Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und seine fragwürdige Behandlung durch Methylphenidat

Karriere einer Störung


Hausarbeit, 2005
30 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Hinführung zur Thematik

2. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und seine möglichen Behandlungsalternativen
2.1. Beleuchtung des Krankheitsbildes
2.2. Typische Verhaltensweisen
2.3. Diagnostik
2.4. Behandlung
2.4.1. Alternativen zur medikamentösen Behandlung durch Methylphenidat
2.4.2. Medikamentöse Behandlung durch Methylphenidat

3. Mögliche Ursachen des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms

4. Pro und Kontra der medikamentösen Therapie mit Methylphenidat (Ritalin)
4.1. Die Karriere einer Störung
4.2. Gebrauch oder Missbrauch der umstrittenen Substanz Methylphenidat?
4.3. Nebenwirkungen der Therapie mit Methylphenidat
4.4. Suchtpotential
4.5. Aktuelle Diskussion
4.6. Zusammenhang des Ritalin-Konsums mit dem weltweiten Trend zum Gehirn-Doping

5. Resümee

Quellenverzeichnis

Vorbemerkung

Im Fokus dieser Studienarbeit stehen das A ufmerksamkeits- D efizit- S yndrom (ADS) sowie die problemreichen Folgen und Umstände dieser immer häufiger diagnostizierten Krankheit. Um die gegenwärtige Konfliktsituation zu verstehen, wird auch auf das Krankheitsbild näher eingegangen. Meist ist in der Literatur von Kindern als Patienten die Rede, aber auch Erwachsene sind immer häufiger betroffen. Scheinbar wurde jedoch dieser Tatsache bislang wenig Aufmerksamkeit in der Forschung geschenkt. Die spezielle Therapie für Erwachsene mit diagnostiziertem ADS wird in der folgenden Arbeit nicht weiter behandelt, da Erwachsene im Gegensatz zu Kindern selbst entscheiden können, ob sie zur Pille greifen oder nicht. Somit entsteht der Konflikt durch eine medikamentöse Behandlung erst einmal nur für Kinder, sie müssen eine Therapie annehmen, wie sie ihnen gegeben wird. Sie können das Ausmaß der Situation oft nicht verstehen und sind abhängig vom Vertrauen auf Erwachsene.

Schätzungen vom ADS - Bundesverband zufolge leiden 5-10% aller Kinder unter dieser Störung. Zahlenangaben von Betroffenen variieren und sind auch im Kontext der jeweiligen Position zu betrachten. Darum distanziere ich mich in dieser Arbeit vor exakten Zahlenangaben, da diese ebenso wie Begriffe und Abkürzungen für ein und dasselbe Syndrom von Autor zu Autor differieren und vom Erscheinungstermin des Druckwerkes abhängig sind. Einige Autoren in der Literatur sprechen nur vom Problem der Hyperaktivität, meinen damit aber generell das Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom ADS bzw. kürzen deshalb mit ADHS ab (wobei der Buchstabe „H“ für Hyper­aktivität steht). Um Verwirrungen zu vermeiden, soll in diesem Kontext ausschließlich die Abkürzung ADS verwendet werden, die dann auch das Symptom der Hyperaktivität beinhaltet.

Aufgrund der stark steigendenden Zahl der ADS-Neuerkrankungen und einem damit einhergehenden, ebenfalls zunehmenden Medikamentengebrauch ist die Thematik dieser Arbeit sehr aktuell und liefert viel Zündstoff für öffentliche Diskussionen. In der gängigen Literatur werden meist nur das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom erläutert und Hilfen für den Umgang mit Erkrankten gegeben. Da sich aber die Informationen über ADS in den meisten Büchern gleichen, bezieht sich diese Arbeit größtenteils auf „Das ADS-Buch - Neue Konzentrations-Hilfen für Zappelphilippe und Träumer“ von Elisabeth Aust-Claus und Petra Marina Hammer. Darüber hinaus sollen vermehrt Informationsquellen aus dem Internet genutzt werden, weil die Pro-und-Kontra-Positionen dieses Mediums viel aktueller sind. So ist sich die Wissenschaft etwa in den Fragen, ob ADS überhaupt existiert bzw. wenn, um welche Störung es sich handelt, noch sehr uneinig.

Schließlich wird der meiner Meinung nach fragwürdige Umgang mit der leistungssteigernden Substanz Methylphenidat, welche bei ADS verabreicht wird, eingehender betrachtet. Fraglich ist in diesem Zusammenhang, ob es sich dabei oft nicht eher um den weltweit zunehmenden Trend des „Gehirn-Dopings“ handelt und ob somit nicht ein zusätzliches ethisches Dilemma hervorgerufen wird.

1. Hinführung zur Thematik

ADS in Kombination mit Fehldiagnosen und unzureichender Behandlung kann zu diversen Beeinträchtigungen im Alltag und in der Entwicklung eines Individuums führen. Die Probleme sind von Person zu Person unterschiedlich und es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, auf alle näher einzugehen. Im Folgenden sollen daher zentrale Dilemmata beschrieben werden, die nach umfassender Erörterung die Frage eines Medikamenten­missbrauchs durch Ritalin oder ähnliche Substanzen beantworten könnten.

Aspekte des Dilemmas für ADS-Betroffene: Bei einigen Menschen wird die Störung zu spät oder gar nicht diagnostiziert, andere unterliegen der Gefahr einer Fehldiagnose. Sehr viel mehr Kinder als noch vor einigen Jahren bekommen heute das berühmte Medikament Ritalin schneller und ohne ausreichende psychologische Unterstützung verabreicht. Obwohl Langzeitfolgen bzgl. des Hirnentwicklungsprozesses noch nicht ausreichend vorliegen und Untersuchungen über Nebenwirkungen zu einseitig und kurzfristig sind, belegen Zahlen der Pharmaindustrie und das Ausmaß der Rezeptverschreibungen einen weltweit steigenden Konsum.

ADS ist keine Frage des Charakters, jedoch werden Verhaltensweisen in der Realität häufig als eine solche beantwortet. Oftmals werden Kinder aufgrund von Vorurteilen missverstanden, als Folge wird falsch auf sie eingegangen. Sie erfahren Ablehnung, weil viele Menschen, mit denen sie täglich zu tun haben, noch zu wenig über dieses Syndrom wissen. Dies erzeugt einen enormen Leidensdruck, der meist zwangsläufig zu täglichen Konflikten mit Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen führt. Blickt man aber hinter die auffällige Fassade von ADS-Kindern, offenbart sich häufig ein hohes Ausmaß an Intelligenz und Kreativität. Sie werden im Alltag oft unterschätzt und können so nicht zeigen, zu welchen Leistungen sie eigentlich fähig wären. Dieses Problem hat eine Lernschwäche zur Folge, es entwickelt sich eine negative Erfahrungsspirale. Erfolgserlebnisse oder kleine Etappensiege bleiben aus, Misserfolge häufen sich. Die Betroffenen verlieren täglich mehr an Selbst­be­wusstsein. ADS ist deshalb sicherlich „kein Erziehungsfehler und keine gewollte Marotte der Kinder“ (Das ADS-Buch, S. 27).

Leider kann festgestellt werden, dass Kinder und Jugendliche jahrelang an den Auffälligkeiten von ADS leiden und ergebnislos Methylphenidat erhalten, ohne dass sie jemals eine geeignete psychotherapeutische Behandlung erfahren haben. Somit wird eine Dauereinnahme der Substanz in dem Irrglauben, nach anfänglichen Konzentrations­problemen in der Schule könnten nun auch chronische soziale Schwierigkeiten behoben werden, fortgesetzt.

Aspekte des Dilemmas für Eltern: Oft wird der Ruf nach einer strengeren Erziehung laut, da ihre Kinder nicht „normal und brav“ seien und wünschenswertes Verhalten zu selten zeigten. Vorurteile, Leidensdruck und Schuld­fragen seitens der Eltern runden das Dilemma ab. Sie wissen oft nicht mehr weiter, gleichzeitig wird ihnen der Vorwurf gemacht, ihre Erziehung sei ursächlich für ADS. Kommt dann noch Medikation ins Spiel, stoßen viele betroffenen Eltern auf Unverständnis und werden mit dem Vorwurf konfrontiert, sie wollten ihren Störenfried nur ruhig stellen. Entnervte, unverstandene und alleingelassene Eltern sind die Folge, deren Not oft verharmlost wird. Schließlich geraten sie in eine Situation, in der sie die Behandlung ihrer Kinder auf ethische Vertretbarkeit hin bewerten müssen. Eine Positionierung in dieser Frage scheint schwierig, ratlose Eltern stehen ihrem Kind und den Therapiemöglichkeiten hilflos gegenüber. Eine bessere Aufklärung würde große Entlastung für alle bringen. Die Eltern geraten in einen Rollenkonflikt, allerdings kann in den meisten Fällen davon ausgegangen werden, dass Eltern die Entscheidung für eine medikamentöse Therapie nicht leichtfertig oder unüberlegt treffen. Viele haben bis dahin eine Odyssee von Therapien hinter sich. Bis zur Verschreibung von Ritalin wurden einigen Familien schon viele fragwürdige Therapien zugemutet, andere Familien beklagen wiederum fehlende voran­gegangene Maßnahmen bzw. eine einhergehende Beratung über Therapiemöglichkeiten.

Aspekte des Dilemmas für Ärzte: Auch Mediziner, die aufgrund neuester Erkenntnisse der Hirnforschung gegen eine medikamentöse Behandlung argumentieren, erleben einen Rollenkonflikt. Sie können nicht ohne weiteres mit dem bloßen Verweis auf die Risiken von Ritalin eine Verschreibung ablehnen. Stattdessen müssen sie selbst hohe Aufklärungsarbeit leisten, damit unbefriedigte Eltern ihre gewünschten (und vom Facharzt verweigerten) Arzneimittel nicht über andere Ärzte, den Schwarzmarkt oder über (ausländische) Internet­apotheken beziehen.

Und diese Art der Beschaffung nimmt immer mehr zu. Menschen, die Stimulantien wollen, können diese so auch ohne Rezept erhalten. An dem ethischen Dilemma, ob man Kindern überhaupt und in solchem Ausmaß leistungssteigernde Mittel verabreichen darf, ändert dies freilich nichts.

2. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und seine möglichen Behandlungsalternativen

2.1. Beleuchtung des Krankheitsbildes

Die Aufmerksamkeitsstörung an sich ist nicht pathologisch, jeder Mensch ist ablenkbar. Bei ADS geht es um das Ausmaß einer Störung, sie spielt sich auf einer hohen Stufe der Selbstorganisation ab. Prof. Dr. du Bois vom Olgahospital in Stuttgart sieht in der Störung kein grundlegendes Defizit, „sondern eher ein in der psychischen und kognitiven Organisation sehr weit oben organisiertes Verhaltensmerkmal, eine dynamische Eigenart des Reagierens, die im Laufe der Entwicklung schließlich auch biologisch verankert wird (www.arte-tv.com/de). Er sieht in ADS eine schwer definierbare Störung, ganz anders als die Störung eines Leistungsdefizits, beispielsweise nach einem Schlaganfall. ADS zählt zu den Teil-Leistungsschwächen und gehört somit zu den Behinderungen. Nach dem ICD 10 - I nternational C lassification of D esease – ist das Syndrom eine „Verhaltens- und emotionale Störung mit Beginn der Kindheit und Jugend“. Hier wird es hyperkinetische Störung genannt.

Dem heutigen Kenntnisstand zufolge handelt es sich um eine Stoffwechselstörung im Frontalhirnbereich, um eine minimale Fehlsteuerung bei der Weiterleitung von Reizen. ADS ist außerdem eine neurobiologische Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, welche Mängel im Verhalten, im Lernverhalten und in der Entwicklung hervorrufen kann. Alle unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen haben ihren Ursprung in unserem Gehirn, sie sind das Produkt einer gut funktionierenden Teamarbeit unseres neuronalen Netzwerks. Alle Eindrücke von außen werden gefiltert, nach Wichtigkeit selektiert und nach Themengebieten sortiert. Danach werden sie zur Weiterverarbeitung an die „Spezialabteilungen“ geschickt. Menschen, die an ADS erkrankt sind, haben eine andere Art, Reize aus der Umwelt und Informationen jeglicher Art aufzunehmen, zu verarbeiten und abzuspeichern. Bei ihnen funktionieren die Aufnahmefilter für Informationen und die Teamarbeit in der Verarbeitungszentrale nicht optimal. Dies hat zur Folge, dass die an ADS leidenden Menschen anders als erwartet auf Anforderungen reagieren. Gezieltes Handeln wird dann zum Problem.

Durch Pannen und Umwege machen sie sich und ihrer Umwelt das Leben unnötig schwer und verlieren daher auch schneller als andere ihr Ziel aus den Augen, was sich für die Betroffenen leicht zu einem Teufelskreis entwickeln kann. Bei einer optimalen Wahrnehmungsverarbeitung sind alle Körperantennen genau justiert, bei diesem Syndrom funktionieren jedoch z.B. Sehen, Hören und Fühlen nicht einwandfrei, der Aufnahmefilter arbeitet nicht richtig und als Folge muss der Betroffene seine Umwelt ungefiltert erleben.

2.2. Typische Verhaltensweisen

Die typischen Verhaltensweisen von ADS-Kindern, also die Merkmale der Krankheit, kennt jeder – aber die wenigsten erkennen darin Symptome von ADS. Diese können sich u.a. durch Herumlaufen und Aufstehen während der Hausaufgaben, Redseligkeit, Umtriebigkeit, kaum ruhiges Spielen, vorherrschende Unaufmerk­samkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, Ausweg in die „Clownerei“ oder in aggressiv-provokantem Verhalten ausdrücken.

Als „Kinder die wollen - aber nicht können“ werden sie von Aust-Claus und Hammer (Das ADS-Buch, S.44) umschrieben. Es gibt zwei ADS-Typen, die „Zappelphilippe“ und die „Träumer“. Auch ein gemischter Subtyp ist möglich. Beide Typen stören sich und ihre Umwelt durch unkontrolliertes, unberechen­bares und impulsives Verhalten. Hyperaktive Kinder fallen durch motorische Unruhe auf. Träumer machen es den Bezugspersonen durch ihre ständige geistige Abwesenheit schwer, testdiagnostisch sind diese Patienten lethargisch. Sie haben eine größere Detailwahrnehmung, leiden aber ebenso unter leichter Ablenkbarkeit.

Das Ergebnis kann bei beiden Ausprägungen eine Entwicklungsverzögerung sein, auf die besonders eingegangen werden muss. Die meisten Kinder werden erst mit Beginn der Schulpflicht zum Problemkind er­klärt, etwa wenn sie im Unterricht auffällig werden und Lehrer vor eine große Herausforderung stellen.

Gemeinsam ist beiden Typen dieses Syndroms, dass ihr Alltag von Kommunikations­störungen und Missverständnissen geprägt wird. Bei beiden bedarf es einer Steuerung von Außen, die jedoch umstritten ist. Ähnlichkeiten der Probleme, verursacht durch die typischen Verhaltensweisen, sind vorhanden, sie ecken im Alltag an, ganz gleich ob sie zappeln oder träumen. Obwohl sie sich durchaus anstrengen, haben sie Schul- und Lernprobleme, welche ihre Lebenswelt nachhaltig negativ beeinflussen. Diese Kinder müssen öfter, länger und härter trainieren, ihre Intelligenz und Begabung in Erfolgserlebnisse zu transformieren. Beide Typen möchten ihr Bestes geben, was ihnen aber ohne Hilfe durch ihre Umwelt trotz eines oftmals überdurchschnittlich guten Intelligenzquotienten nicht gelingt.

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Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und seine fragwürdige Behandlung durch Methylphenidat
Untertitel
Karriere einer Störung
Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
30
Katalognummer
V80846
ISBN (eBook)
9783638879514
ISBN (Buch)
9783640874675
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Behandlung, Methylphenidat
Arbeit zitieren
Dipl.-Sozialpäd. (FH) Angela Gatscha (Autor), 2005, Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und seine fragwürdige Behandlung durch Methylphenidat , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80846

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