Die Landfallkontroverse


Seminararbeit, 2002
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Quellenlage
1. Verfügbare historische Quellen zur Einengung der Landfallinsel
1.1 Historische Karten
1.2 “El libro de la primera navegación”
1.3 “Historia de las Indias”
1.4 “Historie de del S. D. Fernando Colombo”
1.4.1 Angaben in der „Historie“ von Fernado Colón

III. Historischer Überblick über die Landfalltheorien

IV. Ergänzende Fragen
1. Wie lang waren Columbus’ Leguas?
2. Welche Navigationstechnik benutzte Columbus
2.1 Koppelkursmethode
2.2 Gestirnnavigation
3. Welche archäologischen Hinweise gibt es?

V. Stellungnahme

VI. Literaturverzeichnis

VII. Anhang: Übersetzungsstemma des „Diario“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Bahamas-Region mit den möglichen Landfallkandidaten[1]

I. Einleitung

Vor mehr als 500 Jahren machte ein europäischer Seefahrer eine der zumindest für den westlichen Kulturkreis wohl bedeutendsten Entdeckung in der Geschichte. Getrieben von der Überzeugung, über den westlichen Seeweg nach Indien zu gelangen, entdeckte Christopher Columbus eine neue Welt. Diese Welt bestand für ihn zunächst nur aus einer Gruppe von unbekannten Inseln der heutigen Bahamas-Kette, die seinem wahren Ziel nach Cipangu (Japan) oder Cathay (China) zu kommen, im Weg lagen. Diese Aussage soll keinesfalls den Wert schmälern den die Inseln für einen Seemann nach 37 Tagen auf hoher See gehabt haben müssen. Doch Columbus war auf der Suche nach Reichtümern und die konnten auf jenen Inseln nicht gefunden werden. Die daraus resultierende Enttäuschung schlug schon bald in Geringschätzung um, die sich über 300 Jahre lang halten konnte. Anders ist es nicht zu erklären, warum in der heutigen Zeit aufgrund mangelnden Quellenmaterials niemand mit Sicherheit sagen kann, welche der vielen großen und kleinen Inseln der Bahamasregion denn nun die Insel des ersten Landfalls in der neuen Welt gewesen ist.

So gibt es mittlerweile über 13 verschiedene Theorien und 10 mögliche Inseln als Kandidaten für Columbus’ „San Salvador“, der erlösenden ersten Insel nach einer langen und ungewissen Fahrt. Angefangen vom 18. Jahrhundert bis in die heutige Zeit lagen namhafte Forscher und Experten miteinander im Streit um die jeweils beste Theorie. Doch einer glaubhaften endgültigen Lösung dieser Frage scheint man immer noch nicht näher gekommen zu sein. Selbst technische Neuerungen in allen Wissenschaftsbereichen scheinen auf die Landfallkontroverse keine Auswirkungen zu haben. Die dafür nötigen Beweise lassen sich nicht erbringen, da die historischen Fakten zu dürftig sind für eine Verifikation der Theorien. Dieses Grundproblem zumindest ist bei allen Theorien gleich und führt zu immer neuen Variationen derselben.

Dieses und andere wichtige Probleme und die Theorieansätze, die versuchen sie zu lösen, sollen hier eingehend dargestellt, zusammengefasst und erläutert werden. Eine eigene Theorie wird jedoch nicht entwickelt.

II. Die Quellenlage

Soll es gelingen, die Insel des ersten Landfalls Columbus’ in der neuen Welt zu identifizieren, so muss zunächst nach historischen Hinweisen und überprüfbaren Fakten gesucht werden. Gerade die sind jedoch so gut wie nicht vorhanden. Die einzige Primärquelle und damit die am wenigsten verfälschten Angaben über die Landfallinsel und den Kurs dorthin stammen von Columbus’ genau geführtem Bordbuch. Dieses ist jedoch verschollen seit Columbus es der kastilianischen Königin Isabella übergeben hat. Eine auf ihren Befehl angeordnete Kopie (Barcelonaer Kopie) begleitete Columbus auf seiner zweiten Reise und bis zu seinem Tod – ob noch eine weitere Kopie angefertigt wurde ist unter den Experten streitig. Wenn ja, ist sie ebenso wie das Original oder die erste Kopie, je nachdem welche am königlichen Hofe blieb, verschollen.

Das Exemplar, welches Columbus erhielt, ging nach seinem Tod 1506 in den Besitz seines ältesten Sohnes Diego über. Ab hier gibt es zwei mögliche Wege für das Bordbuch: Es ging nach dem Tod Diegos in den Besitz seines Sohnes Luis und dessen Mutter María Álvarez de Toledo oder in die Privatsammlung Fernandos, dem zweitältesten Sohn Columbus’, über. Dessen umfangreiche Bibliothek wurde seinen Erben erst 1544 zugänglich gemacht. María de Toledo übernahm den Inhalt und gab ihn an das dominikanische Kloster San Pablo in Sevilla. Teile der Sammlung nahm sie jedoch mit in die Neue Welt. Nach ihrem Tod 1549 gingen die Dokumente, die sich in der Neuen Welt befanden, in den Besitz ihres Sohnes Luis über. Dieser hatte außerdem unbeschränkten Zutritt zur Klosterbibliothek in Sevilla. Das Bordbuch befand sich also mit großer Wahrscheinlichkeit in seinem Besitz oder er hatte Zugang dazu. Aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils und der fehlenden Wertschätzung für die familiären Dokumente ist es sehr wahrscheinlich, dass er das Bordbuch ebenso wie die „Historie“ Fernando Colóns verkauft hat. Falls es wirklich verkauft wurde, ging das Bordbuch an einen Privatsammler, der kein Interesse an dessen Veröffentlichung hatte, im Gegensatz zu dem Schicksal der „Historie“. Alternativ könnte das Bordbuch auch von Luis verschont in der Bibliothek des Klosters geblieben sein. Diese wurde 1552 in die Kathedrale von Sevilla ausgelagert, wobei nur ca. 15% des ursprünglichen Bücherbestandes dort tatsächlich ankamen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt verliert sich schließlich die Spur des wichtigsten Dokumentes für den Landfall in dem Schleier der Geschichte.

Daher muss auf andere, sekundäre Quellen zurückgegriffen werden. So existiert eine Zusammenfassung des Bordbuches oder seiner Kopie, seinerzeit von Bartolomé de Las Casas angefertigt. Auch seine „Historia“ und die „Historie“ Fernando Colóns scheinen Fragmente des Bordbuches zu enthalten. Hinzu kommen historische Karten, welche kurz nach der Entdeckung Amerikas angefertigt wurden und möglicherweise die Landfallinsel zeigen. Die Problematik dabei ist, dass bis auf die Zusammenfassung Las Casas und die Karten alle anderen Quellen den Charakter einer Traditionsquelle haben. Beide ‚Historien’ wurden von ihren Autoren in einem gewissen zeitlichen Abstand vom Geschehen geschrieben, beruhten nur zum Teil auf persönlichen Erlebnissen (bei Las Casas) und wurden für die Nachwelt geschrieben, um die Taten einer berühmten Person in ihrem Sinne zu erhalten. Die Karten können als noch unzuverlässiger angesehen werden, da die Daten, auf denen sie beruhen, völlig unklar sind.

1. Verfügbare historische Quellen zur Einengung der Landfallinsel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[2][3]

1.1 Historische Karten

Die heute verfügbaren historischen Karten, welche die Bahamasregion zeigen, stammen zum großen Teil aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Sie beinhalten häufig eine Insel namens Guanahani oder San Salvador, jedoch ist deren Position von Karte zu Karte verschieden. Außerdem ist nicht bekannt, auf welchen Quellen sich die Kartographen bei ihren Zeichnungen bezogen.

Die einzigen beiden Karten, die aus der Zeit kurz nach Entdeckung Amerikas stammen und damit noch einen unmittelbaren Bezug dazu haben, sind die Karten von Juan de la Cosa und Antonio Herrera y Tordesillas.

La Cosas Karte ist eine Weltkarte, die er nach dem er Columbus auf seiner ersten und zweiten Reise begleitet hatte, im Jahr 1500 zeichnete. Sie ist als die erste Karte bekannt, die Teile der neuen Welt zeigt. Die Position von Guanahani lässt sich jedoch kaum festmachen, da die Karte sehr ungenau ist und spätere Versionen die Inseln in immer anderen Konstellationen zeigen.

Die Karte von Herrera stammt aus seinem vierbändigen Werk „Historia general de los hechos de los castellanos en las Islas, y Tierra Firme de el Mar Océano“, geschrieben 1601 bis 1615. Sie soll möglicherweise auf Handschriften von Columbus beruhen, dies konnte jedoch bis heute nicht bewiesen werden. Auf dieser Karte liegt Guanahani in den Zentral-Bahamas, also bei Watlings Island oder Samana Cay.

1.2 “El libro de la primera navegación”

Dieses Werk, auch das „Tagebuch des Columbus“ genannt, ist eine Zusammenfassung des Bordbuches, welches Columbus während seiner ersten Reise führte, oder zumindest der Barcelonaer Kopie davon.[4][5] Diese Zusammenfassung wurde von Las Casas verfasst, der über mehrere Wege an die Vorlage gelangt sein konnte. Zum einen war er ein guter Freund sowohl Diego als auch Fernando Colóns, so dass er mit Sicherheit Zugang zu den in ihrem Besitz befindlichen Dokumenten hatte, zum anderen lebte er für längere Zeit in dem Dominikanerkloster in Sevilla, in dem die Bibliothek Fernando Colóns aufbewahrt wurde. Je nachdem, wo sich das Bordbuch zu der Zeit tatsächlich befand, hatte Las Casas die Möglichkeit, es für seine Forschung zu nutzen. Genaue Angaben zu seinen Quellen wurden von ihm jedoch nie gemacht.

Die entscheidenden Stellen der Beschreibung des Landfalls in dem Tagebuch sind in der ersten Person geschrieben, was die Vermutung nahe legt, dass er Columbus Eintragungen originalgetreu abgeschrieben hat. Trotzdem lassen sich über die Qualität seiner Zusammen-fassung nur Vermutungen anstellen. Berücksichtigt man die Tatsache, dass Las Casas eigene geographische Kenntnisse der Neuen Welt hatte, viele Teilnehmer der ersten Reise persönlich kannte und zu vielen relevanten Dokumenten Zugang hatte, kann man von einer relativ fehlerfreien und wahrheitsgetreuen Wiedergabe des Bordbuchinhalts ausgehen.

Um einen Überblick über die für die Landfallkontroverse relevanten Übersetzungen und Editionen des „Diario“ zu erhalten ist im Anhang ein Übersetzungsstemma enthalten.

1.3 “Historia de las Indias”

Die „Historia de las Indias“, das große und bekannte Werk von Las Casas über das Schicksal der indigenen Bevölkerung der neu entdeckten Gebiete, enthält viele Informationen über Columbus Aktivitäten in der Bahamas-Region. Es wurde zwischen 1527 und 1539 geschrieben und beruht zum großen Teil auf Las Casas Nachforschungen in der Bibliothek des Klosters San Pablo. Es ist also möglich, dass dieses Werk in den für den Landfall relevanten Stellen nur auf dem Tagebuch beruht, oder nur auf dem Bordbuch, oder auch auf beiden Quellen. Festzustellen ist aber, dass in der „Historia“ nur zwei Unterschiede zu den Angaben des Tagebuchs für den Zeitraum 11. Oktober 1492 bis 16. Januar 1493 zu finden sind:

Der erste besagt, dass die Landfallinsel 15 Leguas lang sei, was ebenfalls in der Biographie Fernando Colóns zu lesen ist, der zweite bezieht sich auf eine Textpassage, die aussagt:

1) That in sailing from Island III (Fernandina) to Island IV (Saometo), Columbus returned in the way from which he had come; and 2) in so doing, he came closer to Island I (Guanahani) (Pickering, Keith A.: The Columbus Landfall Homepage) .

Bei der Quellenbewertung der Historia ist auf jeden Fall kritisch anzumerken, dass Las Casas 1563, also noch drei Jahre vor seinem Tod mit 92 Jahren, Änderungen an ihr vorgenommen hat. Bedenkt man, in welcher körperlichen und geistigen Verfassung er zu diesem Zeitpunkt gewesen sein mag und welche lange Zeitspanne vom Erleben der geschilderten Ereignisse bis zu ihrer endgültigen Niederschrift, nämlich über 50 Jahre, dazwischen liegen, spricht dies nicht für eine originalgetreue, objektive und umfassende Wiedergabe der Geschehnisse. Interpretiert man in diesem Kontext die bereits erwähnte Widerspruchsfreiheit zwischen beiden Werken, so ergeben sich zwei möglich Schlüsse:

a) Wurden beide Texte unabhängig voneinander mit jeweils dem Bordbuch als Vorlage geschrieben, deutet dies auf eine hohe Übereinstimmung und Wahrheitsgehalt gegenüber den tatsächlich in der Vorlage enthaltenden Informationen hin, da sie praktisch zweimal verifiziert wurden.
b) Die „Historia“ benutzte das Tagebuch und nicht das Bordbuch als Vorlage. In diesem Fall lassen sich kaum Aussagen über den Wahrheitsgehalt oder Qualität beider Werke treffen, da sie in den relevanten Stellen identisch sind. Die zwei Abweichungen könnten dann auf subjektive Erinnerungen oder einem Vergleich mit dem Bordbuch hindeuten.

Die Ehrlichkeit von Las Casas wird heute nur noch von wenigen Experten angezweifelt. Überprüfbare geographische Angaben in seinen Werken konnten bislang alle bestätigt werden. Die gegen ihn vorgebrachte Argumente, er habe Längenangaben des Bordbuches bewusst falsch wiedergegeben, konnten bislang nicht ausreichend belegt werden.

1.4 „Historie del S. D. Fernando Colombo“

Eine andere Quelle, die Historie del S. D. Fernando Colombo , welche jenes Ereignis beschreibt, stammt von Columbus’ zweitältesten Sohn Fernando Colón. Seine Biographie über den berühmten Vater wurde ungefähr um 1537-39 geschrieben und enthält teilweise sehr ähnliche Beschreibungen des Landfalls wie sie in Las Casas Werk zu finden sind. Dies deutet darauf hin, dass beide die gleiche Vorlage hatten, nämlich das originale oder kopierte Bordbuch. Kritiker behaupten, dass Las Casas selbst die Biographie verfasst und Fernando sie unter seinem Namen veröffentlicht hätte, da es ein bloßes Plagiat der „Historia“ zu sein scheint.[6] Der umgekehrte Fall wäre jedoch auch denkbar, da nicht gesichert ist, welches Werk zuerst erschien.

Eine andere Theorie geht von dem Sohn des Bruders Fernandos, Luis Colón, aus. Er hatte Zugang zu der umfangreichen Bibliothek seines Onkels nach dessen Tod und könnte der Urheber des Werkes sein, um so mit dem bekannten Namen Geld zu verdienen. Darauf deutet die Qualität des Werkes hin, die weit hinter den Möglichkeiten des gebildeten und sorgsamen Historikers Fernando mit seiner großen Bibliothek zurückbleibt. Zudem existieren von der „Historie“ mehrer Versionen, die alle nicht vollständig zu sein scheinen. Sie enthalten jedoch Informationen über den Landfall, die nicht im Tagebuch Las Casas erwähnt sind oder davon abweichen. Die Landfallinsel ist nach deren Angaben 15 Leguas statt nur 10 lang und die Küstenlinie der zweiten Insel beträgt fünf Leguas in nord-südliche Richtung und 10 Leguas in ost-westliche Richtung.

[...]


[1] © 1997-2000 by Keith A. Pickering

[2] Besser bekannt als “Diario de Colon” oder nur “Diario”

[3] Fast vollständiger Titel: “Historie del S. D. Fernando Colombo; nelle quali s’ha particolare, & vera relatione della vita, & de’ fatti dell’Ammiraglio D. Cristoforo Colombo, suo padre ...”

[4] Siehe Robert H. Fuson: “The Diario de Colón: A Legacy of Poor Transcription, Translation, and Interpretation” in De Vorsey, Louis, Jr., and John Parker, Wake of Columbus.

[5] Siehe Oliver Dunn: „Columbus’s First Landing Place: The Evidence of the Journal“ in De Vorsey, Louis, Jr., and John Parker, Wake of Columbus.

[6] Vgl. Robert H. Fuson: “The Diario de Colón: A Legacy of Poor Transcription, Translation, and Interpretation” in De Vorsey, Louis, Jr., and John Parker, Wake of Columbus.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die Landfallkontroverse
Hochschule
Universität Mannheim  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar: Die Reisen des Columbus
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
32
Katalognummer
V8071
ISBN (eBook)
9783638151511
Dateigröße
677 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Columbus, Kolumbus, Landfall, San Salvador, Guanahani
Arbeit zitieren
Nils Dressel (Autor), 2002, Die Landfallkontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8071

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Landfallkontroverse


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden