Diese Arbeit beschäftigt sich mit den zwei verschiedenen Fassungen der Novelle Brigitta von Adalbert Stifter und untersucht, worin die wesentlichsten Unterschiede liegen. Dieser Vergleich bildet den Schwerpunkt der Untersuchung.
Es wird aber auch gezeigt, aus welchen Gründen Stifter die entsprechenden Änderungen vorgenommen hat.
Nachdem ich vorab kurz auf die Hintergründe zur Entstehung der beiden Brigitta-Fassungen eingehe, beginnt der eigentliche Teil der Untersuchung, der darauf eingeht, welche Unterschiede es zwischen der Journal- und der Buchfassung gibt und warum der Autor die entsprechenden Änderungen macht. Dabei wird zunächst auf Verschiedenheiten hinsichtlich der Kapitelüberschriften und des Anfangs der Erzählung eingegangen. Anschließend zeige ich weitere Änderungen im Bezug auf syntaktische, wörtliche und stilistische Merkmale auf. Außerdem wird die Ausgestaltung einzelner Passagen und die Aktualität des Stoffes in den beiden Fassungen untersucht. Zuletzt nimmt diese Arbeit Bezug auf die Änderungen bei Zahlenangaben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Entstehung der Journal- und Buchfassung von Brigitta
3 Die Unterschiede zwischen den Fassungen
3.1 Die Kapitelüberschriften
3.2 Die Einführung
3.3 Syntaktische und wörtliche Veränderungen
3.4 Stilistische Veränderungen
3.5 Die Ausgestaltung einzelner Passagen
3.6 Die Aktualität des Stoffes
3.7 Änderung von Zahlenangaben
4 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit analysiert die grundlegenden Unterschiede zwischen der Journalfassung (1844) und der Buchfassung (1847) von Adalbert Stifters Novelle "Brigitta", um die Beweggründe des Autors für die tiefgreifenden Überarbeitungen zu ergründen.
- Vergleich der strukturellen Anpassungen, insbesondere der Kapitelüberschriften.
- Untersuchung stilistischer, syntaktischer und wörtlicher Modifikationen zur Optimierung der Lesbarkeit.
- Analyse der inhaltlichen Ausgestaltungen und der Anpassung an neue wissenschaftliche oder persönliche Kontexte.
- Bewertung der zeitlichen Aktualität des Stoffes und der politischen Implikationen bei der Überarbeitung.
- Überprüfung von Korrekturen bei Zahlenangaben und zeitlichen Konsistenzen.
Auszug aus dem Buch
3.3 Syntaktische und wörtliche Veränderungen
Wie bereits im zweiten Kapitel dieser Arbeit gesagt wurde, hat Adalbert Stifter die Journalfassung von Brigitta stark überarbeitet. Daher unterscheidet sich die Buchfassung auch in syntaktischer Hinsicht sehr deutlich von ihr. Zudem fällt auf, dass Stifter viele Wörter verändert hat. So kommt es, dass kaum Textpassagen vorhanden sind, die im Wortlaut exakt der jeweils anderen Fassung entsprechen.
Im Folgenden wird eine Textstelle aus der Journalfassung zitiert, in welcher der Erzähler Stephan Murai beschreibt. Dieses Zitat wird anschließend mit der entsprechenden Passage in der Buchfassung verglichen. Anhand dieser Gegenüberstellung soll exemplarisch belegt werden, was insgesamt für die unterschiedlichen Brigitta-Fassungen charakteristisch ist, nämlich die syntaktischen und wörtlichen Unterschiede.
Er war damals in allen Gesellschaften gefeiert, und obwohl schon fünfzig Jahre alt, doch noch das Ziel von manchen schönen Augen; denn nie hat man einen Mann gesehen, dessen Bau und Antlitz schöner genannt werden konnte, noch einen, der dieses Äußere edler zu tragen verstand – ich möchte sagen, es war eine sanfte Majestät, die um alle seine Bewegungen floß, so einfach und siegend, daß er mehr als einmal selbst Männerherzen bethörte und mit einem seltsamen Zauber umflocht – auf Frauen aber, ging die Sage, soll er einst wahrhaft sinnverwirrend gewirkt haben, auch trug man sich mit Anekdoten von wunderbaren Siegen, die er gemacht und genossen haben soll, aber ein Fehler hänge ihm an, der ihn erst recht gefährlich mache, nämlich, es sei noch Niemanden, selbst der größten Schönheit, die diese Erde trage, der Duchessa B**, gelungen ihn länger zu fesseln, als es ihm eben beliebte – mit all' der Lieblichkeit des Wesens, die ihm alle Herzen gewann und das der Erkornen mit taumelnder Wonne füllte, mit all' dieser Lieblichkeit benimmt er sich bis zu Ende, dann nimmt er sehr zärtlich Abschied, macht eine Reise, und kommt nicht wieder – aber sonderbar, gerade dieser Fehler, statt sie abzuschrecken, gewann ihm die Weiber nur noch mehr, und manche heißblütige Südländerin mochte glühen, ihr Herz und ihr Glück sobald als nur immer möglich, an seine Brust zu werfen – und was erst alle vollends an ihn verloren gab, war, daß, obwohl es sprichwörtlich geworden, daß auf seinem Munde alle Grazien spielen, doch auf seiner Stirne eine geheimnißvolle, unerforschliche Melancholie saß, wie sie ihm andichteten, gleichsam der Zeiger einer interessanten Vergangenheit – aber das war am Ende das lockendste, daß Niemand dieser Vergangenheit wußte: er soll in Politik verwickelt gewesen sein, er soll sich unglücklich vermählt, er soll seinen Bruder erschossen haben – jetzt soll er sich sehr mit Wissenschaften abgeben – und so weiter – aber alles waren Sagen (J 214,33 – 215,33. Unterstreichungen J.S.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Themas und der Zielsetzung, den Vergleich der beiden Fassungen der Novelle "Brigitta" zu vollziehen.
2 Die Entstehung der Journal- und Buchfassung von Brigitta: Darstellung der historischen Hintergründe und der Intention Stifters für die grundlegende Überarbeitung seiner Studien.
3 Die Unterschiede zwischen den Fassungen: Untersuchung der verschiedenen Modifikationen zwischen der Journal- und Buchfassung auf verschiedenen Ebenen.
3.1 Die Kapitelüberschriften: Analyse der Einführung von Titeln zur Steigerung der Leseraktivität.
3.2 Die Einführung: Vergleich des Texteinstiegs und der Kürzung philosophischer Exkurse.
3.3 Syntaktische und wörtliche Veränderungen: Exemplarischer Nachweis der syntaktischen und lexikalischen Anpassungen anhand der Beschreibung Stephan Murais.
3.4 Stilistische Veränderungen: Untersuchung der stilistischen Wandlung hin zu einer kühleren und sorgfältiger komponierten Ausdrucksweise.
3.5 Die Ausgestaltung einzelner Passagen: Betrachtung der inhaltlichen Erweiterungen und Neuanordnungen im Vergleich zur Journalfassung.
3.6 Die Aktualität des Stoffes: Diskussion der Streichung zeitgeschichtlicher und politischer Bezüge, insbesondere bezogen auf Ungarn.
3.7 Änderung von Zahlenangaben: Analyse der Korrektur von Zeit- und Distanzangaben zur Bereinigung von Unstimmigkeiten.
4 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Gründe für die Überarbeitung und deren Auswirkung auf das Werk.
Schlüsselwörter
Adalbert Stifter, Brigitta, Journalfassung, Buchfassung, Textvergleich, Novelle, Literaturwissenschaft, Stilistik, Textgenese, Textkorrektur, Syntax, Zeitbezug, Erzählstruktur, Überarbeitungsprozess, Textvarianten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die zwei existierenden Versionen der Novelle "Brigitta" von Adalbert Stifter – die ursprüngliche Journalfassung und die spätere Buchfassung – und analysiert die Unterschiede.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen formale Aspekte wie Kapitelüberschriften, syntaktische und stilistische Veränderungen, inhaltliche Erweiterungen sowie die Anpassung von Zeit- und Zahlenangaben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifischen Unterschiede zwischen den Fassungen aufzuzeigen und zu ergründen, aus welchen Gründen Adalbert Stifter diese Änderungen vorgenommen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, bei dem exemplarische Textstellen gegenübergestellt werden, um typische Veränderungen nachzuweisen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die verschiedenen Kategorien der Überarbeitung, von der Einführung über die Syntax bis hin zur Aktualität des Stoffes und Korrekturen von Fakten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Autor und dem Werk sind Begriffe wie "Textgenese", "Textvergleich", "Stilistik" und "Überarbeitungsprozess" entscheidend.
Warum strich Stifter Passagen über den Magnetismus und die Geisterfurcht?
Dies lag an einem veränderten wissenschaftlichen Kontext; Stifter orientierte sich in der Buchfassung nicht mehr an den damals diskutierten Themen wie dem organischen Magnetismus, sondern hielt sich eher an allgemeinere, weniger zeitgebundene Inhalte.
Welchen Zweck verfolgte Stifter mit der Einführung der Kapitelüberschriften?
Die Überschriften sollten laut der Analyse die "Leseraktivität" steigern und einen metaphorischen Zusammenhang zwischen den Kapiteln jenseits des reinen Handlungsablaufs herstellen.
Warum wurden Entfernungs- und Zeitangaben in der Buchfassung geändert?
Die Änderungen dienten dazu, logische Inkonsistenzen zu beseitigen und die erzählte Zeit sowie räumliche Gegebenheiten realistischer zu gestalten.
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- Johannes Steinmeyer (Author), 2006, Unterschiede zwischen der Journal- und der Buchfassung von Adalbert Stifters "Brigitta", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81123