In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die breite Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland, ähnlich wie in anderen europäischen Ländern, zu Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur geführt.
In einer Verlautbarung eines Kirchensymposiums im Herbst 1980 in dem die Bundesrepublik als eine multikulturelle Gesellschaft bezeichnet wurde, ist schließlich der Begriff des Multikulturalismus bis heute Gegenstand gesellschaftspolitischer mehr oder weniger produktiver Debatten geworden. Jedoch vermochte es das Symposium über die allgemeine Feststellung hinaus nicht, den Begriff selbst näher zu bestimmen, sowie seine Grenzen und Konturen aufzuzeigen.
Dieser Aufgabe haben sich im Laufe der Zeit wissenschaftliche Vordenker, wie unter anderem Axel Schulte, Jürgen Miksch oder Claus Leggewie gewidmet.
Die Grundlage, der hier angestrebten kritische Auseinandersetzung mit dem Multikulturalismus, seiner Deutungen und Probleme im Rahmen von Anerkennung, Integration und Emanzipation bilden vor allem die Gedanken Axel Schultes, aber auch die Ideen Bassam Tibis sowie die Ergebnisse zweier Untersuchungen zur Situation der Gastarbeiter in den Jahren 1970 und 2004. Die Frage nach dem Verständnis des Multikulturalismus und seiner Zukunftsfähigkeit soll im Vordergrund der Betrachtung stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Utopie und Wirklichkeit
3. Der Multikulturalismus und seine Rezeption
3.1. Multikulturalismus als Chance
3.2. Multikulturalismus als Bedrohung
3.3. Multikulturalismus als Ideologie
4. Vom multikulturellen Selbstverständnis
5. Die Sache mit dem Einwanderungsland
5.1. Ausländergesetzgebung und doppelte Staatsbürgerschaft
5.2. Integration, Isolation und Nichtwissen
5.3. Türken als Partner?
6. Anerkennung, Integration und Emanzipation
6.1. Anforderungen an eine pluralistische Gesellschaft
6.2. Leitkultur?
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit setzt sich kritisch mit dem Begriff, der Rezeption und den Problemen des Multikulturalismus auseinander, mit dem Ziel, von einem utopischen Verständnis zu einer realistischen, normativen Perspektive zu gelangen, die Anerkennung, Integration und Emanzipation als zentrale Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft begreift.
- Kritische Analyse der Multikulturalismus-Debatte in Deutschland
- Gegenüberstellung von Utopie und gesellschaftspolitischer Wirklichkeit
- Untersuchung der Lebenssituation türkischer Einwanderer
- Entwicklung normativer Prinzipien für eine pluralistische Gesellschaft
- Diskussion des Leitkultur-Begriffs im Kontext europäischer Werte
Auszug aus dem Buch
3. Der Multikulturalismus und seine Rezeption
Es liegt in der Natur der Sache, dass der Multikulturalismus verschiedene Deutungen zuläßt, denn die Frage nach der Regelung des gesellschaftlichen Zusammenlebens findet naturgemäß unterschiedliche Antworten. Aber trotz dieser vielen Ideen scheint es ein wirkliches Konzept, oder anders formuliert, eine systematisch entwickelte Theorie des Multikulturalismus, bisher nicht zu geben.
Dieser Umstand ist wohl nicht zuletzt dem begrifflichen Instrumentarium geschuldet, denn es ermangelt an klaren Definitionen von Begriffen wie „Kultur“, „Zivilisation“, „multikulturelle Gesellschaft“ usw. So wird „Kultur“ zuweilen als „alltägliche Lebenswelt“, „lokale Sinnstiftung“ oder als schlechthin „homogenes Gebilde“ bestimmt. Angefangen vom „pädagogischen Wert“ bis zum „unvermeidbaren Übel“ eröffnet sich dem Betrachter ein breites Spektrum divergierender Ansichten und Erklärungen, wodurch der Multikulturalismusbegriff mit zum Teil widersprüchlichen Kontexten aufgeladen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der gesellschaftlichen Veränderungen durch Zuwanderung und Zielsetzung der kritischen Auseinandersetzung mit dem Multikulturalismus.
2. Utopie und Wirklichkeit: Historische Betrachtung der „Convivencia“ als vermeintliches Vorbild für multikulturelle Gesellschaften und die Problematik ihrer Idealisierung.
3. Der Multikulturalismus und seine Rezeption: Analyse der verschiedenen Deutungen des Multikulturalismus als Chance, Bedrohung oder Ideologie.
4. Vom multikulturellen Selbstverständnis: Erarbeitung eines Verständnisses des Multikulturalismus jenseits ideologischer Verkürzungen durch den Vergleich mit dem Pluralismus und die Definition normativer Prinzipien.
5. Die Sache mit dem Einwanderungsland: Untersuchung der bundesrepublikanischen Einwanderungspolitik am Beispiel der türkischen Einwanderung und deren gesellschaftlicher Folgen.
6. Anerkennung, Integration und Emanzipation: Formulierung von Anforderungen an eine sich entwickelnde pluralistische Gesellschaft und Diskussion des Leitkultur-Begriffs.
7. Schluss: Zusammenfassende Bewertung der Zukunftsfähigkeit des Multikulturalismus als normative Richtlinie unter Einbeziehung von säkularer Vernunft und gesellschaftlicher Realität.
Schlüsselwörter
Multikulturalismus, Anerkennung, Integration, Emanzipation, Zuwanderung, Einwanderungsland, Pluralismus, Leitkultur, Gesellschaftsstruktur, Kulturrelativismus, Gastarbeiter, Identität, politische Partizipation, Werteverbindlichkeit, Parallelgesellschaften.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch den Begriff des Multikulturalismus, wie er in Deutschland verstanden und rezipiert wird, und hinterfragt seine Zukunftsfähigkeit als gesellschaftliches Konzept.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit deckt die Rezeption des Multikulturalismus, die Situation der türkischen Einwanderer als Einwanderungsminderheit, die Bedeutung von Anerkennung und Integration sowie die Debatte um eine europäische Leitkultur ab.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, von einem utopischen, oft weltfremden Verständnis des Multikulturalismus zu einer realistischeren, sozialwissenschaftlich fundierten Theorie zu gelangen, die als normative Richtlinie dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kritische Auseinandersetzung mit der Fachliteratur, historische Vergleiche sowie die Analyse von Studien zur Situation von Einwanderern, um einen eigenen theoretischen Rahmen zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Einordnung multikultureller Vorbilder, die Kategorisierung der Rezeption (Chance, Bedrohung, Ideologie), eine Analyse der politischen Realität anhand türkischer Einwanderer und die Definition von Prinzipien für eine pluralistische Gesellschaft.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch die Begriffe Multikulturalismus, Anerkennung, Integration, Emanzipation und Leitkultur geprägt.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff der „Leitkultur“ in dieser Arbeit zu?
Die Autorin/der Autor plädiert für eine europäische Werteverbindlichkeit als „Leitkultur“, die auf säkularer Vernunft und Grundrechten basiert, um eine funktionierende, pluralistische Gesellschaft zu ermöglichen.
Wie bewertet der Autor den Zustand des Multikulturalismus in Deutschland?
Der Autor argumentiert, dass der Multikulturalismus keinesfalls „gescheitert“ ist, da er in der Bundesrepublik nie wirklich praktiziert wurde, sondern bisher primär unter ideologischen Verkürzungen litt.
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- Magister Artium Björn Rosenstiel (Author), 2005, In Vielfalt geeint? Der Multikulturalismus und seine Zukunftsfähigkeit auf dem Prüfstand, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81691