Ausgehend von dem Vorverständnis, Sozialisation als ,,Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt"1 zu begreifen, diskutiere und kritisiere ich zwei einflussreiche Theorien, die für die Entstehung dieses Vorverständnisses und Sozialisationstheorien von entscheidender Bedeutung waren:
1. In den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwarf Talcott Parsons in den USA den vor allem durch Emile Durkheims Werk beeinflussten strukturfunktionalistischen Ansatz.
2. Ebenfalls in den USA entstand etwa 1920 die sozialbehavioristische Theorie von Georg Herbert Mead, die später durch Herbert Blumer bekannt wurde.
Die Schlussfolgerungen der beiden Ansätze wurden zwar durch den jeweiligen gesellschaftlich-historischen Kontext, in dem sie gezogen wurden, beeinflusst. Ihre Fragestellungen jedoch gingen in ihrer Zeit nicht auf, sondern wiesen über sie hinaus. Sie leben sozusagen als Prinzipien fort.
Die Gegenüberstellung dieser beiden Theorien kann keinen umfassenden Überblick darüber geben, wie der Prozess der Sozialisation theoretisch zu fassen sein könnte, was im Rahmen einer Seminararbeit (selbst bei veränderter Themenstellung) in differenzierter Weise auch nicht möglich wäre.2 Ziel dieser Arbeit ist es, zwei grundsätzliche, ehemals entgegengesetzte soziologische Hauptrichtungen mit ihren Stärken und Schwächen zu charakterisieren und Gründe für die Überwindung ihrer paradigmatischen Trennung, Modernisierung und Erweiterung aufzuzeigen.
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Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Funktionale Systeme: Parsons' Strukturfunktionalismus
- Der Einfluss Durkheims
- Soziologische Tatbestände und Kollektivbewusstsein
- Internalisierung von Normen
- Das System, die Struktur und der funktionale Mechanismus als Determinanten gesellschaftlicher Ordnung
- Rollen
- Sozialisation als Faktor der Selbsterhaltung von Systemen
- Kritische Einwände
- Symbolischer Interaktionismus
- Methodische Voraussetzungen
- Wahrnehmung, Symbole und Geist
- „I“ and „Me“ und das Hineinversetzten in den „generalisierten Anderen“
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Seminararbeit befasst sich mit der Bedeutung des Sozialisationsprozesses aus strukturfunktionalistischer und interaktionistischer Perspektive. Ziel ist es, zwei grundsätzliche, ehemals entgegengesetzte soziologische Hauptrichtungen mit ihren Stärken und Schwächen zu charakterisieren und Gründe für die Überwindung ihrer paradigmatischen Trennung, Modernisierung und Erweiterung aufzuzeigen.
- Der Einfluss von Émile Durkheims Werk auf die strukturfunktionalistische Theorie von Talcott Parsons
- Die Konzepte von "soziologischen Tatbeständen" und "Kollektivbewusstsein" in Durkheims Theorie
- Die Rolle von Sozialisation im strukturfunktionalistischen Ansatz
- Die Grundprinzipien des symbolischen Interaktionismus, ausgehend von der sozialbehavioristischen Theorie von Georg Herbert Mead
- Die Bedeutung von Wahrnehmung, Symbolen und Geist im symbolischen Interaktionismus
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt die grundlegenden Annahmen und Ziele der Arbeit dar. Anschließend wird der strukturfunktionalistische Ansatz von Talcott Parsons behandelt, wobei der Einfluss von Émile Durkheims Werk und die zentralen Konzepte von "soziologischen Tatbeständen" und "Kollektivbewusstsein" im Fokus stehen. Im weiteren Verlauf werden die kritischen Einwände gegen den strukturfunktionalistischen Ansatz beleuchtet. Das dritte Kapitel widmet sich dem symbolischen Interaktionismus, mit besonderer Betonung auf den methodischen Voraussetzungen, der Bedeutung von Wahrnehmung, Symbolen und Geist sowie dem Konzept des "generalisierten Anderen".
Schlüsselwörter
Strukturfunktionalismus, symbolischer Interaktionismus, Sozialisation, Emile Durkheim, Talcott Parsons, Georg Herbert Mead, Kollektivbewusstsein, soziologische Tatbestände, "I" and "Me", "generalisierter Anderer", soziale Ordnung, Normative Paradigma, wissenschaftliche Methode.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Strukturfunktionalismus nach Parsons?
Ein von Talcott Parsons entwickelter Ansatz, der Sozialisation als Mechanismus zur Selbsterhaltung gesellschaftlicher Systeme durch die Internalisierung von Normen und Rollen sieht.
Was versteht man unter Symbolischem Interaktionismus?
Diese Theorie (Mead/Blumer) betont, dass Identität und soziale Ordnung durch wechselseitige Interpretation von Symbolen und das Hineinversetzen in den 'generalisierten Anderen' entstehen.
Welchen Einfluss hatte Emile Durkheim auf die Sozialisationstheorie?
Durkheim prägte die Begriffe 'soziologische Tatbestände' und 'Kollektivbewusstsein', die als Grundlage für das Verständnis der Einbindung des Individuums in die Gesellschaft dienten.
Was bedeuten die Begriffe 'I' und 'Me' bei George Herbert Mead?
Das 'I' steht für die impulsive, subjektive Seite des Ichs, während das 'Me' die internalisierten Erwartungen der Gesellschaft (das soziale Ich) repräsentiert.
Warum werden diese beiden Theorien heute oft gemeinsam betrachtet?
Die Arbeit zeigt auf, dass die einstige paradigmatische Trennung überwunden wurde, um eine umfassendere, moderne Sicht auf den Prozess der Sozialisation zu ermöglichen.
- Quote paper
- Jan Rochus (Author), 2001, Die Bedeutung des Sozialisationsprozesses aus strukturfunktionalistischer und interaktionistischer Perspektive, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8153