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"Die Sphäre rollt." Zum Romantischen im Werk Thomas Manns

Title: "Die Sphäre rollt." Zum Romantischen im Werk Thomas Manns

Thesis (M.A.) , 2005 , 109 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Sonja Schiffers (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Als Epoche bezeichnet die Romantik etwa die Zeit zwischen 1790 und 1830. Zugleich lässt sich heute vieles als ,romantisch' bezeichnen, vom Kerzenschein über politische Gruppierungen bis zum Blümchenkleid. Doch ist dieser in seinem Facettenreichtum schwierige Begriff auch zu verwenden angesichts einer Dichterbiographie, die erst im Fin de Siècle des 19. Jahrhunderts beginnt und noch über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinausreicht, eines Werkes, das dem Geiste der - die positive Romantik vorwiegend negierenden - Dekadenz entspringt und zum größten Teil im politischen 20. Jh. entstand? Ziel dieser Arbeit ist es, die tiefe romantische Prägung darzustellen, die dem Werk Thomas Manns wesentlich ist. Es soll herausgearbeitet werden, wie entschieden dieses Werk die romantische Tradition des 19. Jhs. aufnimmt und bewahrt, lange nachdem dieses ausgeklungen ist; wie es schließlich weit ins 20. Jh. wirkt, indem die romantische Dekadenz zugunsten des "Zuges ins Weltweite" überwunden wird. Dabei stehen die subtilen Wechselwirkungen von Regression und Überwindung, die von der Romantizität des Schaffens TMs ausgehen, im Vordergrund. Wie Goethe ist TM nicht einer Epoche, einem Zeitstil allein zuzuordnen, weder historisch-biographisch, noch geistig-künstlerisch. So umfasst sein Werk auch jene ,Goethe'sche Ganzheit', die (vermeintlich) Gegensätzliches in sich vereint. Dieser Eigenschaft des "Nichtmodischseins" entspricht TMs künstlerische Größe, die sich dem 19. Jh. verpflichtet und verwandt fühlt, jenem romantischen Jh., "mit dem sich in mir (TM) ein ausgesprochener Sinn für Größe verband." Die Kunst bedeutet ihm "Aufforderung zu höchster Wachheit und Lockung zu süßem Zauberschlaf zugleich", zur "göttlich-dämonischen Ganzheit der Welt, des Lebens, des Menschen, der Kultur." Die Arbeit fokussiert folgende Stationen: Nach einigen Beobachtungen zum Nachwirken des Werkes Novalis' bei TM steht die Phase der frühen Erzählungen im Mittelpunkt und damit u.a. der Einfluss Schopenhauers und Wagners. Ausführlich kommen darauf "Tonio Kröger" und "Der Tod in Venedig" als Abschluss des Frühwerks zur Sprache. Von den "Betrachtungen eines Unpolitischen" aus geht es dann zum "Zauberberg" (Übergang vom Ästhetizismus zum Humanitätsbegriff). Mit Blick auf das Spätwerk steht die 'imitatio Goethes' im Mittelpunkt. Die romantische Fundierung des Gesamtwerks soll zuletzt durch verschiedene Äußerungen TMs, besonders durch den Schopenhauer-Essay, zusammenfassend belegt werden.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Thema und Zielbestimmung

I. Einst in Vergangenheit und Zukunft – zur Typologie des Romantischen als Wesen und Seelenlage

II. Das weltromantische 19. Jahrhundert – von Innerlichkeit, Lebensstolz und der Sympathie mit dem Tode

2.1 „Jeder Dichter aber, der etwas von der Seele des Ofterdingen in sich hat, sei uns von Herzen willkommen“

2.2 „Erstarrung; Öde; Eis; und Geist! Und Kunst!“

2.3 Zur Demontage visionärer Fruchtbarkeit – die Welt als Wille und der Tod

III. „Das Spiel kommt zu Würden“ – zur schöpferischen Jugendphase Thomas Manns

3.1 Unterweltliche Erotik: „Die Hunde im Souterrain“

3.2 „Mein Freund Schopenhauer“ – die geistige Rechtfertigung der frühen Jahre

IV. „Seine Begierde ward sehend“ – zu Reflexionen und Kunsttheorie nach 1900

4.1 Von Buddenbrooks zu Tonio Kröger – Todesrausch und Erkenntnis

4.2 Der Tod in Venedig – „Meisterhaltung“ am Ende des Frühwerks

4.3 ...und begierig ward das Sehen: gis – a – ais – h und Betrachtungen

V. „Operationes spirituales“ auf dem Zauberberg

5.1 Von Bleistiften und feuchten Stellen im Schattenreich

5.2 ...und: „die Augen auf!“

VI. Weltfähigkeit, imitatio Goethes und süßer Schlummer

6.1 „Die Republik... wie gefällt euch das Wort in meinem Munde?“

6.2 Vater Goethe und die „Lebensbürgerlichkeit“

6.3 „Könnte man nicht sagen, daß wir nur wachen, um zu schlafen?“

VII. Anstelle eines Ausblicks: „Der Untergang der romantischen Sonne“

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht die tiefe romantische Prägung im Werk Thomas Manns, um aufzuzeigen, wie das Werk die romantische Tradition des 19. Jahrhunderts aufnimmt, bewahrt und weit ins 20. Jahrhundert hinein transformiert. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Thomas Mann das Erbe der Romantik – insbesondere im Hinblick auf Dekadenz und die „Sympathie mit dem Tode“ – aus ihren eigenen Prämissen heraus überwindet und eine humanistische Lebensverpflichtung etabliert.

  • Analyse der romantischen Typologie als Seelenlage und Grundbefindlichkeit der Moderne
  • Untersuchung des Wandels vom prärationalen Visionarismus zur reflexiven Kunsttheorie
  • Darstellung der ambivalenten Rolle der Erotik und des Todes als zentrale Motive im Werk
  • Evaluierung von Thomas Manns Verhältnis zur Tradition, insbesondere zu Novalis, Schopenhauer und Wagner
  • Betrachtung der Entwicklung von der Jugendphase bis zur „imitatio Goethes“ als Form der Lebensbewältigung

Auszug aus dem Buch

I. Einst in Vergangenheit und Zukunft – zur Typologie des Romantischen als Wesen und Seelenlage

„Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. [...] Sie will, und soll auch, Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen. [...] Sie umfasst alles, was nur poetisch ist.“7 So lauten hervorstechende Auszüge aus Friedrich Schlegels berüchtigtem Entwurf des Romantischen, der, obwohl hier allein auf die Poesie bezogen, bereits die Vielfalt und Mehrdimensionalität, die komplizierte Komplexität und komplexe Kompliziertheit dieses Phänomens betont, welches in wahrhaft sokratischer Aporie Progression und Extension synästhetisch in sich vereint und in seinen mannigfachen Erscheinungen die Grundbefindlichkeit der Moderne darbietet. Was ist ,Romantik’, was das ,Romantische’? Die Suche nach einer eindeutigen Antwort bleibt ausweglos, zu groß die Fülle an Auswegen.

Trotz der Differenziertheit der zahlreichen Ausführungen romantischer Dichter zu Charakteristika ihres Künstlertums und ihrer Zeit, die bereits weit darüber hinausgingen, die Romantik lediglich als eine grob in Jahreszahlen eingrenzbare literarisch-historisch gesellschaftliche Epoche zu deuten, kam die Betrachtung des Romantischen im Sinne eines allgemein Wesenhaften, einer Art ,Weltfühlens’, erst im 20. Jahrhundert auf, während die wissenschaftliche Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts für die Definition der hinter ihr liegenden Romantik allein einen chronologischen Kanon verwandte.8 Doch ist das Romantische in seinem Anspruch auf Autonomie und die Realität transzendierende Universalität, seiner progressiven Neigung und, dies vor allem, seiner Reflexivität, weiter als epochal zu veranschlagen, - nämlich als Seelenlage und Signum der Moderne. Seit einigen Jahrzehnten schon wird die romantische Dichtung in der Forschung – zu einem Großteil immerhin – nicht mehr nur mittels spezifischer Jahreszahlen des frühen 19. Jahrhunderts etikettiert, sondern vielmehr als eine zeitliche und räumliche Begrenzungen liquidierende verstanden, als eine Poesie, die jene avantgardistisch neue seelisch-geistige Haltung gebar, welche die Ära der Moderne bis heute maßgeblich prägt.

Zusammenfassung der Kapitel

Thema und Zielbestimmung: Einführung in die Fragestellung der Arbeit und Erläuterung, wie das Werk Thomas Manns die romantische Tradition des 19. Jahrhunderts aufnimmt und überwindet.

I. Einst in Vergangenheit und Zukunft – zur Typologie des Romantischen als Wesen und Seelenlage: Theoretische Grundlegung des Romantischen als epochenübergreifendes Phänomen und moderne Seelenlage.

II. Das weltromantische 19. Jahrhundert – von Innerlichkeit, Lebensstolz und der Sympathie mit dem Tode: Untersuchung der Spannungsfelder zwischen Romantik und Dekadenz anhand exemplarischer Analysen.

III. „Das Spiel kommt zu Würden“ – zur schöpferischen Jugendphase Thomas Manns: Analyse der frühen Jahre und der Rolle der „unterweltlichen Erotik“ für das Künstlertum.

IV. „Seine Begierde ward sehend“ – zu Reflexionen und Kunsttheorie nach 1900: Betrachtung der ästhetischen Transformationen in den frühen Erzählungen und dem ersten Roman.

V. „Operationes spirituales“ auf dem Zauberberg: Untersuchung der komplexen Symbolik und der moralischen Entwicklung des Protagonisten im Zauberberg.

VI. Weltfähigkeit, imitatio Goethes und süßer Schlummer: Analyse von Manns Bekenntnis zur Republik und seiner Identifikation mit Goethe als humanistischem Vaterbild.

VII. Anstelle eines Ausblicks: „Der Untergang der romantischen Sonne“: Abschließende Betrachtung der Entwicklung des Romantischen bis in das Spätwerk und die Gegenwart.

Schlüsselwörter

Thomas Mann, Romantik, Dekadenz, Sympathie mit dem Tode, Künstlertum, Schopenhauer, Wagner, Moderne, Seelenlage, Lebensverpflichtung, Ironie, Humanität, imitatio Goethes, ästhetische Distanz, Geist und Leben.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die kontinuierliche und tiefgreifende romantische Prägung im Schaffen Thomas Manns, von der Jugendphase bis zum Spätwerk.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zu den zentralen Feldern gehören die Definition des Romantischen, das Verhältnis von Künstler und Bürger, die Verbindung von Eros und Thanatos sowie die Entwicklung von einer dekadenten zu einer humanistisch verpflichteten Lebenshaltung.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Thomas Mann die romantische Tradition des 19. Jahrhunderts nicht nur bewahrt, sondern aus ihren eigenen Voraussetzungen heraus transzendiert.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Untersuchung erfolgt durch eine fundierte Werk- und Literaturanalyse, bei der Primärtexte im Kontext geistesgeschichtlicher Zusammenhänge und unter Einbeziehung philosophischer Einflüsse (insb. Schopenhauer, Nietzsche) gedeutet werden.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert zentrale Lebens- und Schaffensphasen, von den frühen Novellen über den Zauberberg bis hin zu den späten essayistischen und narrativen Werken.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Begriffe wie Todessehnsucht, Ästhetizismus, Ironie, Humanität, imitatio Goethes und der Gegensatz von Geist und Leben stehen im Mittelpunkt.

Inwieweit spielt Schopenhauer eine Rolle im Werk Thomas Manns?

Schopenhauer ist für Thomas Mann ein prägender Denker, dessen Philosophie des Willens und des Leidens als geistige Rechtfertigung der Jugendjahre dient und maßgeblich zur Etablierung des künstlerischen Selbstbildes beiträgt.

Wie verändert sich die Einstellung Thomas Manns zur Republik und zum Politischen?

Die Arbeit zeigt eine Entwicklung auf, in der Thomas Mann nach dem Ersten Weltkrieg – motiviert durch Krisenerfahrungen – von einem „unpolitischen“ Ästheten zu einem Verfechter der demokratischen Humanität und Republik wird, ohne dabei seine romantischen Wurzeln völlig aufzugeben.

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Details

Title
"Die Sphäre rollt." Zum Romantischen im Werk Thomas Manns
College
University of Bonn
Grade
1,3
Author
Sonja Schiffers (Author)
Publication Year
2005
Pages
109
Catalog Number
V80699
ISBN (eBook)
9783638805636
ISBN (Book)
9783638807951
Language
German
Tags
Sphäre Romantischen Werk Thomas Manns
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Sonja Schiffers (Author), 2005, "Die Sphäre rollt." Zum Romantischen im Werk Thomas Manns , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80699
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