Im Winter 1919/ 20 drehte der Regisseur Robert Wiene für die erfolgreiche Produktionsfirma Decla den deutschen Stummfilmklassiker DAS CABINET DES DR. CALIGARI, der das wohl berühmteste Vermächtnis jener kurzen Epoche von 1918 bis 1924, die als „The German Era“ in die Filmgeschichte einging, werden sollte. Die Einteilung in sechs Akte zeigt die Nähe des noch jungen, experimentierfreudigen Mediums zum Theater. Besonders dank der revolutionären, expressionistischer Bildsprache entlehnten Ästhetik mit ihren perspektivisch verzerrten Bühnenbildern, verquollenen und schiefen Häusern und den scharfen Helldunkel-Kontrasten, wirkte der Film weit über die Grenzen Deutschlands hinaus stilprägend und galt als der expressionistische Film schlechthin. Lange Zeit glaubte man das von den Autoren Carl Mayer und Hans Janowitz verfasste Drehbuch verschollen, bis die Stiftung Deutsche Kinemathek 1995 eine texttreue Fassung des letzten existierenden Exemplars veröffentlichte und damit erstmals einer breiten Leserschaft zugänglich machte. Obwohl die Popularität des Films hauptsächlich auf dem außergewöhnlichen Dekor und den „new aesthetic ambitions for the cinema“ beruhte, soll die optische Aufbereitung in meiner Arbeit ausgeklammert werden. Ein Vergleich zwischen der im Drehbuch vorgesehenen Ausstattung und dem späteren Filmset würde sich hier förmlich aufdrängen. Literaturwissenschaftlich interessanter sind aber ohne Zweifel die inhaltlichen und dramaturgischen Abweichungen, die nicht willkürlich vorgenommen wurden, sondern einem bestimmten Kompositionsschema folgen. In einem Drehbuch ist, im Gegensatz zum Theaterstück, eine Aufführung, die es den Sinnen zugänglich macht, zwingend angelegt. Zwischen dem Anspruch des Drehbuchs, als autonomes Kunstwerk anerkannt zu werden und seiner Funktion als zweckgerichtete, für eine Filmproduktion notwendige, Textpartitur, die mit dem Erscheinen des Films obsolet wird, besteht ein unübersehbares Spannungsverhältnis. Mein Anliegen ist, zu zeigen, dass gerade diese Auseinandersetzung, die auch zu einer partiellen Abwendung vom Drehbuch führen kann, den kreativen Prozess befruchtet.
Inhaltsverzeichnis
Transkription der Zwischentitel
Einleitung
1 Zur Namensgebung
2 Rahmenhandlung
3 Binnenerzählung
3.1 Erzählperspektive und Sprache
3.2 Die Jane-Episode
3.3 Caligari: Die personifizierte Autorität
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die inhaltlichen und dramaturgischen Abweichungen zwischen dem ursprünglichen Drehbuch von Carl Mayer und Hans Janowitz und dem finalen Spielfilm von Robert Wiene, um das Spannungsverhältnis zwischen dem Drehbuch als autonomem Text und der filmischen Umsetzung zu verdeutlichen.
- Vergleich der Namensgebung und Charakterkonstellation
- Analyse der narrativen Struktur und der Rahmenhandlung
- Untersuchung der Erzählperspektive und Sprachverwendung
- Interpretation der Autoritätsfiguren im expressionistischen Filmkontext
Auszug aus dem Buch
3.3. Caligari: Die personifizierte Autorität?
Der überzeugte Kriegsgegner Janowitz reflektiert in DAS CABINET DES DR. CALIGARI die autoritären Zwänge, die in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges mündeten: „Eine Staatsautorität, die sich auf uns berief und uns zwang, an einem unsinnigen Krieg teilzunehmen, liegt außerhalb der Vernunft. Das wurde in unserem Film durch den alten Professor, den großen Psychiater, den berühmten und geachteten Direktor der Irrenanstalt, charakterisiert, der sich selbst in Dr. Caligari, den Mörder, verwandelte [...] Er ist die personifizierte Autorität [...]“
In dem fertiggestellten Film wird ein subtiles Spiel mit Autoritäten und Abhängigkeiten betrieben. Bei der Begegnung mit dem Stadtsekretär sieht sich Dr. Caligari einer überlegenen Staatsexekutive gegenüber, die ihn zweimal mit einem groben "Warten!!" harsch auf seinen Platz verweist. Eine Nahaufnahme zeigt Caligari, der wegen dieser Brüskierung innerlich vor Wut kocht und mit zornesverzerrtem Gesicht mühevoll um Fassung ringt. Die hierarchische Unterordnung Dr. Caligaris, der für den Aufbau seiner Schaubude eine gewerbliche Genehmigung des Stadtsekretärs benötigt, findet in aussagekräftigen Bildmetaphern ihre Entsprechung.
„The Town Clerk, perched up on his ridiculously high stool as a caricature of petty authority, is made much more actively offensive to Caligari in his behaviour (he is merely 'impatient' in the script), thereby more convictingly explaining the subsequent murder.“
Zusammenfassung der Kapitel
Transkription der Zwischentitel: Vorstellung der diplomatischen Umschrift, die als textliche Grundlage für die Analyse der filmischen Dialoge dient.
Einleitung: Einführung in den historischen Kontext des Films und Begründung der Zielsetzung, den Fokus auf inhaltliche Abweichungen zum Drehbuch zu legen.
1 Zur Namensgebung: Tabellarische Gegenüberstellung der Namen und Erläuterung der Funktion exotisch klingender Namen innerhalb der Schauerliteratur.
2 Rahmenhandlung: Analyse der strukturellen Unterschiede zwischen der Einleitung des Drehbuchs und der filmischen Eröffnungssequenz sowie deren Bedeutung für die Narration.
3 Binnenerzählung: Untersuchung der internen Erzählstruktur und der Darstellung der Figuren innerhalb der Schauergeschichte.
3.1 Erzählperspektive und Sprache: Analyse der narrativen Instanzen und der Formalisierung der Sprache im Drehbuch im Vergleich zum Film.
3.2 Die Jane-Episode: Deutung der Beziehung zwischen Francis, Alan und Jane als psychologische Nebenhandlung, die das Motiv der Eifersucht und Schuld einbezieht.
3.3 Caligari: Die personifizierte Autorität?: Betrachtung von Machtverhältnissen zwischen den Figuren und Kritik der autoritären Strukturen im Film.
Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der filmischen Innovationen und des Nachhalls des expressionistischen Kinos.
Schlüsselwörter
Das Cabinet des Dr. Caligari, Robert Wiene, Carl Mayer, Hans Janowitz, Expressionismus, Stummfilm, Drehbuchvergleich, Rahmenhandlung, Binnenerzählung, Erzählperspektive, Filmästhetik, Autorität, Weimarer Kino, Cesare, Psychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht das Originaldrehbuch von Carl Mayer und Hans Janowitz mit der filmischen Umsetzung durch Robert Wiene.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die inhaltlichen Abweichungen, die Rahmenhandlung, die Erzählperspektive sowie die Darstellung von Autorität.
Was ist das primäre Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Abweichungen vom Drehbuch den kreativen Prozess und die filmische Aussage beeinflusst haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine vergleichende Text- und Filmanalyse sowie die Einordnung der Ergebnisse in den Kontext der filmwissenschaftlichen Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Namensgebung, der Rahmenhandlung sowie der Binnenerzählung inklusive Sprache und spezifischer Episoden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Expressionismus, Stummfilm, Narration, Drehbuchvergleich und Autorität sind für das Verständnis der Arbeit essentiell.
Warum spielt die Namensgebung für den Autor eine Rolle?
Der Autor nutzt die Namensänderungen als Indikator für die bewusste Distanzierung des Films vom literarischen Entwurf der Autoren.
Was bedeutet die "personifizierte Autorität" im Film?
Dies bezieht sich auf die Kritik an staatlicher und psychischer Machtausübung, symbolisiert durch die Figur des Dr. Caligari und den Stadtsekretär.
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- M. A. Andreas Wutz (Author), 2004, Das Cabinet des Dr. Caligari - Ein Vergleich zwischen dem Drehbuch und dem Stummfilm von Robert Wiene, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81609