Edmund Husserls früher Aufmerksamkeitsbegriff (1904/05): Aufmerksamkeit als theoretisches Interesse und Aufmerksamkeit als Meinen

Husserliana XXXVIII: Wahrnehmung und Aufmerksamkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Worauf kann man innerhalb der Wahrnehmung überhaupt aufmerksam werden und auf was wird man aufmerksam? (§§ 20 – 23)

3. Aufmerksamkeit als „theoretisches Interesse“ (§§ 24 – 28)

4. Aufmerksamkeit als „Meinen“ (§ 28)

5. Resümee

1. Einleitung

Nicht nur in der schnelllebigen Medien-, Werbe- und Wirtschaftswelt oder in Zusammenhang mit dem heute vermehrt auftretenden Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, sondern auch in unserer alltäglichen Lebenspraxis ist Aufmerksamkeit eines der gefragtesten „Güter“, wenn nicht das Gut unserer Zeit. Doch was ist das überhaupt, Aufmerksamkeit?

Edmund Husserls früher Begriff von Aufmerksamkeit steht im Zentrum dieser Arbeit. Diese Bestimmung von Aufmerksamkeit dozierte Husserl seinen Studenten in seiner Göttinger Zeit im Wintersemester 1904/1905. In Teilen beruhen diese Göttinger Vorlesungsmanuskripte auf Abhandlungen aus dem Jahr 1898, die während Husserls Forschungs- und Dozententätigkeit in Halle entstanden. So hat Husserl vor allem auf seine „Abhandlung über Aufmerksamkeit als Interesse“ von 1898 zurückgegriffen.[1]

Nicht nur, aber auch in Hinblick auf seine Definition von Aufmerksamkeit ist für Husserl die Analyse von Wahrnehmungen wichtig. Deshalb wird die Aufmerksamkeit auch zunächst vor allem in dieser Sphäre untersucht. Zudem spielt, neben anderen zeitgenössischen Psychologen, besonders die Auseinandersetzung mit Carl Stumpf eine Rolle. In Abgrenzung von Stumpf gelangt Husserl schließlich zu folgender Bestimmung von Aufmerksamkeit:

Zum einen definiert er diese als theoretisches Interesse[2], zum anderen als Meinen[3].

Was genau das bedeutet und wie Husserl überhaupt zu dieser Bestimmung der Aufmerksamkeit als theoretisches Interesse und als Meinen gelangt, das soll im Folgenden rekonstruiert werden. Dabei orientiert sich die Arbeit sehr genau an den von Husserl in den Vorlesungsmanuskripten dargelegten Denkschritten und demzufolge folgt die Arbeit auch Husserls Paragraphierungen. Zunächst untersucht Husserl in den Paragraphen §§ 17-23 die Grundlagen von Aufmerksamkeit: Was kann innerhalb der Wahrnehmung überhaupt zum Gegenstand von Aufmerksamkeit werden, was verhindert diese? Was bedeutet es, etwas klar zu bemerken? Solche Fragen spielen zu Beginn eine Rolle. Dann sollen nacheinander die beiden zusammenhängenden Bestimmungen von Aufmerksamkeit untersucht werden, zu denen Husserl schließlich in §§ 24-28 vorstößt. Auch Husserls Kritik an Stumpfs Bestimmung der Aufmerksamkeit als Lust am Bemerken soll kurz zur Sprache kommen. Zum Schluss resümiert diese Arbeit noch einmal Husserls Darlegungen.

2. Worauf kann man innerhalb der Wahrnehmung überhaupt aufmerksam werden und auf was wird man aufmerksam?

2.1 § 20. Inhalt und Gegenstand der Aufmerksamkeit

Zu Beginn von § 20 betont Husserl den wichtigen Unterschied zwischen dem Inhalt und dem Gegenstand der Aufmerksamkeit. Dabei ist Inhalt eine „Abkürzung für präsentierender Inhalt“ - damit sind die „bezüglichen präsentierenden Empfindungen“[4] oder inneren Erlebnisse gemeint, die ich hege, während ich auf etwas aufmerksam bin.

Das etwas wiederum, auf das ich normalerweise aufmerksam bin (zum Beispiel die rote Ampel), ist der „präsentierte Gegenstand“ der Aufmerksamkeit. Aber eben auch die Empfindungen oder inneren Erlebnisse während meiner Aufmerksamkeit auf etwas können selbst zum Gegenstand meiner Aufmerksamkeit werden, zu „bemerkten Gegenständen“ oder „bemerkten Erlebnissen.“[5]. Unter phänomenologischer Betrachtung sind gerade diese inneren Erlebnisse entscheidend, um die Aufmerksamkeit bestimmen zu können.

Indem die Aufmerksamkeit unter der Vielzahl von Objekten ganz Bestimmte heraushebt und Wahrnehmbares in für sich Wahrgenommenes verwandelt, werden nicht nur die Gegenstände, sondern auch deren Inhalte ausgezeichnet. Dabei müssen die Gegenstände gar nicht notwenig existieren, sondern könnten auch bloße Attrappen sein: Die Aufmerksamkeit bezieht sich auf sie nur „intentional“, ohne dass sich die Gegenstände „rückrichten“ würden. Das Erlebnis der Aufmerksamkeit verbindet sich dagegen tatsächlich mit dem erlebten Inhalt der Wahrnehmung. Beides muss sich wirklich aufeinander beziehen. Ansonsten wäre es nicht möglich, etwas besonders aufmerksam wahrzunehmen. Somit ist dieses Verhältnis real und nicht bloß intentional. Dies bedeutet allerdings keineswegs, dass Aufmerksamkeit und Wahrnehmung das Gleiche wären. Denn man kann auch auf Gegenstände aufmerksam sein, die gar keine Wahrnehmungsobjekte sind (z.B. auf einen literarischen Charakter oder algebraische Gegenstände).

Wenn man sich allerdings nur auf Wahrnehmungsgegenstände der Aufmerksamkeit bezieht, wie das Husserl zu Beginn tut, dann muss begrenzt werden, was überhaupt zu besonderer Wahrnehmung kommen kann und damit in diesem Fall auch, worauf man überhaupt speziell aufmerken kann. Dies wird im folgenden Kapitel dargestellt.

2.2 § 21. Sonderung der Sphäre des Bemerkten von der des Unbemerkten. Das Blickfeld der Wahrnehmung.

Nachdem Husserl Gegenstand und Inhalt der Aufmerksamkeit unterschieden hat, sondert er im Folgenden innerhalb der Wahrnehmung die Sphäre des Bemerkten von der des Unbemerkten. Umgrenzt sind diese beiden konträren Sphären durch „das Blickfeld der Wahrnehmung“, also durch „die gesamte [von einem bestimmten Individuum] zu dieser Zeit und aufgrund des gegebenen Empfindungsmaterials auffassbare Gegenständlichkeit überhaupt.“[6].

Die Gegenstände, die innerhalb dieses Blickfeldes im gegebenen Zeitpunkt explicite wahrgenommen sind, heißen bemerkte Gegenstände: Sie sind das eigentlich Wahrgenommene, die vollen und ganzen Gegenstände. (Zum Beispiel ein Stuhl).

Unbemerkte Gegenstände sind dagegen die implicite wahrgenommenen Gegenstände: Das sind Gegenstände, die zwar in die Wahrnehmung fallen, aber ohne dass sich einzelne Teilwahrnehmungen explizit auf sie richten würden.[7] (Zum Beispiel die Schrauben des Stuhls, die mir aber in diesem Moment nicht eigens Wahrnehmungsgegenstand sind.)

Unter die Unterscheidung explicite Wahrgenommenes/bemerkte Gegenstände vs. implicite Wahrgenommenes/unbemerkte Gegenstände ordnet sich die weitere Differenzierung von merklich und unmerklich. Merklich sind Gegenstände, wenn sie explicite wahrnehmbar sind (Wieder könnten die Schrauben des Stuhls als Bespiel dienen, da sie potenziell für sich wahrnehmbar sind – vorausgesetzt ich befinde mich nah genug an dem Stuhl; hier spielt die Adaption mit hinein.)

[...]


[1] Vgl. die Einleitung zu Husserl, Edmund: Gesammelte Werke. Husserliana Bd. XXXVIII. Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Texte aus dem Nachlass (1893-1912). Hg. von Thomas Vongehr und Regula Giuliani. Dordrecht 2004, XIII; XVIII; XXXIII f.. Bezüglich Husserls späterer Bestimmungen von Aufmerksamkeit von 1913 und 1924/25 vgl.: Edmund Husserl: Hua Bd. III. Auszüge aus den Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Neu hg. von Karl Schuhmann. Den Haag 1976. (Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die Phänomenologie. §§ 87-96) sowie: Edmund Husserl: Hua Bd. XI. ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS. Aus Vorlesungs- und Forschungsmanuskripten 1918-1926. Hg. von Margot Fleischer. Den Haag 1966.

[2] Vgl. Edmund Husserl: Hua XXXVIII: Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Text Nr.1. Zweites Hauptstück: Über Aufmerksamkeit, spezielle Meinung. Hg. von Thomas Vongehr und Regula Giuliani. Dordrecht 2004, 103. Im folgenden zitiert als: Husserliana XXXVIII (2004).

[3] Ebd., 116.

[4] Ebd., 86.

[5] Ebd., 87.

[6] Ebd., 91.

[7] Man könnte auch sagen, die implicite wahrgenommenen Gegenstände sind eventuell oder potenziell zu expliciter Wahrnehmung kommende Gegenstände.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Edmund Husserls früher Aufmerksamkeitsbegriff (1904/05): Aufmerksamkeit als theoretisches Interesse und Aufmerksamkeit als Meinen
Untertitel
Husserliana XXXVIII: Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philospohisches Seminar)
Veranstaltung
Aufmerksamkeit als Thema der Phänomenologie und Kognitionspsychologie
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V81527
ISBN (eBook)
9783638865852
ISBN (Buch)
9783638866002
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Edmund, Husserls, Aufmerksamkeitsbegriff, Aufmerksamkeit, Interesse, Meinen, Thema, Phänomenologie, Kognitionspsychologie
Arbeit zitieren
Magdalena Dienst (Autor), 2007, Edmund Husserls früher Aufmerksamkeitsbegriff (1904/05): Aufmerksamkeit als theoretisches Interesse und Aufmerksamkeit als Meinen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81527

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