Die Politik des Reisens als Ausdruck modernen Lebensstils

Veranschaulicht am Beispiel der Sommerfrische am Semmering um 1900


Seminararbeit, 2006

34 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Fragestellung und Untersuchungsgegenstand

3. Theoretischer Ansatz
3.1 Begriffsdefinitionen
3.2 Die Moderne
3.3 Die Kultur der Sommerfrische
3.4 Die feinen Leute am Zauberberg
3.5 Natur versus künstliche Landschaft

4. Die Poltik des Reisens

5. Wien um 1900 und der Semmering
5.1 Wirtschaftliche und politische Situation (Wien um 1900)

6. Der Semmering wird erobert
6.1 Elitäre Villenkolonien am Zauberberg
6.2 Exkurs: Die Architektur der Villen
6.3 Einige Villen (Exemplarische Beispiele)
6.4 Hotels am Semmering
6.5 Antisemitismus und Sommerfrische

7. Resümee

8. Anhang (Abbildungen)

9. Literaturverzeichnis

10. Abbildungsverzeichnis

Vorwort

„Was die Natur betrifft, genügt mir der
Schnittlauch auf der Suppe“ (Torberg, 1998, S 83).

„...ich höre nachts die Lokomotiven pfeifen, sehnsüchtig schreit
die Ferne, und ich dreh mich im Bett
herum und denke `Reisen`“ (Tucholsky, 1990, S 28).

Kurt Tucholsky entwirft hier ein eindrucksvolles Stimmungsbild, welches nicht nur den Ruf der Ferne, sondern auch die Reisetätigkeit selbst zu Wort kommen lässt. Wolfgang Kos zitiert in seinem Essay Riten der Geborgenheit folgende Zeile des Dichters Freiherr Wilhelm von Feuchtersleben: „Wo sind wir hingelangt? Ist das noch Welt?“ (zit. In: Kos, 1995a, S 7). Das Gedicht trägt den angsteinflössenden Titel „Höllthal“ und beschreibt nichts anderes als die Bergwälder bei Gutenstein im Semmeringgebiet um 1830. In Anlehnung an oben stehende Zitate hielt ich es persönlich mit Torbergs Schnittlauch-Spruch. Als ein in Wien geborener, schätzte ich immer die urbane Sicherheit und die Selbstverständlichkeit von Beleuchtungskörpern in den Straßen bei Nacht, sowie alles was man gemeinhin dem urbanen Umfeld an technischen Kulturleistungen zuordnet. Diese Arbeit versteht sich somit also auch als eine persönliche Versöhnung mit der Natur über den Umweg der Ästhetik und Kultur als große Geschichte der Moderne und ihre eigentümliche Künstlichkeit als Wegbereiter modernen Denkens und Verstehens.

Dafür danke ich den wunderbaren Büchern von Arthur Schnitzler, Stefan Zweig und den Schriftstellern der Sommerfrische, sowie den eindrucksvollen wissenschaftlichen Texten von Wolfgang Kos und den architektonischen Ausführungen dazu von Mario Schwarz und meiner geduldigen Lebensgefährtin, Susanne Kogler, die mich auf den Zauberberg begleitet hat und mich mit ihrer einzigartigen visuellen Begabung auf viele architektonische Details aufmerksam machte und eine beachtenswerte Fotodokumentation unserer Reise anfertigte.

1.Einleitung

Kaum eine Unterhaltung ist sozial derart eingeübt, wie jene, wenn jemand von einem Urlaub zurückgekehrt ist. Gesprächsgegenstand ist ungefähr in dieser Reihenfolge; Wetter, Hotel (oder andere Unterbringung), Konsummöglichkeiten etc. Bei näheren Nachfragen auch Kultur und sonstige Erlebnisse. Die Prozedur der An- bzw. Abreise wird dieser Tage nur dann besonders erwähnt, wenn es außerordentliche Vorkommnisse, wie verspätete Züge oder Flüge, Pannen auf den Straßen, oder andere Unannehmlichkeiten gab. Trotz heftiger Bemühungen der Tourismusindustrie, angepriesene Orte als luxuriöse Erholungsparadiese darzustellen, kann eine schichtspezifische Differenzierung im Urlaubsverhalten nur mehr in kleinen Nuancierungen konstatiert werden.

Global agierende Fluglinien und Hotelketten, sowie ökonomische Stimulierungen spezieller Regionen im Hinblick auf Tourismus, haben die Frage, ob Nähe oder Ferne oft schon beim Betreten des Reisebüros beantwortet. Aberwitzige Preiskalkulationen und quantitativ dargestellte Qualitätskriterien erleichtern den Urlaubsbedürftigen oft eine rasche Entscheidung. Was wir heute als fixen Bestandteil der Konsumwelt vorliegen haben, hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts deutlich verändert. Die Etappen, ausgehend von der heroischen Erschließung unentdeckter und naturbelassener Regionen durch den Bahnbau im ausgehenden 19. Jahrhundert in Österreich, bis hin zum aufkommenden Individualtourismus mit dem eigenen Personenkraftwagen in den Wirtschaftswunderjahren, lässt sich die Geschichte des Reisens als gesellschaftlichen Wandel festhalten.

Einleitend wird in dieser Arbeit die Fragestellung, sowie der genaue Untersuchungsgegenstand (räumlich und zeitlich) erklärt. Nach einem theoretischen und methodischen Abschnitt, erfolgen wesentliche Begriffsdefinitionen, welche die notwendige Transparenz über die wissenschaftliche Vorgangsweise geben sollen. Im Zentrum der Arbeit werden die maßgeblichen Indikatoren, wie beispielsweise gesellschaftliche (Die mondäne Gesellschaft), ästhetische (Architektur) ausreichend Platz finden.

2. Fragestellung und Untersuchungsgegenstand

Die Beschäftigung mit dem Thema Reisen und Sommerfrische im Kontext einer politikwissenschaftlichen Auseinandersetzung, scheint zunächst für Verwirrung zu sorgen. Hierfür erscheint es notwendig, eine Präzisierung über den Gegenstand, sowie den hier zur Verhandlung stehenden Zeitraum vorzunehmen. Diese Arbeit soll unter Berücksichtigung der historischen Entwicklungsprozesse, allen voran ökonomischer, soziologischer und gesellschaftlicher Natur, die Kultur der Sommerfrische (mehr dazu, siehe Kapitel 3.3) am Semmering im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert rekonstruieren. Wobei es hier nicht nur um eine historische Aneinanderreihung von Fakten und Anekdoten gehen soll, sondern vor allem die Bedeutungszusammenhänge von der Etablierung einer elitären Gesellschaft[1] im ländlichen Raum als Machtausdruck mit Hilfe von ökonomischen Ressourcen und ausdrucksstarker Ästhetisierung (Architektur), sowie der Etablierung eines neuen Lebensstils, welcher sich deutlich von den vorangegangenen abzuheben scheint.

In kaum einer Region in Österreich hat sich eine elitäre Gesellschaft derart, in verhältnismäßig kurzer Zeit, in die Landschaft eingeschrieben, wie im niederösterr.-steirischen Semmeringgebiet. Dies zog eine eigentümliche Künstlichkeit einer Landschaft (vgl. Kos, 1984, S 15ff ) mit sich, wie sie heute in zahlreichen Tourismusregionen auf dem gesamten Globus ubiquitär geworden ist. Diese Arbeit stellt den Anspruch, die gesellschaftliche Dimension der Sommerfrische am Semmering des fin de siécle[2] nachzuspüren und kritisch zu reflektieren.

3.Theoretischer Ansatz

Im Zentrum der theoretischen Überlegungen zum vorliegenden Thema, steht die Erarbeitung der maßgeblichen Begriffe im Zusammenhang einer politikwissenschaftlichen Erfassung des Gegenstandes. Auch wenn der Eindruck entsteht, dass es sich hier um eine weitestgehend historische Deskription des Gegenstandes handelt, besteht in der Auswahl der rekonstruierenden Faktoren immer die in der Fragestellung definierten Dimensionen im Vordergrund. Um das hier gewählte Thema, und die zu untersuchende Fragestellung Die Politik des Reisens als Ausdruck modernen Lebensstils, (Veranschaulicht am Beispiel der Sommerfrische am Semmering um 1900)“, einer politikwissenschaftlichen Analyse zu unterziehen, ist eine Erweiterung des Politikbegriffs notwendig. In diesem Kapitel soll dies über die präzise Klärung der sich aufdrängenden Begrifflichkeiten geschehen (siehe dazu ausführlich Pkt. 3.1 in diesem Kapitel).

Als wesentliches theoretisches Konzept dient für diese Arbeit die zeitliche Dimension. Um die Kultur der Moderne ausreichend erfassen zu können, ist es zusätzlich wichtig die diffusen Trennlinien zwischen vorher und nachher ausreichend darzustellen um Veränderungen veranschaulichen zu können.

„ II. Die politikwissenschaftliche Theoriebildung vollzieht den Zusammenhang von Politik und Zeit nur partiell nach. Anders als bei den Nachbardisziplinen Soziologie, Geschichtswissenschaft, Philosophie oder auch der Kulturanthropologie, die auf eine längere Tradition der Zeiterforschung zurückgreifen können, ist dieser Zusammenhang nur mehr oder weniger explizit Gegenstand der politikwissenschaftlichen Theoriebildung. Die komplexe Problematik wird je nach metatheoretischer oder bereichstheoretischer Zuordnung differenziert und in verschiedenen Dimensionen betrachtet: als politischer Wandel (...)“ (Nohlen, 1995, S 447f).

Die soziologischen Voraussetzungen korrespondieren im Wesentlichen mit Pierre Bourdieus Erforschung seines Entwurfes der gesellschaftlichen Urteilskraft. In Bourdieus Schrift Die feinen Unterschiede werden analog zur gesellschaftlichen Situierung zahlreiche ästhetische Präferenzangaben vorgenommen, welche durchaus als theoretischer Ansatz für das hier vorliegende Untersuchungsfeld von Interesse sein können.

3.1 Begriffsdefinitionen

Wie bereits angekündigt, werden hier einige Begriffe definiert, um sie in Folge im Kontext des hier vorliegenden Gegenstandsbereiches besser anwenden (operationalisieren) zu können. Die hier kurz vorgestellten Begriffe können jedoch nur soweit explizit gemacht werden, soweit ihre zentralen Bedeutungsanreicherungen mit meinem Thema in Verhandlung treten. Dies bedeutet, dass aufgrund des hier zur Verfügung stehenden Platzes, Wesentliches, nur anskizziert, und einiges ausgespart werden muss. Beispielsweise kann der komplexe Begriff der Moderne nur dort angeschnitten und vorgeführt werden, um seine Bezugspunkte zur Politik des Reisens fassbar und verständlich erscheinen zu lassen. Hierfür sei schon jetzt voraus geschickt, dass sich der Begriff der Moderne in seiner ganzen Komplexität und Historizität als roter Faden durch sämtliche Kapitel dieser Arbeit zieht, da er von der Kultur der Jahrhundertwende um 1900 weder in der Rezeption noch in seiner Strittigkeit nicht isoliert und abgekoppelt verhandelt werden darf.

3.2 Die Moderne

„Ein Amalgam von Untergangsgefühlen und großen Hoffnungen,

eine auf beiden Pole `Ende` und ` Wende` bezogene

Grundstimmung, stellt ein zentrales Merkmal der letzten

Jahrhundertwende dar“ (Pfabigan, 2000, S 7).

Der Untersuchungsbegriff Moderne wirft auf Grund seiner Vielseitigkeit[3] und seines eigentümlichen Facettenreichtums zahlreiche Fragen auf. Fragen deren Beantwortung immer in der Gefahr der Unschärfe und themenbezogenen Verdichtung stehen. Im Wissen um diese Gefahr, sollen hier doch markante Daten erwähnt werden, um nicht nur die bereits erörterte Vielschichtigkeit des Begriffes zu entfalten, sondern gleichsam die Brisanz bis in die Rezeption heutiger Tage anzumerken.

Die Moderne hat per se kein Zentrum. Um sie aus einer systemtheoretischen Perspektive zu beschreiben, kann die Moderne in jedem Subsystem der Gesamtgesellschaft verortet werden (vgl. Luhmann, 1984)[4]. Wir denken an die Politik der Moderne, die Kunst der Moderne, die Wissenschaft der Moderne, die Architektur der Moderne, die Wirtschaft der Moderne[5] und so weiter. Die Liste erscheint endlos. Der hier verhandelte Modernitätsbegriff, zielt jedoch darauf ab, die Umbrüche in der jeweiligen individuellen Lebensgestaltung als planbares Unterfangen nachzugehen (vgl. Dvořák, 1997, S 14: Dvořák, 2005, S 45). Zentral ist eine eigentümliche Aufbruchstimmung, welche den Wandel der Zeit bereitwillig aufnahm und ein sich-organisieren nach sich zog, anders ausgedrückt:

„Der Aufbruch in die neue Zeiten ist getragen von sozialen Bewegungen, es besteht die Hoffnung auf ein glückliches Leben für alle Menschen; der beginnende Kapitalismus bedeutet eine ungeheure Erweiterung der Lebenschancen und Lebensperspektiven – nicht nur für eine Minderheit, sondern für die große Zahl, für die Masse der Menschen“ (Dvořák, 1997, S 15).

[...]


[1] „Der Begriff politische Elite (...) taucht in der Geschichte der sozialwissenschaftlichen Theorie (...) etwa zur gleichen Zeit, nämlich am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh.s auf. Sie dienten einerseits dem Versuch, in einer Epoche krisenhafter Umwälzungen – von der agrarisch-feudalen zur Industriegesellschaft, von der monarchischen zur parlamentarisch-demokratischen Herrschaftsordnung – die sich neu herausbildenden soziopolitischen Machtverhältnisse begrifflich zu fassen“ (Nohlen, 1995, S 467).

[2] Wenn hier der Begriff Fin de siécle (franz.)Verwendung findet, beschreibt dieser das vorige „Jahrhundertende“. Zeitlich wird das Fin de siécle zwischen 1890 und 1914 eingegrenzt. Titelgebend ist diese französische Bezeichnung nach einem Lustspiel von F. de Jouvenot u. H. Micard (1888). Charakterisiert wird diese Epoche als dekadent, ambivalent (Gefühl zwischen Aufbruchstimmung und Zukunftsangst), frivol, fasziniert von Tod und Weltschmerz. (vgl. Duden, Das Fremdwörterbuch, 1990, S 254).

[3] Um diese besagte Vielseitigkeit etwas zu veranschaulichen, sei hier ein kurzer Auszug der lexikalischen Erörterung des Begriffes angeführt: „(...) Begriff, dessen unmittelbare Bedeutungen schwanken zwischen »gegenwärtig« (im Ggs. zu »vorherig«), »neu« (im Ggs. zu »alt«) und »vorübergehend« (im Ggs. zu ewig; Gumbrecht 1978). 1. Was »modern« heißt, bestimmt sich in einem zeitlichen Rahmen; das qualitative Verhältnis von Alt und Neu scheint bes. wichtig. »Modern« kann heißen, (a) dem jeweils Neuen vor dem bisherigen Alten denVorzug zu geben (s. die zeitlose Reihe der Moden), (b) das Neue als Fortsetzung des Alten und zugleich als Fortschritt über das Alte hinaus aufzufassen (so die moderni des 12. Jh.), (c) dann aber auch – gegen alles Alte – das Neue als Anfang überhaupt und von Grund auf zu begreifen (so das neuzeitliche Selbstbewußtsein seit dem 17. Jh.). Seit diesem epochalen Bruch entfaltet die M. eine Dynamik, die ihr zentrales Charakteristikum jenseits aller inhaltlichen Spezifik darstellt. Sie entwickelt Programme zu ihrer Gestaltung und wendet sich reflexiv auf sich selbst zurück, um daraus neue Modernitätsschübe zu gewinnen. Solche Selbstthematisierungen dienen einerseits der affir-mativen Selbstvergewisserung; andererseits stellen sie das bisherige Modernisierungsniveau immer radikaler in Frage, wobei auch Rückgriffe auf »vormoderne« Positionen in das Kritikpotential einbezogen werden können. Ein Beispiel liefert Rousseau, der – in einer »zweiten Welle« der M. (Strauss 1975) – die neuzeitlichen Leitprinzipien von Wissen, ➝ Macht und ➝Eigentum einer radikalen Kulturkritik unterzog, sichaber bewußt war, das beschworene Gegenmodell römischer Bürgertugenden und die ganzheitliche Existenzform eines »natürlichen« Menschen nur im Medium moderner Reflexivität gewinnen zu können (...)“ (Nohlen, 1998, 395f).

[4] Über den Modernitätsbegriff im Kontext Individuum und Gesellschaft und den systemtheoretischen Ansatz dazu, siehe auch Kneer/Nassehi, 2000, S 158f.

[5] „(...) Karl Marx sah in der Gegensätzlichkeit oder `Naturwüchsigkeit` der kapitalistischen Wirtschaft den eigentlichen Skandal der Moderne (...)“ (Wimmer, 1996, S 401f).

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die Politik des Reisens als Ausdruck modernen Lebensstils
Untertitel
Veranschaulicht am Beispiel der Sommerfrische am Semmering um 1900
Hochschule
Universität Wien  (für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
SE: Moderne Ästhetik und politische Bildung
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
34
Katalognummer
V80536
ISBN (eBook)
9783638830393
ISBN (Buch)
9783638831697
Dateigröße
819 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Reisens, Ausdruck, Lebensstils, Moderne, Bildung
Arbeit zitieren
Mag. Christoph Virgl (Autor:in), 2006, Die Politik des Reisens als Ausdruck modernen Lebensstils , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80536

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