Welche Form der Anerkennung bedingt soziale Gerechtigkeit? - Das Statusmodell von Nancy Fraser vs. Anerkennungstheorie von Axel Honneth


Hausarbeit, 2006
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Axel Honneths Anerkennungsheorie
2.1 Rückbezug auf den Hegelschen Anerkennungsbegriff
2.2 Aktualisierung des Anerkennungsbegriffs

3. Nancy Frasers neue Konzeption der Anerkennungstheorie - Das Statusmodell
3.1 Deontologischer Ansatz: Anerkennung als Gerechtigkeitsproblem
3.2 Anti-Psychologisierung
3.3 Partizipatorische Parität
3.4 Anerkennung wovon?

4. Kritische Stellungnahme
4.1 Widerspruch in der deontologischen Konzipierung des Statusmodells
4.2 Inkonsistenz des Konzepts der Anti-Psychologisierung

5. Literaturverzeichnis

Sekundärliteratur:

1. Einleitung

In Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse setzen sich Axel Honneth und Nancy Fraser mit dem Begriff der Anerkennung in Bezug auf soziale Gerechtigkeit auseinander. Obwohl es hierbei auch um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit geht, möchte ich in meiner Hausarbeit auf die diese weitgehend verzichten und mich statt dessen auf Frasers Ablehnung der ethischen und psychologischen Aspekte der Anerkennungstheorie beschränken.

Zunächst werde ich in meiner Arbeit darstellen, welche Bedingungen und Lösungsvorschläge Axel Honneth und Nancy Fraser für soziale Gerechtigkeit vorschlagen.

Hierbei werde ich an den traditionellen Anerkennungsbegriff von Hegel anknüpfen und die Erweiterung durch Honneth darstellen. Alsdann werde ich Nancy Frasers neue Konzeption der Anerkennung und vor allem die Abwendung von der Psychologisierung des Begriffs erläutern.

In meinem Kritikteil möchte ich dann mit Hilfe Christopher F. Zurns Aufsatz Identity or Status? die Frage klären, ob Anerkennung tatsächlich wie von Fraser behauptet von der psychologischen Komponente losgelöst werden sollte und ob dies überhaupt möglich ist.

2. Axel Honneths Anerkennungsheorie

2.1 Rückbezug auf den Hegelschen Anerkennungsbegriff

Die grundlegende Idee der Anerkennungstheorie geht auf die Phänomenologie des Geistes von Hegel zurück. Diese besagt, dass die menschliche Existenz sich nicht allein durch das Bewusstsein (siehe Déscartes), sondern insbesondere durch die Begierde nach Anerkennung auszeichnet. Das Selbstbewusstsein des Menschen entsteht, indem er von anderen Menschen anerkannt wird. Es reicht ihm nicht aus, sich selbst einen Wert beizumessen, er will zudem, dass der einzelne Wert seiner Person von allen, allgemein anerkannt wird[1].

In Kampf um Anerkennung geht Axel Honneth auf weitere Schriften Hegels ein, die wichtig für das Verständnis des Anerkennungsbegriffs im traditionellen Sinne sind. Im Folgenden werde ich die für meine Hausarbeit wichtigsten Gedanken zusammenfassen:

Hegel bezieht sich zumindest formell auf Fichtes Sittlichkeitsprinzip, dass die absolute Selbständigkeit des Ichs, also dessen Autonomie bezeichnet.

Das sittliche Verhältnis einer Gesellschaft konstituiert sich nun durch intersubjektive Anerkennungsbeziehungen, wobei jede einzelne Person in seiner „Ganzheit“ verstanden werden will.

Es gibt drei Stufen in der Entwicklung des Selbstbewusstseins eines Menschens:

Als erstes erfährt der Mensch als Kind die Liebe und Anerkennung seiner Familie und insbesondere seiner Eltern. In dieser Phase „erkennen die Subjekte sich reziprok als liebende, emotional bedürftige Wesen an“[2].

Hegel stellt die These auf, dass die „Liebe“ sowohl ein „Element“, als auch eine „Ahnung“ der Sittlichkeit bezeichnet. Axel Honneth deutet diese These wie folgt:

„[...] nur das Gefühl, grundsätzlich in seiner Triebnatur anerkannt und bejaht zu werden, läßt in einem Subjekt überhaupt das Maß an Selbstvertrauen entstehen, das zur gleichberechtigten Partizipation an der politischen Willensbildung befähigt.“[3]

Die „Ahnung“ der Sittlichkeit betrifft das Gefühl des „Geliebtwerdens“, ohne das eine Vorstellung des sittlichen Gemeinwesens nicht möglich wäre.

Zweitens ist die Phase der Eigenständigkeit des Individuums durch den allgemeinen Rechtsanspruch gekennzeichnet, der an die Stelle des partikularen Geltungsanspruchs in der Familie tritt. Dabei handelt es sich um vertraglich geregelte Besitzansprüche und Tauschbeziehungen, die eine andere Ebene der sozialen Interaktion und Anerkennung darstellen.

Die dritte Stufe ist der Übergang von der „natürlichen Sittlichkeit“ zur „absoluten Sittlichkeit“. Sie ist ein ständiger „Kampf um Anerkennung“, indem das bisherige Beziehungsgeflecht konflikthaft unterbrochen wird.

In dem Prozess des „Anerkanntwerdens“ wächst das Selbstbewusstsein für die eigenen Besonderheiten, dies bedeutet auch, dass durch die Identitätsausbildung neue Eigenarten oder Fähigkeiten entwickelt oder entdeckt werden. Diese erfordern eine neue oder auch anspruchsvollere Stufe der Anerkennung. Die bis dahin erworbene Stufe der „natürlichen Sittlichkeit“ wird zugunsten der „absoluten Sittlichkeit“, der höchsten Form von Autonomie, verlassen.

Diese birgt jedoch eine konfliktgeladene Dynamik in sich: Warum eine Person „X“ einer anderen Person „Y“ die Anerkennung verwehrt und scheinbar absichtlich die bestehende Anerkennungsbeziehung zerstört, bleibt bei Hegel offen. Es könnte aber daran liegen, dass die Person „Y“ zuvor auch einmal Missachtung erfahren hat.[4]

2.2 Aktualisierung des Anerkennungsbegriffs

Wie kommt es in einer Gesellschaft zu sozialem Leid und Unrechtserfahrungen und wie kann man dem entgegen wirken? Diese Frage ist der Ausgangspunkt für Honneths Konzipierung des Anerkennungsbegriffs. Was Anerkennung für die menschliche Existenz bedeutet, wurde bereits in 2.1 ausgeführt. Wie sich allerdings das Bedürfnis nach Anerkennung in einer Gesellschaft äußert, wird in Hegels Rechtsphilosophie durch die drei Anerkennungssphären der Sittlichkeit „Familie“, „Gesellschaft“ und „Staat“ gezeigt, die Honneth wie folgt umdeutet.

Nach einer soziologisch empirischen Hypothese wird soziales Unrecht dann empfunden, wenn rational nicht mehr einsehbar ist, warum bestimmte Maßnahmen oder Regelungen institutionalisiert wurden und andere wiederum nicht.

Allein aufgrund dieses verallgemeinerbaren empirischen Befunds ist aber noch keine kategoriale Entschlüsselung sozialen Unrechts möglich. Erst durch die Untersu­chungen der politischen Philosophie und der Sozialtheorie gelangt man zu einer „normativ gehaltvollen Gesellschaftstheorie“[5], die die Anerkennungs­forderungen begründen kann.

[...]


[1] Vgl. Kojève, S. 76

[2] Honneth (2003), S. 34

[3] Honneth (2003), S. 66

[4] Vgl. Honneth (2003), S. 40

[5] Fraser/Honneth (2002), S. 156

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Welche Form der Anerkennung bedingt soziale Gerechtigkeit? - Das Statusmodell von Nancy Fraser vs. Anerkennungstheorie von Axel Honneth
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Positionen der zeitgenössischen politischen Philosophie
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V80680
ISBN (eBook)
9783638874670
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welche, Form, Anerkennung, Gerechtigkeit, Statusmodell, Nancy, Fraser, Anerkennungstheorie, Axel, Honneth, Positionen, Philosophie
Arbeit zitieren
Nina Reißler (Autor), 2006, Welche Form der Anerkennung bedingt soziale Gerechtigkeit? - Das Statusmodell von Nancy Fraser vs. Anerkennungstheorie von Axel Honneth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80680

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