In der Arbeit geht es um die Kriminalwissenschaft nach 1945 und ihre Entwicklung in Wirtschaft und Politik. Meine Fragestellung greift das Anlage-Umwelt-Theorem auf und seine Verwendung nach dem Zweiten Weltkrieg. Im zweiten Themenkomplex sollen die Entwicklungen in der Wissenschaft verglichen werden mit dem Strafrecht um 1945 und den Reformen, die ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vermehrt angestrebt wurden. Angeknüpft an diese Thematik geht es um die Entwicklungen im deutschen Strafvollzug. Vor allem die biologischen Erklärungsmuster spielen noch bis in die 50er Jahre hinein eine wichtige Rolle für den Strafvollzug. In meinem Fazit geht es darum, Kontinuitäten oder Brüche nochmals zu thematisieren. Dabei soll die Frage im Vordergrund stehen, inwieweit alte Theorien weitergeführt wurden oder zu Teilen übernommen wurden. Welche neueren Ansätze lassen sich in der Kriminalpolitik finden und kommt es dadurch tatsächlich zu einem Paradigmenwechsel?
Inhaltsverzeichnis
1.0 Einleitung
2.0 Einblick in den wissenschaftlichen Diskurs
2.1 Biologische Erklärungsmuster
2.2 Psychologische Ansätze und Persönlichkeitstheorien
2.3 Soziale Theorien
2.4 Kontinuitäten und Entwicklungen nach 1945
3.0 Entwicklung des deutschen Strafrechts nach 1945
3.1 1945 – Ein Neubeginn?
3.2 Die ersten Schritte einer Reform
3.3 Die Große Strafrechtsreform 1969
4.0 Der Strafvollzug in der Krise
4.1 Der deutsche Strafvollzug um 1950
4.2 Wissenschaftlicher Diskurs über den Strafvollzug
4.3 Das Modell der Resozialisierung
5.0 Alte Deutungsmuster und neue wissenschaftliche Paradigmen. Ein Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der Kriminalpolitik in Deutschland nach 1945 unter besonderer Berücksichtigung des kriminologischen Denkens. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie das traditionelle Anlage-Umwelt-Modell die wissenschaftliche Diskussion und strafrechtliche Praxis beeinflusste, ob dieses Modell im Laufe der Zeit abgelöst wurde und welche Rolle der Resozialisierungsgedanke in der Reform des Strafrechts und des Strafvollzugs spielte.
- Entwicklung des Anlage-Umwelt-Modells im kriminologischen Denken
- Kontinuitäten und Brüche in der Strafrechtspraxis nach 1945
- Wissenschaftliche Debatten zur Reform des Strafvollzugs
- Einfluss soziologischer und psychologischer Paradigmenwechsel
- Das Modell der Resozialisierung und seine Bedeutung in den 1970er Jahren
Auszug aus dem Buch
2.1 Biologische Erklärungsmuster
Die biologischen Ansätze gehen teilweise von einem pathologischen Tätertypus aus, der mit körperlichen Merkmalen in Verbindung gebracht wird. Den Ursprung dieser Diskussionen bildete Caesare Lombrosos (1836-1909) „Körperbaulehre“. Der Arzt für gerichtliche Medizin und Psychiatrie ging von einem äußerlichen Merkmalsbild des Verbrechers aus. So lasse sich an bestimmten körperlichen Eigenschaften der geborene Verbrecher erkennen.
Darauf verwies auch der deutsche Psychiater Ernst Kretschmer (1888-1964) mit seiner „Körperbaulehre“, die nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch im Strafvollzug eine große Rolle spielte und auch nach 1945 noch Einfluss hatte. So richtete man sich in der Bewertung eines Gefangenen bis in die 70er Jahre hinein nach Kretschmers Konstitutionstypen. Er unterschied zwischen drei Grundtypen: Die Pykniker mit einem rundlichen gedrungenen Körperbau, die Leptosomen schmal und mager und zugehörig der Gruppe der Schizophrenen und schließlich die Athleten mit einem starken, kräftigen Körperbau als Unterkategorie der Schizophrenen. Diese Typologie sollte es leichter machen, psychisch Kranke und Kriminelle zu erkennen.
Ein Vertreter der biologischen Sichtweise war Jürgen Lange, der 1929 sein Werk „Verbrechen ist Schicksal“ veröffentlichte. Lange nutzte die „Zwillingsmethode“ für die Erforschung von Kriminalitätsursachen. Unterschieden wurde zwischen übereinstimmendem und nicht übereinstimmendem Verhalten (Konkordanz – Diskordanz) bei eineiigen und zweieiigen Zwillingspaaren. Nach Langes Untersuchung lag die Konkordanz für delinquentes Verhalten bei eineiigen Paaren bei 76,9%, bei zweieiigen bei 11,8%. Auf Grund dieses Ergebnisses formulierte er die These „Verbrechen ist Schicksal“.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung nach der Entwicklung des kriminologischen Denkens nach 1945 und der Rolle des Anlage-Umwelt-Modells für das deutsche Strafrecht und den Strafvollzug vor.
2.0 Einblick in den wissenschaftlichen Diskurs: Dieses Kapitel analysiert biologische, psychologische und soziale Erklärungsmodelle für Kriminalität sowie die Kontinuitäten und Brüche wissenschaftlicher Diskurse nach dem Zweiten Weltkrieg.
3.0 Entwicklung des deutschen Strafrechts nach 1945: Hier werden die Reformschritte des deutschen Strafrechts nach 1945 nachgezeichnet, wobei der Schwerpunkt auf der langsamen Liberalisierung und der Großen Strafrechtsreform von 1969 liegt.
4.0 Der Strafvollzug in der Krise: Dieses Kapitel befasst sich mit der Situation des Strafvollzugs ab 1950, der Kritik der Wissenschaft an veralteten Strukturen und der Etablierung des Modells der Resozialisierung.
5.0 Alte Deutungsmuster und neue wissenschaftliche Paradigmen. Ein Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet den Wandel von pathologischen Täterbildern hin zu soziologischen Ansätzen im Kontext der Kriminalpolitik.
Schlüsselwörter
Kriminalpolitik, Anlage-Umwelt-Modell, Strafrecht, Strafvollzug, Resozialisierung, Kriminologie, Tätertypus, biologische Erklärungsmuster, soziale Theorien, Labeling Approach, Strafrechtsreform, Pathologisierung, Nachkriegszeit, Kriminalitätsursachen, Sozialisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Kriminalpolitik und des kriminologischen Denkens in Deutschland nach 1945, insbesondere im Hinblick auf den Wandel von pathologischen Erklärungsmodellen hin zu gesellschaftsbezogenen Ansätzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Anlage-Umwelt-Modell, die Reform des Strafrechts (insbesondere 1969), die Krise des Strafvollzugs nach 1945 und die Etablierung des Resozialisierungsgedankens.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob das tradierte Anlage-Umwelt-Modell nach 1945 abgelöst wurde und wie wissenschaftliche Theorien und gesellschaftliche Diskurse die Strafrechtspraxis beeinflusst haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen historisch-analytischen Ansatz, indem sie wissenschaftliche Fachliteratur, zeitgenössische Diskurse und den Prozess der strafrechtlichen Gesetzgebung in der BRD miteinander vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse wissenschaftlicher Diskurse, die Entwicklung des Strafrechts nach 1945 sowie eine detaillierte Untersuchung der Krise und Reform des deutschen Strafvollzugs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kriminalpolitik, Anlage-Umwelt-Modell, Strafrechtsreform, Resozialisierung, Strafvollzug, Kriminologie und Tätertypologie.
Warum blieb die biologische Sichtweise im Strafvollzug so lange bestehen?
Aufgrund von Kontinuitäten im Personalbestand der Nachkriegszeit und der Verankerung in der Begutachtungspraxis (z.B. durch Theorien von Ernst Kretschmer) hielten sich pathologische Täterbilder bis weit in die 1970er Jahre.
Wie wirkte sich der "Labeling Approach" auf das kriminologische Denken aus?
Dieser in den 1970er Jahren populäre Ansatz löste sich vom Anlage-Umwelt-Modell, da er Kriminalität nicht mehr als individuellen Zustand, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibungsprozesse definierte.
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- Bachelor Nicole Bischoff (Author), 2007, Die Rolle der Vererbungs-Umwelt-Debatte für das Strafrecht und den Strafvollzug nach 1945, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81002