Der Einsatz der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende im handlungs- und produktionsorientierten Unterricht


Seminararbeit, 2006
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsübersicht:

1 Einleitung

2 Sachanalyse
2.1 Zur Unterscheidung „Phantastisches“ und „Phantastik“
2.2 Merkmale der fantastischen Literatur
2.3 Einordnung „Die unendliche Geschichte“ in die fantastische Kinder- und Jugendliteratur
2.4 Struktur des Romans
2.5 Protagonisten
2.6 Phantásien
2.7 Die Wünsche
2.8 Die Unendlichkeit der unendlichen Geschichte

3 Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht
3.1 Theoretische Begründungen
3.2 Die Rolle der Lehrkraft im handlungs- und produktionsorientierten Unterricht
3.3 Die Bedeutung des Konzeptes der Handlungs- und Produktionsorientierung für den Literaturunterricht

4 Literatur
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Zeitschriften

Einleitung

Diese Hausarbeit erörtert einen literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Zugang zu dem Roman „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende.

Ins Zentrum dieser Arbeit rückt das Kind, bzw. der Schüler als Rezipient des Romans. Es wird gezeigt, warum sich dieses Buch als Unterrichtsgegenstand eignet und auf welch vielgestaltige Weise man mit ihm in einem handlungs- und produktionsorientierten Unterricht arbeiten kann.

Um dies beantworten zu können, beginnt die Hausarbeit damit „Die unendliche Geschichte“ der fantastische Kinder- und Jugendliteratur zuzuordnen, bzw. sie von der Gattung des Kunstmärchens abzugrenzen. Nachdem die Grundzüge von handlungs- und produktionsorientierten Unterricht vorgestellt wurden, wird näher auf die didaktischen und methodischen Möglichkeiten eingegangen.

1 Sachanalyse

Die Gattung der phantastischen Literatur hat überwiegend die Literaturgattung abgelöst, der sie am nächsten steht, das Kunstmärchen. Während die phantastische Erzählung sich ihrer Ausdrucksmöglichkeit in immer neuen Varianten fortentwickelt hat, hat das Kunstmärchen sich in formalen und thematischen Aspekten an Traditionen festgehalten.[1]

1.1 Zur Unterscheidung „Phantastisches“ und „Phantastik“

Dass literarische Texte nie in einem vordergründigen Sinne „realitätsbezogen" sind, hängt mit ihrem fiktionalen Charakter zusammen: Ein Erzähltext entwirft und realisiert eine fiktive (erfundene) Welt; dieses „Erfundene" darf auf keinen Fall mit dem "Phantastischen" gleichgesetzt werden.

Neben diesem Unterschied zwischen Fiktionalität und Phantastik ist eine zweite Unterscheidung notwendig, die zwischen dem „Phantastischen" als einem künstlerischen und literarischen Darstellungsmittel und der „Phantastik" als literarischer Gattung. Das bedeutet, dass nicht jeder Text, der „Phantastisches" enthält, automatisch auch zur Gattung der „Phantastik" gezählt werden darf. „In der Literatur bedeutet Phantastik ein völlig freies Spiel des Geistes mit Vorstellungen und Einfällen, das durch keine Rücksicht auf die Tatsachen des alltäglichen Lebens eingeschränkt ist und das sich über alles hinwegsetzt, was wir aus der empirischen Erfahrung kennen oder was das logische Denken uns nahe legt.“[2]

„Phantastische Literatur dient dem Aufbau und Ausbau eines Freiraums, in dem die Einbildungskraft des Menschen seine Wirklichkeit projektiv vorentwerfen und zugleich sich von ihren Faktenzwängen spielerisch-produktiv lösen kann. Sie beschreibt die Weite des Handlungsfeldes, in dem der Mensch sich vorfindet und das er immer nur teilweise ausschreitet; und schließlich tut sie dem dem Menschen innewohnenden „beständigen, unveränderlichen Bedürfnis [...] nach einer Welt der Transzendenz hinter der realen Welt“ Genüge.“[3]

1.2 Merkmale der fantastischen Literatur

Nach Tabbert ist ein Merkmal der fantastischen Literatur die zwei Welten, die primäre und sekundäre Welt, die nebeneinander her existieren oder in einander übergehen können. Wichtig ist, dass auch die sekundäre Welt ganz eigenen Regeln und Regelmäßigkeiten unterliegt.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Vermittlung zwischen primärer und sekundärer Welt mittels Magie.

Ein Übergang von der einen zur anderen Welt ist auf unterschiedliche Weise möglich. Diese „Reise zu einer sekundären Welt“[4] ist linear, zirkulär oder schleifenförmig möglich. Die Rückkehr aus der sekundären Welt kann als Bildungs- und Sozialisationsprozess, als Zurückweisung des Phantastischen oder als Bewusstwerdung der verführerisch - beunruhigenden Macht des Phantastischen gedeutet werden.

1.3 Einordnung „Die unendliche Geschichte“ in die fantastische Kinder- und Jugendliteratur

Ein Blick in Rezensionen und literaturwissenschaftliche Arbeiten zeigt, dass Michael Endes Buch "Die unendliche Geschichte" sehr häufig als „Märchenroman“[5] bezeichnet wird. Der Gesamteindruck verleitet dazu, das Buch intuitiv mit Märchen in Verbindung zu bringen.

Ein kleiner armer Junge vollzieht eine Wandlung zum Helden, es werden "Märchenlandschaften" mit einer "märchenhaften Sprache" gezeichnet und sein Autor wurde des Öfteren ins Zentrum der "Märchen-Renaissance"[6] gerückt und auch Abraham sagt, dass Ende „der Romantik verpflichtet“[7] sei.

Fantastische Erzählungen unterscheiden sich jedoch von Märchen in Bezug auf die Verknüpfung von Realität und Irrationalem. Bei der fantastischen Literatur stehen reale und irreale Erzählebenen nebeneinander und können manchmal ineinander übergehen. Sie sind jedoch durch eigene Gesetzmäßigkeiten, die innerhalb des Wunderbaren walten, deutlich voneinander abgehoben.[8] In der unendlichen Geschichte von Michael Ende wird die Geschichte eines Träumers und Außenseiters, des Jungen Bastian, beschrieben, der durch die Lektüre des geheimnisvollen Buches „Die unendliche Geschichte" in die Buchwelt Phantásien gelangt und dort die Erfahrungen macht, die ihn nach seiner Rückkehr aus Phantásien in die Wirklichkeit dazu befähigen, sein Verhältnis zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen auf eine neue Basis zu stellen. Diese inhaltliche Struktur grenzt „Die unendliche Geschichte“ von den Märchen ab, denn ein spezifisches Merkmal von phantastischen Erzählungen ist das Spiel auf zwei Ebenen, bei dem eine Person (hier: Bastian) mit dem Irrealen (hier: Phantasien und seine Bewohner) in enge Beziehung tritt und dadurch eine Veränderung erfährt.[9]

Da Michael Ende den phantastischen Charakter der gegenseitigen Beeinflussung zunächst lediglich andeutet, ohne ihn jedoch als solchen unmissverständlich zu kennzeichnen, bleiben Bastian und der Leser lange Zeit unschlüssig, ob sie einen seltsamen aber natürlichen Zufall oder aber ein unheimliches und übernatürliches Phänomen beobachten. Diese Unschlüssigkeit entspricht der zentralen Konzeption Tzvetan Todorovs zur Beschreibung der phantastischen Literatur[10]. Im Laufe des weiteren Geschehens macht es Michael Ende Bastian und dem Leser jedoch immer schwerer, an einen Zufall zu glauben. Bastian nimmt diese Interferenzen und die schwindende Distanz zwischen den Welten mit Schrecken und Faszination hin. Auf Grund dieser Feststellung lässt sich “Die unendliche Geschichte“ dem fantastisch Wunderbaren und somit der fantastischen Literatur zuordnen.

1.4 Struktur des Romans

„Die unendliche Geschichte“ von Ende beinhaltet ein "Buch im Buch.

Der Roman hat zwei Erzählebenen, die reale Welt und die fiktive Welt Phantasien. Die zwei Erzählebenen werden durch zwei verschiedene Druckfarben im Buch optisch getrennt. Die Textausschnitte, die in der realen Welt spielen, sind rotbraun gedruckt, die in Phantasien grün.

Der erste Handlungsstrang beginnt in der realen Welt und erzählt von einem Jungen, genannt Bastian, der auf der Flucht vor zwei Klassenkameraden in einen Antiquitätenladen rennt. Dort sieht er ein Buch, welches ihn sofort in seinen Bann zieht. Wider seiner Natur[11] nimmt er das Buch an sich und beginnt es – entsprechend seiner Natur[12] – zu lesen. Der zweite Handlungsstrang, die Geschichte, die Bastian in dem Buch „Die unendliche Geschichte“ (das Buch im Buch) liest, berichtet von einem phantastischen Reich. Phantásien, so wird das Reich genannt, ist in Gefahr. Bastian verfolgt die Abenteuer Atréjus, einem jungen Bewohner des Graslandes, der ausgeschickt wurde, Phantásien zu retten.

In diesem ersten Teil des Buches wechseln sich Atréjus und Bastians Geschichte gegenseitig ab. An die gegenseitigen Durchbrechungen der Handlungsstränge ist ihre zunehmende inhaltliche Annäherung geknüpft. Es kommt zu begrenzten Wechselwirkungen zwischen den Handlungen der beiden Stränge, aber noch nicht zu einer Verschmelzung der Linien.

Der Prozess der zur Verschmelzung führt, beginnt jedoch bereits bei dem Diebstahl des Buches (Auslöser). Bastian geht auf das Buch zu und das Buch zieht ihn magisch an.

Bastian wurde bewusst, daß er die ganze Zeit schon auf das Buch starrte, das Herr Koreander vorher in den Händen gehalten hatte und das nun auf dem Ledersessel lag. Er konnte einfach seine Augen nicht davon abwenden. Es war ihm als ginge eine Art Magnetkraft davon aus, die ihn unwiderstehlich anzog. Er näherte sich dem Sessel, er streckte langsam die hand aus, er berührte das Buch - ...[13]

Am Anfang ist das Nebeneinander der Handlungsstränge der Erzählung durch Parallelität und Unabhängigkeit gekennzeichnet. Im Laufe des ersten Teils jedoch entsteht zunehmend Partizipation und einseitige Abhängigkeit. Bastian beginnt sich mit Atréju zu identifizieren.

Dies zeigt sich zum ersten Mal in Kapitel III. Die uralte Morla: Bastian liest, wie Atréju bei der Durchquerung der Silberberge immer wenn er Hunger bekam Rast machte und etwas aß und Bastian in seiner Welt das Selbe tut:

„Na also! Sagte Bastian, „ab und zu muß der Mensch einfach essen.“ Er holte das Pausenbrot aus der Mappe, packte es aus, brach es sorgfältig in zwei Stücke, wickelte das eine wieder ein und steckte es weg. Das andere aß er auf.

Noch deutlicher zeigt sich auf Seite 66, dass Bastian sich immer mehr mit Atréju identifiziert. Er trauert und weint mit Atréju über den Tod dessen Pferdes Artax.[14]

Atjréju weiß allerdings nichts von Bastian, so dass die Beziehung der beiden Welten einseitig bleibt. Atréju wird immer mehr ein Vorbild für Bastian. Bastian beschließt, seine Flucht nicht aufzugeben, denn auch "Atréju würde nicht so schnell aufgeben, bloß weil es ein bißchen schwierig wird."[15]

[...]


[1] Vgl. Internationales Institut für Leserforschung: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart S. 61.

[2] Jahrbuch des Arbeitskreises für Jugendliteratur: Phantasie und Realität in der Jugendliteratur S.11 f.

[3] Haas: Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur S. 196.

[4] Lange, Günther: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. S. 190

[5] Donner, Wolf: Krankes Mondenkind. S.188. In: Der Spiegel 26 (23.6.1980). S. 188-190.

[6] Kölner Stadt-Anzeiger 297 (23.12.1983). S. 13.

[7] Abraham, Ulf: Übergänge S. 77

[8] Vgl. Internationales Institut für Jugendliteratur und Leserforschung: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart S. 63f.

[9] Vgl. Internationales Institut für Jugendliteratur und Leserforschung: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart S. 67f.

[10] Vgl. Todorov: Einführung in die fantastische Literatur: Kapitel l: Das Unheimliche und das Wunderbare.

[11] Vgl. Ende: Die unendliche Geschichte S. 13f.

[12] Vgl. ebd. S. 12.

[13] Ebd. S. 11.

[14] Vgl. ebd. S. 66.

[15] Ebd. S. 77.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Einsatz der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende im handlungs- und produktionsorientierten Unterricht
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Veranstaltung
Handlungs- und Produktionsorientierter Literaturunterricht
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V81283
ISBN (eBook)
9783638860499
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einsatz, Geschichte“, Michael, Ende, Unterricht, Handlungs-, Produktionsorientierter, Literaturunterricht
Arbeit zitieren
Kerstin Schmidt (Autor), 2006, Der Einsatz der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende im handlungs- und produktionsorientierten Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81283

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