Gleichzeitig wird ein uneinlösbares Zahlungsmittel geschaffen, d. h. weder Banknoten noch Münzen können von der Gemeinschaft als Ganzes in reale Gegenstände eingetauscht werden. Dadurch entstehen Gewinne in der Höhe der Differenz zwischen dem Nominalwert des in Umlauf gebrachten Bargeldes und den Kosten für Produktion und Vertrieb des Geldes. Der Realwert dieses Gewinns der Geldschaffung wird als Seignorage bezeichnet.[22]
Zu 3) Es wird angenommen, dass Geld ein natürliches Monopolgut ist.[23] Es werden Transaktionskosten eingespart, wenn „(...) der Staat klarstellt, auf welche Rechnungseinheit im Zweifel Geldschulden lauten, in welchen Zahlungsmitteln sie im Zweifel zu erfüllen sind, in welcher Währung im Falle gesetzlicher Schuldverhältnisse (...) zu zahlen ist, (...) in welcher Währung Preise auszuzeichnen sind usw.“[24] Es wird davon ausgegangen, dass ein einzelner Anbieter ´Geld´ günstiger produzieren und in Umlauf bringen kann, da nicht nur die Produktionskosten pro Stück bei größeren Stückzahlen sinken, sondern auch der Nutzen für die Wirtschaftssubjekte erheblich steigt, je größer der Nutzerkreis ist. Durch entsprechende Schutzmaßnahmen (gesetzliche Vorgaben) gegen ein bewusstes Ausnutzen der Seignorage, zur Erzielung zusätzlicher staatlicher Einnahmen, sollte eine entsprechende Geldwertsicherung möglich sein.

Zu einer konkreten Ausgestaltung einer Geldordnung und den mit ihr verbundenen Zielen, muss auch eine definitive Vorstellung über die Rolle des Geldes vorhanden sein. Hierzu kann der Begriff eines „verlässlichen Geldes“ herangezogen werden. Zu klären, wie sich nun ein verlässliches Geld realisieren lässt, ist u. a. Aufgabe der Geldtheorie. Die Erkenntnisse der Geldtheorie wiederum umzusetzen, ist Aufgabe der Geldpolitik.[25]

2.2. Geldtheorie

Geld ist nicht neutral. Geld legt sich nicht lediglich wie ein „Schleier“ über das Wirtschaftsgeschehen. Dies geht aus der neueren Quantitätstheorie hervor.[26] Friedman schreibt, „dass jede Interpretation kurzfristiger Bewegungen in der ökonomischen Aktivität wahrscheinlich sehr fehlerhaft ist, wenn sie monetäre Veränderungen und Rückwirkungen vernachlässigt und wenn sie nicht erklärt warum die Wirtschaftssubjekte gerade die vorhandene Geldmenge halten.“[27] Seine Neuformulierung der Quantitätstheorie ist in erster Linie eine Theorie der Nachfrage nach Geld.

Mit diesen Erkenntnissen des Monetarismus eröffnet sich für die Geldpolitik die Möglichkeit, Einfluss auf die Wirtschaftsprozesse und damit auf die Höhe des Volkseinkommens und der Beschäftigung zu nehmen.[28] Wie dies geschieht versucht der Transmissionsmechanismus zu erklären. Der Transmissionsmechanismus untersucht, auf welchem Wege sich monetäre Veränderungen, z. B. die Geldmenge oder das Zinsniveau auf reale Zielgrößen, z. B. das Volkseinkommen oder die Beschäftigung auswirken.[29] Die Quantitätstheorie geht von einer langfristig gültigen Beziehung

1. zwischen Geldmenge und nominalem Bruttoinlandsprodukt und
2. zwischen Geldmengenausweitung und Inflationsrate aus.[30]

Kann nun das Zinsniveau durch die Zentralbank beeinflusst werden, so führt eine Erhöhung/Verringerung des Zinsniveaus[31], weiter über niedrigere/höhere Investitionstätigkeiten zu einer Verringerung/Erhöhung des Volkseinkommens[32]. Mit der Steigerung des Volkseinkommens und dem damit einhergehenden wirtschaftlichen Aufschwung soll schließlich auch die Höhe der Beschäftigung ansteigen.[33]

Weiterhin kann theoretisch gezeigt werden, dass „(...) die Inflation langfristig von der Wachstumsrate der Geldmenge bestimmt wird, oder genauer vom Zusammenspiel von realer Geldnachfrage und nominaler Geldversorgung.“[34] Die reale Geldnachfrage wird durch die Aktivitäten des Nichtbankensektors bestimmt. Das nominale Angebot, also die Geldversorgung liegt hingegen in der Verantwortung der Zentralbank.[35]

Die Forderung des Monetarismus an die Geldpolitik, die Geldmenge mit einer konstanten Wachstumsrate expandieren[36] zu lassen wird darin begründet, dass die Geldpolitik über den Transmissionsmechanismus[37] der relativen Preise die Entwicklung der Geldmenge und des Nominaleinkommens (verstanden als gesamtwirtschaftliche Nachfrage) bestimmt. „Das langfristige reale Wachstum des Sozialprodukts – der natürliche Wachstumspfad – bestimmt sich hingegen durch die Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte, die wiederum durch die politisch gesetzten institutionellen Spielregeln beeinflußt werden.“[38]

In diesem Zusammenhang ist die zentrale Frage, ob die verantwortlichen Akteure die Wahl haben zwischen einer niedrigen Inflationsrate mit hoher Arbeitslosenquote auf der einen Seite und der Vollbeschäftigung zum Preis einer höheren Inflationsrate auf der anderen Seite (Trade-off). Gegenwärtig wird allgemein angenommen, dass es zwar kurzfristig einen solchen Trade-off gibt, dieser aber nicht für eine dauerhafte Erhöhung der Beschäftigung nutzbar ist.[39] Es wird davon ausgegangen, dass eine Geldmengensteigerung mit zwei bis drei Quartalen Verzögerung ein gewisses Wirtschaftswachstum bewirkt. Dieses Wirtschaftswachstum erzeugt, wieder etwa zwei bis drei Quartale später eine Preisniveausteigerung, also Inflation.[40] In Abschnitt 3.4 wird dieser Sachverhalt wieder aufgegriffen und die Frage nach dem Trade-off näher erörtert.

Für die Arbeit der Geldpolitik ist die Frage von Bedeutung, ob die Geldmenge exogen oder endogen ist. Kann die Zentralbank die Geldmenge direkt steuern, oder nicht? Die einfachsten Modelle gehen von einer solchen direkten Steuerung der Geldmenge aus (Exogenität der Geldmenge), welches jedoch vielfach kritisiert wird. Vielmehr zeigen Görgens et al., dass dies so nicht zutrifft. Die Geldmenge entsteht endogen aus den Wirtschaftsprozessen heraus und kann von der Zentralbank nur indirekt beeinflusst werden.[41]

Die zugrunde liegende theoretische Fundierung für die zuvor angesprochenen Aspekte der Geldtheorie ist äußerst komplex. Es hängt sehr stark von den theoretischen Grundannahmen ab, inwieweit einzelne Zusammenhänge als zentral erkannt oder relativiert werden.[42] Als begriffliche Grundlage für die vorliegende Arbeit sollte dieser kurze Überblick hinreichend sein. Auf wichtige Aspekte, wie z. B. die Diskrepanz zwischen kurz- und mittel- bis langfristigen Wirkungen, wird in den entsprechenden Abschnitten des 3. Kapitels kontextuell eingegangen.

2.3. Geldpolitik

Aufgabe der Geldpolitik ist es, einer Volkswirtschaft einen stabilen monetären Rahmen zu bieten.[43] Für die folgenden Ausführungen betrachten wir das Preisniveau als weitestgehend stabil bei einer Inflationsrate um die zwei Prozent, was auch als natürliche Inflationsrate bezeichnet werden kann.[44] Eine Geldwertstabilität in Form einer niedrigen Inflationsrate ist zwar das Ziel der Zentralbank, sie kann diese Größe aber nicht direkt steuern.

Die Europäische Zentralbank verfolgt daher eine Geldmengenpolitik ähnlich der Konzeption der früheren Deutschen Bundesbank, die eine besondere Stellung im Vergleich zu anderen nationalen Notenbanken einnahm, da sie

1. als erste Notenbank ein Jahresgeldmengenziel festlegte,
2. die einzige Notenbank mit einem durchgängigen Konzept der Geldmengensteuerung seit 1974 war,
3. zu den weltweit unabhängigsten Notenbanken gezählt werden kann und
4. im Zeitraum von 1950 bis 1990 auf die niedrigste Inflationsrate aller Industriestaaten verweisen konnte.[45]

Kern der deutschen Geldmengenpolitik war die Ableitung des einjährigen, ab 1996 zweijährigen Geldmengenziels. 1988 wechselte die Bundesbank von der Zentralbankgeldmenge[46] zum Geldmengenaggregat M3.[47]

Auch die Ableitung für den Zielwert der Europäischen Zentralbank erfolgt für dieses weite Geldmengenaggregat M3.[48] Die Europäische Zentralbank verzichtet auf die Bildung eines Geldmengen-Korridors.[49] Sie gibt eine langfristige Geldmengenwachstumsrate[50] von 4,5 Prozent vor und versucht die tatsächliche Wachstumsrate der Geldmenge mithilfe ihrer geldpolitischen Instrumentarien an diesem Wert auszurichten.[51]

Das Geldvolumen sollte also mit dem realen Wachstumspotential einer Volkswirtschaft zunehmen (potentialorientierte Geldmengensteuerung[52]). Diese Forderung wurzelt in den Theorien des Monetarismus. Es soll nicht versucht werden durch antizyklisches Vorgehen der Geldpolitik, die Konjunkturzyklen abzuflachen, sondern es soll durch gleichmäßiges Ausweiten der Geldmenge der Wachstumsprozess der Wirtschaft unterstützt werden.[53] Der effiziente Einsatz der Geldpolitik erfordert neben der Wahl der richtigen Strategie unter anderem auch die adäquate Koordination mit der Lohn- und Finanzpolitik im Inland, sowie mit der Geldpolitik im Ausland.[54]

Die Instrumente der europäischen Zentralbank lassen sich in drei Grundkategorien gliedern:

1. Offenmarktgeschäfte,
2. ständige Fazilitäten und
3. Mindestreservevorschriften.[55]

Zu 1) Die Offenmarktgeschäfte dienen der Liquiditätsversorgung des Geschäftsbankensystems. Es wird also einerseits das Bankensystem mit Guthaben (Einlagen) bei der Zentralbank versorgt und andererseits der gewünschte Zinssatz am Tagesgeldmarkt vorgegeben. Die Ermittlung eines angemessenen Zinssatzes unterliegt bestimmten Regeln, etwa der Taylor-Regel.[56]
Zu 2) Die sogenannten ständigen Fazilitäten bestimmen den Korridor bzw. den Kanal, in dem sich der angesprochene Tagesgeldsatz bewegen kann.
Zu 3) Das Instrument der Mindestreserve „(...) ist gewissermaßen die Grundlage für das Wirksamwerden der Geldpolitik.“[57] „Damit eine Zentralbank den Tagesgeldsatz kontrollieren kann, muss eine ausreichende Nachfrage nach Guthaben bei der Zentralbank bestehen.“[58] Diese Nachfrage bzw. die Anbindung der Geschäftsbanken an die Zentralbank wird durch die Verpflichtung der Geschäftsbanken zur Reservehaltung bzw. durch Anreize zur freiwilligen Reservehaltung sichergestellt. Hierdurch wird auch eine gewisse Zinsglättungs- bzw. Stabilisierungsfunktion ausgeübt.

Über dieses Instrumentarium beeinflusst die Zentralbank das Kreditvergabeverhalten der Geschäftsbanken und ihre Nachfrage nach Reserven.[59] Das wichtigste Instrument soll dabei der Mindestreservesatz sein, welcher bei 2,00 Prozent liegt.[60]

Auf den Geldschöpfungsvorgang bei der Zentralbank bzw. den Geschäftsbanken wird in Abschnitt 3.3 näher eingegangen.

Im folgenden Kapitel greifen wir einige der hier vorgestellten Sachverhalte wieder auf und versuchen zu zeigen, von welchen langfristigen Auswirkungen bei bestimmten Aspekten der gegenwärtigen Geldordnung ausgegangen werden kann.

3. Problemaspekte der Geldordnung und Geldpolitik

3.1. Überblick

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit einigen Fragen bezüglich der Ordnung und Politik des Geldes. Als Erstes wollen wir klären, ob eher ein erhöhtes oder ein niedriges Zinsniveau, als wünschenswert betrachtet werden kann. Es werden zunächst mögliche Auswirkungen aufgezeigt, welche ein erhöhtes Zinsniveau auf die Vermögensverteilung, Beschäftigung und das Volkseinkommen haben kann (Abschnitt 3.2.1). Erst danach versuchen wir uns den Ursachen für ein langfristig erhöhtes Zinsniveau anzunähern, wozu wir die Inflationserwartungen, die Leitzinspolitik der Zentralbank, die Staatsnachfrage nach Krediten und Geldmengenveränderungen heranziehen (Abschnitt 3.2.2).

Als nächstes werfen wir einen kritischen Blick auf die gegenwärtige Praxis der Geldschöpfung (Abschnitt 3.3). Diese steht in der Kritik u. a. mitverantwortlich für übermäßige Schwankungen auf den Finanzmärkten zu sein.

Danach widmen wir uns dem in der Vergangenheit viel diskutierten Thema, ob es einen Trade-Off zwischen der Inflation und der Höhe der Beschäftigung gibt und welche Schlüsse wir aus diesen Erkenntnissen für die Stellung der Zentralbank ziehen können (Abschnitt 3.4).

Um den Überblick zu behalten werden die Kernthesen jeweils in einem Zwischenfazit festgehalten. Zum Schluss dieses Kapitels werden die erwünschten Entwicklungen zusammenfassend vorgestellt, woraufhin versucht wird, die Relevanz einer Modernisierung der Geldordnung einzustufen.

3.2. Zinsniveau

3.2.1. Mögliche Auswirkungen eines erhöhten Zinsniveaus

3.2.1.1. Vermögensverteilung

In der Einleitung wurde bereits angedeutet, dass eine Umverteilung von den weniger vermögenden Bevölkerungsgruppen hin zu Bevölkerungsgruppen stattfindet, die über extrem große Vermögen verfügen. Es wird zwar regelmäßig auf diesen Umstand hingewiesen, in Tageszeitungen oder auch Äußerungen von Politikern, aber kaum jemand wird auch gleichzeitig die Ursachen dafür benennen können. Das dieses „Umverteilungsargument“, von unten nach oben nicht bloß reine Rhetorik ist, geht aus dem Reichtums- und Armutsbericht der Bundesregierung hervor.[61]

Jeder Haushalt „bezahlt“ einen beträchtlichen Anteil an Zinsen, ob er nun verschuldet ist oder nicht. Diesen Zinslasten können die Zinserträge der jeweiligen Haushalte gegenüber gestellt werden. Dieser Ansatz von Creutz wurde bisher in dieser Form zwar in keiner weiteren (wissenschaftlichen) Publikation gefunden. Die Erkenntnisse hieraus lassen sich aber mit der modernen Kapitalmarkttheorie stützen, womit sich im Zeitablauf ein Trend zu einer zunehmend ungleicheren Vermögensverteilung zeigen lässt.[62]

Über die Preise der verkauften Produkte müssen die Unternehmen u. a. ihre Kredite und die damit verbundenen Zinszahlungen decken. Diese Zinszahlungen werden durch entsprechende Umsätze wieder amortisiert, geschieht dies nicht, so würden langfristig Verluste zu verzeichnen sein. Die Umsätze werden über die Produktpreise generiert und von den Haushalten bezahlt. Untersuchungen schätzen den Anteil an Zinszahlungen, die in allen Produktpreisen (und beispielsweise auch in den Mietpreisen) enthalten sind, auf bis zu 50 Prozent.[63]

Wie hoch sind für die Haushalte diese Zinslasten, welche u. a. in den Produktpreisen stecken, und wie hoch sind auf der anderen Seite die Zinserträge, welche über Zinsen auf das jeweilige Vermögen der Haushalte erzielt werden? Die folgende Abbildung 1 gibt hierüber Aufschluss.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zinslasten und Zinserträge der Haushaltsgruppen[64]

Die Haushalte der Bundesrepublik wurden in zehn Gruppen eingeteilt und die Vermögen aller Haushalte der jeweiligen Gruppen aufsummiert. Zur Berechnung der Zinserträge der jeweiligen Haushaltsgruppe wurde eine Verzinsung der Vermögen mit 6,5 Prozent angesetzt. Die erste Gruppe beinhaltet die vermögensärmsten Haushalte, die zehnte Gruppe die vermögensstärksten. Neben diesen Zinserträgen der Haushaltsgruppen sind die Zinslasten der jeweiligen Haushaltsgruppen aufgetragen, die sich aus den geschätzten durchschnittlichen Ausgaben der Haushalte und den geschätzten Zinszahlungen, enthalten in allen Produktpreisen, berechnen.

Es ist deutlich zu erkennen, dass bei den Haushaltsgruppen neun und zehn die Zinserträge die Zinslasten übersteigen. Bei allen anderen ist dies umgekehrt: Die Haushaltsgruppen eins bis acht besitzen höhere Zinslasten als Zinserträge.

Eine zweite Grafik (Abbildung 2) verdeutlicht dies noch weiter. Es wurden dazu die Summen und Salden aus Zinslast und Zinsertrag bei verschiedenen Verzinsungen der Vermögen (5,6 bzw. 8,4 Prozent) berechnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Salden der Zinslasten und Zinserträge[65]

Sehr deutlich ist in dieser Abbildung 2 zu erkennen, dass ein erhöhter Zinssatz den Umverteilungseffekt noch einmal verstärken kann.

Selbstverständlich spielen bei der Vermögensverteilung weitere Einflussfaktoren eine Rolle. Brückner stellt hierzu ein multikausales Verteilungsmodell für seine Untersuchungen auf, welches unter anderem demographische und sozioökonomische Zusammenhänge, Einkommensentstehung und -verwendung und die Vermögensbildung berücksichtigt.[66]

Wir wollen zur vorangegangenen Argumentation die Kapitalmarkttheorie heranziehen. Diese besagt, dass sich langfristig ein höherer Ertrag nur durch die Übernahme eines höheren Risikos erzielen lässt. Gleichzeitig lässt sich zeigen, dass Individuen bzw. Haushalte mit einem höheren Vermögen grundsätzlich ein höheres Risiko bei ihren Investitionsentscheidungen eingehen, als Haushalte mit geringerem Vermögen.[67] Wir vermuten also, dass nicht nur ein höheres Zinsniveau eine Umverteilung weiter begünstigt, sondern auch bei gegebenem Zinsniveau diese Umverteilung stattfindet, weil vermögensstärkere Haushalte höhere Erträge (aufgrund eines höheren Risikos) erzielen.

Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung stellt fest, dass eine Vermögensumverteilung stattfindet. In diesem Abschnitt wurde gezeigt, dass diese Vermögensumverteilung von „unten nach oben“, von den vermögensschwächeren zu den vermögensstärkeren Haushalten u. a. auf den Zins zurückgeführt werden kann, und dass sich diese Umverteilung weiter verstärken kann, je höher das Zinsniveau ist. Dies soll vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass hieraus langfristig soziale Spannungen entstehen können und damit die Stabilität einer Gesellschaft langfristig gefährdet sein könnte.

Als Zwischenfazit wollen wir festhalten, dass ein niedrigeres Zinsniveau vorzuziehen ist, um der Vermögensumverteilung, von den vermögensschwachen Haushalten hin zu den Vermögensbesitzern die Spitze zu nehmen.

3.2.1.2. Beschäftigung

Nach Aussage von Wolfram Engels sind die Ursachen der Arbeitslosigkeit bereits seit Jahrzehnten hinlänglich bekannt und auch in der Wissenschaft weitgehend übereinstimmend angenommen. Auf den Punkt gebracht sind es die zu hohen Löhne im Verhältnis zur Arbeitsproduktivität (Produktion pro Arbeitsstunde).[68]

Wird die Arbeit im Verhältnis zum Kapital aus Sicht der Unternehmen zu teuer, so werden diese u. a. Rationalisierungsmaßnahmen beschließen. Es kann zwar nicht ohne weiteres davon ausgegangen werden, dass dadurch generell Arbeitsplätze vernichtet werden, jedoch erhöhen sich die Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten. Da die Anpassungsfähigkeit der Arbeitnehmer an die Anforderungen der Berufe begrenzt ist, kann es dadurch zu struktureller Arbeitslosigkeit kommen. Diese Form von Langzeitarbeitslosigkeit aufgrund von strukturellem Wandel (z. B. in den Branchen Landwirtschaft, Bergbau, Industrie und Dienstleistungen) muss klar gegen kurzfristige Arbeitslosigkeit (z. B. saisonale oder konjunkturelle Arbeitslosigkeit) abgegrenzt werden.[69]

[...]


[1] Galbraith sieht direkte Parallelen zwischen den Börsenereignissen in den Jahren 1929 und 1987, vgl. Galbraith 2005 /Crash/ S. 7-17.

[2] Vgl. zu diesem und folgendem Absatz Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 14.

[3] Diese Schwierigkeiten können sicherlich auch auf andere westliche Industriestaaten übertragen werden.

[4] Quelle: Internetseite des Statistischen Amtes der Europäischen Gemeinschaft (Eurostat).

[5] Vgl. Burda/Wyplosz 2003 /Makroökonomie/ S. 5.

[6] Vgl. Bundesregierung 2005 /Armutsbericht/ S. 35/36.

[7] Vgl. Bundesregierung 2005 /Armutsbericht/ S. 21.

[8] Vgl. Gocht 1975 /Geldordnung/ S. 13-14.

[9] Gocht 1975 /Geldordnung/ S. 14.

[10] Vgl. zu diesem Absatz Creutz /Geld-Syndrom/ S. 105.

[11] Gemeint ist hier, ob Inflation in Kauf genommen werden muss, um die Beschäftigung zu erhöhen, oder ob sich gleichzeitig eine niedrige Inflationsrate neben einem hohen Grad an Beschäftigung realisieren lässt. In Kapitel 3 wird gezeigt, dass hier klar zwischen kurz- und langfristigen Prozessen unterschieden werden muss.

[12] Das Verhältnis zwischen staatlichem Schuldenstand und Bruttoinlandsprodukt. Vgl. zu den folgenden Zahlen Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 220.

[13] Der Anteil der Zinsausgaben an den öffentlichen Ausgaben.

[14] Quelle: Internetseite des Bundesministeriums für Finanzen.

[15] Siehe zur Staatsverschuldung weiter Heise 2005 /Wirtschaftspolitik/ S. 188-197. Die negativen Wirkungen hoher Staatsverschuldungen sind unbestritten. Eine Erklärung, wieso es dennoch zu einem solchen Anstieg der Schulden kommen kann, bieten die Ansätze der Public-Choice-Theorie (vgl. Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 220).

[16] Aktuelle Tagespresse auf www.tagesschau.de (Mai 2007).

[17] Vgl. Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 220.

[18] Vgl. Borchert 2003 /Geld/ S. 1.

[19] Vgl. Duwendag et al. 1999 /Geldtheorie/ S. 303.

[20] Vgl. zu diesen Punkten und den folgenden Ausführungen Duwendag et al. 1999 /Geldtheorie/ S. 303-311.

[21] Vgl. Artikel 10 und 11 der Verordnung über die Einführung des Euro (siehe Duwendag et al. 1999 /Geldtheorie/ S. 305-306).

[22] Vgl. Duwendag et al. 1999 /Geldtheorie/ S. 307-308.

[23] Vgl. Duwendag et al. 1999 /Geldtheorie/ S. 311.

[24] Richter 1987 /Geldtheorie/ S. 135. Wortlaut ebenso Duwendag et al. 1999 /Geldtheorie/ S. 311.

[25] Vgl. Leschke 2007 /Geldmengenorientierung/ S. 18.

[26] Vgl. Issing 2001 /Geldtheorie/ S. 114 und S. 165.

[27] Friedman 1976 /Geldmenge/ S. 78.

[28] Vgl. Peto 2002 /Geldtheorie/ o. S.

[29] Vgl. Issing 2001 /Geldtheorie/ S. 147.

[30] Vgl. Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 114 und vgl. Cassel 1995 /Geldmengenzyklen/ S. 141.

[31] Vgl. zur Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals Issing 2001 /Geldtheorie/ S. 106.

[32] Vgl. Issing 2001 /Geldtheorie/ S. 108 und Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 108, Sp. 2 und S. 131, Abb. 2.

[33] Vgl. Burda/Wyplosz 2003 /Makroökonomie/ S. 362.

[34] Burda/Wyplosz 2003 /Makroökonomie/ S. 242.

[35] Vgl. Burda/Wyplosz 2003 /Makroökonomie/ S. 242.

[36] Vgl. Leschke 1999 /Geldmengenpolitik/ S. 69.

[37] Siehe zum Transmissionsmechanismus ausführlicher u. a. Issing 2001 /Geldtheorie/ S. 146-148.

[38] Leschke 1999 /Geldmengenpolitik/ S. 69.

[39] Vgl. Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 128.

[40] Vgl. Peto 2002 /Geldtheorie/ S. 132.

[41] Vgl. Görgens et al. 2006a /Geldbasis/ S. 412-413.

[42] Zum Beispiel wird sehr oft ein Unterschied zwischen kurz- und mittel- bis langfristigen Wirkungen postuliert.

[43] Vgl. Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 158.

[44] Vgl. Huber 1998 /Vollgeld/ S. 163 und Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 159. „Die EZB definiert Preisstabilität als ´mittelfristigen jährlichen Anstieg des Preisniveaus unter 2 %´, das heißt als eine Inflationsrate zwischen 0 % und 2 %.“ Burda/Wyplosz 2003 /Makroökonomie/ S. 242.

[45] Vgl. zu den aufgeführten Punkten Leschke 1999 /Geldmengenpolitik/ S. 1.

[46] Auch als Geldmenge M0 bzw. Geldbasis bezeichnet. Entspricht: Bargeldausgabe + Mindestreserven (siehe Abbildung 5 im Anhang).

[47] Vgl. Leschke 1999 /Geldmengenpolitik/ S. 2-3.

[48] Zur Definition der Geldmengenaggregate der Europäischen Zentralbank siehe Abbildung 5 im Anhang. Wobei noch zu beachten ist, dass sich die Geldmengendefinitionen der Deutschen Bundesbank von denen der Europäischen Zentralbank unterscheiden. Beispielsweise bezog die Bundesbank Termineinlagen mit Laufzeiten bis zu vier Jahren in das Geldmengenaggregat M2 bzw. M3 mit ein. Die Europäische Zentralbank hingegen rechnet Termineinlagen nur mit Laufzeiten bis zu zwei Jahren mit ein.

[49] Siehe hierzu Abbildung 6 im Anhang.

[50] Die Wachstumsrate der Geldmenge stellt die erste Säule der geldpolitischen Strategie dar. Als Teil der zweiten Säule sieht die EZB den Wechselkurs, da der nominale Wechselkurs und die nominale Geldmenge mit der Inflationsrate eng verbunden sind (vgl. Burda/Wyplosz 2003 /Makroökonomie/ S. 242-243). Die Wechselkurse blenden wir für unsere weiteren Betrachtungen jedoch aus.

[51] Siehe hierzu unter anderem im Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 158-159. Der Spielraum für das Euro-Geldmengenwachstum wird dabei mit 2,5 – 5,5 Prozent angegeben.

[52] Vgl. Huber 1998 /Vollgeld/ S. 134.

[53] Gocht schlägt eine doppelte Regel vor. Die zweite Regel sollte die Überschüsse oder Defizite verschiedener Mitgliedsländer, die in einem internationalen Währungssystem verknüpft wären, in gleich hohe Zunahme oder Verringerung des Geldvolumens umsetzen. Dadurch würde eine doppelte Verknüpfung zustande kommen, bei der keine eigenständige Ursache des Geldes mehr für Zahlungsbilanzungleichgewichte bestehen würde. Gleichzeitig würden die Zahlungsungleichgewichte auf der realen, güterwirtschaftlichen Ebene stets korrigiert werden. Vgl. hierzu Gocht 1975 /Geldordnung/ S. 23.

[54] Vgl. Duwendag et al. 1999 /Geldtheorie/ S. 354.

[55] Vgl. Duwendag et al. 1999 /Geldtheorie/ S. 345.

[56] Vgl. zu diesen Punkten Görgens et al. 2006b /Geldpolitik/ S. 698.

[57] Görgens et al. 2006b /Geldpolitik/ S. 698.

[58] Ebenda.

[59] Vgl. Burda/Wyplosz 2003 /Makroökonomie/ S. 244.

[60] Vgl. Burda/Wyplosz 2003 /Makroökonomie/ S. 268.

[61] Vgl. Bundesregierung 2005 /Armutsbericht/ 35-36.

[62] Vgl. hierzu Ring 2000 /Verteilung der Vermögen/ S. 113-114.

[63] Die Höhe der enthaltenen Zinsen kommt dabei auf das jeweilige Produkt bzw. die Produktgruppe an. Siehe hierzu Creutz 2005 /Irrtümer ums Geld/ S. 81 und vgl. Kennedy 2006 /Geld/ S. 29-33.

[64] Abbildung entnommen aus Creutz 1997 /Geld-Syndrom/ S. 141.

[65] Abbildung entnommen aus Creutz 1997 /Geld-Syndrom/ S. 142.

[66] Hierauf soll aber nicht weiter eingegangen werden. Vgl. Brückner 1992 /Vermögensverteilung/ S. 60.

[67] Vgl. Ring 2000 /Verteilung von Vermögen/ S. 113-114.

[68] Vgl. hierzu Engels 1984 /Arbeitslosigkeit/ S. 6-7.

[69] Vgl. zu diesem Absatz Wirtschaftslexikon 2007 /Wirtschaft/ S. 124.

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Brauchen wir eine modernisierte Geldordnung?
Untertitel
Kritische Betrachtung der gegenwärtigen Geldordnung und ausgewählter Alternativen: Vollgeldkonzept, wettbewerbliche Geldordnung und Freiwirtschaftslehre
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
101
Katalognummer
V80377
ISBN (eBook)
9783638826181
ISBN (Buch)
9783638910248
Dateigröße
1202 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brauchen, Geldordnung, Vollgeld, Bürgergeld, Grundsicherung, Einkommensteuer, Sozialstaat, soziale Sicherungssysteme, Negative Einkommenssteuer
Arbeit zitieren
Diplom-Ökonom Ingo Birkenfeld (Autor), 2007, Brauchen wir eine modernisierte Geldordnung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80377

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