Günter Eichs "2. Traum" und seine Hörer


Hausarbeit, 2007

29 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

INHALT

EINLEITUNG

I. Das Hörspiel „Träume“
I.1. Entstehung und Umsetzung des Hörspiels „Träume“
I.2. Inhalt des Hörspiels „Träume“

II. Der 2. Traum und seine Hörer
II.1. Erste Reaktionen auf die Ursendung der „Träume“
II.2. Der 2. Traum – Ein Interpretationsversuch

FAZIT

EIGENSTÄNDIGKEITSERKLÄRUNG

LITERATURVERZEICHNISS

EINLEITUNG

Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!

Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher kommt.[1]

Heinz Schwitzke bezeichnet in seiner Betrachtung des Hörspiels Günter Eichs „Träume“ als „Geburtsstunde des Hörspiels“, genauer gesagt, „als Geburtsstunde der notwendigen Herausforderung des Publikums durch das Hörspiel.[2] Er meint damit, dass nun endlich Hörspiele gesendet werden, die nicht einfach nur der Unterhaltung dienen, sondern eine Herausforderung an den Hörer darstellen und ihn zur Auseinandersetzung mit den gesendeten Inhalten zwingen. Die oben zitierte Formulierung wird in dieser oder ähnlicher Form von vielen Autoren, unter anderen Susanne Müller-Hanpft[3] und Heinz Schafroth[4], die sich nach Schwitzke mit Hörspielen beschäftigt haben, übernommen. Joachim Kaiser spricht sogar von einem „Eich-Maß“ für Hörspielqualität[5]

Warum das so hochgelobte und bekannteste Hörspiel Günter Eichs nach seiner Ursendung von den Kritikern durchweg positive Reaktionen, von den Zuhörern allerdings größtenteils Ablehnung erfuhr, soll in dieser Hausarbeit untersucht werden.

Zu diesem Zweck erfolgen zunächst allgemeine Informationen zum Hörspiel selbst. Da gerade der zweite Traum die negativsten Reaktionen hervorrief und dieser selbst von Kritikern wie Schwitzke abgelehnt wird[6], soll auf diesen, unabhängig von den anderen vier Träumen, das Hauptaugenmerk gerichtet werden. Daher schicke ich eine knappe Inhaltszusammenfassung aller fünf Träume voraus. Daraufhin wird eine genauerer Blick auf die Reaktionen der Anrufer nach der Ursendung geworfen und versucht, den zweiten Traum dahingehend zu analysieren, warum die Hörer so negativ auf ihn reagierten. Ich möchte noch einmal betonen, dass sich meine Arbeit ausschließlich auf den zweiten Traum und die Reaktionen der Hörer der Ursendung bezieht und versucht diese zu begründen. Es ist daher Absicht, dass spätere Reaktionen von Hörern, beispielsweise aus heutiger Zeit oder auch von Günter Eich selbst, der sich 1971 mit Ausnahme der letzten vier, von allen seinen Hörspielen, also auch von den Träumen, distanzierte, da er verbittert feststellte, durch Texte könne man gar nichts verändern,[7] fehlen. In dieser Arbeit wird ausschließlich auf die mögliche Autorintention von 1951 und die Reaktionen dieser Zeit Rücksicht genommen.

I. Das Hörspiel „Träume“

I.1. Entstehung und Umsetzung des Hörspiels „Träume“

Die textliche Grundlage zu seinem Hörspiel „Träume“ verfasste Günter Eich zwischen dem 4. und dem 31. August 1950.[8] Zwar reicht er das Hörspiel 1950/51 bei einem Hörspielpreisausschreiben des Bayrischen Rundfunks ein, jedoch wurde es weder ausgezeichnet, noch gesendet.

Die eigentliche Ursendung der „Träume“ fand am 19. April 1951 um 20:50 Uhr – etwas später als üblich, damit keine Kinder mehr vor dem Empfänger saßen, im NWDR unter der Regie von Fritz Schröder-Jahn und der Komposition von Siegfried Franz statt. Es sprachen bekannte Schauspieler wie Erich Ponto, Inge Meysel und Dagmar Altrichter.[9] Das Hörspiel rief beim Publikum heftige Reaktionen hervor, auf die später näher einzugehen sein wird.

Verschiedene Sender brachten trotz der heftigen Reaktionen auf die Ursendung Neuproduktionen der „Träume“. So zum Beispiel der Hessische Rundfunk am 13. November 1951 oder der Bayrische Rundfunk am 26. Mai 1964.[10] Eine weitere Neuauflage der Träume ist seit Februar 2007 im Handel.

Seit 1953 enthalten die „Träume“ auch die oft zitierten Gedichte zu Beginn und Ende des Stückes,

„[...] Alles was geschieht geht dich an.[11] [...] Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht! Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher kommt.[12] [...]Tut das Unnütz, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt![13],

die in der Fassung der Ursendung noch fehlen. Eich hatte sie zwischen dem 5. und 10. Februar 1953 eigens für die Buchveröffentlichung des Sammelbandes „Träume“ hinzugefügt.[14] Nicht allein deshalb kommt Heinz Schwitzke übrigens dazu, in einem Artikel die Frage zu stellen, ob Eichs „Träume“ aufgrund seiner vielen Bearbeitungen jemals wirklich gesendet wurden. Er bezeichnet die hier betrachtete Ursendung vor allem wegen dem fehlenden Schlussgedicht als „ein wenig eine Frühgeburt – unfertig, gemessen an dem, was Eich 1953 durch den Druck legitimierte.“[15]

I.2 Inhalt des Hörspiels „Träume“

Die „Träume“ bestehen aus fünf Traumsequenzen, deren Inhalt den Kern des Hörspiels bilden:[16]

Der erste Traum handelt von einer Familie, die sich schon seit einigen Jahrzehnten in einem geschlossenen Güterwaggon aufhält und deren einzige Verbindung zur Außenwelt ein schmaler Schlitz ist, durch den ihnen schimmliges Brot gereicht wird. Das Hörspiel umfasst jene Dialoge, die zwischen den drei Generationen (Uralte, Eltern, Kinder) in diesem fahrenden Gefängnis stattfinden. Die Großeltern erinnern sich nur vage an die alte Welt, die sich außerhalb des Zuges befinden soll und erzählen den Enkelkindern von ihren verblassten Erinnerungen an den Himmel, die Bäume und die kleinen gelben Blumen, die sie Löwenzahn nannten. Plötzlich entsteht ein Loch in der Wand des Waggons und Licht fällt herein. Die Alten erkennen durch die Öffnung die alte Welt, an deren Existenz sie selbst schon zweifelten. Doch die Menschen, die sie außerhalb des Waggons sehen, sind groß wie Riesen. Aus Angst und Misstrauen der fremden Welt gegenüber beginnt die Familie das Loch zu verschließen. Das Rattern der Zugräder wird lauter.[17]

Der zweite Traum spielt in China. Ein Elternpaar, das sich auf eine Annonce meldet, lässt zu, dass ihr Sohn geschlachtet wird, weil ein alter Mann dessen Blut benötigt. Das Hörspiel beschreibt, wie das Kind auf heimtückische Art und Weise in die Küche gelockt und ermordet wird.[18]

Der dritte Traum handelt von der Vertreibung einer Familie aus ihrem Heimatort. Ein unbekannter Feind zwingt sie dazu, ihr Haus zu verlassen und alle Gegenstände, die sich darin befinden, zurück zulassen. Zunächst finden sie Unterschlupf bei einer Nachbarin, die sie später aus Angst vor den Blicken des anonymen Feindes auf die Straße setzt. Die letzte Zufluchtsstätte ist der Bürgermeister, ein vermeintlicher Freund, der die Familie des Diebstahls bezichtigt, da das kleine Kind seine Puppe mitgenommen hat. Die Eltern beschließen, dass ihre Tochter die Puppe behalten kann. Die Familie flüchtet aus ihrem Heimatort ins Freie und erkennt den einzig wahren Wert im Leben, nämlich ihre Liebe zueinander.[19]

Der vierte Traum handelt von zwei Afrikaforschern. Ihre gesamte Gefolgschaft verschwindet und nur der Koch bleibt. Dieser bereitet ihnen ein narkotisierendes Gericht, das bald Nebenwirkungen zeigt. Beide leiden unter zunehmendem Sprach- und Identitätsverlust. Die beiden Forscher vergessen das Ziel ihrer Expedition, selbst der Versuch, die Vergangenheit anhand von Aufzeichnungen zu rekonstruieren, misslingt. Nun suchen beide Forscher das Glück auf ihre Weise. Der eine in der Flucht, der andere in Schlaf und Vergessen.[20]

Der fünfte Traum handelt wiederum von einer Familie und spielt in einer schönen Wohnung in New York. Während des Hörspiels ist ein seltsames Rauschen zu vernehmen, dessen Ursache lange ungeklärt bleibt. Fest steht, dass dieses Rauschen lauter wird und immer näher kommt. Die junge Ehefrau erklärt nach wiederholtem Nachfragen zögernd ihrer Mutter, dass das Geräusch von den Termiten herrühre, die alles überall zerfressen. Als der Ehemann nach Hause kommt, entdeckt das Pärchen die Mutter tot auf dem Sofa. Sie ist ausgehöhlt, wie das Bauwerk ringsum. Auch der Ehemann selbst spürt seine innere Leere, ehe kurz darauf, während eines Gewitters, das ganze Haus in sich zusammenstürzt.[21]

Die fünf Traumszenen werden durch Einschübe des Autors eingeleitet und kommentiert. Zu Beginn jedes Traumes bekommt der Hörer sachlich genaue, leicht ironisch vorgetragene Informationen über den Namen, Datum und Ort sowie die Umstände des Träumenden. „Diese Träumenden sind Alltagsmenschen unserer Tage“[22]. Trotzdem erwecken die Einleitungen im Hörer zunächst das Gefühl, der folgende Traum betreffe ihn in keiner Weise, denn er wird ja von ganz anderen Menschen irgendwo anders auf dieser Welt geträumt.

Am Ende jeder Sequenz steht jedoch eine Art Appell des Autors, der den Hörer auf unbequeme Weise direkt anspricht und eine Aufforderung zum Nachdenken darstellt. „Sie [die Schlussgedichte zwischen den einzelnen Träumen A.d.V.] sind Brücken zwischen den Szenen, leiten sie ein oder tragen zur Deutung bei“.[23] Laut Hilde Domin sind diese Zwischengedichte virulenter als so manches politisches Gedicht und haben zum Ziel, den politischen Menschen im Leser zu aktivieren, also den Hörer der Träume aufzurütteln und sein politisches Interesse zu schärfen.[24] Die Träume betreffen jeden Einzelnen persönlich, jeder soll sich verantwortlich fühlen, denn „[...]alles, was geschieht, geht dich an.[25] [...] Nirgendwo auf der Landkarte liegt Korea und Bikini, aber in deinem Herzen. Denke daran, daß du schuld bist an allem Entsetzlichen, das sich fern von dir abspielt -“[26]

II. Der 2. Traum und seine Hörer

II.1. Erste Reaktionen auf die Ursendung der „Träume“

Während und nach der Ursendung des Hörspiels meldeten sich zahlreiche empörte Anrufer beim NDR, um dem Regisseur ihren Unmut über das gesendete Hörspiel kund zu tun. Einige der Anrufe werden im Folgenden zur Verdeutlichung der Hörerreaktionen aufgeführt. Die Antworten des Regisseurs Fritz Schröder-Jahn stehen dabei in Klammern.

Ein Anrufer:

„Sagen Sie mal, was für'n Mist verzapfen Sie heute abend schon wieder im Rundfunk. Das ist zum Kotzen! Hängen Sie sich Ihre ganzen Hörspiele an'n Nagel, wissen Sie. Schweinemäßig ist das!“[27]

Hier wird in derbster Sprache zum Ausdruck gebracht, was der Hörer von den „Träumen“ hält. Er scheint sich persönlich angegriffen zu fühlen und sieht sich gezwungen, sich zu wehren und seiner Wut Ausdruck zu verleihen. Allerdings nennt er keine Begründung, warum ihn das gesendete Hörspiel so wütend macht.. Er ist unfähig zu artikulieren worin genau seine Ablehnung begründet liegt und flüchtet sich in wüste Beschimpfungen.

[...]


[1] Karst, Karl (hrsg): Günter Eich Gesammelte Werke in vier Bänden, revidierte Ausgabe. Band II: Günter Eich Die Hörspiele I; Frankfurt am Main 1991 S.383

[2] Schwitzke, Heinz: Das Hörspiel – Dramaturgie und Geschichte, Köln 1963 S. 303

[3] Müller-Hanpft, Susanne: Aufforderung Eich zu Lesen IN: Eich, Günter: Ein Lesebuch Frankfurt am Main 1972 S.307 – 314 S.310

[4] Schafroth, Heinz F.: Günter Eich, München 1976 S. 60

[5] Kaiser, Joachim: Günter Eich, der Poet, ist gestorben. IN: Unseld, Siegfried (Hrsg): Günter Eich zum Gedächtnis. Frankfurt am Main 1973 S.82 – 86 S. 83

[6] Schwitzke, Heinz: Das Hörspiel – Dramaturgie und Geschichte, Köln 1963 S. 304

[7] Goß, Marlies: Günter Eich und das Hörspiel der fünfziger Jahre – Untersuchung am Beispiel >>Träume<< IN: Europäische Hochschulschriften, Reihe I Deutsche Sprache und Literatur,Band 1097,Frankfurt am Main 1988 S.174

[8] Goß, Marlies: Günter Eich und das Hörspiel der fünfziger Jahre – Untersuchung am Beispiel >>Träume<< IN: Europäische Hochschulschriften, Reihe I Deutsche Sprache und Literatur, Band 1097, Frankfurt am Main 1988 S.39

[9] Welle, Florian: Ruf nach der Polizei – Günter Eichs Hörspiel „Träume“ IN: Süddeutsche Zeitung vom 7. März 2007

[10] Schmitt-Lederhaus, Ruth: Günter Eichs >>Träume<< Hörspiel und Rezeption IN: Europäische Hochschulschriften, Reihe I Deutsche Sprache und Literatur, Band 1102, Frankfurt am Main 1989 S. 24

[11] Karst, Karl (hrsg): Günter Eich Gesammelte Werke in vier Bänden, revidierte Ausgabe. Band II: Günter Eich Die Hörspiele I; Frankfurt am Main 1991 S.351

[12] Ebd. S. 383

[13] Ebd. S.384

[14] Goß, Marlies: Günter Eich und das Hörspiel der fünfziger Jahre – Untersuchung am Beispiel >>Träume<< IN: Europäische Hochschulschriften, Reihe I Deutsche Sprache und Literatur, Band 1097, Frankfurt am Main 1988 S.40

[15] Schwitzke, Heinz: Wurden Eichs „Träume“ jemals gesendet? IN: Kirche und Rundfunk Nr. 28 vom 1. August 1973

[16] Obwohl sich meine Hausarbeit in erster Linie nur auf den zweiten Traum bezieht, halte ich es angesichts der Bedeutung des Hörspiels doch für angebracht, den kompletten Inhalt wenigstens kurz zu umreißen.

[17] Karst, Karl (hrsg): Günter Eich Gesammelte Werke in vier Bänden, revidierte Ausgabe. Band II: Günter Eich Die Hörspiele I; Frankfurt am Main 1991 S.351- 358

[18] Ebd. S. 359 - 363

[19] Ebd. S. 364 - 370

[20] Karst, Karl (hrsg): Günter Eich Gesammelte Werke in vier Bänden, revidierte Ausgabe. Band II: Günter Eich Die Hörspiele I; Frankfurt am Main 1991S. 371 - 376

[21] Ebd. S. 376 - 383

[22] Klose, Werner: Zur Hörspieldichtung Günter Eichs IN: Arends Felix u.a. (Hrsg): Wirkendes Wort – Deutsches

Sprachschaffen in Lehre und Leben. Zweimonatsschrift. 7. Jahrgang 1956/57 S.162 – 168. S. 163

[23] Ebd. S. 163

[24] Domin, Hilde: An Eich denkend. IN: Unseld, Siegfried (Hrsg): Günter Eich zum Gedächtnis. Frankfurt am Main

1973 S.18 – 21 S. 18

[25] Karst, Karl (hrsg): Günter Eich Gesammelte Werke in vier Bänden, revidierte Ausgabe. Band II: Günter Eich Die Hörspiele I; Frankfurt am Main 1991. S. 351

[26] Karst, Karl (hrsg): Günter Eich Gesammelte Werke in vier Bänden, revidierte Ausgabe. Band II: Günter Eich Die Hörspiele I; Frankfurt am Main 1991. S. 358 f.

[27] Schmitt-Lederhaus, Ruth: Günter Eichs >>Träume<< Hörspiel und Rezeption IN: Europäische Hochschulschriften, Reihe I Deutsche Sprache und Literatur, Band 1102, Frankfurt am Main 1989 S. 28

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Günter Eichs "2. Traum" und seine Hörer
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V81264
ISBN (eBook)
9783638858144
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Günter, Eichs, Traum, Hörer, Hörspiel, Träume
Arbeit zitieren
Manuela Thoma (Autor), 2007, Günter Eichs "2. Traum" und seine Hörer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81264

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