Die vorliegende Dokumentation ist entstanden anlässlich einer Exkursion in den Osnabrücker Dom im Rahmen einer Vorlesung zur Kirchengeschichte der Frühen Neuzeit. Dabei stellte sich die Frage, ob in den romanischen bzw. gotischen Hauptkirchen Osnabrücks – dem römisch-katholischen Dom und der evangelisch-lutherischen Marienkirche – Zeugnisse des 17. und 18. Jahrhunderts zu finden sind. Es sind in der Tat nur wenige, die Ausstattung ist in beiden Kirchen wesentlich älter.
Diese Arbeit stellt zunächst kurz die abwechslungsreiche Baugeschichte der beiden Kirchen dar (Kap. 2). Darauf folgt der eigentliche Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung: die Betrachtung der ausgewählten Kunstgegenstände. Dies sind für den Dom ein Epitaph (Kap. 3.1.1), die Kanzel (Kap. 3.1.2) und eine Kreuzigungsgruppe (Kap. 3.1.3), für die Marienkirche drei Epitaphien (Kap. 3.2 ). Es liegt hierbei keine dezidiert kunstgeschichtliche Analyse vor – dieser Befund wird nur summarisch aus der Literatur erarbeitet. Stattdessen wird der hinter der Darstellung liegende theologische Aussagegehalt vorgestellt. Da es sich in allen Fällen um Abbildungen biblischer Szenen handelt, legen die Ausführungen ein gewisses Gewicht auf den Bereich der exegetischen Untersuchung des Abgebildeten bzw. der Zuordnung der zu einem allegorischen Bild zusammengefügten Perikopen, wobei aber nicht der Raum gegeben ist, den exegetischen Methoden in ihrer Ausführlichkeit nachzugehen. Neben der In- terpretation der biblischen Texte wird zuweilen ein Blick auf ihre Wirkungsgeschichte und ihre theologiegeschichtliche Verwendung geworfen. Dabei begegnen neben Darstellungen Christi biblische Personen wie Petrus, Paulus, Johannes der Täufer oder Simson, Hiob und David. In Kap. 4 werden dann zwei wichtige Aspekte, die im Zusammenhang der Analysen aufkommen, kurz kirchenhistorisch betrachtet: reformatorische Eschatologie (Kap. 4.1) und Angelologie (Kap. 4.2). Epitaphien werden als Erinnerung an Verstorbene gestiftet und weisen in ihrem Bildprogramm meist auf eschatologische Zusammenhänge; Engel finden sich als schmückendes Beiwerk oder auch als Bildelement an vielen kirchlichen Kunstgegenständen. Kapitel 5 fasst den Ertrag der Überlegungen zusammen und zeigt weiterführende Perspektiven auf.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Abriss der Baugeschichte
2.1 Dom St. Petrus, Osnabrück
2.2 Marktkirche St. Marien, Osnabrück
3. Dokumentation und theologische Erörterung: Aspekte der Frühen Neuzeit
3.1 Dom
3.1.1 Epitaph für Balduin Voß
3.1.2 Kanzel
3.1.3 Calvarienberg
3.2 Marktkirche St. Marien
3.2.1 Epitaph für Laurentius Schrader und Christine Hermeling
3.2.2 Epitaph für Adolph Upringrod
3.2.3 Epitaph für Anna Gravia
4. Frömmigkeitsgeschichte
4.1 Sterben und Tod im 17. Jahrhundert
4.2 Angelologie in der Barockzeit
5. Zusammenfassende Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht ausgewählte kunsthistorische Zeugnisse des 17. und 18. Jahrhunderts in den Osnabrücker Hauptkirchen, dem Dom St. Petrus und der Marktkirche St. Marien. Ziel ist es, über eine bloße kunstgeschichtliche Beschreibung hinaus den hinter den Darstellungen liegenden theologischen Aussagegehalt zu erschließen und kirchenhistorische Aspekte wie die reformatorische Eschatologie und die zeitgenössische Angelologie zu beleuchten.
- Analyse barocker Epitaphien und Ausstattungsstücke unter theologischen Gesichtspunkten.
- Untersuchung des Verhältnisses von Bildprogramm und biblischer Exegese.
- Betrachtung von Frömmigkeitspraktiken in der Frühen Neuzeit, insbesondere im Kontext von Sterben und Tod.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Angelologie in der barocken Kunst.
- Kontextualisierung der Baugeschichte der beiden Osnabrücker Hauptkirchen.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Epitaph für Balduin Voß
In der südwestlichen Ecke des Querschiffes ist ein Epitaph angebracht für den laut Inschrift am 02. September 1617 im 60. Lebensjahr verstorbenen Domprobst Balduin Voß, das dieser schon zu seinen Lebzeiten errichten ließ – sich selbst zum Denkmal, Gott zur Ehre, dem Kirchenraum zum Schmuck. Die Texttafel unter den Abbildungen verweist weiter auf den unerwarteten Tod des Stifters und ermahnt den Leser, sich dessen Beispiel vor Augen zu halten, sub specie aeternitatis zu leben. Bemerkenswerterweise verweist der Text nicht auf das göttliche Dekret, dass alle Menschen sterben müssen, sondern auf den Schicksalsfaden der Lachesis, also einer der Moiren der griechischen Mythologie. Weiterhin beachtenswert ist die Konfession Voßens: Er ist, obwohl Mitglied des Domkapitels, Lutheraner – was sich auch im Bildprogramm niederschlägt. Von Beginn der Reformation vor Ort an bis zum Westfälischen Frieden ist Osnabrück „konfessionelles Niemandsland“, ist das Domkapitel von beiden Seiten her besetzt, wenn auch die Lutheraner meist eine Minderheit darstellen. Kunsthistorisch liegt das Epitaph zwischen Renaissance und Barock, vermutlich ist es 1611 entstanden, möglicherweise von Meister Adam Stenelt gefertigt. Vier Reliefs zeigen biblische Personen und Szenen, daneben sind insgesamt acht Wappen angebracht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Entstehung der Dokumentation aus einer Exkursion heraus und skizziert die methodische Vorgehensweise bei der theologischen Analyse ausgewählter Kunstobjekte.
2. Abriss der Baugeschichte: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die bauliche Entwicklung des Doms St. Petrus und der Marktkirche St. Marien von ihren Anfängen bis zur Neuzeit.
3. Dokumentation und theologische Erörterung: Aspekte der Frühen Neuzeit: Im Hauptteil werden spezifische Epitaphien, die Kanzel und die Kreuzigungsgruppe detailliert beschrieben und hinsichtlich ihres theologischen Aussagegehalts exegetisch gedeutet.
4. Frömmigkeitsgeschichte: Dieses Kapitel analysiert das Verständnis von Sterben und Tod im 17. Jahrhundert sowie die Bedeutung der Angelologie in der Barockzeit aus kirchenhistorischer Perspektive.
5. Zusammenfassende Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und zeigt das didaktische Potenzial der kirchenraumpädagogischen Betrachtung vor Ort auf.
Schlüsselwörter
Frühe Neuzeit, Osnabrück, Dom St. Petrus, Marktkirche St. Marien, Epitaph, Theologie, Kirchengeschichte, Exegese, Eschatologie, Angelologie, Barock, Reformationsgeschichte, Frömmigkeit, Biblische Szenen, Bildprogramm.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit dokumentiert und theologisch interpretiert ausgewählte Kunstwerke aus der Frühen Neuzeit in zwei Osnabrücker Hauptkirchen, um deren religiöse Bedeutung für die damalige Zeit zu erschließen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Epitaphkultur der Frühen Neuzeit, biblische Bildprogramme in protestantischen und katholischen Kontexten sowie kirchenhistorische Aspekte der Frömmigkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den theologischen Aussagegehalt hinter der künstlerischen Gestaltung der betrachteten Objekte (Epitaphien, Kanzel, Kreuzigungsgruppe) aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird keine dezidiert kunstgeschichtliche Analyse angestrebt, sondern ein theologisch-exegetischer Ansatz gewählt, der die Bildinhalte in Bezug zu biblischen Perikopen und kirchenhistorischen Zusammenhängen setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Dokumentation und Erörterung spezifischer Kunstgegenstände im Dom (Epitaph Voß, Kanzel, Calvarienberg) und in der Marktkirche (Epitaphien Schrader, Upringrod, Gravia).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Frühe Neuzeit, Osnabrück, Epitaph, Theologie, Kirchengeschichte, Exegese, Eschatologie und Angelologie.
Wie unterscheidet sich die lutherische von der katholischen Bildtradition bei den behandelten Epitaphien?
Die Arbeit beleuchtet, wie konfessionelle Unterschiede – etwa bei Heiligenverehrung oder dem Verständnis von Sündenvergebung – in den Epitaphien der Osnabrücker Kirchen sowohl in der Ikonographie als auch in den Inschriften zum Ausdruck kommen.
Welche Rolle spielt die Angelologie für das Verständnis der barocken Kunst in dieser Studie?
Die Autorin untersucht, wie Engel in der Barockzeit vom volkstümlichen Schutzengel bis zur spekulativen Hierarchie dargestellt werden und wie diese Darstellungen die theologische Grenze zwischen christozentrischer Lehre und Aberglaube berühren.
- Citation du texte
- Christian Deuper (Auteur), 2007, Zeugnisse frühneuzeitlicher Kirchengeschichte im Osnabrücker Dom St. Petrus und in der Marktkirche St. Marien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81640