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Performanz antijüdischer Darstellungen am Beispiel des Donaueschinger Passionsspiels

Title: Performanz antijüdischer Darstellungen am Beispiel des Donaueschinger Passionsspiels

Term Paper (Advanced seminar) , 2006 , 25 Pages , Grade: 2.0

Autor:in: Sonja Lawin (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
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Literarische Äußerungen erschaffen Situationen, auf die sie sich beziehen. In Jonathan Cullers „Literaturtheorie“ wird u.a. die Idee der amerikanischen Philosophin Judith Butler erläutert, die Identität als gesellschaftliches und kulturelles Ereignis bestimmt. Sie schlägt vor, Geschlechter als performativ anzusehen, d.h. nicht als gegeben, sondern als eine Handlung. Übertragen auf die Zuschreibung bestimmter Bilder auf eine Gruppe kann auch dieses Gruppenphänomen als eine Handlung aufgefasst werden. Mit Bezug auf die Judenbilder in Passionsspielen kann nun gefragt werden: Sind literarische Äußerungen also primär Aktivitäten, die durch Handlung erschaffen werden, oder sind sie nur Nachahmungen gewesener Zustände in Gesellschaftskontexten?
Gruppenidentitäten entstehen durch Abgrenzung zur Masse. Gruppen, denen eine negative Identität anhängt, erlangen diese durch das Urteil der Gesellschaft. Wie kommt es im Falle der Juden zu solch einem Massenurteil? Laut Lexikon „Religion in Geschichte und Gegenwart“ bilden die Passionsspiele im Mittelalter „... die Massenmedien ihrer Zeit, die über rel. Belehrungen hinaus auch die Soziogenese der stadtbürgerlichen Gemeinschaft unterstützen sollten.“ Speziell auf das Bild der Gruppe der Juden im Mittelalter projiziert, bedeutet dies, jenes wurde durch die Passionsspiele in die Gesellschaft getragen. Sollte das Donaueschinger Passionsspiel als literarische Äußerung Handlung sein und damit Realitäten geschaffen haben, könnte dies in sozialen, politischen und religiösen Bildern ablesbar sein. Bezogen auf die Gruppe der Juden soll hier gezeigt werden, welcher Bilder man sich in den Passionsspielen bedient.
Nach einer allgemeinen Darstellung der Passionsspiele werden in der vorliegenden Arbeit am speziellen Fall des Donaueschinger Passionsspiels einzelne Judenbilder des Mittelalters herausgearbeitet.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung, Blütezeit und Zentren der Passionsspiele des Mittelalters

2.1 Die Entstehung der Passionsspiele im Mittelalter

2.2 Das Donaueschinger Passionsspiel und die Rolle der Juden darin

3. Die Judenbilder in einzelnen Szenen des Donaueschinger Passionsspiels

3.1 Das Bild des Fremden

3.2 Das Bild vom Ungläubigen

3.3 Das Bild vom Separierer und Wucherer

3.4 Das Bild vom Blinden

3.5 Das Bild des ewig Diskutierenden und des Sünders

3.6 Das Bild vom wahren christlichen Dominanzanspruch

3.7 Das Bild von der Unzulänglichkeit der jüdischen Lehre

3.8 Das Bild vom Sünder

3.9 Das Bild vom ewig Leugnenden

3.10 Das Bild vom Wucherer

3.11 Das Bild von der Weltverschwörung

3.12 Das Bild vom Gottesmörder

3.13 Das Bild des Feigen und Blinden in der Finsternis

3.14 Das Bild des Gewalttätigen und Hinterhältigen

3.15 Das Bild von der alleinigen Schuld am Tod Jesu

3.16 Das Bild von Judea als Vertreterin des jüdischen Glaubens

4. Schlussbemerkung

Zielsetzung und Themen

Diese Arbeit untersucht die performative Darstellung von Judenbildern im Donaueschinger Passionsspiel des 15. Jahrhunderts, um zu analysieren, wie durch literarische Inszenierungen soziale und religiöse Realitäten geschaffen sowie antijudaistische Vorurteile in der mittelalterlichen Gesellschaft gefestigt wurden.

  • Analyse der Funktion von Passionsspielen als "Massenmedien" des Mittelalters.
  • Untersuchung der Konstruktion jüdischer Identität durch Abgrenzung und negative Stereotypisierung.
  • Herausarbeitung spezifischer Judenbilder in den einzelnen Spielszenen (z.B. als Fremde, Wucherer, Gottesmörder).
  • Verbindung von mittelalterlichen Darstellungen mit modernen Antisemitismustheorien und der Wirkung auf die Rezipienten.

Auszug aus dem Buch

3.14 Das Bild des Gewalttätigen und Hinterhältigen

Sie fallen den Salvator mit großem Geschrei an und verspotten ihn. Mosse, Yesse, Malchus und Israhel zuvorderst stoßen ihn und schreien weiter. Sie fesseln ihn und werfen ihn auf den Boden. Mosse nennt Jesus einen Zauberer, der das Gesetz gebrochen hat und das Volk verkehren wolle. Israhel erklärt, man solle den „Bösewicht“ fröhlich angreifen und ihn nicht lange ohne Peinigung lassen (V 2152-2155). Die Juden ziehen Jesus untugendlich vor Hannas, den Hohepriester. Und Hannas spricht zornig auf den Salvator ein, er spricht von den falschen Lehren, die Jesus verbreitet hätte. Spottend und raufend gehen sie mit Jesus um. Ein neuer Jude kommt dazu: Ysack erinnert Jesus spöttisch an seine Verheißung, in drei Tagen den Tempel wieder zu errichten. Ironisch fragt er nach den Jüngern und weil sich Jesus Gott gleichgesetzt hätte, müsse er jetzt einen schnöden Tod erleiden (V2170). Die Juden schreien weiter und bringen Jesus zu Hannas, der nach Malchus Jesus’ Beichte hören wolle, um ihm Absolution zu erteilen.

Das Element der Ironie in der Sprache der Judenfeindschaft ist von Nicoline Hortzitz aufgegriffen worden. Sie erklärt: „Das Gegenteil dessen sagen, was man eigentlich meint, ist eine Funktion der Ironie, Abwerten durch (vermeintliches) Aufwerten eine andere.“20 In der hier auftretenden Form wendet sich der Gebrauch dieses Stilmittels indirekt gegen die Gruppe der Juden, denn einer aus ihrer Mitte verspottet mittels der Ironie den Messias. Durch die Anweisung des untugendlichen Ziehens seitens der Juden wird klar, dass Malchus seine Aussage in böser Absicht tätigt und dass es sich nicht um den tatsächlichen Wunsch nach Absolution für Jesus handeln kann. Ironie ist hier als Element höchster Respektlosigkeit gebraucht und muss unter den anwesenden Zuschauern großen Unmut hervorgerufen haben. Als Yesse einwirft, Jesus sei von einem bösen Geschlecht (V2192), klingt wieder das Bild des sich selbst abgrenzenden Juden an.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung etabliert die theoretische Grundlage, dass literarische Äußerungen als performative Handlungen Realitäten erschaffen, und stellt die Untersuchung der Judenbilder im Donaueschinger Passionsspiel als Analyse der Konstruktion gesellschaftlicher Gruppenidentitäten vor.

2. Entstehung, Blütezeit und Zentren der Passionsspiele des Mittelalters: Dieses Kapitel erläutert den historischen und sozialen Kontext der Passionsspiele, wobei der Antijudaismus als gesellschaftliches Phänomen und die Funktion der Spiele als "Massenmedien" zur Festigung christlicher Identität durch Ausgrenzung hervorgehoben werden.

3. Die Judenbilder in einzelnen Szenen des Donaueschinger Passionsspiels: Der Hauptteil analysiert detailliert anhand zahlreicher Szenen die verschiedenen, systematisch negativ gezeichneten Charaktereigenschaften und Stereotype, die den Juden im Donaueschinger Passionsspiel zugeschrieben werden.

4. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass das Passionsspiel den jüdischen Charakter als unveränderlich und durch und durch negativ darstellt, was durch die Erzeugung einer scheinbaren physischen Erfahrung bei den Zuschauern die Pogromstimmung der Zeit maßgeblich beförderte.

Schlüsselwörter

Donaueschinger Passionsspiel, Judenbilder, Antijudaismus, Mittelalter, Performanz, Antisemitismus, Stereotype, Judenfeindschaft, Theater, Christentum, Identitätskonstruktion, Gottesmord, soziale Ausgrenzung, Rezeption, Sündenbock-Mechanismus.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie im Donaueschinger Passionsspiel des 15. Jahrhunderts durch die Darstellung jüdischer Figuren antijudaistische Bilder und Vorurteile konstruiert, vermittelt und gesellschaftlich verfestigt wurden.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Zentrale Themen sind die performative Kraft literarischer Texte, die historische Entwicklung antijudaistischer Stereotype im christlichen Theater sowie die psychologische Wirkung dieser Inszenierungen auf das mittelalterliche Publikum.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Donaueschinger Passionsspiel durch eine systematische negative Charakterisierung der jüdischen Figuren Realitäten schuf, die den Juden als Feindbild fixierten und Pogrome legitimierten.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Die Autorin nutzt eine szenische Analyse der Originaltexte des Passionsspiels in Kombination mit literaturwissenschaftlichen Ansätzen und bezieht soziologische sowie antisemitismustheoretische Perspektiven (u.a. von Judith Butler und Jean-Paul Sartre) ein.

Was wird im umfangreichen Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden methodisch 16 spezifische Judenbilder analysiert, von der Darstellung als "Fremder" und "Wucherer" über den "Blinden" und "Sünder" bis hin zur Zuspitzung auf den Vorwurf des "Gottesmörders" und den Disput zwischen Judea und Christina.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie Donaueschinger Passionsspiel, Judenbilder, Antijudaismus, Performanz, Identitätskonstruktion und Stereotypisierung definiert.

Welche Rolle spielt der "Ritualcharakter" der Aufführungen?

Der Ritualcharakter führt laut der Arbeit dazu, dass das Publikum nicht zwischen Schauspiel und Realität unterscheidet, was die dargestellte Gewalt gegen die Juden für die Zuschauer unmittelbar erlebbar und "notwendig" erscheinen lässt.

Was verdeutlicht die Disputatio zwischen Judea und Christina?

Dieser Disput bildet den inhaltlichen Höhepunkt und festigt den christlichen Dominanzanspruch, indem die jüdische Glaubenslehre vollständig als Aberglaube diskreditiert und die Rache an den Juden zur Forderung nach ihrer Vernichtung gesteigert wird.

Warum ist laut der Autorin ein Mangel an Reflexionsfähigkeit bei den Zuschauern fatal?

Die Autorin argumentiert, dass mangelnde Reflexionsfähigkeit dazu führt, dass die Zuschauer die künstlich erzeugten Hassbilder ungefiltert als Wahrheit annehmen, statt sie als manipulatives Werkzeug zu durchschauen.

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Details

Title
Performanz antijüdischer Darstellungen am Beispiel des Donaueschinger Passionsspiels
College
Humboldt-University of Berlin  (Philosophische Fakultät II)
Course
Judenbilder des Mittelalters und moderne Antisemitismustheorien
Grade
2.0
Author
Sonja Lawin (Author)
Publication Year
2006
Pages
25
Catalog Number
V80619
ISBN (eBook)
9783638876636
ISBN (Book)
9783638876834
Language
German
Tags
Performanz Darstellungen Beispiel Donaueschinger Passionsspiels Judenbilder Mittelalters Antisemitismustheorien
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Sonja Lawin (Author), 2006, Performanz antijüdischer Darstellungen am Beispiel des Donaueschinger Passionsspiels, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80619
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