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Das Wesen der Lüge. Eine sprachphilosophische Betrachtung

Title: Das Wesen der Lüge. Eine sprachphilosophische Betrachtung

Thesis (M.A.) , 2007 , 73 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Sonja Lawin (Author)

Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
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„Obwohl spezielle Übung und Studium dabei helfen würden, finden wir, daß Lügen für uns auch ohne Studium natürlich ist“, schrieb Warren Shibles sehr erstaunt. Doch gerade das für uns Natürliche sollte einem genauen Studium unterzogen werden, um bestimmte Gesetzmäßigkeiten ableiten zu können.
Faszinierend an der Lüge ist ihre Vielfältigkeit. Im Allgemeinen gelten Lügen als niederträchtig, "oft sogar als schwerer Verrat.“ Grundsätzlich sind Lügen, genau wie jede sprachliche Handlung, nichts als die Aneinanderreihung sprachlicher Zeichen nach bestimmten Regeln. Jedes Wort kann eine Lüge sein. Diese Aussage scheint kontraintuitiv, denn Wörter allein sind nur Bezeichnungen und noch keine Aussagen. Werden sie jedoch in einem Kontext gebraucht, der nicht verbalisiert wird, sondern nur mitgedacht, können auch einzelne Wörter "wahr" oder "falsch" sein. Spezieller sind Lügen Behauptun-gen, die, so sie als Lügen aufgedeckt werden, in den meisten Fällen Ablehnung erfahren. Diese Missbilligung bezieht sich nicht nur auf den vermeintlichen Schaden, den der Belogene erleidet, sondern auf die gering eingeschätzte kognitive Leistung, die dem Belogenen zugestanden wird. Wie der Sprecher einer Lüge diese gestaltet, hängt maßgeblich von seiner Einschätzung der Erkenntnisfähigkeit des Hörers ab. Ein zentrales Thema der vorliegenden Arbeit wird demnach sein, welche komplexen Fähigkeiten der Hörer- und Sprecherrolle beim Lügen abverlangt werden.
Der Terminus des „guten Lügners“ ist trotz des semantisch positiv bewertenden Adjektivs nicht frei von Pejoration. Doch unter welchen Voraussetzungen wird die gemeine Lüge positiv bewertet? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, um sie von der „schlechten Lüge“ zu unterscheiden und mit welchen Mitteln gelingt das? Welchen Anteil hat der Hörer an der Genese der Lüge? Ist es zeitweise sogar abhängig von Personen und Begleitumständen, ob eine Behauptung eine Lüge ist?
Das Ziel dieser Magisterarbeit ist es darzulegen, dass die gute Lüge für den Menschen eine positive Leistung darstellt, die als Sprachhandlung Fähigkeiten fördert, ohne die die Kommunikation nur auf niedriger Stufe möglich wäre. Durch die Kenntnisse des Aufbaus und der Verwendungsmöglichkeiten der Lüge gelangt der Sprecher zu einer optimalen Sprachkompetenz. Die Abstufungen der kognitiven Leistungen des Sprechers, der erfolgreich täuscht, stelle ich in einer Lügenskala dar. [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Ziel der Arbeit

1.2 Forschungslage zur sprachlichen Untersuchung des Lügens

1.3 Vorgehen

2. Die Lügen - Definitionsversuche

2.1 Die Lüge aus historischer Sicht

2.2 Die Wahrhaftigkeit als Gegenbegriff zur Lüge

2.3 Die Lüge als sprachliche Handlung

2.4 Lüge vs. Täuschung

2.5 Worte der Lüge

2.6 Die Definition der Lüge

3. Die Akteure der guten Lüge

3.1 Die Ontogenese des Lügners

3.2 Von der Unmöglichkeit, sich selbst zu täuschen

3.3 Die Rolle des Sprechers

3.4 Die Rolle des Hörers

3.5 Die Beziehung zwischen Hörer und Sprecher

3.6 Die Skale des guten Lügens

4. Schlusswort

5. Literaturliste

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Diese Arbeit untersucht das Phänomen der Lüge aus sprachphilosophischer Perspektive mit dem Ziel darzulegen, dass die „gute Lüge“ eine kognitive Leistung darstellt, die Sprachkompetenz fördert. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die komplexen Fähigkeiten, die von Sprecher- und Hörerrolle abverlangt werden, und hinterfragt die traditionelle negative moralische Bewertung.

  • Sprachphilosophische Definition der Lüge und Abgrenzung zur Täuschung
  • Analyse der Sprecher- und Hörerrolle bei der Konstruktion einer Lüge
  • Die Lüge als regelgeleitete sprachliche Handlung
  • Entwicklung einer „Lügenskala“ zur Bewertung der kognitiven Anforderungen
  • Die Rolle des Hörers als aktiver Mitkonstrukteur von Lügen

Auszug aus dem Buch

2.3 Die Lüge als sprachliche Handlung

Sprache ist weit mehr als das Beherrschen grammatischer oder phonetischer Regeln. Sprache wird benötigt, um die Welt in bestimmte Kategorien zu ordnen und natürlich auch um zu lügen. Im folgenden Kapitel wird die Lüge als eine Sprachhandlung definiert. Zunächst wird sie von dem Bereich der Stilmittel abgegrenzt.

Simone Dietz hat das Lügen als "Kunst" bezeichnet. Ein Lügner muss kunstvoll mit der Sprache umgehen. Tropische Figuren wie die Metapher lassen Lügen zwar glaubwürdiger erscheinen, der Erfolg des Sprechers hängt jedoch nicht nur von den verwendeten Metaphern ab. Metaphern werden schon zu Augustinus´ Zeiten vom Lügenverdacht ausgeschlossen. In der Schrift gelte „das Recht figürlicher Darstellung“ genauso wie in der Alltagssprache, deren bildliche Redewendungen und Metaphern wir ebenfalls schlecht als Lüge stempeln könnten. Tropische Figuren der Über- oder Untertreibung, der Verbildlichung sind für die Diskussion uninteressant, weil der Sprecher nicht die Absicht hat, den Hörer oder Leser von einer Tatsache zu überzeugen, die der Sprecher selbst nicht glaubt. Es gelten auch hier Konventionen, die Adressat und Stilmittelverwender kennen müssen, um miteinander erfolgreich zu kommunizieren.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Darstellung des Ziels, die Lüge als kognitive Leistung neu zu bewerten, sowie Einordnung in die bestehende Forschungslage.

2. Die Lügen - Definitionsversuche: Historische Herleitung, etymologische Betrachtung der Wahrheit und sprachwissenschaftliche Bestimmung der Lüge als Handlung.

3. Die Akteure der guten Lüge: Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten von Lügner und Hörer sowie Vorstellung einer Skala für verschiedene Stufen des Lügens.

4. Schlusswort: Zusammenfassung der Thesen zur kognitiven Relevanz des Lügens und Plädoyer für einen differenzierteren Umgang mit sprachlichen Täuschungsmustern.

5. Literaturliste: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen.

Schlüsselwörter

Lüge, Sprachphilosophie, Täuschung, Sprechakt, Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Sprachhandlung, Sprecherintention, Hörerrolle, Kognition, Pragmatik, Sprachkompetenz, Interpersonalität, Implikatur, Lügenskala.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das Wesen der Lüge aus sprachphilosophischer Sicht und analysiert, inwiefern Lügen als komplexe sprachliche Handlungen kognitive Fähigkeiten von Sprechern und Hörern fördern.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Die Schwerpunkte liegen auf der begrifflichen Definition der Lüge, ihrer Abgrenzung von Täuschung und Ironie, der Rolle der Akteure (Sprecher/Hörer) sowie der Entwicklung einer Skala zur kognitiven Einstufung von Lügen.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist der Nachweis, dass die sogenannte „gute Lüge“ eine positive kognitive Leistung darstellt und eine Form sprachlichen Handelns ist, die ohne das Studium der Sprachregeln nicht möglich wäre.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine sprachphilosophische und begriffsanalytische Methode angewandt, wobei Theorien zur Sprechaktanalyse (Searle, Austin, Grice) sowie historische und soziologische Ansätze einbezogen werden.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in Definitionsversuche, die Abgrenzung von der Wahrheit, die Untersuchung der Rollen von Sprecher und Hörer sowie die Analyse konkreter literarischer Beispiele wie Shakespeares „Othello“.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zentrale Begriffe sind neben Lüge und Täuschung vor allem Sprechakt, Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Sprachhandlung, Sprecherintention, Hörerrolle und Kognition.

Inwiefern spielt der Hörer eine Rolle beim Lügen?

Die Arbeit stellt die Hypothese auf, dass der Hörer oft als aktiver Konstrukteur oder Initiator einer Lüge fungiert, indem seine Interpretation und sein Wissensstand die Wirksamkeit der Lüge erst ermöglichen.

Was ist die „Lügenskala“?

Die Lügenskala ist ein von der Autorin entwickeltes Modell, das die verschiedenen Abstufungen der kognitiven Leistung des Lügners darstellt, wobei die 6. Stufe die höchste Anforderung an sprachliche Raffinesse definiert.

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Details

Title
Das Wesen der Lüge. Eine sprachphilosophische Betrachtung
College
Humboldt-University of Berlin  (Philosophische Fakultät I)
Grade
1,3
Author
Sonja Lawin (Author)
Publication Year
2007
Pages
73
Catalog Number
V80624
ISBN (eBook)
9783638811248
ISBN (Book)
9783638839860
Language
German
Tags
Wesen Lüge Betrachtung
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Sonja Lawin (Author), 2007, Das Wesen der Lüge. Eine sprachphilosophische Betrachtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80624
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