Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1: Einführung
1.1 Was sind „Sprachgesellschaften“?
1.2 Ziel und Vorgehensweise der Hausarbeit

2: Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts
2.1 Die Bedeutung der deutschen Sprache im 17. Jahrhundert
2.2 Das Auftreten der Sprachgesellschaften
2.3 Vorbilder der Sprachgesellschaften
2.4 Ziele der Sprachgesellschaften
2.5 Begründungsstrukturen der Sprachgesellschaften
2.6 Das Vorgehen der Sprachgesellschaften
2.7 Wirkung und Beurteilung der Sprachgesellschaften

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

Kapitel 1: Einführung

1.1 Was sind „Sprachgesellschaften“?

Unter Sprachgesellschaften versteht man ganz allgemein Zusammenschlüsse, die sich mit Sprache beschäftigen; der Terminus wurde 1697 von Leibniz geprägt.[1] Die verschiedenen Aktivitäten, oftmals unter dem Begriff „Sprachpflege“ zusammengefasst, können unterschiedliche Formen annehmen. Die meisten Tätigkeiten lassen sich in die drei wesentlichen Forschungsfelder Sprachstruktur, Sprachkritik und Sprachanwendung unterteilen. Grundlage der Sprachgesellschaften ist die Annahme, dass Sprache nicht als isoliertes Mittel der Kommunikation anzusehen ist, sondern auch stets als Träger kultureller, politischer und gesellschaftlicher Werte fungiert.

Vereinigungen und Institutionen, auf die diese Merkmale zusammentreffen, hat es in den letzten Jahrhunderten immer wieder gegeben; gehäuft traten sie im Barock des 17. Jahrhunderts, zur Zeit der Romantik Ende des 18. Jahrhunderts und schließlich mit dem Nationalismus Anfang des 20. Jahrhunderts auf. In der Forschung ist es heute üblich, mit dem Begriff der „Sprachgesellschaften“ die Vereinigungen des Barocks zu bezeichnen; in den anderen Fällen spricht man dagegen von „Einrichtungen zur Sprachpflege“[2].

1.2 Ziel und Vorgehensweise der Hausarbeit

Diese Hausarbeit möchte einen Überblick über die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts geben. Dabei wird der Schwerpunkt auf allgemeine Merkmale und Kennzeichen der Bewegung gelegt; Aspekte, die speziell für einzelne Sozietäten gelten und nicht repräsentativ sind, werden weitestgehend außer Acht gelassen.

Zunächst soll in einem ersten Abschnitt die Situation und der Status der deutschen Sprache zu Beginn des Jahrhunderts dargestellt werden, da hier der Ausgangspunkt zu den Gründungen der Sprachvereine liegt. Besondere Berücksichtigung werden dabei die lateinische Gelehrtensprache des Humanismus und das sog. Alamodewesen der Adelsgesellschaft finden; beides hat maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Muttersprache jener Zeit.

Im folgenden Absatz wird der Blick auf die Entstehung und Entwicklung der Sprachgesellschaften geworfen. Dabei wird deutlich werden, dass sie kein isoliert auftretendes Phänomen sind, sondern einer Bewegung angehören, die weite Teile des deutschen Kulturlebens des 17.Jahrhunderts erfasst, dem sog. „Kulturpatriotismus“. In diesem Abschnitt werden die wichtigsten deutschen Sprachgesellschaften vorgestellt und ihr institutioneller Rahmen genauer dargestellt. Eine besondere Bedeutung wird dabei den Mitgliedern der Vereinigungen zugewiesen und ihr sozialer, religiöser und wirtschaftlicher Status genauer betrachtet; in diesem Zusammenhang wird sich dann auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Adel und Bürgertum stellen.

Ziel des darauf folgenden Abschnitts ist die Suche nach Vorbildern, an denen sich die Sozietäten sowohl institutionell als auch in der konkreten Arbeit orientieren. Dazu muss der Blick unweigerlich ins europäische Ausland geworfen werden, insbesondere nach Italien und in die Niederlande, wo ähnliche Einrichtungen bereits längere Zeit existieren. Allerdings sollen auch mögliche deutsche Vorbilder in Betracht gezogen werden, wobei man bereits an dieser Stelle vorausgreifend sagen kann, dass hier kein besonders großer Einfluss festzustellen ist.

Die nächsten Abschnitte wenden sich dann weniger den Sprachgesellschaften als Institutionen als vielmehr ihrer Arbeit zu; dabei sollen zunächst die Absichten dargelegt werden, die sie mit dieser zu erreichen suchen. Im Wesentlichen sind es zwei Ziele, denen sich alle deutschen Sprachgesellschaften widmen, nämlich der Pflege der deutschen Sprache und die Erhaltung der deutschen Tugend; in der Arbeit werden diese sehr abstrakten Ziele dann weiter differenziert und die Schwerpunkte der einzelnen Sozietäten benannt.

Daran anschließend werden verschiedene Begründungsstrukturen erläutert, mit denen die Sprachgesellschaften ihre Ziele legitimieren; dabei wird deutlich werden, dass die Orientierung an die Bibel in der Arbeit der Gesellschaften von großer Bedeutung ist. Im folgenden Abschnitt wird dann beschrieben werden, wie die Mitglieder der Gesellschaften die konkrete Verwirklichung ihrer Ziele versucht haben; dabei wird die Vielseitigkeit der Spracharbeit genauso deutlich werden wie die Tatsache, dass es innerhalb der Vereinigungen auch zu Radikalisierungen kommt.

Abschließend soll der Blick auf die Wirkung der Gesellschaften geworfen werden; dabei sollen sowohl die Quantität als auch die Qualität beurteilt werden und ebenfalls verschiedene Meinungen der Forschung zu den Sozietäten dargestellt werden.

Kapitel 2: Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts

2.1 Die Bedeutung der deutschen Sprache im 17. Jahrhundert

„Was die Teutsche Schreibkunst belanget, machens die Gelehrten alle tag anders und anders. Dazu hat ein jedes Land sein eigen art und Spraach.“[3] Dieses Zitat verdeutlicht die Situation der deutschen Sprache im 17. Jahrhundert. Diese ist umso erstaunlicher, da bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts Martin Luther Bestrebungen zu einer standardisierten neuhochdeutschen „Einheitssprache“ unternommen hat; erkennbar sind diese dabei nicht nur an seiner Bibelübersetzung in die deutsche Sprache, bei der er von lateinischen Strukturen Abstand nimmt und dem Prinzip „Sinn für Sinn“ folgt, sondern auch in mehreren seiner Schriften, vor allem in den sog. „Tischreden“.[4]

Auf Grund Luthers Verdienste um die deutsche Sprache erscheint es geradezu als Ironie des Schicksals, dass durch die von ihm in Gang gesetzte Reformation eben jener von Henricus Caninius in seiner „Orthographia Germanica“ geschilderte Sprachzustand eintritt. Denn durch die Reformation gerät Deutschland in einen Zustand der Erstarrung und der Isolation: Zwar findet die Reformation auch in den anderen Ländern Europas statt, dort kommt es allerdings zu schnellen Ergebnissen: Während auf der einen Seite die Reformation in der Schweiz, den Niederlanden und England einen Sieg davonträgt, setzt sich auf der anderen Seite in Frankreich, Italien, Spanien, Polen und Ungarn die Gegenreformation durch. Es herrschen somit nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder klare Machtverhältnisse. In Deutschland hingegen kommt es zu einer Pattsituation zwischen Reformation und Gegenreformation, die zu einer bürgerkriegsähnlichen Lage führt, die bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts dauert und schließlich im 30jährigen Krieg mündet. In dieser Atmosphäre ist es dem deutschen Reich nicht möglich, der Entwicklung der anderen europäischen Staaten auch nur annähernd zu folgen: Statt einem starken Nationalstaat herrscht Kleinstaaterei, und das Reich wird geistig und politisch immer weiter zurückgeworfen.[5] An die Entwicklung einer einheitlichen Hochsprache ist unter diesen Unständen kaum zu denken, und auch eine deutsche Literatur im heutigen Sinne existiert nicht.[6]

Allerdings besteht das Problem nicht nur darin, dass die Entwicklung einer Hochsprache stagniert; die deutsche Muttersprache läuft sogar Gefahr, durch andere Sprachen verdrängt zu werden. Das Deutsche wurde im Laufe der Zeit immer wieder den Einflüssen anderer, meist romanischer Sprachen ausgesetzt: Bereits in der Spätantike kommt es durch die römische Besatzung zur unmittelbaren Berührung mit dem Lateinischen, in deren Folge zahlreiche Wörter in die deutsche Sprache entlehnt werden. Ein solcher Sprachkontakt ist an sich nichts ungewöhnliches und bereichert eine Sprache vielmehr, da dabei oftmals Begriffe übernommen werden, für die die eigene Sprache noch keine eigene Bezeichnungen hat. Weitere Entlehnungen diesen Charakters findet man dann beispielsweise auch am Ende des Mittelalters im Bereich des Handels aus dem Italienischen wieder: Kaufmännische Fachausdrücke müssen gefunden und neuartige, bis dahin unbekannte Waren bezeichnet werden; da bietet es sich an, sich an fortschrittlicheren Kulturen zu orientieren, in diesem Fall an der Stadt Venedig. Solche „notwendigen“ Entlehnungen zeichnen sich meist dadurch aus, dass sie entweder „übersetzt“ oder phonetisch und grammatikalisch der deutschen Sprache angepasst werden.[7]

Problematischer ist da schon die Wirkung des Lateinischen zur Zeit des durch das Bildungsbürgertum getragenen Humanismus: Die Beschäftigung mit dem (hauptsächlich römischen) Kulturgut der Antike bringt eine Begeisterung für die lateinische Sprache, die soweit führt, dass Schüler dazu angehalten werden, auch außerhalb der Schulen untereinander Latein zu sprechen.[8] Die deutsche Sprache verliert an Bedeutung und Eigenständigkeit; deutlich wird dies an einer Aussage Conrad Celtis, der ausdrücklich eine Abkehr von der Muttersprache fordert: „[…] legest ab der Ungebildeten Redeweise, Klang und Worte auch deiner Muttersprache, Laut der Barbaren. Mit der Römer Sprache erwirbst du schon dir, schöne Zier, Zudem der feinen Bildung“[9]. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Celtis seinem deutschen Namen „Konrad Pickel“ eine lateinische Namensversion vorzieht. Letztlich führt der Latein-Enthusiasmus der Humanisten nicht nur dazu, dass wissenschaftliche Schriften zunehmend latinisiert werden; durch die bewusste Nachahmung der lateinischen Syntax wird sogar die deutsche Grammatik verändert. Ein bis heute erhaltenes Ergebnis dieses Vorgangs ist beispielsweise der substantivierte Infinitiv.[10]

Besonders deutlich wird die Wirkung des Lateinischen auch am Beispiel der Kanzleisprache: Schon im 14. Jahrhundert hatte sich hier die deutsche Sprache durchgesetzt, und ihr Stil galt als vorbildlich; durch den lateinischen Einfluss, der durch die juristischen Fakultäten der Universitäten erfolgt, entsteht eine lateinisch-deutsche Mischsprache, deren Auswirkungen noch bis heute im Amtsdeutsch zu finden sind und nicht gerade positiv anzusehen sind.[11]

Insgesamt lässt sich sagen, dass in diesem Fall aufoktroyierten Sprachkontakts die Wirkung für die deutsche Sprache negativ ist; entsprechend wertet Friedrich Kluge den deutschen Humanismus als „gefährlichsten Feind der nationalen Bildung und eines […] Fortschritts“[12].

Eine ähnliche Situation ergibt sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit dem Einsetzen des „Alamodewesen“, welches so extreme Züge annimmt, dass sich Deutschland zur „kulturell[en] und sprachlich[en] […] Provinz Frankreichs“[13] entwickelt. Unter dem „Alamodewesen“ versteht man die übertriebene Ausrichtung des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens an der höfisch-galanten Lebensweise des französischen Königshofes von Versailles; dem Alamodewesen gehören sowohl Adel als auch das Bildungsbürgertum an.[14] Hintergrund dieser totalen Orientierung an der französischen Kultur sind die bereits oben erwähnten Auswirkungen der konfessionellen Wirren, die die Ausbildung einer eigenständigen deutschen Kultur nicht zulassen.

Dabei erscheint der französische Einfluss für den Bestand der deutschen Sprache noch gefährlicher zu sein als im Humanismus das Lateinische; Hintergrund dieser Einschätzung ist die Tatsache, dass das Französische „nicht auf gelehrte Schulen und Wissenschaft beschränkt“[15] ist, sondern sehr viel vielfältiger wirkt: Fürsten benutzten die französische Sprache als Ausdruck ihrer modernisierten Souveränitätsauffassung, der Adel befriedigt seinen „Konsumzwang“ im merkantilistisch fortschrittlicheren Frankreich, Gelehrte unternehmen Bildungsreisen nach Frankreich, der Adelnachwuchs besucht sog. „Ritterakademien“ in Frankreich und der normale Bildungsbürger studiert an den französischen Universitäten, v. a. in Paris.[16] Auf der anderen Seite werden an den deutschen Höfen Hauslehrer zur Vermittlung der französischen Sitten und Bräuche angestellt, und auch die aus Frankreich emigrierten Hugenotten verbreiten ihre französische (Sprach-)Kultur an den deutschen Höfen.[17]

Als Folge herrscht in Deutschland eine komplementäre Dreisprachigkeit: Sprache des Hofes und der bürgerlichen Oberschicht ist das prestigeträchtige Französisch. Sprache der Bildung und Wissenschaft ist das Lateinische, das jedoch nach und nach – zumindest in einigen Wissenschaftsdisziplinen – durch das Französische abgelöst wird.[18] Das Deutsche gilt als Sprache des Militärs und des Pöbels und hat somit von den drei Sprachen die geringste Bedeutung; deutlich wird das auch im Mediengebrauch: immerhin zehn Prozent der Bücher und drei Prozent der Zeitungen erscheinen ausschließlich in französischer Sprache; allein 19 verschiedene Zeitungen in Berlin waren Französisch.[19]

Mit dem Ausbruch des 30jährigen Krieges nimmt die Verfremdung der deutschen Sprache weiter zu: Die Teilnahme verschiedenster Söldnertruppen aus fast allen Ländern Europas hinterlässt ihre Wirkung; es kommt zur sog. „Sprachmengerey“, die sich durch beliebige lexikalische Interferenzen auszeichnet: Die deutsche Sprache wird zum Spielball zwischen den Einflüssen verschiedenster sprachlicher Eindrücke und erreicht einen Status der Beliebigkeit. Weiter gefördert wird diese Tendenz durch die Bevölkerungsentwicklung im deutschen Reich im Anschluss nach dem Krieg: Weil in manchen Gebieten bis zu zwei Drittel der Bevölkerung Opfer des Krieges wurden, müssen diese in den Jahren nach dem Krieg neu „bevölkert“ werden; dies geschieht vor allem durch die Ansiedlung religiös Vertriebener aus den verschiedensten Teilen Europas. Hinzu kommen zahlreiche Söldner, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren, sondern sich in Deutschland niederlassen. Da diese aus äußerst heterogenen Kulturen stammen, wirkt sich diese „Völkervermischung“[20] ebenfalls massiv auf die Sprache aus.[21]

2.2 Das Auftreten der Sprachgesellschaften

Bereits früh erkennen zahlreiche Wissenschaftler diese fatale Entwicklung und warnen vor ihr; als Beispiel wäre hier Georg Forberger zu nennen, der bereits Mitte des 16. Jahrhunderts darauf hinweist, dass die deutsche Sprache mehr gepflegt und in der Schule geübt werden sollte. In gleicher Weise sind vereinzelte Übersetzungen zu deuten, die sich bewusst von lateinischen Strukturen lösen: Statt der von den Humanisten empfohlenen strengen Orientierung an Wort- und Satzbildung des lateinischen Vorbildes begnügen sie sich damit, lediglich leicht fassbar den Sinn des Ursprungtextes wiederzugeben.[22]

Mit dem Einsetzen des Alamodewesens zu Beginn des 17. Jahrhunderts wird die Kritik am Umgang mit der deutschen Sprache immer deutlicher; so fordert Hermann Fabronius in seinem Traktat „Wieder die Vermengung der Teutschen sprache“: „Wie würdts stehn, wan der Frantzos […] In ihrer mutter sprach einzumengen Teutsche wort: Bey ihn ist solches unerhort. […] Sprechst, wie dein grosvater gredt hatt“[23]. Und während einerseits ein Großteil der Adelsgesellschaft dem Alamodewesen immer weiter huldiget, finden sich auf der anderen Seiten immer mehr Angehörige im Bürgertum, die sich der Kritik anschließen, so dass sich im frühen 17. Jahrhundert eine regelrechte Bewegung entwickelt, die eine bewusste Kultivierung der deutschen Kultur zum Ziel hat.[24]

Dabei beschränkt sich die Kritik nicht einzig auf die Sprache, sondern auf den gesamten Kulturbereich; oftmals wird in der Literatur in diesem Zusammenhang auch von einem „Kulturpatriotismus“ gesprochen. Es kommt nach und nach zur institutionellen Organisation der Bewegung, eine Vielzahl von Sozietäten entstehen. Diese sind „als Agenturen eines generellen Bildungsprogramms zu verstehen, gleich ob die Einzelsozietät mehr poetische, linguistische, religiöse, ‚tugendliche’, ritterliche oder auch naturwissenschaftliche Aufgaben wahrnimmt“[25]. Eine Unterscheidung der einzelnen Vereinigungen ist auf Grund ihrer Vielzahl und Vielfalt äußerst schwierig; fast alle Sozietäten verfolgen unterschiedliche Ziele.[26] Dennoch kann man zwischen einigen Gesellschaften eine gewisse Nähe feststellen; zu diesen gehören auch jene, die man gemeinhin als „Sprachgesellschaften“ bezeichnet. Darunter versteht man jene Sozietäten, die ihr Hauptaugenmerk auf die Spracharbeit gerichtet haben. Dieser gemeinsame Nenner schließt jedoch weder einen teilweise kontroversen Sprachumgang noch die Beschäftigung mit anderen Themen aus. Die erste bedeutende deutsche Sprachgesellschaft ist die 1617 durch Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen in Weimar gegründete „Hochlöbliche Fruchtbringende Gesellschaft“, die mit über 890 Mitgliedern zugleich die größte Sozietät dieser Art darstellt. Weitere vier Sozietäten werden zum Kernbestand der Sprachgesellschaften gezählt, nämlich die „Aufrichtige Tannengesellschaft“ (1633, Straßburg), die „Deutschgesinnte Genossenschaft“ (1642, Hamburg), der „Pegnesische Blumenorden“ (1644, Nürnberg) und der „Elbschwanenorden“ (1658, Hamburg). Diese Gruppe von Gesellschaften wird gelegentlich um drei bis vier Namen erweitert, doch können diese aus der Forschung weitestgehend ausgeklammert werden, da sie in der Regel nur kurz existieren und auch keine (bis heute bekannten) nennenswerte Beiträge zur Spracharbeit liefern.[27]

Interessant ist ein Blick auf die Personengruppen, die den Sprachgesellschaften angehören: Formal gesehen ist jedem, der der deutschen Sprache mächtig ist, der Beitritt zu einer solchen Vereinigung möglich; um mögliche Standesgrenzen innerhalb der Sozietäten auszuklammern, erhält jedes Mitglied einen „Gesellschaftsnamen“, unter dem die einzelnen Gesellschafter dann korrespondieren.[28] In der Realität lässt sich jedoch feststellen, dass die meisten Mitglieder aus dem Bürgertum stammen; Angehörige der Adelsschicht finden sich nur selten und greifen kaum in die Spracharbeit ein.[29] Diese Ansicht wird durch eine Analyse der Mitgliederverzeichnisse bestätigt, wonach die Anzahl der adeligen Mitglieder in keiner Sprachgesellschaft bei über 15 Prozent liegt; meist sind die wenigen Aristokraten zudem noch dem niederen Adel zuzurechnen; die Straßburger „Tannengesellschaft“ verzeichnet sogar ein rein bürgerliches Publikum.[30] Vielfach wird in der Forschung darin ein Zeichen der Herausbildung eines frühen bürgerlichen Selbstbewusstseins gesehen; im Gegensatz zu späteren Emanzipationsbestrebungen mit antiaristokratischen Zügen im 18. Jahrhundert geschieht dies in den barocken Sozietäten jedoch unter Anerkennung der Machtverhältnisse und der führenden Rolle des Adels.[31]

[...]


[1] Vgl. Polenz, S. 115f.

[2] Vgl. Gardt, S. 332.

[3] Caninius lt. Straßner, S. 65.

[4] Vgl. Ahlzweig, S. 39f.

[5] Vgl. Engels, S. 1ff.

[6] Vgl. Engels, S. 13.

[7] Vgl. Schultz, S. 1.

[8] Vgl. Straßner, S. 33.

[9] Schnur, S, 46f.

[10] Vgl. Biener, S. 74f.

[11] Vgl. Straßner, S. 35.

[12] Kluge, S. 19.

[13] Wolff, S.49.

[14] Vgl. Polenz, S.5ff.

[15] Langen, S. 1019.

[16] Vgl. Schultz, S. 4f.

[17] Vgl. Polenz, S. 63f.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. Polenz, S. 69f.

[20] Schultz, S. 14.

[21] Vgl. Engels, S. 6f.

[22] Vgl. Straßner, S. 41

[23] Fabronius lt. Straßner, S. 77.

[24] Vgl. Polenz, S. 107.

[25] Berns, S. 55.

[26] Vgl. Blume, S.39.

[27] Vgl. Otto 1972, S. 9.

[28] Vgl. Stoll, S. 10f.

[29] Vgl. Roelcke, S. 143.

[30] Vgl. Otto 1978, S. 151f.

[31] Vgl. Gardt, S. 336.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Trier  (Germanistische Linguistik)
Veranstaltung
Martin Luther und die deutsche Sprache
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V80790
ISBN (eBook)
9783638871723
ISBN (Buch)
9783638871730
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachgesellschaften, Jahrhunderts, Martin, Luther, Sprache
Arbeit zitieren
Christoph Baldes (Autor), 2005, Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80790

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