Methodische Umsetzung von Suchtprävention im Sachunterricht - Eine praktische Unterrichtserprobung zum Thema Rauchen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

45 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Didaktische Analyse zur methodischen Umsetzung von Suchtprävention im Sachunterricht
2.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
2.2 Suchtprävention durch Förderung von Lebenskompetenzen
2.3 Methodische Umsetzung von Gesundheitserziehung im Sachunterricht
2.3.1 Analyse des Kerncurriculums Sachunterricht
2.3.2 Analyse des Perspektivrahmens Sachunterricht
2.4 Zusammenfassung

3 Vorstellung der Unterrichtsreihe „Suchtprävention: Thema Rauchen“
3.1 Methodische Vorüberlegungen
3.2. Begründeter Verlauf der Unterrichtsreihe

4 Reflexion der Unterrichtsreihe im Hinblick auf den Methodeneinsatz
4.1 Unterricht über Suchtmittel
4.2 Präventive Unterrichtsbausteine

5 Fazit / Ausblick

6 Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

„Die Zigarette ist das einzige Industrieprodukt, das bei bestimmungsgemäßem Gebrauch zum Tode führt.“ (Patrick Reynolds, Enkel des Gründers von Amerikas zweitgrößtem Tabakkonzern.) Eine erstaunlich offene sowie treffende Bemerkung. Doch obwohl das Risiko hinlänglich bekannt ist, wird es vielfach von Rauchern verdrängt oder ignoriert. Deutsche Raucher konsumierten 1999 Tabakwaren im Wert von 41,2 Milliarden DM. Allein jugendliche Raucher gaben schätzungsweise 4 Milliarden DM für den Kauf von Tabakwaren aus (Junge 2000 zitiert nach Hollederer 2002, S. 234). Im Jahr 2006 lag das durchschnittliche Einstiegsalter in den Tabakkonsum bereits bei nur noch 11,6 Jahren (Deutsche Krebshilfe e. V. 2006).

Während in mehreren europäischen Ländern bereits umfassende Rauchverbote existieren, werden entsprechende Maßnahmen, die in Deutschland der Verbreitung des Rauchens entgegenwirken und die nicht rauchende Bevölkerung schützen sollen, zurzeit kontrovers diskutiert.

Zwar sieht sich der Gesetzgeber hier in der Pflicht, doch ein Konsens scheint nur schwer aushandelbar, schließlich kollidiert ein bundesweites Rauchverbot in Gaststätten mit den Interessen von Rauchern und Zigarettenindustrie. Angesichts steigender Gesundheitskosten und leerer Kassen eine fragwürdige Politik.

Die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Rauchern scheint noch immer höher zu sein, als ihre Verpflichtung gegenüber Nichtrauchern, und dies, obwohl die Gesundheitsgefährdungen des Passivrauchens längst erwiesen sind (vgl. BZgA 2005, S.49f). Besonders Kinder sind im Vergleich zur Gesamtbevölkerung weit stärker dem Passivrauchen ausgesetzt, da sie in vielen Fällen unfreiwillig den Tabakqualm von rauchenden Eltern oder Familienangehörigen einatmen müssen (Hollederer 2002, S. 53).

Da sich viele gesundheitsschädliche Verhaltensweisen bereits früh entwickeln und manifestieren, sind Kinder und Jugendliche eine äußerst wichtige Zielgruppe suchtpräventiver Maßnahmen, (Hollederer 2002, S. 56). Die Bildungsinstitution Schule, die das Unterrichtsthema Drogen- / Suchtprävention in ihren Kurrikula verortet findet und „die einzige Institution in unserer Gesellschaft ist, die alle Kinder umfasst und zudem die zweitwichtigste Sozialisationsinstanz nach dem Elternhaus darstellt“ (Jäger 2006, S. 55) hat folglich die anspruchsvolle Aufgabe, innerhalb dieses Spannungsfeldes zu agieren und ihre Schülerinnen und Schüler auf einen reflektierten Umgang mit Suchtstoffen vorzubereiten.

Das Gesundheitswissen von Kindern und Jugendlichen einerseits und ihr tatsächliches Handeln in konkreten gesundheitsrelevanten Situationen andererseits differieren jedoch oft immens, denn „Gesundheitsabträgliches Verhalten dient der subjektiv befriedigenden Bewältigung von Aufgaben und Anforderungen, die im Jugendalter eng mit dem Prozess der Individuation und Integration, also der Sozialisation, verbunden sind“ (Hurrelmann / Palentien 1997, S. 19).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Umsetzung von Suchtprävention im Sachunterricht der Grundschule. Wegen seiner außerordentlichen Gesundheitsgefährdung, dem extrem hohen Suchtfaktor des Nikotins, der relativ leichten Verfügbarkeit sowie des frühen durchschnittlichen Erstkonsums von Zigaretten soll dies am Beispiel des Themas Rauchen erfolgen, denn die Zigarette muss als Einstiegsdroge betrachtet werden (Deutsche Krebshilfe e. V. 2006). Die Fragestellung lautet: Welchen suchtpräventiven und somit gesundheitsfördernden Beitrag kann der Sachunterricht während der Grundschulzeit realistisch leisten? Welche Lehrinhalte und -methoden sind geeignet und erfolgversprechend?

„Inhalte und Verfahren des Unterrichts müssen [...] gegenwärtigen und künftigen Bedürfnissen und Anforderungen gerecht werden, Bildung ermöglichen und grundlegen sowie die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Kinder entfalten und fördern“ (GDSU 2002, S. 2). Der Perspektivrahmen Sachunterricht gewichtet die Unterrichtsverfahren als ebenso grundlegend wie die Inhalte des Sachunterrichts. Auch von Reeken (2003, S. 4) beurteilt die reflektierte Verfügung eines variantenreichen Methodenrepertoires als zentrale Kompetenz für erfolgreiches Lernen in der Schule und für Lebensbewältigung überhaupt.

Praktizierte Unterrichtsmethoden auf Lehrerseite und erwünschte Methodenkompetenz auf Schülerseite sind eng miteinander verknüpft. Lehrmethoden des Lehrers / der Lehrerin können Anregung und Hinführung zu Lernmethoden der Schülerinnen und Schüler sein und diese mit dem geeigneten Rüstzeug ausstatten, eigenständig Kompetenzen, Erkenntnisse und Informationen zu erlangen.

Den praktischen Bezugspunkt dieser Arbeit stellt die Durchführung einer kurzen Unterrichtsreihe zum Thema Rauchen dar, die in der Klasse 4 der Grundschule XXXX in XXXX durchgeführt wurde. Der Unterrichtsplanung zugrunde liegt die Auswertung einer didaktischen Analyse über suchtpräventive Arbeit sowie den methodischen Anspruch des Sachunterrichts.

2 Didaktische Analyse zur methodischen Umsetzung von Suchtprävention im Sachunterricht

Die folgenden Überlegungen beginnen mit einem Problemaufriss, der die didaktische Relevanz einer Suchtprävention im Sachunterricht verdeutlichen wird. Im Anschluss daran werden die Erkenntnisse der modernen Präventionsarbeit ermittelt. Der methodische Anspruch des Sachunterrichts wird im folgenden Schritt mit den Aufgaben der Gesundheitserziehung verknüpft. Abschließend sollen die curricularen Vorgaben (Niedersächsisches Kerncurriculum 2006) bzw. Empfehlungen (Perspektivrahmen der GDSU) hinsichtlich einer gesundheitsfördernden Methodenkompetenz ermittelt werden.

2.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

„Sachunterricht soll jungen Menschen helfen, sich in der Welt zu orientieren und zunehmend selbstständig in die Welt hinein zu gehen“ (Kaiser 2006, S. 5). Jene Lebenswelt, auf die Sachunterrichtslehrer/innen ihre Schülerinnen und Schüler heute vorbereiten, ist die der bereits 1986 von Ulrich Beck beschriebenen Risikogesellschaft: eine andere Moderne, die auch für Kinder zahlreiche Risiken bereithält und Anpassungsprozesse erforderlich macht. Gesellschaftliche Entwicklungen, wie die Veränderung der sozialen Beziehungen/ Familienformen, die zunehmende ökonomische Ungleichheit, die Steigerung der Leistungsanforderungen, welche mit gleichzeitig anwachsender Verunsicherung im Beschäftigungsbereich einhergeht, die mediale und konsumorientierte Neudefinition der Freizeit sowie die Tendenz zur Individualisierung müssen von Kindern und Jugendlichen bewältigt werden.

Vielfach erleben Kinder, dass ihre erwachsenen Bezugspersonen und Vorbilder eben diesen Herausforderungen mit dem vermeintlichen „Genuss“ von Suchtmitteln begegnen. Einige Suchtmittel haben einen festen Platz im täglichen Leben eingenommen und werden häufig erst auf den zweiten, reflektierten Blick als solche erkannt bzw. wahrgenommen. Die in unserer Gesellschaft am häufigsten konsumierten Suchtstoffe sind nicht die illegalen Drogen sondern Alkohol und Nikotin (Ärztezeitung online 2003). Sie sind in jedem Lebensmittelmarkt – wenn auch nicht für Kinder – problemlos erhältlich. Beim täglichen Einkauf landen sie vielfach ganz selbstverständlich neben Milch, Brot und Wurst im Einkaufswagen der Eltern und werden anschließend oft selbstverständlich und bedenkenlos in Gegenwart von Kindern konsumiert.

Ihr „Genuss“ steht häufig für eine bedenkenlose Konsumhaltung und in vielen Fällen ebenso für den untauglichen Versuch, Konflikte und Belastungen des Alltags zu bewältigen. Entsprechende Verhaltensmuster erleben viele Kinder täglich.

Um die in unserer Gesellschaft zugegebenermaßen nicht gleichmäßig verteilten Lebensrisiken bewältigen zu können, braucht jedes Mitglied entsprechende Bewältigungsstrategien und Kompetenzen für den erfolgreichen Umgang mit Problemen und Konflikten. Prinzipiell ist jeder Mensch für süchtig machende Verhaltenseisen anfällig, dennoch gelingt es dem einen, problematische Situationen ohne Fluchtverhalten zu bewältigen, während der andere Zuflucht im Gebrauch von Suchtmitteln sucht:

„’Drogenabhängigkeit’ gilt heute weder als Charakterschwäche (wie man vor 20 Jahren gern glaubte) noch als unausweichliche pharmakologische Reaktion des Körpers auf eine Substanz (wie naturwissenschaftlich denkende Mediziner argumentieren). Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Lernprozesses, der immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Nicht nur persönliche Konstitution und Geschichte bestimmen den Weg des Süchtigen in die Abhängigkeit, sondern auch seine sozialen Beziehungen, sein Umgang mit Stress und die gesellschaftliche Akzeptanz einer Droge“ (Schnabel in DIE ZEIT 21/2006, S. 18).

Kinder sind heute vielfach stressigen Situationen ausgesetzt, Auslöser können zum Beispiel schwierige Familiensituationen, der Übergang in eine andere Schulform, Leistungs- und Konkurrenzdruck in der Schule aber auch die Verplanung des Freizeitbereichs und Reizüberflutung durch Medienkonsum sein. Diese Faktoren müssen jedoch nicht in allen Fällen stressauslösend wirken. Stress entsteht erst dann, wenn Kinder sich überfordert fühlen, sich sorgen und Angst haben.

Ihre Reaktionen auf stressige Lebensumstände zeigen sich durch psychosomatische Störungen aber auch durch die Beschleunigung bereits vorhandener Erkrankungen wie Asthma, Neurodermitis oder Allergien (Neumann in Westdeutsche Zeitung online 2006).

In der Pubertät wird schließlich vielfach der Griff zur Zigarette oder zum Alkohol (zum Suchtmittel also) als Bewältigungsmittel gewählt. Ein weiterer Grund für den Griff zur Zigarette ist der erwünschte Anschluss an die Peergroup. Die Betroffenen geraten so in einen Kreislauf, der in die Abhängigkeit vom Suchtmittel führen kann. Die Ursachen von Ängsten und Sorgen bleiben bestehen.

Kaufmann nennt als Ursache für die Entstehung süchtigen Verhaltens ein an das Dreiecksmodell Droge – Person – Umwelt angelehntes Bedingungsgefüge, das aus drei miteinander verknüpften Bereichen besteht: 1. das Suchtmittel mit seiner spezifischen Wirkung und Verfügbarkeit, 2. die psychophysischen Konditionen bzw. Fähigkeiten des Menschen und 3. die gesellschaftlichen Bedingungen (2001, S. 30).

Demzufolge muss Suchtprävention alle drei Komponenten des Dreiecksmodells in den Blick nehmen und konkrete Arbeit in jedem dieser Bereiche leisten.

2.2 Primäre Suchtprävention durch Förderung von Lebenskompetenzen

Die Einsicht in das aus verknüpften Teilkomponenten bestehende Bedingungsgefüge als Ursache für die Entstehung von Süchten hat zum Konzeptwechsel in der praktischen Präventionsarbeit geführt. Die moderne Suchtprävention hat sich von der auf Abschreckung setzenden spezifischen Drogenkunde zu einem präventiven Gesamtkonzept weiterentwickelt. Es sind drei Abstufungen zu unterscheiden:

1. Die ursachenorientiert arbeitende Primärprävention setzt vorbeugend bei den Gesunden an.
2. Zum Aufgabengebiet der Sekundärprävention zählen im Entstehungsprozess befindliche und bereits vorhandene Probleme bzw. Risikogruppen.
3. Die Tertiärprävention kümmert sich um Süchtige und Ex-Süchtige (Jäger 2006, S. 55).

In den Schulen wird zum größten Teil primärpräventiv gearbeitet, denn vor allem Grundschülerinnen und -schüler konsumieren kaum Suchtmittel. Ziel suchtpräventiven Unterrichts ist es demnach, zum einen eine Selbstkompetenz der Grundschülerinnen und -schüler in die Wege zu leiten, aufgrund derer sie den Konsum von Suchtmitteln ablehnen und zum anderen die Schülerinnen und Schüler darin zu bestärken, nicht zu Suchtmitteln zu greifen. Die moderne Suchtprävention arbeitet ursachenorientiert und setzt bei den suchtbegünstigenden Faktoren an, indem sie versucht, deren Einfluss zu verringern bzw. zu modifizieren (Kaufmann 2001, S. 33), dabei sieht sie sich in höchstem Maße verpflichtet, den Einzelnen bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit zu unterstützen (Waibel 1992, S. 110).

Für die primärpräventive Arbeit in der Grundschule stellt das Modell der Entwicklung und Förderung von Lebenskompetenzen (Life-Skills-Training) den aktuellsten Ansatz dar. Seit 1994 wird es von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) propagiert (Burow, Aßhauer, Hanewinkel 1999, S. 12). Dieser Erziehungsansatz basiert auf diversen ähnlichen Konzepten, die etwa ab 1989 entwickelt wurden und deren gemeinsame Basis die Theorie des sozialen Lernens nach Bandura sowie die Theorie des Problemverhaltens nach Jessor u. Jessor (Burow, Aßhauer, Hanewinkel 1999, S. 10) ist. Die Förderung von Lebenskompetenzen („life skills approach“) ist ein komplexer Ansatz, der nicht nur für eine spezielle Risikosituation konzipiert ist. Life-Skills-Konzepte haben das Ziel, „effektive Fähigkeiten zur Bewältigung schwieriger Situationen und Belastungen im sozialen und persönlichen Bereich aufzubauen“ (ebenda S. 10f). Sie verknüpfen Elemente einer affektiven Erziehung mit einem Standfestigkeitstraining und integrieren ebenfalls substanzspezifische Komponenten (hier z. B. konkrete Zigarettenangebote ablehnen zu können).

Zu den Komponenten des Life-Skills-Konzeptes zählen:

- „... die Vermittlung ausgewählter Informationen (z. B. Verbreitung, soziale Akzeptanz und Konsequenzen von Drogengebrauch, Prozess des Abhängigwerdens),
- Thematisierung und ggf. Modifikation des Selbstbildes (z. B. Steigerung des Selbstwertgefühls),
- Vermittlung grundlegender Bewältigungsfähigkeiten (z. B. Stressmanagement, Angstbewältigung, Entscheidungen treffen, Problemlösefertigkeiten, Entspannungsübungen),
- Training sozialer Kompetenzen (z. B. Standfestigkeit gegen sozialen Druck und Beeinflussung, Kommunikations- und Kontaktfertigkeiten)“ (ebenda, S. 11).

Da das Vorhandensein dieser Lebenskompetenzen allgemein deutlich überschätzt wird, ist ein adäquates Training im Grundschulunterricht nicht nur sinnvoll, sondern erforderlich. Um frühere oder spätere Lebenskrisen bewältigen zu können, müssen Kinder und Jugendliche gestärkt und gefestigt sein. Denn Unsicherheit und Unselbständigkeit können in die Abhängigkeit führen, Abhängigkeit von falschen Freunden und /oder diversen Süchten. Dabei mögen einige Süchte weniger gefährlich erscheinen als andere: Sportsucht? Arbeitssucht? Esssucht? Magersucht? Kaufsucht? Mediensucht? Sexsucht? Sekten? Drogensucht? ... letztlich sind alle Süchte pathogen und wirken sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit, die Beziehung zum Familien- und Freundeskreis und oft auch auf die Finanzen aus (vgl. hierzu Poppelreuter 2000). Da der Missbrauch von substanzgebundenen Suchtmitteln / Drogen nur eine Art von Fluchtverhalten darstellt, ist der ganzheitliche Lebenskompetenz-Ansatz auch ein taugliches Instrument zur Vorbeugung vor Jugendsekten, Medienmissbrauch, Rechtsextremismus u. a.

„Sucht beginnt im Alltag – Prävention auch. Ein präventives Konzept muss möglichst früh einsetzen, ist auf Kontinuität und Langfristigkeit angewiesen. Es geht um tägliche erzieherische Arbeit und nicht um Aktionismus“ (Jäger 2006, S. 56). „Unterrichtsalltag“ muss demnach so konzipiert sein, dass er neben speziellen Unterrichtseinheiten (z. B. über Konflikte, Gefühle, Kommunikation und Suchtmittel) konsequent immer wieder kleinere präventive Bausteine enthält.

2.3 Methodische Umsetzung von Gesundheitserziehung im Sachunterricht

Das Niedersächsische Kerncurriculum fordert Lehrer/innen dazu auf, den Schülerinnen und Schülern im Sachunterricht, ausgehend von ihren Erfahrungen, Interessen und Lernbedürfnissen sowie Alltagsvorstellungen, ein anschlussfähiges Wissen und hinreichende Methodenkompetenz zu vermitteln (Niedersächsisches Kultusministerium 2006, S. 7).

Der Perspektivrahmen Sachunterricht formuliert den Bildungsauftrag des Faches, wie folgt: „Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, - sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden, - diese angemessen zu verstehen und mitzugestalten, - systematisch und reflektiert zu lernen, - Voraussetzungen für späteres Lernen zu erwerben“ (GDSU 2002, S. 2). Dies meint, dass Schülerinnen und Schüler eine Selbstkompetenz entwickeln sollen, die sie unter reflektiertem Einbezug der eigenen Persönlichkeit in die Lage versetzt, verantwortlich eigene Lernprozesse zu aufzubauen. Ebenso sollen sie eine soziale Kompetenz entfalten lernen, um im Zusammenleben in der Klasse (und der Gesellschaft) verantwortlich und kooperativ agieren zu können. Der Zuwachs an Sachkompetenz verhilft ihnen dazu, ihre Lebenswelt differenziert durchdringen, durchschauen und verstehen zu lernen. Eine entsprechende Methodenkompetenz unterstützt den Aufbau von Sachkompetenz, indem sie die Schülerinnen und Schüler mit dem geeigneten Rüstzeug ausstattet, eigenständig neue Erkenntnisse und Informationen zu erlangen.

Die im Perspektivrahmen formulierten Zielkompetenzen „präzisieren die Anforderungen an die Kinder als Könnensziele“, was für den Unterricht bedeutet, dass nicht bloßes Faktenwissen aufgebaut werden soll, sondern ebenfalls Handlungs- und Verfahrenskompetenz der Schülerinnen und Schüler (GDSU 2002, S. 4).

Wissenschaftsorientierung im Sachunterricht bedeutet immer auch Methoden- und Verfahrensorientierung (Beck / Claussen 1984, S. 245). Sachunterrichtslehrer/innen haben folglich die Aufgabe, auf das entsprechende Unterrichtsthema abgestimmte Lernprozesse der Kinder zu initiieren, sie sollen die kindliche Initiative zum Lernen anregen und steigern.

Da das Unterrichtsthema Suchtprävention in den Bereich der Gesundheitserziehung fällt, ist eine kurze Analyse der gesundheitserzieherischen Aufgaben des Sachunterrichts erforderlich.

In der Grundschule ist die Gesundheitserziehung eine Querschnittsaufgabe, was bedeutet, dass die Inhalte verschiedener Fächer (Sport, Deutsch, Kunst, Musik und Religion) einen entsprechenden Beitrag leisten können / müssen. Zum größten Teil ist die Gesundheitserziehung allerdings im Sachunterricht verankert.

Hanna Kiper nennt folgende Aspekte eines gesundheitsfördernden Sachunterrichts (1997, S. 140):

- Vermittlung grundlegender Kenntnisse über Körper und Seele,
- Vermittlung eines Verständnisses, das Gesundheit als Wert schätzt,
- Gesundheitsarbeit ohne Angsterzeugung,
- Stärkung der Gesamtpersönlichkeit,
- Erziehung zur Selbständigkeit, Selbststeuerung und Lebensfreude,
- Vermittlung alternativer Problemlösungsmöglichkeiten (Fitness, Mediation, Sport)
- Auffassungsbeschränkungen und emotionale Betroffenheit müssen bei der Vermittlung von Informationen einbezogen werden.

Kiper trägt in diesen Ausführungen dem Konzept des salutogenetischen Gesundheitsverständnisses von Antonovsky Rechnung, indem sie nicht allein danach fragt, wie krankmachende Faktoren zu vermeiden sind, sondern gesundheitsfördernde (salutogenetische) Kräfte / Maßnahmen einbezieht (vgl. hierzu Antonovsky 1997 und Schiffer 2001, S. 14).

Hurrelmann und Palentien betonen, dass für jegliche schulische Gesundheitsförderung und Prävention alle Maßnahmen zur Verbesserung und Stärkung des individuellen Selbstbewusstseins und der Handlungskompetenz grundlegend sind, eigenes Handeln ist „eine Voraussetzung, die im [...] Unterricht vermittelt werden muß, wobei die Förderung von Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht zu kurz kommen darf“ (1997, S. 21).

Wie sehen vor diesem Hintergrund die Vorgaben des Niedersächsischen Kultusministeriums im neuen Kerncurriculum aus und welche Hinweise gibt der Perspektivrahmen der GDSU für gesundheitsfördernden, suchtpräventiven Sachunterricht? Welche unterrichtsmethodischen Hinweise bieten beide?

2.3.1 Analyse des Kerncurriculums Sachunterricht

Neben der hier thematisch relevanten Perspektive Natur, in welche der Themenkomplex Gesundheit eingeordnet ist, gibt das Kerncurriculum unter Punkt 3.2 detailliertere Angaben über relevante Methoden und Verfahren. Da das Unterrichtsthema Rauchen jedoch nicht nur gesundheitliche Bezüge beinhaltet sondern auch eine kritische Auseinandersetzung mit Konsumprozessen einschließt, sind Vernetzungen mit der Perspektive Gesellschaft und Politik des Kerncurriculums nahezu zwangsläufig gegeben.

Die Gesunderhaltung des eigenen Körpers wird im Kerncurriculum als besonders wichtig eingestuft. Die Schülerinnen und Schüler sollen infolgedessen zum verantwortlichen Umgang mit dieser Ressource erzogen und angeleitet werden (Niedersächsisches Kultusministerium 2006, S. 12). Zu den grundlegenden Kenntnissen und Fähigkeiten werden dementsprechend ein adäquates Problembewusstsein und hinreichende Problemlösekompetenz gezählt, die es im Sachunterricht anzubahnen gilt (ebenda, S. 13).

Die am Ende des 2. Schuljahres erwartete Gesundheitskompetenz definiert das Kerncurriculum zusammenfassend als Anbahnung grundlegender Kenntnisse über den menschlichen Körper sowie über eine gesunde Lebensweise (ebenda, S. 23). Zu den Grundkenntnissen zählen die Verfasser des Kerncurriculums Körperpflege, Ernährung und Bewegung. Die Anbahnung erster Kenntnisse über psychischen Stress und dessen mögliche Bewältigung sowie Kenntnisse über Suchtgefahren taucht noch nicht auf. Die Verfasser erachten dieses Wissen erst für Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klassen als wichtig, da junge Schülerinnen und Schüler wahrscheinlich weniger Versuchungen ausgesetzt sind. Mir erscheint es jedoch wichtig, die Vermittlung grundlegender Problemlösungsfähigkeiten und ein Standfestigkeitstraining bereits in den ersten Schuljahren anzubahnen.

Unter den am Ende des 4. Schuljahres zu erwartenden Kompetenzen sind speziell für das Thema Rauchen die Kenntnis über grundlegenden Aufbau sowie wesentliche Funktionen ausgewählter Organe, die Notwendigkeit der Gesunderhaltung einschließlich der Kenntnis von Präventionsmaßnahmen sowie das Wissen über körperliche und seelische Gefährdungen des Menschen zu isolieren (ebenda, S. 24).

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Methodische Umsetzung von Suchtprävention im Sachunterricht - Eine praktische Unterrichtserprobung zum Thema Rauchen
Hochschule
Universität Osnabrück  (Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften: Sachunterricht)
Veranstaltung
Kinderrechte als Thema im Sachunterricht
Autor
Jahr
2006
Seiten
45
Katalognummer
V81278
ISBN (eBook)
9783638860482
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anmerkungen des Dozenten: sehr differenzierte Entwicklung der Fragestellung, gute Analyse der Rahmenbedingungen, gute Begründungen + Argumentationen für Suchtprävention, gut strukturierte Unterrichtseinheit, gute Reflexion über Unterrichtseinheit: zu erreichende Ziele konnten überprüft werden, sehr differenziertes weiterführendes Fazit.
Schlagworte
Methodische, Umsetzung, Suchtprävention, Sachunterricht, Eine, Unterrichtserprobung, Thema, Rauchen, Kinderrechte, Thema, Sachunterricht
Arbeit zitieren
Sabine Hilbers (Autor), 2006, Methodische Umsetzung von Suchtprävention im Sachunterricht - Eine praktische Unterrichtserprobung zum Thema Rauchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81278

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